Ithhöhlen - Bronzezeit
Haben im Ith einst Menschenfresser gelebt?
- In der Regel bleibt vom Menschen nicht viel übrig. Und Knochen mit Brandspuren sind eher selten. Im Ith aber wurden sie gefunden.
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Etwa 40 Kilometer südwestlich von Hannover liegt zwischen Leine und Weser und den Orten Coppenbrügge im Norden und Eschershausen im Süden der Ith. Manch einer kennt den Namen vielleicht aus Kreuzworträtseln. Er ist ein schmaler 22 Kilometer langer Gebirgszug, der an seiner höchsten Stelle 439 Meter erreicht. Das ist nicht unbedingt viel, aber er hat eine Besonderheit. Sein gesamter Kamm besteht aus dem Kalkgestein der Jurazeit, ist zum Teil stark zerklüftet und bildet teilweise senkrechte Felswände, die an manchen Stellen bis um die 30 Meter hoch sein können. Deswegen sind sie bei Kletterern aus ganz Norddeutschland ein beliebtes Ziel. Aber natürlich auch zum Wandern.
Beliebt waren sie aber auch schon bei den Menschen der Frühzeit, der Bronzezeit, die der Aunjetitzer Kultur zugerechnet werden. Den meisten Menschen ist diese damals hochentwickelte Kultur, die im Zeitraum von vor 4300 Jahren bis vor 3500 Jahren auf einem Gebiet des heutigen Mitteldeutschlands, Polens, der Tschechei und bis nach Österreich hin, gelebt hat, vermutlich nicht bekannt. Das sollte sich jedoch im Jahr 2002 durch einen sensationellen Fund ändern, der in diesem Jahr weltweit für Aufsehen sorgte. Das ist die Himmelsscheibe von Nebra, die älteste bekannte Darstellung des Sternenhimmels der Erde. Drei Jahr zuvor hatten sie zwei Raubgräber am Mittelberg bei Ziegelroda in Sachsen-Anhalt entdeckt.
Und die frühen Menschen dieser Kultur zog es nun wegen des Kalkgesteins in den Ith, denn darin befanden sich Höhlen. Die Nasenstein-, die Töpfer-, die Soldaten-, die Bären- und die Rothesteinhöhle. Sie alle boten Unterschlupf und Schutz, und darin haben sie ihre Spuren hinterlassen. Zig Artefakte wurden von Archäologen ausgegraben, Alltagsgegenstände und Schmuck. Aber nicht nur das, sondern neben Tierknochen wie denen von Bären auch die von etlichen Menschen, dabei auch von Kindern. Das wäre jetzt noch nicht einmal etwas Außergewöhnliches, gibt es doch solche Funde an verschiedensten Orten Deutschlands. Außergewöhnlich war jedoch, dass viele dieser Knochenreste Gewaltspuren aufwiesen, angeschmaucht oder sogar verkohlt waren. Oder es war das nahrhafte Knochenmark entfernt. Was hatte das zu bedeuten? Eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten. Waren hier Menschenfresser am Werk gewesen, die Gefangene verspeist hatten, oder handelt es sich dabei um rituelle Opfer? Beides ist für uns keine schöne Vorstellung, bringen wir doch Kannibalismus gedanklich eher mit dem Amazonasgebiet oder den Pazifikinseln in Verbindung. Robinson Crusoe konnte ein Lied davon singen. Und der Mehrfach-Weltumsegler James Cook nahm kein schönes Ende, landete er doch, nachdem er von Südseeinsulanern getötet worden war, aus rituellen Gründen in deren Kochtopf, damit sie sein Fleisch von den Knochen lösen konnten. Es geht sogar das Gerücht, dass Teile seines Körpers verspeist worden seien.
Dass es nun aber auch dort, wo wir heute leben, einmal Menschenfresser oder rituelle Opfer gegeben haben soll, ist nur schwer vorstellbar. Aber andererseits ist das auf allen Kontinenten weltweit nichts Ungewöhnliches. Und in Notsituationen schon gar nicht. Dabei müssen wir gar nicht weit zurückdenken. Es war 1972 in den Anden, als eine Passagiermaschine hoch oben im ewigen Eis abstürzte. Nach Wochen der Suche nach der Maschine konnten die Überlebenden über Funk mit anhören, dass die Suche nach ihnen aufgegeben worden war. In dieser Notsituation konnten die 16 Überlebenden nur deswegen am Leben bleiben und schließlich doch noch gerettet werden, weil sie das Fleisch der Toten aßen. Dazu ist demnach, wenn er dazu gezwungen ist, anscheinend jeder Mensch fähig.
Wer nun einmal die Höhlen im Ith besuchen möchte, der macht das am besten vom Pass aus, der über den Ith von Capellenhagen nach Scharfoldendorf führt. Dort folgt er dem Wanderweg nach Holzen. Nach kurzer Strecke findet derjenige die Höhle des Bärenlochs, das aber 10 Meter senkrecht nach unten führt und nur mit Abseilausrüstung begehbar ist. Aber die größte zugängliche Höhle, die Rothesteinhöhle, ist ausgeschildert und kann von jedem außerhalb der Fledermausschutzzeit besucht werden. Leichte Kletterei und ein sicheres Auftreten sind dazu erforderlich. Die dahinter liegenden kleineren Höhlen liegen versteckt im Wald und stehen unter Naturschutz. Aber es lohnt sich unbedingt diese interessante und spannende Landschaft kennenzulernen. Und wer noch Lust hat, kann danach am Ith noch den sehenswerten und kuriosen Wasserbaum von Ockensen besuchen, die Burg in Coppenbrügge, in der einst auch Zar Peter der Große übernachtet hat oder das Wasserschloss in Bispingen. Alles das lohnt einen Ausflug und macht Freude. Und die Menschenfresserei sollte einen davon nicht abhalten.
Nicht weit entfernt: Der Wasserbaum von Ockensen - eine sehenswerte Kuriosität am Ith
Bürgerreporter:in:Kurt Wolter aus Hannover-Bemerode-Kirchrode-Wülferode |
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