Schwerin und Berlin
Kuddelmuddel am Wahlabend mit Shakuntala Banerjee

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An Wahlabenden bekommen Zahlen Nachkommastellen und Sätze Schlagseite. Die einen rechnen aus, wer mit wem regieren könnte. Die anderen müssen erst einmal klären, welche Partei sie gerade ausgesprochen haben. Mecklenburg-Vorpommern und Berlin hatten gewählt. Im Fernsehstudio waren die Buchstaben noch unterwegs.

Shakuntala Banerjee gerieten im Gespräch mit Manuela Schwesig die Parteikürzel durcheinander. Aus SPD-Buttons auf Schwesigs Wahlplakaten wurden AfD-Schilder. Wer Schwesig wählen wolle, müsse also AfD wählen. Ein bemerkenswertes Angebot: Man bestellt Sozialdemokratie und bekommt die Alternative geliefert. Reklamationen bitte an die Moderation.

Schwesig wies auf den Versprecher hin. Doch auch dieser Hinweis brachte die Buchstaben zunächst nicht wieder an ihren Platz. Die Kandidatin wusste, in welcher Partei sie war. Jetzt musste sie es nur noch der Interviewerin erklären.

Zum Glück waren die Wahllokale schon geschlossen.

Ich will darüber nicht allzu hochmütig werden. Beim Schreiben kann ich einen verunglückten Satz löschen. Im Fernsehen ist er schon beim Publikum, während man noch nach dem Radiergummi sucht. Ein Versprecher macht einen Menschen gelegentlich sogar sympathisch. Man erkennt: Hinter dem Mikrofon arbeitet noch ein unvollkommenes Wesen. Wie vor dem Fernseher auch.

Alice Weidel dagegen lieferte ihre Behauptungen im Schnellfeuer. Die Linke sei jene Partei, die „Reiche erschießen“ lassen wolle. Banerjee kündigte einen Faktencheck an. Damit bekam der Redefluss wenigstens für einen Augenblick ein Hindernis. 

Nun muss man für diesen Faktencheck weder einen Tresor aufschweißen noch einen Geheimdienst bemühen. Eine kleine Reise ins Jahr 2020 genügt.

Auf einer Strategiekonferenz der Linken in Kassel sprach damals eine Teilnehmerin aus dem Publikum über die Energiewende. Dabei fiel ihr unsäglicher Satz: „Und auch wenn wir das eine Prozent der Reichen erschossen haben, ist es immer noch so, dass wir heizen wollen.“ Der damalige Parteichef Bernd Riexinger meinte, noch einen Witz hinterherschicken zu müssen. Man erschieße sie nicht, sondern setze sie für "nützliche Arbeit" ein. Ein Rettungsversuch, bei dem gleich noch der Rettungsring unterging. 

Das war keine Sternstunde linker Menschenfreundlichkeit. Über die Erschießung von Menschen scherzt man auch dann nicht, wenn man anschließend zur Heizungsfrage zurückkehren möchte.

Die Rednerin entschuldigte sich später und erklärte, Gewalt gegen Menschen zu verabscheuen. Riexinger bedauerte öffentlich, die Äußerung nicht sofort eindeutig zurückgewiesen zu haben. Auch diese Fortsetzung gehört zur Geschichte. 

Bei Weidel schrumpft die Geschichte auf den brauchbaren Rest zusammen: Aus einer Teilnehmerin wird eine Partei, aus einer Entgleisung ein Vorhaben, aus 2020 der nächste Koalitionsvertrag. Die Entschuldigungen fallen unterwegs aus dem Gepäck. Für sie ist offenbar kein Platz mehr, wenn die Empörung mitreist.

Ein Parteibeschluss war die Wortmeldung nicht. Einen Programmpunkt bekommt man auch nicht dadurch, dass man einen alten Satz oft genug mit frischem Entsetzen vorträgt. Sonst ließen sich ganze Wahlprogramme mit Schere und Klebstoff aus den peinlichsten Minuten ihrer Mitglieder herstellen.

Bei Schwesig wäre auf diese Weise bereits der Parteiwechsel vollzogen. Es stand schließlich im Fernsehen im Raum.

So stolperte dieser Wahlabend über Buchstaben und Zusammenhänge. Banerjee fand bei Weidels Behauptung immerhin zum Nachprüfen zurück. Schön wäre, wenn der Faktencheck noch dieselben Zuschauer erreichte wie der Satz, der ihn nötig machte. Die Behauptung hat ihren großen Auftritt. Die Berichtigung muss sehen, wie sie noch ins Programm kommt.

Vielleicht sollte man beim nächsten Wahlabend neben die Mikrofone eines jener gelben Warnschilder stellen, die sonst auf frisch gewischten Böden stehen.

Darauf müsste diesmal stehen:
Vorsicht, frisch verdreht!

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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