Spukies in Neuschwanstein - Teil 2
Das Geheimnis der goldenen Rose und ein magischer Pakt
- Diese Geschichte ist meiner Leserin Silke R. gewidmet, die sich dieses Thema gewünscht hat.
- Foto: Symbolbild by KI
- hochgeladen von Wolfgang Weiss
Die zweite Woche des großen Schloss-Schmollens hatte begonnen, und die Stimmung im Rittersaal war auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt. Gusti lag mit dem Bauch nach oben auf einem Prachtstuhl, die Beine von sich gestreckt, und fächelte sich mit einem ausgefransten Stück Samt frische Luft zu.
„26,5 Grad!“, stöhnte der Poltergeist gequält. „Ein Poltergeist, der schwitzt, verliert sämtliche Würde. Ich kann noch nicht einmal mehr ordentlich scheppern!“
Lumi schwebte in Bodennähe umher. Ihr magisches Irrlicht, das sonst so stolz in allen Regenbogenfarben leuchten konnte, glimmte nur noch wie ein trauriges Trafo-Lämpchen kurz vor dem Ausfall. Aura, die feine Nebelfrau, hatte sich fast vollständig aufgelöst und glich eher einem feuchten Lappen, der über einer Stuhllehne hing.
Draußen zog die kühle Allgäuer Bergluft an den Fenstern vorbei, während unter den Schlossmauern wieder hunderte Besucher in ihren Filzpantoffeln ehrfürchtig durch die Prunkräume schlurften. Doch oben im verriegelten Rittersaal herrschte absolute Isolation. Das Schloss schwieg stur wie ein Fels in der Brandung.
„Wir dürfen nicht aufgeben“, krächzte Lumi leise. „Es muss doch irgendwo in diesem riesigen Kasten noch ein Schlupfloch geben! Das Schloss ist über hundert Jahre alt, kein Mauerwerk ist perfekt!“
Inspiriert von Lumis Worten raffte Gusti seine allerletzten Geisterkräfte zusammen. Er schwebte langsam an den Wänden entlang und klopfte sorgfältig jeden einzelnen Quadratzentimeter der hölzernen Wandvertäfelung ab. Klopf, klopf, klopf.
Plötzlich veränderte sich das Geräusch. An einer Stelle hinter der geschnitzten Darstellung der Parzival-Sage klang das Holz nicht dumpf, sondern hohl!
„Aura! Lumi! Kommt schnell her!“, flüsterte Gusti aufgeregt.
Aura schlich herbei und streckte eine zarte Nebelhand aus. Hinter einer verborgenen Holzleiste entdeckten sie die historische Mechanik einer alten Turmuhr, die seit Jahrzehnten nicht mehr gelaufen war. Durch die kleinen Zahnräder führte ein steiler, staubiger Schacht direkt nach oben in die kühle Turmspitze!
„Das ist unsere Chance!“, jubelte Gusti. „Wenn wir uns gaaanz dünn machen, passen wir durch die Zahnräder und sind frei!“
Doch gerade als Gusti vorsichtig seine Geisterhand in das Räderwerk schob, passierte ein Unglück. Er blieb mit seinem breiten Poltergeist-Gürtel an einem eisernen Hebel hängen. Ein lautes KNACKEN fuhr durch das Gebälk! Eine alte Feder schnellte los,traf ein altes Gegengewicht, und eine massive hölzerne Stütze krachte mit Getöse in Richtung des wunderschönen, farbenprächtigen Buntglasfensters des Rittersaals.
Gusti erstarrte vor Schreck. Das Buntglasfenster stammte aus der Erbauungszeit des Schlosses und zeigte das königliche Wappen mit den goldenen Schwänen. Wenn das Holz dieses Fenster zertrümmerte, wäre ein unersetzliches Kunstwerk für immer zerstört!
In genau diesem Sekundenbruchteil geschah das Unfassbare.
Das Schloss verharrte nicht in seiner Sturheit. Es spürte die Bedrohung für sein wertvollstes Fenster! Mit einem gewaltigen Ächzen schob das Schloss von innen heraus eine massive Steinplatte aus dem Mauerwerk genau in die Flugbahn des fallenden Holzes.
RUMMS!
Das Holz prallte mit Wucht gegen den Stein. Der Stein splitterte leicht, aber das Buntglasfenster blieb völlig unversehrt!
Stille breitete sich im Saal aus. Gusti stand da, der Schreck fuhr ihm tief durch seine durchscheinenden Knochen. Das Schloss hatte nicht etwa die Spukis bestraft – es hatte sein eigenes Gestein geopfert, um den Schreck abzuwehren und Gusti vor einem schrecklichen Missgeschick zu bewahren.
Gusti trat langsam vor die frische Schramme im Stein und legte sanft seine durchscheinende Hand darauf. „Du... du hast uns beschützt? Und das Fenster auch?“, flüsterte er leise.
Ein tiefes, sanftes Brummen fuhr durch die Grundmauern. Es klang nicht mehr zornig oder zickig. Es klang traurig, einsam und erschöpft.
In diesem Moment begriff Aura die Wahrheit: „Das Schloss wollte uns nicht einsperren, weil es uns ärgern wollte... Es hat die Türen nur verschlossen, weil es furchtbare Angst davor hatte, dass wir es verlassen und nie wiederkommen.“
Während Gusti und Aura noch gerührt vor der Steinwand standen, flackerte Lumi plötzlich aufgeregt auf. Das Herabstürzen der Holzstütze hatte einen kleinen Hohlraum in der Wand freigelegt, der bisher verborgen gewesen war.
Darin lag keine alte Münze und auch kein Schatz, sondern eine kleine, kunstvoll geschmiedete Rose aus reinem Gold – und darunter eine vergilbte Pergamentrolle.
Lumi schwebte davor und las mit ihrer feinen, zwitschernden Stimme die altmodische Schrift vor:
„Ein Schloss gebauet aus Stein und Ehr, ist ohne Geist nur stumm und leer.
Erst wenn der Spuk durch Hallen zieht, erwacht des Schlosses wahres Lied.
Sorgt gut für die Wesen der Nacht, auf dass das Märchen nie erwacht – sondern ewig lebt.“
– König Ludwig II.
Aura bekam vor Rührung kleine, glitzernde Nebeltränen in den Augen. Selbst das Schloss schien den Atem anzuhalten. Die Worte des alten Erbauers erinnerten beide Seiten daran, warum sie eigentlich hier waren: Das Schloss brauchte seine Spukis, um ein echtes Märchenschloss zu sein – und die Spukis brauchten das Schloss als ihr geliebtes Zuhause.
Gusti schluckte seine Poltergeist-Männlichkeit herunter, schwebte mitten in den Saal und rief mit lauter, aber warmherziger Stimme:
„Liebes Schloss! Wir wollen gar nicht nach Falkenstein ziehen! Wir lieben deine Zugluft, deine Echos und deine majestätischen Türme. Aber du musst uns vertrauen! Wir sind doch keine Zerstörer – wir sind deine Freunde!“
Ein leises Klingen fuhr durch die Kristallkronleuchter. Die stickige 26-Grad-Hitze wich im selben Augenblick einer herrlich frischen, kühlen Allgäuer Bergbrize, die plötzlich wieder durch die Kaminrohre strömte.
Die dicken Eichenriegel am Hauptportal schoben sich leise zurück. Die Schlupflöcher vergrößerten sich wieder, und die Geheimausgänge öffneten sich sanft. Das Schloss schenkte den Spukis ihre Freiheit zurück!
Doch die Spukis dachten gar nicht daran, jetzt ihre Koffer zu packen. Stattdessen schlossen sie noch in derselben Nacht den Großen Neuschwansteiner Kompromiss-Pakt:
1. Die Freitags-Polterstunde: Jeden Freitagabend ab Punkt Mitternacht darf Gusti eine volle Stunde lang nach Herzenslust mit den alten Rüstungen im Sängersaal scheppern. Das Schloss hallt dann mit seinem schönsten, tiefsten Bass-Echo mit.
2. Exklusive Zugluft-Routen: Das Schloss öffnet drei geheime, meisterhaft versteckte Zugluft-Kanäle exklusiv für Aura und Gusti, damit sie nie wieder ins Schwitzen geraten.
3. Tagsüber-Zauber: Im Gegenzug helfen die Spukis tagsüber heimlich mit! Lumi lässt die Kronleuchter für die Touristen besonders zauberhaft funkeln, Gusti sorgt dafür, dass die Filzpantoffeln sanft über das Parkett gleiten, und Aura verleiht den Sälen diesen ganz besonderen, magischen Duft von Allgäuer Bergluft und Märchenwelt.
Wenn sie morgen Schloss Neuschwanstein besucht, zwischen all den staunenden Menschen aus der ganzen Welt stehen und mit den Filzpantoffeln über den glänzenden Boden gleiten, sollten Sie ganz genau hinschauen.
Wenn in einem Kronleuchter plötzlich ein warmes, neonfarbenes Pünktchen aufleuchtet und freundlich blinzelt – dann ist das Lumi. Wenn ein sanfter, kühler Hauch durch das Haar streicht, obwohl alle Fenster geschlossen sind – dann zieht Aura vorbei. Und wenn von fern ein ganz leises, gemütliches Klappern aus einer Ritterrüstung ertönt – dann poliert Gusti gerade schmunzelnd seine Lieblings-Handschuhe.
Schloss Neuschwanstein und seine Spukis ziehen nie wieder voneinander fort. Denn sie wissen jetzt: Gemeinsam sind sie unschlagbar – und erzahlen uns ein schönes Märchen dank Silke R.
Bürgerreporter:in:Wolfgang Weiss aus Untermeitingen |
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