Chroniken der Gigantomanie
Die unerträgliche Flachheit des Scheins

KI-generiert

Das Kulturevent des Jahres war still und heimlich an der Menschheit vorbeigegangen – sehr zum Entsetzen des Schöpfers, der im Foyer einer Galerie stand und versuchte, dem sichtlich überforderten Kurator die Quantenphysik des modernen Kunstmarktes zu erklären.
„Das Werk existiert im Raum-Zeit-Gefüge unseres Kulturguts! Warum hängt es dann nicht im Hauptsaal direkt neben den alten Meistern?“, zischte der Schöpfer und tippte auf den Tresen.
Der Galerist starrte auf seinen Monitor, der ihm unbarmherzig anzeigte, dass dieser vermeintliche Meilenstein der Moderne exakt null Mal im Ausstellungsraum hing. Lieferstatus: Die finale chromatische Synthese der Gesamtkomposition und die Verankerung im schützenden Korpus erfolgen erst nach unwiderruflicher Vorkasse im privaten Atelier des Meisters. Ein streng limitiertes Unikat aus zweihundert Quadratzentimetern geballte Innovationskraft.
Dabei war die Genese dieses Projekts ein Act purer, ethnologischer Feldforschung gewesen. Monatelang hatte sich der Schöpfer durch die verrauchten Hinterzimmer provinzieller Gasthäuser und die Hecken des lokalen Nachbarschaftstratschs gekämpft. Er hatte das dortige Kollektivbewusstsein angezapft – also eine Handvoll geselliger Stammgäste, die bei jedem Treffen die immer gleichen, abgedroschenen Pointen aus dem Gedächtnis kramten.
Die Leistung des Schöpfers war die eines archäologischen Kurators. Er hatte visuelle Bildmotive und gestalterische Konzepte, die bereits vor einem Jahrzehnt auf billigen Kunstdrucken in Zahnarztpraxen den ästhetischen Tod gestorben waren, eigenhändig rekonstruiert, lieblos auf eine Leinwand gebracht und mit zwei Pinselstrichen blauer Farbe übermalt. Altbekannte visuelle Klischees wie die einsame Kaffeetasse im fahlen Morgenlicht oder die ungelenk skizzierte Silhouette einer Großstadt – Motive, die die Welt so noch nie konsumiert hatte. Es sei denn, man verkehrte regelmäßig in den Wartezimmern der Provinz oder besaß Verwandte über 60.
„Wissen Sie“, erklärte er dem Galeristen stolz, „es geht um die Dekonstruktion des Alltags. Wenn man ein Motiv sieht, bei dem die Perspektive völlig verzerrt ist, dann meine ich damit… nun ja, Sie wissen schon!“ Er nickte so bedeutungsschwer, dass das Gegenüber kurz an ein medizinisches Problem glaubte. „Dilettantische Geometrie mit doppeltem Boden eben!“
Um die Exklusivität zu wahren, gab es vorab auch nur eine hyper-minimalistische Vorschau im Hochglanz-Katalog: die bloßen Zentimeterangaben des noch unbespannten Holzgestells sowie die Anzahl der auf der Leinwand insgesamt verwendeten Farben. Mehr Einblick in das eigentliche Werk gab es erst nach der Lieferung per Post. Wer kauft schon ein Kunstwerk, wenn er die alten Motive ohnehin seit Jahren umsonst im Alltag sieht?
Draußen vor der Galerie stand derweil ein potenzieller Sammler, las die spärlichen Infos auf seinem Smartphone und murmelte leise: „Gott bewahre.“ Er steckte das Handy weg, atmete die frische Luft der Realität ein und war sich sicher: Manche alten Bildchen, die aus gutem Grund seit Jahrzehnten niemand mehr sehen wollte, sind im tiefsten Archiv der Vergessenheit einfach am besten aufgehoben.

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