Menschen + Tiere
Ehepaare - Wunsch und Wirklichkeit - Sehnen und Sollen

Foto: Barbara Fritze, Fotografin
10Bilder

Ich hielt mein Auto auf der Fahrt nach Liberchies in Belgien an. Das Django-Reinhardt-Festival musste warten. Wer weiß, ob Django selbst jemals eine solche Unterbrechung missbilligt hätte. Wahrscheinlich nicht. Er, der große Improvisator, hätte vermutlich verstanden, dass das Leben manchmal genau dort seine schönste Melodie beginnt, wo man gerade gar nicht hinwollte.

In einem offenen Fenster standen ein Hund und eine Katze. Genauer gesagt: ein großer, struppiger Bobtail und eine kleine Katze mit der entschlossenen Haltung einer Hausherrin. Beide blickten zu uns auf die Straße hinunter, als erwarteten sie Besuch, Nachricht, Erlösung oder wenigstens einen Spaziergang im Abendlicht.

Wir bremsten.

Vielleicht war das schon der erste Beweis für eine lange Ehe: Man hält nicht nur für Kathedralen, Museen und Aussichtspunkte an, sondern auch für ein schäbiges Fenster, in dem ein Hund und eine Katze so schauen, als hätten sie die Menschheit längst durchschaut und warteten nur noch darauf, dass endlich jemand die Tür öffnet.

Wenige Stunden zuvor hatten wir in unserer deutschen Heimatstadt selbst aus einem Fenster auf eine Straße hinuntergeblickt. Dort geschah nichts. Aber auch gar nichts. Die Straße lag da wie ein Verwaltungsakt. Kein Windstoß, kein Kind, kein Hund, kein Akkordeonspieler, kein Wunder. Nur Pflaster, Häuser, Stille und dieses leise Gefühl: Wenn wir jetzt nicht aufbrechen, werden wir vielleicht selber bald zu Möbelstücken.

Also fuhren wir los. Nach Belgien. Nach Liberchies. In jenes winzige Dorf, in dem Django Reinhardt geboren wurde und in dem die Gitarre, wenn man Glück hat, noch immer ein wenig anders klingt als anderswo: freier, heißer, zigeunerischer, als hätte sie keine Lust, sich von Grenzen, Behörden oder Wetterberichten aufhalten zu lassen.

Und dann standen plötzlich diese beiden im Fenster.

Ein Ehepaar.

Natürlich weiß ich nicht, ob Hund und Katze katholisch verheiratet waren. Die standesamtliche Lage blieb ungeklärt. Aber sie wirkten verheiratet. Sie schauten nicht zufällig nebeneinander hinaus, sondern mit jener gemeinsamen Erfahrung, die nur langes Zusammenleben hervorbringt: Der eine hat Fell in Übergröße, die andere hat Nerven aus Stahl. Der eine träumt vielleicht vom Laternenpfahl am Straßenrand, die andere prüft, ob dort unten nicht doch eine Maus patrouilliert. Der eine glaubt an Bewegung, die andere an Kontrolle. Zusammen aber bilden sie eine Weltordnung.

So sahen wir sie. Und ein bisschen sahen wir uns selbst.

Wir waren ebenfalls zwei Wesen, die aus einem Fenster geschaut hatten. Wir hatten ebenfalls beschlossen, dass man nicht ewig warten kann, bis das Leben klingelt. Wir waren aufgebrochen, weil uns die Heimat an diesem Tag zu still geworden war. Vielleicht ist Ehe manchmal genau das: Zwei Menschen sehen dieselbe Leere — und einer sagt: Komm, wir fahren nach Belgien.

Dieses süße Tierpaar musste deshalb mein allererstes Foto mit der brandneuen Digitalkamera werden. Unsere analoge Minolta war kurz zuvor zu Boden gefallen. Vollständig kaputt. Zertrümmert. Für jemanden, der jahrzehntelang mit Kodachrome-Film fotografiert hatte, war das kein kleiner Defekt, sondern fast ein Todesfall in der Familie. Man verabschiedet sich ja nicht nur von einem Apparat. Man verabschiedet sich von einem Blick, von einem Geräusch, von einem Gewicht in der Hand, von der alten feierlichen Begrenzung: 36 Bilder, und dann musste man überlegen, ob der nächste Augenblick wirklich ein Foto wert war.

Nun hielt ich also eine silbrige kleine Taschenkamera in der Hand, eine Canon PowerShot A700. Meine erste Digitalkamera. Ein technisches Versprechen, ein Trostgerät, ein winziges Stück Zukunft. Und das erste Bild, das sie sehen sollte, war kein Denkmal, kein Festival, kein Gitarrist, keine Bühne. Es waren zwei Hochzeitsreisende hinter einem schäbigen Fenster.

Ein großer Bobtail und eine Katze mit Courage.

Sie blickten hinunter wie zwei ältere Herrschaften im Kurhotel, denen man den Ausflug gestrichen hatte. Vielleicht wollten sie ebenfalls zum Gitarrenfestival. Vielleicht hatten sie gehört, dass dort Saiten klingen, Menschen lachen und irgendjemand preiswert eine Riesentüte Pommes frites verkauft. Vielleicht sehnten sie sich nach einem Abendspaziergang, nach Gerüchen, Staub, Gras, Musik und der großen Freiheit, die für Hunde und Katzen vermutlich immer nur hinter irgendeiner Tür beginnt.

Aber sie waren eingezäunt. Eingefenstert. Eingerahmt.

Und doch waren sie nicht allein.

Das rührte mich. Denn vielleicht ist das die poetischste Wahrheit über Ehepaare: Man ist eingezäunt, aber zu zweit. Man steht manchmal am Fenster und schaut hinaus auf eine Welt, die ohne einen weitergeht. Man versteht den anderen nicht immer. Der eine bellt innerlich, die andere schnurrt ironisch. Der eine will losrennen, die andere bleibt sitzen und denkt nach. Aber beide schauen in dieselbe Richtung.

Vielleicht genügt das an manchen Tagen.

Nicht immer braucht die Liebe Rosen, Ringe, Reden oder dramatische Sonnenuntergänge. Manchmal braucht sie nur ein Fenster, eine Straße, ein wenig Fernweh und jemanden neben sich, der denselben Blick aushält. Jemanden, mit dem man gemeinsam wartet. Oder aufbricht. Oder überlegt, ob man nicht doch noch schnell nach Belgien fährt, weil irgendwo in einem kleinen Dorf Gypsy-Musik gespielt wird.

Ich fotografierte also dieses Ehepaar im Fenster. Der Bobtail sah aus, als hätte er die Sorgen der Welt geerbt. Die Katze sah aus, als hätte sie beschlossen, sie nicht zu übernehmen. Zusammen waren sie vollkommen.

Und während ich den Auslöser drückte, dachte ich: So beginnt das digitale Zeitalter bei mir nicht mit Fortschritt, sondern mit Treue. Nicht mit Technik, sondern mit einem Blick. Nicht mit der Zukunft, sondern mit zwei Geschöpfen, die nebeneinander warten.

Vielleicht ist jedes gute Ehepaar ein solches Fensterbild.

Zwei Wesen, verschieden bis in die Haarspitzen, aber für einen Augenblick ein gemeinsames Zeichen. Sie schauen hinaus. Sie wissen nicht, was kommt. Sie hoffen vielleicht auf einen Spaziergang, auf Swing-Musik von Roma und Sinti, auf ein offenes Tor. Und selbst wenn nichts geschieht, geschieht doch etwas: Sie sind zusammen im Bild.

Das ist nicht wenig.

Manchmal ist es alles.

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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