Als Pistorius die Gesichtszüge entglitten...
Schriftsteller Navid Kermani hielt eine bemerkenswerte Rede beim feierlichen Gelöbnis im Bendler Block!
- hochgeladen von Alfred Benende
Ein Kommentar. Nicht von mir, aber besser hätte ich es nicht kommentieren können:
"Seit Tagen staunen lauter Leute über einen Mann, den viele vorher gar nicht kannten: Navid Kermani. Der Schriftsteller, Orientalist und Sohn iranischer Einwanderer war zum Gelöbnis neuer Rekruten am 20. Juli eingeladen, um in Berlin als Ehrengast zu reden: „Als einer der bedeutendsten deutschen Intellektuellen der Gegenwart brilliert er sowohl als Schriftsteller, Publizist, Wissenschaftler und als Vermittler zwischen den Kulturen“, hieß es in der Einladung des Verteidigungsministeriums.
Dann sprach er Dinge aus, mit denen keiner gerechnet hatte. Manche hielten die Videos zunächst für ein KI-Fake. Es schien schlicht unglaublich, dass jemand so etwas bei einem Gelöbnis der Bundeswehr gesagt haben sollte. Sogar die Spezies der „Faktenchecker“ rückte an und musste feststellen: Die Rede war echt. Sie wurde sogar live übertragen.
Was hatte Kermani gesagt?
Er erinnerte bei der Festveranstaltung an die gesetzliche Pflicht von Soldaten, Befehle zu verweigern, die offenkundig rechtswidrig seien. So steht es im Soldatengesetz. Schon das war bemerkenswert: den Ungehorsam in das Zentrum einer Veranstaltung zu rücken, auf der Treue gelobt wird.
Gleichwohl konnte jeder bis hierhin beifällig nicken, sei es als Soldat oder als Würdenträger, als ziviler Zuschauer oder als jemand, dem der Auszug seither irgendwo im Netz begegnet ist, wo er millionenfach geteilt wird.
Kermani sagte aber noch einen weiteren Satz – im Bendlerblock, wo die Hitler-Attentäter um Klaus Schenk Graf von Stauffenberg erschossen wurden. Der Bezugsrahmen zum NS-Widerstand war durch den 20. Juli und die Örtlichkeit gesetzt. Dort betonte Kermani nun die Bedeutung von Recht und Gewissen und übertrug sie auf die heutige Zeit: „Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, dann wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern.“
Dazu muss man wissen, dass Deutschland den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Iran anders als etwa Italien offiziell unterstützt. Dazu muss man wissen, dass der Bundeskanzler ihn als „Drecksarbeit“ bezeichnete – als schmutzig also, aber nötig.
Kermani sagte dazu: „Kein Geringerer als der Bundeskanzler persönlich hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das Völkerrecht klein- und Völkerrechtsverstöße schönzureden, wo es ihm politisch opportun erscheint.“
Eine solche Relativierung sei ein fatales Signal, erklärte der Autor, auch wenn er nicht vergaß zu erwähnen, dass sich die deutsche Demokratie auszeichne, indem er solche Sätze straffrei sagen dürfe.
Tja. Noch. Denn es ist ja selten geworden, dass jemand überhaupt sagt, was ist und was er meint, geschweige denn, den Mächtigen ins Gesicht.
Eine der schönsten Szenen während der Rede ist denn auch, wie dem Verteidigungsminister Boris Pistorius auf der Tribüne die Gesichtszüge entgleiten.
Ich fand es ganz und gar großartig. Wer russische und andere Kriege (mit Recht) kritisiert, sollte keine anderen gutheißen, nur weil sie ihm besser in den Kram passen. Er sollte russische und andere Kriege auch nicht kritisieren, ohne seinen Teil dazu beizutragen, dass sie enden. Und er sollte nicht russische und andere Kriege kritisieren, zugleich aber Kritik an sich selbst als demokratiefeindlich delegitimieren.
Worauf Kermani hinwies, gilt außerdem nicht nur für Soldaten im Krieg. Niemand sollte ein offenkundig rechtswidriges staatliches Handeln hinnehmen, auch nicht im Alltag, auch nicht in anderen Fragen, auch nicht durch Vertreter ohne Uniform.
Warum hallt die Rede derart nach? Irritierenderweise fällt mir nur eine Erklärung ein: Kermanis Worte gelten als mutig. Sie gelten als berechtigt. Das wiederum heißt: Auf einen Gesetzestext und eine geistige Haltung hinzuweisen, die geboren wurden als Reaktion auf monströses deutsches Unrecht der Vergangenheit, ist offenkundig keine Selbstverständlichkeit mehr.
Das sollte zu denken geben – und tut es auch, wie die Resonanz auf eine Rede belegt, die augenscheinlich selbst als eine Art von Widerstand empfunden wird und noch 14 Tage später die Menschen im Rest der Republik beschäftigt; mich ebenfalls."
Ich finde die Rede und auch den Kommentar dazu großartig! Nicht nur Angehörige der Bundeswehr, sondern alle Staatsbediensteten einschließlich der Mitarbeiter:innen der öffentlichen Verwaltung wollen uns regelmäßig weismachen, das sie irgendeiner Vorschrift, einer Weisung der Vorgesetzten oder wem oder was auch immer verpflichtet wären. Es gibt nur ein einziges Gesetz, dem diese Bediensteten verpflichtet sind: Unserer Verfassung, dem Grundgesetz! Und darin steht gleich im Ersten Artikel: "Die Würde des Menschen ist unantastbar!" Aller Menschen! Und kein Bundeskanzler, keine Vorgesetzten, keine Vorschrift und keine Anweisung kann diese Verpflichtung auf unsere Verfassung aufheben! Darum ist diese Rede so herausragend!
Bürgerreporter:in:Alfred Benende aus Pinneberg |
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