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Städte-Ranking nach Trinkbrunnen

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Städte werden gern sortiert. Das gehört zur deutschen Verwaltungslyrik wie der Rollcontainer zum Bürgerbüro. Es gibt Rankings nach Einwohnerzahl, Kaufkraft, Mietpreis, Brücken, Hochhäusern, Start-ups, Millionären, Fahrraddieben, Kita-Plätzen, Feinstaub, Tauben, Obdachlosen, Flüchtlingen, Gewerbesteuereinnahmen und der Frage, wie viele Menschen morgens schon so aussehen, als hätten sie abends noch eine Ausschusssitzung vor sich.

Man kann Städte natürlich auch nach der Zahl ihrer öffentlichen, kostenlosen Sitzgelegenheiten sortieren. Dann käme wahrscheinlich heraus, dass manche Kommunen den Aufenthalt im öffentlichen Raum ungefähr so betrachten wie Hausfriedensbruch: Wer sitzt, bleibt womöglich. Wer bleibt, möchte womöglich Wasser. Wer Wasser möchte, könnte am Ende noch behaupten, die Stadt gehöre nicht nur Investoren, Außengastronomie und Lieferdiensten, sondern auch Menschen mit Kreislauf.

Noch aufschlussreicher ist deshalb ein anderes Ranking: die Zahl der Trinkbrunnen.

Nicht Brunnen im Sinne barocker Wasserspiele, vor denen Touristen Selfies machen, während Tauben und Möwen über sie grübeln. Auch nicht Zierbrunnen, in denen Kinder gerne planschen würden, wenn nicht ein Schild erklärte, dass Wasser zwar symbolisch für Leben steht, aber bitte nicht benutzt werden soll. Gemeint sind Trinkbrunnen. Also diese radikalsoziale Einrichtung, bei der jemand in der Stadt Durst bekommt und nicht erst ein Einweg-Plastikfläschchen für 2,80 Euro kaufen muss.

Berlin ist darauf sehr stolz. 238 Trinkbrunnen betreuen die Berliner Wasserbetriebe in der Hauptstadt, kostenlose kleine Durstlöscher zwischen Asphalt, Müll und Wahlplakaten. Damit liegt Berlin in Deutschland vorn. Stuttgart kommt auf 117, Bochum auf 14. Hattingen verfügt, soweit öffentlich auffindbar, über einen Trinkwasserspender in der Innenstadt. Einen. Immerhin: Er ist damit schon fast eine Sehenswürdigkeit. Man könnte ihn in den Altstadtführer aufnehmen: Fachwerk, verschmutzter Treidelbrunnen, Bügeleisenhaus, und dann — bitte ehrfürchtig flüstern — der Ort, an dem Wasser aus einer Alu-Säule kommt. Ist aber oft kaputt.

Nun darf man den Berliner Stolz nicht zu früh belächeln. 238 Trinkbrunnen sind für deutsche Verhältnisse tatsächlich eine Leistung. In einem Land, in dem jedes zweite Rathaus problemlos eine Machbarkeitsstudie über die Machbarkeit einer Vorstudie zur Errichtung eines Modell-Trinkbrunnens in Auftrag geben könnte, ist jeder funktionierende Wasserhahn im Freien beinahe revolutionär. Man muss sich das vorstellen: Da steht etwas im öffentlichen Raum, kostet kein Eintrittsgeld, verlangt keine App, scannt keinen QR-Code, bietet kein Upgrade auf Premium-Hydration und fragt auch nicht nach Zustimmung zu Cookies.

Es gibt einfach Wasser.
Das ist fast verdächtig.

Denn normalerweise wird in Deutschland erst gefragt: Wer haftet? Wer reinigt? Wer wartet? Was sagt das Gesundheitsamt? Was sagt der Denkmalschutz? Was sagt der Ausschuss für öffentliche Ordnung, Unterausschuss Flüssigkeiten? Könnte jemand ausrutschen? Könnte jemand zu viel trinken? Könnte jemand die Trinkflasche falsch herum halten und anschließend die Kommune verklagen? Und vor allem: Ist der Brunnen barrierefrei, vandalismussicher, wintersicher, kindersicher, hundesicher, pressefest und haushaltsneutral?

Während diese Fragen geklärt werden, kauft der Bürger sein Wasser im Supermarkt.

Schön wäre also ein deutsches Städte-Ranking nach Trinkbrunnen. Nicht als Zahlenspiel, sondern als kleiner Charaktertest. Denn an Trinkbrunnen erkennt man, ob eine Stadt den Menschen als Passanten betrachtet oder als Störfall. Ob sie im Sommer nur über Hitzeaktionspläne redet oder ob sie Wasser hinstellt. Ob sie Aufenthaltsqualität meint oder bloß Außengastronomie. Ob sie Plätze baut, auf denen man leben kann, oder nur Pflasterflächen, auf denen man schnell genug wieder verschwinden soll.

Natürlich muss man bei solchen Vergleichen vorsichtig sein. Sonst schaut man versehentlich über die Grenze und ruiniert sich die ganze deutsche Zufriedenheit. Zürich hat mehr als 1.200 Brunnen. Paris nennt, je nach offizieller Seite, 1.200 bis 1.300 öffentliche Brunnen. Rom besitzt fast 2.500 dieser herrlichen „nasoni“, der kleinen römischen Trinkbrunnen mit den großen Nasen. In Rom ist Wasser nicht nur Infrastruktur, sondern Zivilisation. Man trinkt an der Straße wie ein freier Mensch und nicht wie ein Kunde im Wartebereich.

Rom hat also Aquädukte, Bernini, Caravaggio, Petersdom, Kolosseum — und trotzdem noch Zeit für Trinkwasser im öffentlichen Raum. Deutschland hat dafür DIN-Normen.

Das soll kein billiges Südeuropa-Lob werden. In Rom funktioniert vieles nicht. Aber ausgerechnet das Wasser funktioniert. Vielleicht, weil die Römer noch wissen, dass eine Stadt nicht nur aus Verwaltungsakten besteht, sondern aus Durst, Schatten, Stein, Licht und Menschen, die zwischendurch nicht verdursten möchten. Paris hat sogar Sprudelbrunnen. Kostenloses Wasser mit Kohlensäure. Das ist natürlich hochgefährlich. Würde man so etwas in einer deutschen Mittelstadt vorschlagen, käme sofort jemand auf die Idee, eine „Satzung gegen übermäßigen Konsum von öffentlichem Sprudelwasser“ zu erlassen.

Man könnte also sagen: Zeig mir deine Trinkbrunnen, und ich sage dir, wie ernst du es mit dem Gemeinwohl meinst.

Denn Wasser ist nicht links. Wasser ist nicht rechts. Wasser ist nicht woke, nicht konservativ, nicht neoliberal, nicht postmodern. Wasser ist vorideologisch. Es kommt vor der Parteizentrale und nach dem Marktplatz. Wer Durst hat, braucht keine Debatte über Eigenverantwortung, sondern einen Hahn. Und wer eine Stadt plant, in der Menschen im Sommer zwischen Backstein, Beton und aufgeheizten Haltestellen stehen, sollte nicht nur Parkplätze zählen, sondern auch Trinkmöglichkeiten.

Die schönste Definition von Urbanität lautet vielleicht: Man kann sich hinsetzen und bekommt Wasser.

Nicht viel mehr. Aber eben auch nicht weniger.

Berlin darf also auf seine 238 Trinkbrunnen stolz sein. Stuttgart darf mit seinen 117 Brunnen selbstbewusst sprudeln. Bochum darf seine 14 Brunnen als Anfang betrachten. Und Hattingen? Hattingen könnte den einen Brunnen zunächst einmal wie ein Heiligtum behandeln. Vielleicht mit Wachwechsel. Vielleicht mit Stadtführer in mittelalterlicher Tracht.

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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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