Ruhr Ruhrgebiet
Abends in der Ruhr - Hommage an meinen Heimat-Fluss
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Wir haben in Hattingen einen Fluss. Das klingt zunächst harmlos. Andere Städte haben Schlösser, Kathedralen, Opernhäuser, einen Kurpark oder wenigstens ein Einkaufszentrum mit Rolltreppen. Wir haben die Ruhr.
Sie fließt nicht nur an Hattingen vorbei. Sie gehört zu dieser Stadt wie die Fachwerkhäuser, die Hügel, die alten Industrienamen, die Brücken, die Radfahrer, die Kanuten, die Sonntagsausflügler und die Warnschilder. Sie ist ein schöner Fluss. Und ein gefährlicher. Immer wieder ertrinken Menschen in ihr. Das sagt man dann in den Nachrichten mit dieser eigentümlichen Mischung aus Betroffenheit und Routine: Schon wieder ein Badeunfall in der Ruhr. Schon wieder jemand, der den Fluss unterschätzt hat. Schon wieder Wasser, das freundlich aussah und nicht freundlich war.
Am Anfang wohnten wir in einem Haus direkt an der Ruhr. Das war ein großes Glück. Jeden Abend, wenn der Tag müde wurde und das Licht weicher, schoben wir unser orangefarbenes Gummiboot-Kanu ins Wasser und fuhren los. Orange war es nicht aus ästhetischen Gründen, sondern damit man uns überhaupt sehen konnte. Was, wie sich herausstellte, nicht immer gelang.
Einmal kam ein trainierender Vierer mit Steuermann volle Pulle auf uns zu. Nicht elegant. Nicht majestätisch. Sondern wie ein kleines, zielstrebiges Unglück aus Holz, Muskeln und Vereinsdisziplin. Die Ruderer hörten nichts außer ihrem Rhythmus, ihrem Atem, ihrem Wasser, ihrem Trainer. Der Trainer stand irgendwo am Ufer, bewaffnet mit Megaphon und Stoppuhr, und sah nicht aus wie jemand, der sich für orangefarbene Gummiboote interessierte. Dann waren sie über uns.
Wir bekamen eine Menge Paddel um die Ohren. Man kann sagen: Wir hatten an diesem Abend engen Kontakt zum organisierten Leistungssport. Wahrscheinlich wären wir in irgendeiner Statistik unter „trainingsbedingte Kollateralschäden“ geführt worden. Die Ruderer hatten uns weder gesehen noch gehört. Sie ruderten durch uns hindurch wie durch ein pädagogisches Hindernis. Der Trainer schaute auf seine Stoppuhr. Vielleicht war die Zeit gut.
Ein anderes Mal rettete ich ein frisch geborenes Kalb aus der Ruhr. Das klingt wie eine dieser Geschichten, die man im Alter ausschmückt, bis irgendwann ein Orchester, ein Hubschrauber und das Bundesverdienstkreuz darin vorkommen. Aber es war ganz einfach: Da stand eine Kuhmutter blutend an der Wasserkante, ratlos und erschöpft, und im Wasser lag ihr Kalb. Eben erst geboren, schon in Gefahr. Ich stieg hinein, packte das kleine nasse Wesen und trug es heraus, über meinen Schultern, als wäre ich ein entlaufener Christopherus aus einem biblischen Kapitel.
Die Kuh sah mich an. Ich sah die Kuh an. Sie verstand nicht, warum ein fremder Mann mit ihrem Kalb aus der Ruhr stieg. Ich verstand es ja selbst kaum. Es gibt Augenblicke, in denen der Mensch nicht überlegt, sondern handelt, und erst später merkt, dass er in einer Geschichte gelandet ist. Die Ruhr floss weiter. Die Kuh blutete. Das Kalb lebte. Und für einen kurzen Moment war der Fluss keine Gefahr, sondern ein Ort der Rettung.
Dann gab es die andere Ruhr. Die industrielle. Die ruhrgebietliche Ruhr. Einmal schwamm ich mit Flossen im Wasser und geriet plötzlich in einen sehr heißen Strahl Hochofen-Abwassers. Da muss man nicht lange nach Metaphern suchen. Der Ruhrpott liefert sie frei Haus: ein Fluss, in dem man badet, und plötzlich spürt man am eigenen Körper, dass irgendwo ein Werk arbeitet, ein Eisenpott glüht, spült, ableitet. Wasser, das eben noch Natur war, wurde in der nächsten Sekunde Erinnerung an Stahl, Schlacke, Hochofen, Produktion.
Ruhrgebiet eben.
Man konnte damals vieles mit zwei Worten erklären. Ruß auf der Fensterbank? Ruhrpott eben. Ein Himmel, der abends aussah, als hätte jemand Feuer da hineingeschossen? Thyssen-Krupp eben. Ein heißer Abwasserstrahl im Fluss? Ruhrgebiet eben. Es war keine Entschuldigung, eher eine Diagnose. Eine knappe, lakonische, etwas schmutzige Philosophie.
Und doch wäre es ungerecht, die Ruhr nur als braunen Arbeitsfluss zu beschreiben. Denn ich kenne auch eine andere Ruhr. In Arnsberg bin ich in demselben Fluss geschwommen, und dort war die Ruhr glasklar und kühl. Man konnte ins Wasser sehen, als hätte jemand die Welt gerade frisch ausgewaschen. Forellen standen darin, bewegten sich kaum, nur die Flossen zitterten leicht gegen die Strömung. Ich konnte ihnen in die Augen sehen.
Das war dieselbe Ruhr. Derselbe Name, dasselbe Wasser, derselbe Flusslauf, und doch eine andere Erscheinung. Oben im Sauerland durchsichtig, kühl, beinahe unschuldig. Unten im Revier beladen mit Geschichten von ertrunkenen Pastören und türkischen Kindern, Industrie und Freizeit, Gefahr und Kindheit, Abendlicht und Lärm. Vielleicht ist ein Fluss nie nur ein Fluss. Er ist auch das, was die Menschen an seinen Ufern mit ihm machen. Er trägt Landschaft, Arbeit, Schuld, Glück, Unfälle, Erinnerungen.
Abends an der Ruhr wurde mir das vielleicht zum ersten Mal bewusst, ohne dass ich es damals so hätte sagen können. Wir fuhren einfach los. Das orangefarbene Boot auf dem dunkler werdenden Wasser, die Ufer leise, die Stadt hinter uns, die Strömung unter uns. Manchmal war alles friedlich. Manchmal kam ein Ruderboot wie ein militärischer Befehl über uns hinweg. Manchmal wartete ein Kalb, von dem nur noch die Ohren aus dem Wasser guckten, auf Rettung. Manchmal kam eine komplette zerbombte Talsperre mit Hausdächern und toten Kühen in die Rüstungsschmiede Ruhrpott geschwommen. Das Sauerland büßte, was Megalopolis verbrach.
So ist Heimat vermutlich: nicht nur der Ort, an dem man sich auskennt, sondern auch der Ort, der einen immer wieder überrascht. Der einen freundlich aufnimmt und im nächsten Augenblick erschreckt. Meine Frau erzählt aus ihrer Kindheit in Neheim-Hüsten immer, wie sie mit ihrem Puppenwagen am Zusammenfluss von Ruhr und Möhne weltvergessen saß und plötzlich ein gewaltiges, lautes Gewitter losbrach. Vorher aber war alles so verdächtig dunkel und still geworden. Die Vögel sagten plötzlich keinen Pieps mehr. Natur hat oft keinerlei Warnschilder. Ein Fluss lässt Menschen baden und ertrinken, hilft Tieren, sich zu verstecken, und liefert sie doch auch den Angelschein-Besitzern aus, trainiert Sportler, beschenkt Kormorane oder wird 1000-jähriger Lakai für Rüstungsbetriebe.
Die Ruhr ist kein romantischer Fluss wie aus einem Gedichtband mit Goldschnitt. Sie ist auch kein reiner Industriekanal aus alten Arbeiterliedern. Statt “Glück auf, der Steiger kommt” sang ich übrigens lieber “Wade in the water”. Die Ruhr ist ein Gedächtnis aus Wasser. Sie fließt durch Wälder und Städte, durch Kindheiten und Katastrophen, durch Badeunfälle und Abendfahrten. Sie kann glasklar sein und gefährlich. Warm vom Hochofen und kalt wie ein Sauerländer Morgen. Sie kann Leben nehmen. Und manchmal trägt sie ein Kalb ans Ufer zurück.
Wenn ich heute an die Ruhr denke, sehe ich nicht nur einen Fluss. Ich sehe Abendlicht auf dunklem Wasser. Ich sehe ein orangefarbenes Boot. Ich höre ein Megaphon. Ich spüre Paddel an den Ohren. Ich sehe eine blutende Kuhmutter und ein nasses Kalb auf meinen Schultern. Ich spüre plötzlich heißes Wasser an den Beinen. Und irgendwo, weiter oben, im klaren kühlen Wasser von Arnsberg, standen drei Forellen und starrten mich erst verblüfft, dann grübelnd an.
Vielleicht waren sie die Einzigen, die damals wirklich verstanden, was für ein rätselhafter Fluss die Ruhr ist, dieses Zwitterwesen aus Natur und von Menschen vereinnahmtem Abwärtselement.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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