Geraldine Oetkens Roman „Frieda“
Suche nach der Urgroßtante
- hochgeladen von Peter Mohr
Die 36-jährige, in Hannover lebende Journalistin Geraldine Oetken beleuchtet in ihrem Roman „Frieda“ ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte und versucht überdies, ihre Familiengeschichte zu rekonstruieren. „Die Suche nach meiner vergessenen Urgroßtante“ lautet der Untertitel.
Frieda ist vor 85 Jahren im Alter von 59 Jahren im Kloster Blankenburg (in der „Unterrichts- und Pflegeanstalt Gertrudenheim") am östlichen Stadtrand von Oldenburg gestorben – eine unmenschliche Einrichtung der Nationalsozialisten, in der körperlich und geistig Behinderte kaserniert wurden.
„Ich hatte nichts, was auf sie selbst hinweisen würde. Keine Dokumente, keine Briefe, keine Aussagen von ihr selbst. Deshalb habe ich versucht, so viele Verbindungen wie möglich von meiner Zeit zu ihrer zu schaffen. Kleine Brücken des Kontexts, die mir zumindest ihre Welt erschließen könnten“, hatte die Autorin Geraldine Oetken kürzlich in einem Interview erklärt.
Sie begibt sich auf die kräftezehrende Suche nach der Verwandten. Vieles bleibt im Vagen, denn die Autorin findet nur wenige Dokumente aus der NS-Zeit. Geraldine Oetken lässt die Leser an ihrem Schreibprozess teilhaben – an ihren Zweifeln, die sich einstellen, nachdem sie auf viele Leerstellen trifft. Über allem thront die Frage: Ist Frieda gezieltes Opfer des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten geworden und wie ist sie in dieses „Lager“ gelangt? Quälend für die Autorin ist auch die Recherche über ihre Familie, die mit ihrem Betrieb Geschäfte mit den Nationalsozialisten gemacht hat. Aufgrund der dünnen, verbrieften Faktenlage erleben wir auch die Gedankenwelt der grübelnden Autorin, die in fiktiven Dialogen Zwiesprache mit der „vergessenen Urgroßtante“ hält.
In ihrem, in zehn Kapitel unterteilten, stark selbst reflektierenden Roman setzt sich Geraldine Oetken auch mit dem Vergessen und Verdrängen im Deutschland der Nachkriegszeit auseinander. Es geht um eisiges (Ver)-Schweigen und um offensichtlich „gesäuberte“ Archive. Ungeschminkt berichtet die Autorin über die menschenverachtende Tötungsmaschine der Nationalsozialisten. Am Ende liegt die Vermutung nahe, dass Frieda systematisch in den Hungertod getrieben wurde.
Die Sprache folgt den düsteren Darstellungen, ist dementsprechend nüchtern und wenig poetisch. Kein Buch zum Verschlingen und (wegen drohender Albtraumgefahr) auch nicht als Nachttisch-Lektüre geeignet. „Als ich gemerkt habe, wie groß das Vergessen ist, dass die Leerstelle nicht nur Friedas Leben beschreibt, konnte ich gar nicht mehr aufhören zu suchen“, bekannte die Autorin, für die dieses Buch offensichtlich auch befreienden Charakter hat. Ein aufrichtiges Werk gegen das Vergessen und Verdrängen.
Geraldine Oetken: Frieda. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2026, 325 Seiten, 24 Euro
Bürgerreporter:in:Peter Mohr |
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