Zum Nachdenken
Das Geheimnis des krummen Baums: Warum Perfektion uns bricht und Ecken uns retten

Liebe myheimat-Mitbürger,
beim Betrachten eines alten chinesischen Sprichworts ist mir heute ein Vergleich gekommen, der mich tief bewegt hat und der die schmerzhafte Realität vieler Arbeitnehmer in unserem Land widerspiegelt. Die Weisheit lautet: „Ein krummer Baum lebt sein eigenes Leben, aber ein gerader Baum wird zu Holz verarbeitet.“
Wenn ich dieses Bild auf unsere heutige Arbeitswelt übertrage, sehe ich darin das Schicksal von Millionen von Menschen – und auch mein eigenes. Ich war selbst über 40 Jahre lang im Lebensmitteleinzelhandel tätig, davon stolze 31 Jahre als Filialleiter. Ich war ein solcher „gerader Baum“: Ich habe funktioniert, habe mich Tag für Tag für die Firma eingesetzt, Verantwortung getragen und dem permanenten Druck standgehalten.
Doch in der modernen, von Profitgier getriebenen Konzernwelt – wie ich es nach einer einschneidenden Firmenübernahme im Jahr 2009 selbst miterleben musste – zählt jahrzehntelange Loyalität irgendwann nichts mehr. Wer lange dabei ist, verdient automatisch mehr Geld. Und plötzlich wird man vom geschätzten Leistungsträger zum reinen Kostenfaktor, den das Unternehmen so schnell wie möglich loswerden will. Man wird „zu Holz verarbeitet“ – verbraucht, zersägt und aussortiert.
Die absolute Krönung dieser Rücksichtslosigkeit erlebte ich an einem Tag, der eigentlich im Kreis der Familie besinnlich sein sollte: als man mir an einem 24. Dezember – ausgerechnet an Heiligabend – eine Kündigung zur Unterschrift vorlegte. Ein Moment, der wie ein tiefer Axthieb saß. Mein allerletzter Arbeitstag war schließlich der 24. März.
Doch genau hier beginnt die Wendung, die mir das Sprichwort so wertvoll macht. Sie haben es nicht geschafft, mich zu brechen. Ich bin vielleicht durch die Stürme des Lebens ein „krummer“, knorriger Baum geworden, aber ich stehe noch! Ich habe meine eigene Stimme wiedergefunden und lebe heute mein eigenes, selbstbestimmtes Leben.
Diese einschneidende Erfahrung und den Weg zurück zu mir selbst habe ich übrigens auch in meinem Buch „Endstation 24. März“ verarbeitet, um das Erlebte von der Seele zu schreiben und anderen Mut zu machen.
Ich weiß, dass es da draußen unzähligen Menschen ganz genau so geht. Menschen, die jahrelang ihr Herzblut in eine Firma gesteckt haben, nur um am Ende wie eine alte Maschine ausgemustert zu werden.
Wie seht ihr das? Habt ihr selbst oder in eurem Bekanntenkreis ähnliche Erfahrungen machen müssen, wo jahrzehntelange Treue plötzlich nichts mehr wert war? Lasst uns in den Kommentaren darüber sprechen.
Herzliche Grüße
Winfried Paltian

Bürgerreporter:in:

Winfried Paltian aus Dortmund

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