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Wehrhaftes Hannover: Von der Stadtmauer ist nur wenig geblieben

Der Beginenturm war der stärkste Turm der Stadtmauer.
 
Wohl ein Baurest vom Leintor: Gideon im Historischen Museum.
 
Stadtmauerrest im Historischen Museum.
Hannover: Innenstadt / Anderten | September 1962: Arbeiter schachten am Rande von Hannovers Altstadt die Baugrube für das geplante Historische Museum aus. Da, plötzlich stößt die Schaufel auf altes Gemäuer. Die Bauleute hatten durch Zufall das viereckige Fundament eines alten Stadtturms freigelegt. Der Wehrturm war Vorläufer des Beginenturms, eines der Wahrzeichen von Hannover. Die Wissenschaftler, die sich an die Untersuchung des überraschenden Fundes machten, entdeckten, dass der durch zwei Schächte belüftete einstige Turmkeller den Stadtwachen als Speiseraum gedient haben muss. Mit den Mauerresten kamen auch Knochen wieder ans Tageslicht, Überreste einer mittelalterlichen Geflügelmahlzeit. Die Grundmauern des kleinen Stadtturms sind für die Nachwelt konserviert worden und im Innenhof des Historischen Museums zu bewundern. Daneben erinnern nur noch wenige Überbleibsel an die einst mächtige militärische Befestigung der Leinemetropole.

Hannovers mittelalterliche und frühneuzeitliche Wehranlage konnte sich sehen lassen. Vierunddreißig Türme, mehrere Tore, eine dicke Ringmauer, später auch Bastionen, Wälle und breite Stadtgräben schützten Hannover vor bösen Nachbarn. Die Festung Hannover war immerhin so sicher, dass Welfenherzog Georg von Calenberg 1636 seine Burg Calenberg bei Schulenburg (Pattensen) verließ und innerhalb der Mauern Hannovers Schutz vor den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges suchte. Hannover wurde dadurch Residenz, der Grundstein zur späteren Landeshauptstadt war gelegt.

Begonnen hatte alles ganz bescheiden im 12. Jahrhundert. Zum Schutz ihrer Siedlung am Hohen Ufer errichteten die Bewohner einen rund 2,5 Meter hohen Palisadenzaun, davor wurde ein Graben ausgehoben. Kleinere Holztürmchen auf steinernen Fundamenten – wie auch der Turm vom Historischen Museum – ergänzten die Befestigung. Um 1300 greift der Stadtrat tief ins städtische Säckel. Eine steinerne Mauer wird begonnen. Acht bis neun Meter türmen die Bürger nun mit Kalksteinen vom Lindener Berg einen Mauerring auf. Etwa 60 Jahre später ist das Werk vollendet. Eine mächtige, 1,25 Meter dicke Mauer mit Türmen, Toren und einem vorgelagerten Wall-Grabensystem riegelt nun die aufstrebende Stadt vom Umland ab.

Rund um die ehemalige Altstadt tummeln sich heute nur noch einige wenige Zeugen aus dieser wehrhaften Vergangenheit. Mit seinen bis zu drei Meter dicken Mauern ist der Beginenturm (1357 erstmals erwähnt) das imposanteste Bauwerk der Stadtbefestigung. Jahrhunderte hat er überdauert, heute ist eine Sanierung dringend erforderlich, um Hannovers Wahrzeichen zu erhalten. Wollen wir hoffen, dass die Stadt sich rechtzeitig um die Wahrung ihres historischen Erbes kümmert. Der Beginenturm (so benannt nach dem benachbarten Kloster der Beginen, einer religiösen Frauengemeinschaft) ist Ausdruck des erstarkenden Selbstbewusstseins der Hannoveraner. Der stärkste Turm der Stadtmauer wurde bewusst als Zeichen schräg gegenüber der landesherrlichen Burg Lauenrode vor der Nase errichtet. Die Bürger wollten den Landesherrn zeigen, wer in Hannover das Sagen hat. An den Beginenturm schließen sich Reste der Stadtmauer an, die einst die Rückfront des früheren Zeughauses bildeten und heute baulich in den Komplex des Historischen Museums einbezogen sind.

An dieser historischen Stätte warten daneben zwei Bildsteine auf ein Rendezvous mit den Hannoveranern. Sie sind die letzten sichtbaren Reste der Stadttore. Das Bildnis des Christopherus gehörte wahrscheinlich einmal zum 1741 abgebrochenen Steintor und ein Relief mit Kopf und Brust eines Gewappneten zierte vermutlich das äußere Leintor. Die beiden anderen mittelalterlichen Stadteingänge – das Aegidien- und das Brühltor – sind vollständig verschwunden. An der Stelle des 1340 urkundlich erwähnten Leintores steht heute das 1782 errichtete Neue Tor, dessen Säulen vom Waterlooplatz hierher versetzt wurden.

Unterschlupf bei der Volkshochschule (VHS) hat der Borgentrickturm gefunden. Die um 1310 erbaute Warte wurde zusammen mit einem Stück Wehrmauer in das Gebäude der Erwachsenenbildungseinrichtung einbezogen. Im Hof der VHS befindet sich ein weiterer Rest Stadtmauer. Nun ist geplant, dass das Haus der VHS aufgegeben und verkauft werden soll. Wir Bürger müssen aufpassen, dass Stadtmauer und Borgentrickturm weiter gesichert und zugänglich sind und nicht den Launen eines Investors ausgeliefert werden. Schon einmal haben die Verantwortlichen der Stadt ihr historisches Erbe verraten. Direkt gegenüber dem Trammplatz mit Neuen Rathaus, hatte ein weiterer Stadtturm die Wirren des Zweiten Weltkriegs überdauert. Kurzsichtige Politik opferte ihn für den Bau des damaligen Interconti-Hotels. Hätte der Stadtturm nicht aus in den Hotelbau einbezogen werden können?

Fast noch in ursprünglicher Höhe am Loccumer Hof neben der Landeszentralbank reckt sich ein weiterer Rest der Stadtmauer in die Höhe. Hier hatte auch ein Stadtturm die Bombennächte überdauert. Um Platz für eine Erweiterung der Landeszentralbank zu schaffen, wurde er in den 50ger Jahren abgebrochen. Über soviel Ignoranz gegenüber dem historischen Erbe in den Köpfen der städtischen Verwaltung kann heute nur noch der Kopf geschüttelt werden. Ganz versteckt auf einen Hinterhof der Osterstraße 32 gibt es ebenfalls ein Stückchen Stadtmauer. Als ich 1986 einen Bericht über die Stadtmauer für die Hannoversche Stadtteil-Zeitung (heute Stadtanzeiger) schrieb, wusste noch nicht einmal der zuständige Denkmalpfleger etwas von diesem Rest des mittelalterlichen Hannovers. Erst als er mich vor Ort begleitete, war er überzeugt. In das Buch zur Denkmaltopografie der Stadt Hannover fand dieser Mauerrest aber keinen Eingang.

Ein Prunkstück ziert das ehemalige Arbeitsamt (heute Arbeitsagentur) an der Brühlstraße. Hier am Leinebogen hat ein Giebelfragment der Clevertorwache seinen neuen Platz gefunden. Etwa 1980 tauchten die als verschollen geglaubten Bauteile mit den Wappen des Königs Georgs III. bei Erdarbeiten im Hof des Landesmuseums wieder auf. Über das – erst neuzeitliche – Clevertor berichtete vor über 200 Jahren der hannoversche Chronist Redecker: „Es hat das Clewer-Thor den Namen von einem Bürger namens Heinrich Clewe, welcher dabey wohnete, hundert und etliche Jahr alt ward und 1661 noch lebte.“ Dieser neue Stadteingang entstand zusammen mit dem Calenberger Tor, als im 17. Jahrhundert Hannovers Verteidigungsgürtel modernisiert wurde. Neben der Stadtmauer trat damals ein ausgeklüngeltes System von Wällen, breiten Gräben und Bastionen. Eben jene Festung, die Georg von Calenberg so verlockend und sicher schien.

Das Torhaus des Clewertores, dessen Giebel erhalten blieb, entstand 1791. Es war schon kein trutziger Wehrbau mehr. Denn das Ende der alten Stadtmauer begann schon 1790. Damals begann man, die Toranlagen abzubrechen und die Wassergräben zuzuschütten. Gegen die modernen Kanonen schützten die Mauern nicht mehr, sie waren nutzlos geworden. Aus den Wällen wurden Promenaden. Der Georgswall, der Friedrichswall und die Georgstraße entstanden und verleihten Hannover einen gewissen Hauch weltstädtischer Eleganz. Der dreieckige Grundriss des Opernplatzes erinnert aber noch an die frühere hier befindliche Bastion aus dem 17. Jahrhundert.

Doch trotz aller Zerstörungen: im Untergrund schlummert wohl auch heute noch so mancher Überrest der Stadtmauer. So wurde im April 1984 in einer Baugrube an der Steintor- und Reitwallstraße 20 bis 30 Sandsteinquader entdeckt, die einst zum Steintor gehörten. Vier Wochen vorher stießen Bauarbeiter schon einmal beim Arbeitsamt auf mittelalterliches Gemäuer im Erdboden. Und in den zugeschütteten Stadtgräben zirkuliert auch heute noch Wasser. Diese Stellen sind feuchter als die benachbarten Grundstücke. Die in der Lützow- und Steintorstraße ausgegrabenen Steine wurden verwahrt, um sie später angemessen im Stadtbild wieder zeigen zu können. Ob dies noch geschieht?

Übrigens: nicht nur das stolze Hannover, auch das kleine Dorf Anderten wusste sich gegen fremdes Kriegsvolk zu wehren. Etwas bescheidener zwar, aber immerhin. Ein Erdwall mit Palisaden und Graben sowie zwei Tore schützten gegen Feinde. Diese Befestigung gab den Ort seinen Namen. Einst nannte sich das Dorf Ondertunun, was soviel wie „Hinter dem Zaun“ bedeutet. Wann die Anlage erbaut wurde ist nicht bekannt. Nach einer im letzten Krieg verbrannten Urkunde sollen die Anderter Bauern 1664 die Wehranlage unerlaubt eingeebnet und darauf Gärten angelegt haben. Zur Strafe mussten sie einen sogenannten „Gartenzins“ zahlen. Das Andenken an die Ortsbefestigung blieb lange erhalten. Noch im 20 Jahrhundert sprachen alte Anderten manchmal vom „Großen- und Kleinem Tor“.
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3 Kommentare
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Bernd Sperlich aus Hannover-Bothfeld | 09.05.2011 | 18:14  
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Katja W. aus Langenhagen | 09.05.2011 | 20:18  
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Kurt Wolter aus Hannover-Bemerode-Kirchrode-Wülferode | 13.11.2017 | 17:44  
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