Stier, Sonne, Tod und Auferstehung

Andalusien: Stierkampf - Eleganz des Tötens?
Wunderbarer Held: Da steht er mit stolz nach Form gewölbter Brust: Breite starke Schultern und nur der Hauch eines edlen Gesäßes. Alles in fast spielerischer Spannung. Selbst das millimeterdünne Degenblatt in sanftem Bogen vibrierend fast gekünstelt zwischen den weiß behandschuhten Händen galant versteckt hinter dem satten roten Tuch, das so einladend lockt.
Welch ein Anblick, der Frauen wie Männerherzen zu fast ekstatischer Verzückung bringt .
Aber jetzt da gegenüber keuchend mit heraushängender Zunge ein Berg von gequältem Fleisch über dessen von Stichen und Wunden der Picadores übersäten schwarzer Haut Ströme von Blut und Serum fließen. Ein Muskelkoloss zwar, aber ständig erzitternd in totaler Erschöpfung und peinigendem Schmerz. Ein fairer Kampf hieß es doch immer, wenn zwei gleichwertige Gegner mit unterschiedlichen Waffen bei den römischen Gladiatorenkämpfen aufeinander prallten.
Ach ist das denn so? Moderne Gladiatoren seid Ihr nicht Machos, die sich am Leid unterworfener Kreatur aufgeilen oder seid Ihr nur berauscht von den klimpernden Gewinnsummen, die dieser „Job“ einbringt?

Knossos, Königinnenpalast auf Kreta: Malerei eines artistischen Sprungs über den Stier
Sowohl in der minoischen Kultur wie in hauptsächlich vom Ackerbau lebende Kulturen( z.B. in Catal Höyük in der Türkei) geht man von einer im Matriarchat organisierten Verwaltung der Dörfer aus. Die politisch-religiöse Führung hatten wohl erfahrene Frauen im Kollektiv. Vor Allem den Männern fiel in dieser sesshaften Kulturstufe wohl eher die Jagd und auch die Viehhaltung der größeren Herdentiere wie den halb gezähmten eher wohl noch etwas ungestümen Auerochsen zu. Wenn um die Dörfer nichts mehr zu Jagen war und das Grasland abgeweidet war , mussten die Männer Ihr Terrain ausweiten und kamen sicher nicht mehr regelmäßig in die Dörfer zurück. Die Kinder blieben bei den Frauen und konnten mit aufs Feld genommen werden. Wie angenommen wird, wurde die Rückkehr der Männer wie heute noch in vielen Indianerkulturen Nordamerikas und bei den Nomadenvölkern mit einem Fest gefeiert, bei dem es zumindest in der Aristokratie der Frauenführung auch um die Auswahl besonders vielversprechender Gene für den menschlichen Nachwuchs ging. Geschicklichkeitstest wie eben auch der Sprung über einen angreifenden Stier, Ringen und Ähnliches mögen die Auswahlkriterien für eine „Heilige Hochzeit“ zwischen den Priesterköniginnen und den „besten“ Männern gewesen sein. Einzelne Schriftrelikte stäterer Zeit erwähnen auch einen männlichen König auf Zeit, der , soweit sein Können und seine Geschicklichkeit nachließ, „entsorgt“ und durch einen Jüngeren ersetzt wurde. Bei einigen ostafrikanischen Völkern, bei denen die Rinderzucht zentraler Lebensunterhalt ist, gilt der Sprung über mehrere hintereinander angebundene Rinder auch heute noch als Initiation in die Männergesellschaft.

Heliopolis, Ägypten: Echnaton- Sohn der Sohne
Der sichere Wechsel der Jahreszeiten und die jährliche Erneuerung der Vegetation gab den Menschen in den matriarchalen Gesellschaften Hoffnung auch eine Wiedergeburt, eine Wiederkehr in den Kindern. Die verlässliche Wiederholung der Mondphasen wurde als kosmischer Gegenpol zu den Monatszyklen der Frauen, der Entwicklungsdauer der Kinder im Mutterbauch angesehen. Symbolische Formen waren hier die Zickzacklinie des Wasserwellen und der Schlange, die Spiralform des Widdergehörns.
Für die viehhaltenden Männergruppen orientierten sich stärker am Lauf der Sonne. Einmal geschah dies, um die Lage der viel versprechenden Weiden oder den jährlichen Zug der Wildherden besser bestimmen zu können. Zum anderen scheint auch die verheerende wilde Kraft der Sonnenstrahlen Bewunderung gefunden zu haben (ebenso wie das Zerstörerische von Stürmen und Blitzen) Neben Wettergottheiten wurde die (männlichen) Sonne als allerhöchste Macht angesehen. Ihr tägliches Untergehen und Sterben , sowie das morgendliche Wiederauferstehen, gab den patriarchal monotheistischen Religionen Hoffnung auf Wiedergeburt. Die Form seiner halbkreisförmigen Hörner gab dem scheinbar allen an Kraft überlegenem Stier die Rolle, die Sonne zwischen den Hörnern zu tragen. Besiegte man den Stier, so wie z.B Mitras, Herakles und Gilgamesch, prädestinierte man sich zum auserwählten Führer oder gar vorrangigem Gott Sol invictus, der sich immer wieder selbst erneuert.

Bürgerreporter:in:

Haus der Kulturen michael stöhr aus Diedorf

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