Doppelmoral der Politik
Rauchverbote - Alkohol und Lachgas

Wer am Sonntagmorgen durch die Straßen deutscher Großstädte geht und die bunten Metallzylinder auf den Gehwegen sieht, blickt nicht auf ein einfaches Müllproblem. Er blickt auf die Trümmer einer gescheiterten Gesundheitspolitik. Diese Kartuschen sind der unübersehbare Beweis dafür, dass der Staat kapituliert hat – vor einer skrupellosen Industrie, vor kriminellen Netzwerken und vor den eigenen, bürokratischen Hürden. Das im vergangenen Jahr eilig beschlossene Verbot von Lachgas an Minderjährige erweist sich in der Praxis als reine Beruhigungspille für das Gewissen der Politik. Es ist ein zahnloser Tiger, der den massenhaften Missbrauch von Distickstoffmonoxid als Partydroge nicht gestoppt, sondern lediglich in die Illegalität und den unkontrollierten Schwarzmarkt getrieben hat.

Das Schlupfloch der legalen Beschaffung

​Das fundamentale Problem der aktuellen Gesetzgebung liegt in ihrer halbherzigen Inkonsequenz. Während der Verkauf an Teenager offiziell untersagt ist, bleibt der Erwerb für Erwachsene weiterhin völlig legal. Damit wurde eine logische Bruchstelle geschaffen, die von Konsumenten und Dealern systematisch ausgenutzt wird. Erwachsene fungieren im großen Stil als Zwischenhändler. Sie kaufen die Kartuschen legal im Supermarkt oder im Großhandel und geben sie auf Schulhöfen, in Parks oder auf privaten Partys an Minderjährige weiter. Der Jugendschutz bricht an der Ladentheke in sich zusammen, weil die Weitergabe im privaten Raum schlicht unkontrollierbar ist.

​Flankiert wird dieses Versagen durch einen extrem anpassungsfähigen Schwarzmarkt im hiesigen Kiosk- und Straßenhandel. Viele Betreiber verkaufen illegale Ware oder importierte Großflaschen unter dem Ladentisch weiter. Die lokalen Ordnungsbehörden und die Polizei stehen dieser organisierten Profitgier ohnmächtig gegenüber. Die Kontrollen sind personell unterbesetzt, die Strafen oft zu gering, um die enormen Gewinnmargen des illegalen Verkaufs zu schmälern.

Die Doppelmoral der politischen Prioritäten

​Dieses systematische Versagen offenbart eine tiefe Doppelmoral in der aktuellen Gesundheitspolitik. Während die Politik sich in hitzigen Debatten über weitreichende Rauchverbote in der Öffentlichkeit verliert und damit tief in die persönliche Freiheit eingreift, bleibt der unkontrollierte Zugang zu anderen Rauschmitteln unangetastet. Alkohol ist nach wie vor vollkommen gesellschaftsfähig und an jeder Ecke billig zu haben, obwohl er nachweislich zu den gefährlichsten und volkswirtschaftlich schädlichsten Substanzen überhaupt gehört.

​Wie absurd und hilflos die Reaktionen der Behörden sind, zeigt sich auch an ganz anderen Fronten des Konsums: Während das klassische Rauchen im Freien immer weiter kriminalisiert und zurückgedrängt werden soll, überschwemmen längst ganz neue, völlig unregulierte Lifestyle-Produkte den Markt. Bestes Beispiel sind mit Nikotin versetzte Zahnstocher, die gezielt als hippe Alternative vermarktet werden und an jedem Jugendschutz vorbei direkt in den Mündern von Teenagern landen.

​Anstatt die Kraft für symbolträchtige Debatten über das Rauchen auf öffentlichen Plätzen aufzuwenden, die die Gesellschaft spalten, müsste der Fokus dort liegen, wo akute, unregulierte Gefahren für junge Menschen lauern. Es passt nicht zusammen, den Tabakqualm an der frischen Luft zu jagen, während man gleichzeitig zusieht, wie Jugendliche durch die legalen Schlupflöcher des Lachgashandels schlüpfen, sich mit Nikotin-Zahnstochern eindecken und mit billigem Alkohol vergiften.

Die Ohnmacht des nationalen Alleingangs

​Doch die Wurzel des Übels liegt tiefer, eingebettet in die Strukturen des europäischen Binnenmarktes. Aggressive Online-Händler, die oft aus Ländern ohne nennenswerte Restriktionen operieren, fluten den Markt mit immer größeren und billigeren Gasflaschen. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist der Nachschub nur wenige Klicks im Internet entfernt, verpackt als vermeintlicher Küchenbedarf.

​Hier zeigt sich die ganze Absurdität eines rein nationalen Vorstoßes: Ein Verbot, das an den deutschen Grenzen endet, ist in einer globalisierten und digitalisierten Welt wirkungslos. Solange in den europäischen Nachbarstaaten Produktion, Vertrieb und Export für den Freizeitkonsum nicht gleichermaßen verboten sind, bleibt jede deutsche Maßnahme reine Symbolpolitik. Der grenzenlose Warenverkehr in der EU hebelt den nationalen Gesundheitsschutz systematisch aus und lädt zum organisierten Schmuggel geradezu ein.

Irreversible Schäden statt Verharmlosung

​Die öffentliche Debatte krankt nach wie vor an einer gefährlichen Verharmlosung. Lachgas wird in sozialen Medien oft als schneller, unkomplizierter Kick inszeniert. Die medizinische Realität in den Kliniken zeichnet jedoch ein dramatisches Bild. Der regelmäßige und hochdosierte Konsum führt zu einem massiven Vitamin-B12-Mangel, der die Schutzschichten der Nervenbahnen im Rückenmark unwiederbringlich zerstört. Die Folgen sind schwere neurologische Schäden, chronische Schmerzen, Taubheitsgefühle und im schlimmsten Fall irreversible Lähmungserscheinungen bei jungen Menschen, die am Anfang ihres Lebens stehen.

​Wer angesichts dieser medizinischen Fakten immer noch nach Kompromissen, Ausnahmen für den Privatgebrauch oder langwierigen Übergangsfristen sucht, macht sich moralisch mitschuldig an der gesundheitlichen Zerstörung einer ganzen Generation. Es darf nicht länger darum gehen, wie Städte den Metallmüll von den Straßen räumen. Die Debatte muss auf die europäische Ebene gehoben werden. Ein Flickenteppich aus halbherzigen nationalen Regeln schützt niemanden. Nur ein radikales, kompromissloses und europaweites Verbot von Lachgas für den gesamten privaten Sektor kann diesen kriminellen Sumpf endgültig trockenlegen. Jedes weitere Zögern der europäischen Institutionen wird mit der Gesundheit von Jugendlichen bezahlt.

Bürgerreporter:in:

Peter Ries

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