Heimat Kultur
Wie groß ist Heimat was wäre das kleinste Heimat-Symbol?
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Heimat ist kein Parteiprogramm, kein Grenzzaun und kein Gartenzwerg mit Reichweite. Vielleicht ist Heimat nur der Kratzer im Tisch, die Tasse mit Sprung oder der Platz, an dem die Katze immer lag. Eine Glosse über ein großes Wort, das man retten kann, indem man es klein macht.
Heimat ist ein gefährliches Wort. Es riecht nach Apfelkuchen, frisch gemähtem Rasen und politischen Fangzäunen. Kaum sagt man es laut, steht schon jemand daneben und fragt, ob man auch die richtige Fahne dazu besitzt.
In Deutschland wird der Begriff „Heimat“ besonders gern von rechtskonservativen Kreisen herumgetragen wie ein Gartenzwerg mit Reichweite. Die AfD bemüht sich dabei um eine Art Alleinvertretungsrecht: Heimat, das seien sie. Alle anderen seien vermutlich Gäste, Fremdkörper oder Leute mit verdächtig internationaler Gewürzschublade.
Nun haben aber auch Teile der Partei DIE LINKE in Ostdeutschland entdeckt, dass man sich den Heimatbegriff nicht von der AfD stehlen lassen dürfe. Das klingt zunächst vernünftig. Man lässt sich ja auch nicht die Kartoffel, den Waldweg oder die Eckkneipe klauen. Andererseits stellt sich sofort die Frage: Reden wir hier von Heimat – oder von Ostalgie mit frisch gebügeltem Parteiprogramm?
Ist Heimat also die Erinnerung an eine Landschaft? Oder an ein System? An Plattenbau, Broiler, Bückware und Pioniernachmittag? Und wenn Ostalgie erlaubt ist, darf es dann auch Westalgie geben? Darf jemand im Ruhrgebiet nostalgisch werden beim Anblick einer geschlossenen Zeche, einer Trinkhalle, eines Ford Granada und eines vergilbten Wimpels von Schalke 04?
Oder wird es dann schon gefährlich?
Darf Heimat bayrisch sein? Mit Lederhose, CSU-Plakat und einem Maßkrug, der größer ist als manche demokratische Überzeugung? Darf Heimat ostfriesisch sein, mit Tee, Wind, Schafen und dem beruhigenden Gefühl, dass selbst der Horizont keine Eile hat? Darf Heimat rheinisch sein, also zugleich Karneval, Klüngel und katholische Betriebsamkeit? Oder westfälisch, wo man Gefühle erst nach dreißig Jahren ausspricht, aber dann zuverlässig?
Und wie groß darf Heimat eigentlich sein?
Ist Heimat das Dorf? Die Stadt? Das Bundesland? Deutschland? Europa? Gehört Mallorca dazu, weil dort mehr deutsche Handtücher liegen als im heimischen Bad? Gehört Österreich dazu, weil es so klingt, als sei es Deutschland mit Alpen und besserem Kaffee? Die Schweiz, weil dort sogar unser Geld ein Ruhebett besser als in Gelsenkirchen haben könnte? England auch, trotz Brexit? Oder ist England seitdem nur noch eine ehemalige Heimat mit Beatles und komischem Linksverkehr?
Noch schwieriger wird es, wenn man Heimat verkleinert.
Kann ein Garten Heimat sein? Ein Balkon? Ein bestimmter Stuhl? Das eigene Wohnzimmer, in dem alles so steht, wie es seit Jahren steht, weil schon die Verschiebung einer Stehlampe eine innerpsychische Krise auslösen würde?
Vielleicht ist Heimat gar kein Gebiet. Vielleicht ist Heimat eine Tischkante, an der man immer schreibt. Eine Kaffeetasse mit Sprung. Ein Sammlerfundstück. Eine Muschel. Ein Stein. Ein Talisman. Eine kleine Tischdekoration, die für Außenstehende nach Staubfänger aussieht, aber für einen selbst das Archiv eines ganzen Lebens ist.
Wie klein darf etwas sein, damit es noch Heimat ausstrahlt?
Vielleicht sehr klein.
Vielleicht ist Heimat nicht die große Parole, sondern der kleine Gegenstand, den man nicht wegwerfen kann. Nicht die Fahne, sondern der Kratzer im Tisch. Nicht das Vaterland, sondern der Platz, an dem die Katze immer lag. Nicht der Grenzzaun, sondern die Erinnerung an eine Stimme im Nebenzimmer.
Heimat beginnt womöglich genau dort, wo niemand mehr „Leitkultur“ ruft. Wo keiner fragt, wer dazugehört und wer nicht. Wo man nicht kontrolliert wird, sondern wiedererkannt. Wo man nicht beweisen muss, dass man heimisch ist.
Die AfD hätte Heimat gern als Besitzurkunde. Die Rechte behandelt das Wort wie ein Grundstück: einzäunen, beschriften, verteidigen, andere fernhalten. Aber Heimat ist kein Vorgarten mit Bewegungsmelder. Heimat ist eher das, was übrig bleibt, wenn alle Parolen ausgeschaltet sind.
Vielleicht ist Heimat nicht das große „Wir“, das auf Plakaten steht. Vielleicht ist Heimat das kleine „Hier“, das man kaum erklären kann.
Und vielleicht liegt die Rettung des Heimatbegriffs gerade darin, ihn tapfer klein zu machen. So klein, dass er nicht mehr für Aufmärsche taugt. So klein, dass keine Partei ihn sich ans Revers heften kann. So klein, dass er wieder in eine Schublade passt, zwischen alte Fotos, Schrauben, Notizzettel und ein Fundstück vom Flohmarkt.
Dort wäre Heimat gut aufgehoben.
Nicht im Parteiprogramm. Nicht im Wahlkampf. Nicht im Mund derer, die aus Zugehörigkeit eine Waffe machen.
Sondern auf dem Tisch.
Neben der Tasse.
Da, wo man morgens sitzt und denkt: Hier bin ich nicht fremd.
Und zum Glück muss ich dafür niemanden vertreiben.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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