Einfach weitermachen
Stolperstein Greifswald
- Foto: Didi van Frits mit ChatGPT-6.1 Astra
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In Greifswald wurde 2012 eine besonders gründliche Form der Gehwegreinigung praktiziert. In der Nacht zum 9. November rissen Unbekannte sämtliche elf Stolpersteine aus dem Pflaster. Kleine Messingplatten, die an jüdische Mitbürger erinnerten, an ihre Namen, ihre Wohnungen, ihre Verfolgung. Anschließend tauchte im Netz die triumphierende Botschaft auf: „Greifswald – stolpersteinfreie Zone“.
Was für ein Sieg. Elf wehrlose Steine überwältigt. Die deutsche Geschichte endlich wieder begehbar, ohne dass einem das Gewissen zwischen die Füße gerät.
Ich stelle mir die Erleichterung der Täter vor: Endlich konnte man wieder aufrecht durch die Stadt marschieren. Niemand musste sich bücken, niemand einen Namen lesen. Man hatte die Vergangenheit aus dem Pflaster gehebelt und hielt das vermutlich schon für eine Zukunft.
Dabei sind Stolpersteine eine bemerkenswert bescheidene Zumutung. Sie verlangen weder ein Geschichtsstudium noch einen ganzen Nachmittag im Museum. Nur einen kurzen Blick nach unten. Hier wohnte ein Mensch. Er hatte eine Adresse, Nachbarn, einen Alltag. Dann kamen andere Menschen und sorgten dafür, dass er verschwand.
Offenbar ist manchen schon dieser kurze Blick zu viel. Sie möchten gern stolz auf Deutschland sein, müssen dafür aber erst bestimmte Deutsche aus seiner Geschichte entfernen. Vaterlandsliebe mit Radiergummi. Wenn das Messing sich nicht wegradieren lässt, nimmt man eben Werkzeug.
So wurde Greifswald selbst zu einem Stolperstein: ein Ortsname, bei dem man ins Stocken gerät.
Heute denke ich auch bei manchen Wahlergebnissen an Stolperzonen. In Sachsen-Anhalt wurde die AfD stärkste Kraft. In Mecklenburg-Vorpommern scheiterte die CDU an der Fünfprozenthürde und flog aus dem Landtag. Die politische Landschaft bietet reichlich Gelegenheit, aus dem Tritt zu geraten. Manche demokratischen Parteien reagieren darauf, indem sie ihre Haltung derart geschmeidig machen, dass man sie bequem zusammenrollen und unter jeder Tür hindurchschieben kann.
Gunter Demnig hat eine andere Methode. Er kniet sich hin.
Der 78-Jährige berichtete im Interview mit Florian Weber (Frankfurter Rundschau, 29.9.2026), nach dem Greifswalder Diebstahl seien so viele Spenden eingegangen, dass er die elf Steine erneut verlegen konnte – und dazu 25 weitere.
Elf herausgerissen. Sechsunddreißig zurückbekommen.
Da hatten die Feinde der Erinnerung unfreiwillig ein Förderprogramm aufgelegt. Ihr Beitrag zur deutschen Gedenkkultur bestand darin, sie erheblich zu vergrößern. Eine politische Investition, deren Rendite ihnen ausgesprochen unangenehm gewesen sein dürfte.
Zu Greifswald gehören eben auch die Menschen, die spendeten. Menschen, die vor den Löchern im Pflaster standen und begriffen, was dort fehlte. Die Täter wollten Namen verschwinden lassen. Andere sorgten dafür, dass noch mehr Namen sichtbar wurden.
Demnigs Antwort lautet:
„Auf Angriffe gibt es nur eine richtige Reaktion: weitermachen.“
Ein erstaunlich kurzer Satz. Keine Arbeitsgruppe, kein Strategiepapier, keine besorgte Erklärung darüber, dass man nun unbedingt die Ängste der Messingplattendiebe verstehen müsse.
Weitermachen.
Während andere nach dem Schlussstrich suchen, holt Demnig frischen Mörtel. Dann bückt er sich, setzt einen Namen ins Pflaster – und bringt ein ganzes Weltbild aus dem Tritt.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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