Berlin CSD Anschlag
Anschlag auf CSD in Berlin

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Berlin gilt als Schmelztiegel. Aber in einem Schmelztiegel schmilzt offenbar vieles – nur der Hass nicht. Der bleibt erstaunlich formstabil. Manchmal trägt er Springerstiefel, manchmal beruft er sich auf Gott. Und manchmal sitzt er am Steuer eines weißen Kastenwagens.

Am Samstag feierten Hunderttausende Menschen den Christopher Street Day. Das Motto lautete: „Haltung ist hot.“ Eine rechte Gegendemonstration nahm sich dagegen beinahe rührend bescheiden aus: Etwa fünfzehn Rechtsextreme wurden von der Polizei aufgegriffen, als sie sich auf den Weg dorthin machten.

Hunderttausende gegen fünfzehn – man hätte meinen können, die offene Gesellschaft habe diesen Tag schon gewonnen.

Aber der Hass zählt keine Mehrheiten. Er braucht keinen Demonstrationszug, keine Bühne und keinen Lautsprecherwagen. Ihm genügt bisweilen ein Lenkrad.

Gegen 22 Uhr fuhr am Tiergarten ein weißer Kastenwagen in eine Menschenmenge. Eine Frau wurde getötet, mindestens sechzehn weitere Menschen wurden verletzt, drei von ihnen lebensgefährlich. Der Wagen prallte schließlich gegen einen Baum. Die Musik verstummte, die Abschlussveranstaltung wurde abgebrochen, Menschen suchten ihre Angehörigen, Rettungskräfte kämpften um Leben.

Aus „Haltung ist hot“ wurde innerhalb weniger Sekunden: Haltung ist lebensgefährlich.

Meine Tochter organisierte vor einiger Zeit das Musikprogramm für eine CSD-Veranstaltung in unserer Heimatstadt Hattingen. In einer kleineren Stadt wird eine Regenbogenfahne noch etwas genauer betrachtet. Man kennt einander, man tuschelt miteinander, und manche Leute sorgen sich bereits um das Abendland, wenn zwei Männer gemeinsam ein Liebeslied singen.

Auch bei uns hatte es im Vorfeld Bedenken gegeben. Doch alles blieb ruhig. Die Menschen hörten Musik, redeten miteinander und gingen später friedlich nach Hause.

Vielleicht ist Provinz eben keine Ortsangabe. Vielleicht ist Provinz ein Zustand im Kopf.

Und dieser Zustand kann offenbar auch mitten in Berlin auftreten – jener Stadt, die sich gern als größter urbaner Melting-Pot Deutschlands präsentiert. Berlin hat sich an beinahe alles gewöhnt: an Menschen aus aller Welt, an Männer in Kleidern, Frauen in Anzügen, an hundert Sprachen in einer U-Bahn und an Lebensformen, für die manche Kleinstädter erst noch einen Ausschuss gründen würden.

Doch Vielfalt allein ist noch kein Impfstoff gegen Fanatismus. Eine bunte Stadt macht nicht automatisch alle Köpfe bunt. Manche Weltbilder bleiben schmaler als die Windschutzscheibe eines Kastenwagens.

Die Polizei fahndet nach einem 21-jährigen Tatverdächtigen, der ihr bereits bekannt war und dem islamistischen Milieu zugerechnet wird. Sein genauer Tatbeitrag und das Motiv müssen aufgeklärt werden. Auch die Berichte, nach denen nach dem Aufprall Menschen mit einer Stichwaffe angegriffen worden sein sollen, sind noch Gegenstand der Ermittlungen.

Sollte sich der islamistische Hintergrund bestätigen, muss er ebenso deutlich benannt werden wie rechtsextremer Hass. Wer darüber schweigt, weil er den Beifall der falschen Leute fürchtet, lässt die queeren Opfer ein zweites Mal allein.

Das bedeutet nicht, Millionen Muslimas und Muslime auf die Anklagebank zu setzen. Wer das tut, übernimmt lediglich die Denkweise der Fanatiker: Ein Mensch begeht eine Tat – und eine ganze Gruppe soll dafür büßen.

Aber Islamismus ist nicht bloß eine etwas strengere Variante von Religion. Er ist eine politische Ideologie, die Menschen vorschreiben will, wen sie lieben dürfen, wie sie leben müssen und wer überhaupt als vollwertiger Mensch gelten soll. In seinem Hass auf queere Menschen versteht er sich erschreckend gut mit der äußersten Rechten.

Rechtsextreme und Islamisten benötigen dafür nicht einmal Koalitionsverhandlungen. Beim ersten Tagesordnungspunkt – der Verachtung freier Lebensweisen – sind sie sich bereits einig.

Nun werden Politiker vor Kameras treten und erklären, dieser Anschlag richte sich gegen „uns alle“. Das stimmt. Doch der Satz darf nicht dazu dienen, jene unsichtbar zu machen, die zuerst und ganz konkret getroffen wurden. Angegriffen wurde keine abstrakte „Gesellschaft“. Angegriffen wurden Menschen, die öffentlich zeigten, wen sie lieben und wie sie leben.

Oft wird gefragt, weshalb man heute überhaupt noch einen CSD brauche. Ob Gleichberechtigung nicht längst erreicht sei. Ob man denn „so etwas“ immer auf der Straße zeigen müsse.

Der weiße Kastenwagen hat diese Frage beantwortet.

Eine offene Gesellschaft ist kein Zustand, den man einmal feierlich beschließt und anschließend der Stadtreinigung übergibt. Sie muss geschützt werden: durch Polizei und Prävention, durch konsequente Deradikalisierung, durch politische Bildung – und durch den Mut, Menschenfeindlichkeit überall beim Namen zu nennen. Rechts außen ebenso wie im religiösen Fanatismus.

Vor allem aber darf sie sich nicht aus dem öffentlichen Raum vertreiben lassen.

Der Sinn des CSD besteht nicht darin, dass alle dieselben Farben tragen. Sein Sinn besteht darin, dass niemand gezwungen wird, sich vor dem Hass anderer zu verstecken. Terror will, dass die Musik verstummt, die Fahnen eingerollt werden und Menschen künftig zweimal überlegen, ob sie noch gemeinsam auf eine Straße gehen.

Gerade deshalb müssen sie es wieder tun.

In Hattingen blieb die Musik friedlich. In Berlin wurde sie gewaltsam unterbrochen. Doch sie darf nicht mit diesem Abend enden.

Der Hass fuhr gestern einen weißen Kastenwagen.

Die Freiheit wird morgen wieder zu Fuß gehen.

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT Work 5.6
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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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