Landkreis Günzburg
Landkreis Günzburg setzt beim Hochwasserschutz auf KI und ein flächendeckendes Pegelnetz

Ferdinand Munk, Blaulicht- und Katastrophenschutzbeauftragter im Landkreis Günzburg, Landtagsabgeordnete Jenny Schack, Krumbachs Bürgermeister Florian Kaida und Daniel Kramer vom Landratsamt Günzburg stellten Pläne für den Hochwasserschutz im Landkreis vor.   | Foto: Benjamin Sigmund / Landratsamt Günzburg
  • Ferdinand Munk, Blaulicht- und Katastrophenschutzbeauftragter im Landkreis Günzburg, Landtagsabgeordnete Jenny Schack, Krumbachs Bürgermeister Florian Kaida und Daniel Kramer vom Landratsamt Günzburg stellten Pläne für den Hochwasserschutz im Landkreis vor.
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Der Landkreis Günzburg will den Hochwasser- und Katastrophenschutz künftig mit einem flächendeckenden Pegelnetz, das Echtzeitdaten liefert, und künstlicher Intelligenz weiter verbessern. Im Rahmen des Förderprogramms BIPA (Bavarian-Israel Partnership Accelerator) wurden digitale Anwendungen entwickelt, die Einsatzkräfte und Kommunen im Ernstfall unterstützen sollen.

„Die Hochwasserereignisse der vergangenen Jahre haben uns sehr deutlich gezeigt, dass wir beim Katastrophenschutz neue Wege gehen müssen. Wir brauchen Systeme, die schneller reagieren, bessere Daten liefern und Einsatzkräfte konkret unterstützen“, sagt die Günzburger Landtagsabgeordnete Jenny Schack, die das Projekt BIPA initiiert, begleitet und die Finanzierung sichergestellt hat. In enger Abstimmung mit dem bayerischen Wirtschaftsministerium, dem Landratsamt Günzburg sowie internationalen Partnern arbeiteten rund 30 Studierende und Wissenschaftler über mehrere Monate an KI-gestützten Lösungen speziell für den Katastrophenschutz im Landkreis Günzburg.

Eine zentrale Grundlage dafür bildet der geplante Aufbau eines flächendeckenden Pegelnetzes entlang der Gewässer Mindel, Kammel, Günz und Zusam sowie deren Zu- und Nebenflüssen. Die betroffenen Kommunen im Landkreis Günzburg werden eng in die Planung eingebunden und können ihren Bedarf an zusätzlichen Pegeln melden. Das Konzept umfasst ausdrücklich auch kleinere Gewässer, die sich bei Starkregen oft besonders schnell entwickeln und innerhalb kurzer Zeit kritisch werden können. Der Landkreis übernimmt die zentrale Beschaffung der Pegel sowie einen Großteil der Kosten.
Die Pegel erfassen künftig kontinuierlich die Wasserstände der Gewässer, die Daten werden in Echtzeit verarbeitet und direkt in ein öffentliches Dashboard eingespeist. „Dadurch können wir wesentlich früher erkennen, wie sich eine Hochwasserlage entwickelt, welche Bereiche kritisch werden und wo Schutzmaßnahmen erforderlich sind“, sagt Ferdinand Munk, Blaulichtbeauftragter im Landkreis Günzburg.
Mit Hilfe eines neuen Sandsackrechners lässt sich ermitteln, wie viele Sandsäcke, Einsatzkräfte und Transportkapazitäten im Ernstfall benötigt werden. Das System arbeitet hierfür mit digitalen Geländemodellen. „Das ist ein enormer Fortschritt gegenüber der bisherigen manuellen Planung. Denn im Ernstfall zählt oft jede Sekunde“, so Ferdinand Munk.

Die Stadt Krumbach hat bereits zehn Pegel und drei Bodenfeuchtesensoren beschafft. Diese Standorte in Krumbach und seinen Stadtteilen werden über das Pegelnetz des Landkreises nun nochmals ergänzt. „Beim Hochwasserschutz müssen alle Ebenen eng zusammenarbeiten“, sagt Bürgermeister Florian Kaida. „Umso wichtiger ist es, dass der Landkreis die Initiative ergreift und ein flächendeckendes Pegelnetz aufbaut. Nur wenn wir den Blick weiten, können wir Risiken frühzeitig erkennen und die Bevölkerung besser schützen.“

Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist ein KI-gestützter Retentionsflächenscanner, der hochauflösende Geländedaten analysiert, um potenzielle Rückhalteflächen zu identifizieren. „Viele mögliche Retentionsflächen sind bislang nicht systematisch erfasst“, sagt Daniel Kramer, der das Projekt am Landratsamt leitet. „Das Tool erkennt Senken, Mulden und natürliche Abflusswege, die mit klassischen Verfahren nur schwer oder extrem zeitaufwendig zu finden wären.“ Kommunen könnten dadurch gezielter planen, wo Schutzmaßnahmen den größten Nutzen bringen. Zudem lasse sich simulieren, welche Auswirkungen Veränderungen im Gelände – etwa an Feldwegen oder Böschungen – auf den Wasserabfluss hätten. Zu diesem Thema hat auch das Amt für Ländliche Entwicklung Schwaben in einer Studie untersucht, welche Potenziale im Landkreis Günzburg vorhanden sind. Erste Ergebnisse wurden kürzlich bei zwei Informationsveranstaltungen mit Bürgermeistern aus dem Landkreis präsentiert.

Parallel dazu wird ein digitales Evakuierungs- und Lagebildtool entwickelt. Auf einer interaktiven Karte wird modelliert, wie sich Hochwasser voraussichtlich ausbreitet. Das System erkennt automatisch betroffene Gebäude, die anonymisierte Zahl der dort lebenden Menschen sowie gefährdete kritische Infrastruktur wie Pflegeheime, Schulen oder Krankenhäuser. „Bisher mussten diese Informationen oft unter großem Zeitdruck manuell zusammengetragen werden“, sagt Kramer. „Künftig erhalten Einsatzleitungen sofort ein digitales Lagebild mit allen relevanten Informationen.“ Dadurch könnten Evakuierungen schneller organisiert und Entscheidungen im Katastrophenfall präziser getroffen werden.

„Wir machen den Landkreis Günzburg widerstandsfähiger gegen Hochwasser und schaffen zugleich ein Modellprojekt mit Vorbildcharakter für andere Regionen“, sagt Landrat Hans Reichhart. „Das Hochwasser 2024 hat uns schmerzhaft gezeigt, wie wichtig moderne Katastrophenvorsorge ist. Jetzt setzen wir die Lehren daraus in konkrete Lösungen um.“

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