Ernüchternde Bilanz
10 Jahre Musikforum – Kein Grund zum Feiern
- hochgeladen von Volker Steude
2016 wurde das Musikforum eröffnet. Die Idee war, ein Zentrum für Musik, an dem jeden Tag unterschiedliche Veranstaltungen stattfinden. Die Erwartungen waren hoch, was das Musikforum für die Stadt bewirken könnte. Was wurde versprochen und was gehalten? Die Gegenüberstellung fällt enttäuschend aus.
Um an Geld und Fördermittel zum Bau des Musikforums, damals noch “Musikzentrum” genannt, zu kommen und dessen Bau zu rechtfertigen, hat man den Menschen in Bochum viel versprochen, wie vielfältig das Forum in Zukunft genutzt werden könne. Zentrales Versprechen war, das Musikforum werde kein Konzerthaus für die Bochumer Symphoniker (BoSy), sondern es werde sehr viel mehr. Auch waren die Erwartungen riesig, wie sich das umgebende “VikotriaQuartier” und die Stadt entwickeln werde, wenn dieser Bochumer Kulturleuchtturm Wirklichkeit wird (Konzept für das Musikforum).
Was wurde versprochen und was gehalten?
Jetzt sind 10 Jahre seit der Eröffnung 2016 vergangen und es ist Zeit, nüchtern zu prüfen, welche Versprechungen wurden den Menschen in Bochum von Politik und den Befürwortenden gemacht und welche wurden eingehalten. Welche Erwartungen wurden an das Musikforum geknüpft und inwieweit wurden diese erfüllt.
Tabelle: Gegenüberstellung - Erfüllung von Erwartungen und Versprechen zum Musikforum
Eine Anmerkung vorweg: Alle nachfolgend kursiv dargestellten Zitate wurden dem Konzept für das Musikforum entnommen.
Zahlen und Daten – Mit der Entstehung des Musikforums war die Erwartung verbunden, dass es “mehr Vorstellungen, mehr Erlöse – mehr Wirtschaftlichkeit” hinsichtlich der Veranstaltungen der Bochumer Symphoniker geben werde.
Vergleicht man die Zeit vor dem Bau des Hauses mit heute, ist das hinsichtlich der Zahl der Konzerte richtig, gab es im Jahr 2015 noch 97 Konzerte, sind es heute 135. Bezogen auf die Besucherzahlen und die Zahlen der Abonnements haben sich die Erwartungen jedoch nicht erfüllt. Hat man im Haushaltsplan 2017 mit 103.000 Konzertbesucherinnen- und 3.000 Abonnements gerechnet (Haushaltsplan 2017), sind es real heute rund 70.000 sowie 1.500, bei den Besuchenden also nur wenig mehr als vor dem Bau des Musikforums. Die Zahl der Abonnements hat sogar abgenommen.
Der städtische Kostenaufwand für die Bochumer Symphoniker ist nach dem Bau des Musikforums regelrecht explodiert (Schauspielhaus und BoSy bekommen Geld ohne Ende, bei der Freien Kulturszene wird geknausert). Betrug der Verlust 2015 noch 8,2 Mio. Euro, sind es 2025 12,3 Mio. (+4,1 Mio., +50 %). Wurden die in Bochum verkauften Konzertkarten bezogen auf den Verlust, den das Musikforum erwirtschaftet, 2015 mit 173 Euro pro Karte von der Stadt subventioniert, sind es heute (2025) 224 Euro/Karte (+51 Euro, +29,5 %).
Die Wirtschaftlichkeit der Bochumer Symphoniker hat sich mit dem Bau des Musikforums also nicht verbessert, sondern sogar deutlich verschlechtert. Zwar sind die Einnahmen aus Kartenverkäufen gestiegen (von 0,8 auf 1,3 Mio.), jedoch nicht in dem Maße wie mindestens zu erwarten gewesen wäre (1,5 Mio.). Auch tragen die Erlöse aus den Kartenverkäufen immer noch nicht relevant zur Deckung der Kosten von BoSy und Musikforum bei.
Wirkungen auf Bochum – Mit dem Musikforum wurde ein “Ort für erstklassige Konzerte und musikalische Bildung” geschaffen sowie eine “wichtige Landmarke und bedeutsames Bauwerk im Herzen der Stadt” geschaffen. Diese beiden Ziele wurden erreicht.
Das Musikforum ist jedoch, anders als angestrebt, nicht “Ankerpunkt und Impulsgeber” einer “einzigartige Kreativmeile“ geworden. Das erhoffte “ViktoriaQuartierBochum” ist nie entstanden. Das Musikforum hat in dieser Hinsicht nichts bewirkt.
Das Musikforum ist ebenso wenig zu einem “Thinktank und Experimentierraum für den Wissenschaftsstandort” geworden wie zu einem “starken Impuls für die städtebauliche Entwicklung Bochums.” Denn es hat weder bewirkt, dass sich “weitere Theater, Wissenschafts- und Ausbildungsinstitute sowie Kultureinrichtungen ansiedeln”, noch ist es zur Eröffnung von “Galerien und Musikaliengeschäfte in der Viktoriastraße” gekommen. Das Musikforum hatte keine nennenswerten Auswirkungen auf seine Nachbarschaft. Arbeitsplätze in der Stadt wurden auch keine geschaffen. Alle Erwartungen in dieser Hinsicht wurden enttäuscht.
Im Gegenteil, die Zukunftsakademie NRW, dritter kultureller “Ankerpunkt” neben Schauspielhaus und Musikforum im angestrebten ViktoriaQuartierBochum hat schon 2019 ihren Betrieb aufgegeben. Es ist nicht gelungen die Brachfläche City-Tor Süd zu bebauen. Seit Eröffnung des Lidl, gab es dort keine Ansiedlung mehr. Das Musikforum hat als Impulsgeber nie funktioniert.
Zudem sollte das Musikforum Haus sein “offen für alle Musikrichtungen” mit “einem breiten Spektrum von der kulturellen Basisarbeit bis hin zur künstlerischen Spitzenleistung”, eine “Attraktion für Menschen, die bisher mit Musik nicht so viel Berührung hatten”.
Geworden ist es in erster Linie ein Konzerthaus für die BoSy mit Musikschulalibi, dessen musikalisches Angebot sich klar auf die Darbietung klassischer Musik fokussiert. Angebote für andere Musikrichtungen gibt es nur am Rande. Bei den Konzerten der Bosy geht es im Kern immer um Darbietungen klassischer Hochkultur, mit der nur ein sehr begrenzter Teil der Stadtgesellschaft erreicht wird. Menschen, die bisher mit Musik kaum Berührung hatten, werden auch durch das Musikforum nicht erreicht. Das spiegelt sich auch in den seit 2015 kaum veränderten Besucherzahlen wider.
Räumlichkeiten – Mit dem Musikforum wurde ein akustisch hochwertiger Konzertsaal geschaffen, Räume für die Bochumer Symphoniker (Verwaltung, Proben, Lager usw.) und ein Multifunktionssaal, der insbesondere von der Musikschule für Proben und Aufführungen genutzt wird.
Nicht entstanden sind die Räumlichkeiten, die im Konzept zum Musikforum als „Workshop-/ Seminarräume/ Education-Center” bezeichnet wurden. Die Marien-Kirche wurde zwar zu einem “Großen Foyer“ umgebaut. “als „Open Space“ für Lesungen, kleinere Konzerte, Get Togethers und „nicht Vorhersehbares“” wird es aber so gut wie nie genutzt. Auch den belebten Vorplatz mit Café, in dem im Konzept die Rede ist, gibt es nicht.
Alles, was über die Räumlichkeiten eines Konzerthaus und den Aufführungsraum für die Musikschule hinaus versprochen wurde, ist nicht vorhanden.
Spielstätte/ Spielort – Also ist das Musikforum heute Spielstätte der Bochumer Symphoniker ein Haus für Kinder, Veranstaltungs- und Probenort der Musikschule und ein “Schaffensraum für alle … musikalischen Akteure der Stadt” also “die großen und kleinen Ensembles der Musikschule Bochum von der Ensemblegruppe bis zum Jugendsymphonieorchester oder für den Philharmonischen Chor”.
Es ist aber, anders als versprochen, kein Spielort, der von den “Bochumer Chören, Laienorchestern, der interkulturellen Szene und den „kreativen Köpfen“ des Quartiers” genutzt wird. Auch die Erwartung “Die Chormusik findet eine neue Heimat mitten in der Stadt.” wurde nicht erfüllt, ebenso wenig wie das Musikforum Veranstaltungsort für den Musiksommer und Bochum Total geworden ist. Andere im Konzept für diesen Zweck genannte Festivals gibt es nicht mehr (Bochumer Bachtage, Newcomer-Festival) wieder andere nutzen andere Spielstätten (Tatort Jazz). Die Anmietung des Musikforums ist für Vereine, Chöre und andere Laienmusiker viel zu teuer. Also treten diese weiterhin lieber in Schulaulen und Kirchen und nicht im Musikforum auf.
Das Musikforum ist auch kein jederzeit “offenes Haus”. Außerhalb der wenigen Veranstaltungen, die dort in der Woche stattfinden, ist es geschlossen und wirkt wegen seiner geschlossenen Architektur eher abweisend.
Besondere Veranstaltungen – Neben den Konzerten der Bochumer Symphoniker gibt es fast keine der Veranstaltungen, von denen im Konzept des Musikforums die Rede ist. Anders als im Konzept dargestellt, finden nicht jeden Tag Konzerte, Musik- und andere Veranstaltungen statt. In der Regel öffnet das Musikforum nur an zwei bis vier Tagen in der Woche für wenige Stunden für Veranstaltungen (Musikforum – an 4 von 7 Tagen ohne Veranstaltung). Es gibt die im Konzept erwähnten “„Open Doors“, öffentliche Proben der BoSy” sowie diverse Veranstaltungen zur Musikvermittlung für Kinder, angeboten sowohl von den Symphonikern wie der Musikschule.
Nicht gibt es dagegen “Tagungen und Symposien, fachliche Workshops, Vorträge und Diskussionen in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Fakultäten, etwa Musikwissenschaftlern oder Historikern”. “Wöchentlich wiederkehrende Veranstaltungsreihen” werden ebenfalls nicht angeboten. Eine Vernetzung mit wissenschaftlichen Fakultäten und der Zukunftsakademie NRW ist nicht sichtbar. Weder am Musikforum noch im Bereich City-Tor Süd und Katholikenbahnhof ist ein “kreativer Brückenkopf der kunstgeschichtlichen und theaterwissenschaftlichen Fakultäten der Ruhr-Universität ein ständiger Anziehungspunkt für Avantgardekultur” entstanden.
Auch eine “Open Air-Bespielung des Marienplatzes” findet nicht statt. Ebenso wenig wie es Tanzveranstaltungen gibt, Jobbörsen für Berufsanfänger oder Weiterbildungsangebote für Musiker und Musikerinnen.
Fast alle im Konzept zum Musikforum erdachten möglichen Veranstaltungsformate gibt es in der Realität nicht. Ihr Angebot wurde versprochen, eingehalten wurden die Versprechungen nicht.
Warum wurden die Versprechungen nicht eingehalten und erfüllten sich die Erwartungen nicht?
Das führt zu der Frage, warum wurden die Versprechungen nicht eingehalten und konnte das Musikforum die Erwartungen nicht erfüllen?
Bei den Veranstaltungen außerhalb der Konzerte der Symphoniker und der Musikschule war schon vor dem Bau des Musikforums klar, dass es die real nie geben würde. Hätte man tägliche Veranstaltungen gewollt, hätte die Stadt ein Budget im Stadthaushalt einrichten müssen, um die dafür anfallenden Kosten begleichen zu können. Zu keinem Zeitpunkt wurde jedoch geplant, Haushaltsmittel zu diesem Zweck bereit zu stellen. In dem Konzept war nur zu Werbezwecken von den Veranstaltungen die Rede. Eine Realisierung war nie vorgesehen.
Ein Zentrum für Musik mit täglichen Veranstaltungen sollte das Musikforum, anders als versprochen, nie werden. In diesem Punkt haben die Befürworter und Befürworterinnen sowie die Politik den Menschen in Bochum ganz bewusst Dinge versprochen, die sie nie beabsichtigten einzuhalten.
Auch die Vernetzung und Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Fakultäten und die Veranstaltung entsprechender Kongresse, Tagungen, Seminare und Workshops war nie vorgesehen. Denn im Musikforum gab und gibt es dazu nicht die erforderlichen Räumlichkeiten. Auch hier versprach man etwas in dem Wissen, es nie einhalten zu können.
Dass das Musikforum nie Spielstätte für alle sein würde, kein Spielort für Chöre, Laienensemble und Bürgerprojekte hätte ebenfalls schon vor dem Bau klar sein müssen. Nutzungsgebühren von 3.000 – 4.000 Euro für den Konzertsaal und 1.000 bis 2.000 Euro für den kleinen Saal können sich Vereine, bürgerliche Initiativen und Projekte nicht leisten. Entweder war man in der Politik zu naiv, das zu erkennen oder auch hier hat man bewusst etwas versprochen, ohne es halten zu wollen.
Zu glauben, dass ein Konzerthaus mit Musikschulalibi als Impulsgeber reicht, um irgendeine nachhaltige Quartiers- oder gar Stadtentwicklung anzustoßen, war ein Irrglaube, der leider nicht für die Kompetenz der politischen Entscheidungsträger, Entscheidungsträgerinnen und Verantwortlichen in Sachen Stadtentwicklung spricht. Die Idee, ein kreatives ViktoriaQuartier zu schaffen, war ein aufgeblasenes Luftschloss, erfunden, um dem Bau des Musikforums und den überzogenen Ausgaben für Hochkultur eine wirtschaftliche Rechtfertigung zu geben. Einen Realitätsbezug hatte dieses Stadtentwicklungsprojekt nie.
Ernüchternde Bilanz
Zieht man Bilanz, hat das Musikforum weder die Erwartungen erfüllt, die in den Bau gesetzt wurden, noch wurden die Versprechungen erfüllt, die mit dem Bau verknüpft wurden. Letztlich haben nur die Bochumer Symphoniker bekommen, was sie immer wollten, ein hochwertiges Konzerthaus. Immerhin hat auch die Musikschule profitiert. Alle anderen Erwartungen und Versprechungen stellten sich, wie von den Kritikern und Kritikerinnen befürchtet, als Luftnummern heraus.
10 Jahre Musikforum sind also nur für Bochumer Symphoniker und Musikschule ein Grund zum Feiern, für die Stadt war das Projekt, gemessen an den vor dem Bau formulierten Erwartungen und Versprechungen ein kapitaler Fehlschlag. Die Bochumer Politik hat mit ihren falschen Versprechungen das Vertrauen in die lokale Politik untergraben. Auch der politische Schaden, den das Projekt Musikforum verursacht hat, ist erheblich.
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