Für viele die schlechteste Nummer 1 aller Zeiten
Wieso die Hörercharts auch N2E überleben werden
- Trotz der wahrscheinlich schwächsten und umstrittensten Nummer 1 aller Zeiten, bleibt die Faszination für die Hörercharts ungebrochen.
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Es gibt Nummer 1 Hits, bei denen man sich denkt: Ja, das passt. Und dann gibt es N2E.
Mit ihrem Song „In meinem Kopf“ steht die bislang weitgehend unbekannte Formation derzeit ganz oben in den deutschen Hörercharts. Und selten dürfte ein Spitzenplatz so wenig Begeisterung ausgelöst haben. In mehreren Medien Berichten über die vergangenen Chartshows wird die Produktion als musikalisch schwach bezeichnet, die außergewöhnlich hohe Punktzahl sorgt für Verwunderung und im Umfeld der Sendung steht sogar der Verdacht einer möglichen Manipulation im Raum. Beweise für eine Manipulation gibt es allerdings nicht. Auffällig ist lediglich, dass eine No Name Band faktisch ohne erwähnenswerte Community so hohe Punkte macht, obwohl der Song von faktisch niemanden in der Chartshow als gut empfunden wird.
Musikalisch kann man über den Song ebenfalls geteilter Meinung sein. Wobei „geteilt“ in diesem Fall vielleicht sogar etwas freundlich formuliert ist. In den bisherigen Reaktionen zur Chartshow wurde „In meinem Kopf“ teilweise als schwächste Nummer 1 der Geschichte der Hörercharts bezeichnet. Andere Medienberichte sprechen von einer „Kopfweh Nummer 1“ und "Katzen Musik". Freundlichere Kommentare verweise auf das gute Thema des Songs, betonen aber "das gab es aber auch schon professionell umgesetzt".
Die Geschichte wäre also eigentlich schnell erzählt. Schlechter Song, seltsame Dynamik, ungewöhnlich viele Punkte, große Fragezeichen. Ende der Geschichte. Nur glaube ich nicht, dass es so einfach ist. Denn wenn man sich die Hörercharts genauer anschaut, dann ist N2E vermutlich weniger eine Bedrohung für die Chartshow als vielmehr ein ziemlich typisches Symptom davon, wie Hörercharts eben funktionieren können.
Nummer 1 heißt nicht automatisch bester Song. Okay normalerweise heißt es auch nicht der subjektiv schlechteste Song. Aber es sind eben Voting-Charts, da können solche "Unfälle" passieren. Das ist der Punkt, den man bei einer Hörerchartshow immer im Hinterkopf behalten sollte.
Eine solche Wertung ist kein musikalisches Gutachten. Sie sagt nicht: Dieser Song ist objektiv besser produziert als alle anderen. Sie sagt auch nicht: Dieser Künstler hat mehr Talent als alle anderen Teilnehmer. Sie sagt zunächst einmal nur: Dieser Titel hat in diesem Abstimmungszeitraum genügend Punkte gesammelt, um ganz oben zu landen. Und genau deshalb können manchmal Künstler an die Spitze kommen, bei denen man sich als Zuhörer verwundert die Augen reibt. Oder sich wie hier erschreckt die Ohren zuhält.
Das ist übrigens keineswegs ein neues Phänomen. Auch bei anderen Hörercharts gab und gibt es immer wieder Diskussionen darüber, warum bestimmte Titel besonders weit oben landen, obwohl ein Teil des Publikums sie musikalisch überhaupt nicht nachvollziehen kann. Schon ältere Diskussionen über Hörercharts zeigen, dass die Frage, wie solche Abstimmungen zustande kommen und warum bestimmte Songs plötzlich vorne liegen, keineswegs neu ist.
N2E hat dieses Prinzip lediglich auf eine ziemlich extreme Art sichtbar gemacht. Und genau das wird die Hörercharts nicht umbringen. Interessant ist nämlich etwas ganz anderes: Trotz der heftigen Kritik an N2E wird die Chartshow nicht plötzlich langweilig. Im Gegenteil.
In den vergangenen Ausgaben gab es jede Menge Songs, über die tatsächlich gesprochen wurde. Die schwedische ABBA Cover Band Skumbollar sorgten mit ihrem ersten eigenen Song „Look into my eyes“ für Begeisterung. Velvet Vulture sprang zwei Wochen davor mit außerirdischem EDM auf Platz 2. Kunstfigur BILLY WANTS MORE landete in der Vorwoche von 0 direkt auf dem Podium. DJ Feuerapfel sorgte mit „Einhörner (Iss sie nicht!)“ für Unterhaltung. Dazu kamen Rammbock, JADE, Skeleton Trap Horse, TRVB 13, Papageno MC, DJ Wolfgang Karabas, Toby Crush und zahlreiche weitere Acts die echt begeistern.
Genau diese Mischung macht die Sendung aus. Und deshalb ist N2E am Ende wahrscheinlich weniger wichtig, als die aktuelle Aufregung vermuten lässt. Die Band wird mutmasslich in der Bedeutungslosigkeit versinken, die Karawane der Hörercharts wird weiter ziehen.
Wer die Chartshow einschaltet, wartet schließlich nicht zwei Stunden lang darauf, ob irgendeine unbekannte Band mit einem fragwürdigen Song auf Platz 1 landet. Die Leute hören Musik. Sie entdecken neue Künstler. Sie diskutieren im Chat. Sie lachen über manche Songs, feiern andere und schalten bei Titeln, die ihnen nicht gefallen, vielleicht auch einfach kurz weg oder machen "Klopause".
Und wenn dann irgendwann N2E kommt, denken sich manche wahrscheinlich einfach: Na gut, jetzt ist es halt wieder vorbei. Das ist vielleicht sogar die treffendste Beschreibung der aktuellen Situation.
Selbstdarsteller gab es schon immer. Die Hörercharts werden deshalb nicht daran zugrunde gehen, dass einmal ein Song ganz oben steht, den viele Hörer dort nicht sehen wollten. Im Gegenteil. Eine Chartshow, in der wirklich alles immer genau so läuft, wie man es erwartet, wäre wahrscheinlich deutlich langweiliger. Und: Dieser Krug namens N2E wird an der Sendung auch vorbei ziehen. Und bis dahin kann man die Sendung ja vor der Nummer 1 einfach abdrehen.
Bürgerreporter:in:Peter Hellbeck aus Hamburg |
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