Vertrauen gegen die Verzweiflung

Als "Erwin Pelzig" auf der Bühne der Stadthalle Gersthofen
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myheimat: In der Pause verkaufen Sie CDs an einem Stand an dem lediglich € 100 Wechselgeld liegen und vertrauen darauf, dass die Menschen ehrlich bezahlen. Vertrauen Sie den Menschen an sich?
Barwasser: In 95 % aller Fälle klappt das. Es fehlen vielleicht mal kleine Summen, aber im großen und ganzen funktioniert es sehr, sehr gut. Man muss natürlich auch sehen, dass es den ganzen Abend um das Thema „Vertrauen“ geht. Ich bin mir nicht so sicher, wie es wäre, wenn man einfach so die CDs verkaufen würde. Nachdem es aber die ganze Zeit um das Thema Vertrauen geht, hat auch das Publikum den Ehrgeiz, dass dieses Experiment klappt.

myheimat: Was bedeutet für Sie selber eigentlich Vertrauen?
Barwasser: Vertrauen ist die Grundvoraussetzung, um in diesem Chaos nicht zu verzweifeln.

myheimat: Vertrauen in die Menschen oder in sich selber?
Barwasser: Beides. Aber das schließt Selbstzweifel und Enttäuschungen nicht aus. Ich denke, blindes Vertrauen wäre auch nicht richtig. Man muss natürlich schauen, dass man sich ein Umfeld schafft, in dem die Wahrscheinlichkeit, dass das Vertrauen enttäuscht wird, niedrig ist. Nachts um drei mit € 10 000 durch die Bronx zu laufen, ist z.B. nicht so eine gute Idee.

myheimat: Um auf das Zwangsarbeiterprojekt der Schüler des Paul-Klee-Gymnasiums Gersthofen zu sprechen zu kommen: Kann man den Schülern und Jugendlichen vertrauen?
Barwasser: Ja selbstverständlich. Dumpfbacken gibt es zwar überall, aber es muss doch jeder eine Chance bekommen, dass man ihm vertraut. Ich denke, dass ein Klima des Misstrauens das Eintreten von Enttäuschungen sehr fördert. Man sollte stattdessen ein Klima des Vertrauens fördern. Die Leute wollen Vertrauen spüren. Dazu gehört natürlich auch, dass man Verantwortung hat. Selbstverständlich kann das auch Enttäuschungen zur Folge haben. Das ist klar. Was die Jugendlichen betrifft, so glaube ich nicht, dass die Jugend schlecht ist. Jetzt redet man zwar vom Komasaufen, aber das ist doch auch medial gemacht. Da wird sich jetzt hektisch auf das Komasaufen gestürzt und in ein paar Wochen gibt es wieder das nächste Thema. Da passiert dann irgendwas und das wird groß aufgebauscht. Bald schmeißt jemand mit Steinen an ein Fenster und bekommt dann eine Schlagzeile. Wie die Jugend gesehen wird, hat viel mit dem Verhalten der Medien und der medialen Wahrnehmung zu tun. Es besteht die Gefahr, dass diese Generation als völlig versoffen dargestellt wird. Aber das ist nicht wahr.

myheimat: Können nicht aber auch die Medien Jugendliche negativ beeinflussen? Besteht nicht die Gefahr der Abstumpfung bei bestimmten Themen?
Barwasser: Ich denke, das hängt immer auch davon ab, was die Kinder von zuhause mitbekommen. Ich möchte nicht sagen, dass die Jugendlichen immer schlimmer werden. Sondern es hängt immer von mehreren Faktoren ab. Wenn es kein soziales Netz gibt, keine Liebe zuhause, kein Interesse und dann noch Computerspiele hinzukommen und es in der Schule Probleme gibt, dann gibt es halt unter 10 Gefährdeten einen, der durchdreht. Es müssen eben immer mehrere Faktoren zusammen kommen. Aber ich glaube nicht, dass Computerspiele allein dafür sorgen, dass jemand durchdreht. Das ist mir zu einfach gedacht. Was sich vielleicht geändert hat, ist dass die Hemmschwelle gesunken ist und beispielsweise Prügeleien brutaler werden. Das sagen ja auch Polizeistatistiken.

myheimat: Teilweise werden solche Prügeleien ja mit dem Handy aufgenommen und weiter verschickt.
Barwasser: Das ist sicherlich eine problematische Entwicklung. Aber mein Neffe ist zum Beispiel 17 und der würde bei so etwas auch den Kopf schütteln. Man darf nicht alles pauschalisieren. Wir waren zum Beispiel fünf Kinder und ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Ich habe als Kind und Jugendlicher sehr viel Liebe und Zuneigung erfahren. Deswegen war ich nie wirklich gefährdet, auch wenn ich schwierige Lebensphasen hatte und in der Schule nicht gerade toll war. Das Elternhaus hat unbestritten einen großen Einfluss, aber es ist auch keine Garantie, dass jemand nicht zur Nadel greift, Amok läuft oder sich ne Glatze schneidet und Hakenkreuze an die Wand malt. Wie gesagt, es müssen immer mehrere Faktoren zusammenspielen.

myheimat: Welche Funktion haben ihrer Meinung nach Kabarettisten für die Gesellschaft?
Barwasser: Wenn man es ohne Illusionen betrachtet, dann sind Kabarettisten Teil des Unterhaltungsangebotes. Wenn man aber ein bisschen Hoffnung hat, dann will man dem einen oder anderen Zuschauer ein bisschen was mitgeben.

myheimat: Als Kabarettist muss man das Ohr an den Menschen haben. Wo sehen Sie eigentlich die Gesellschaft in 20 Jahren, wenn Sie sich die Menschen anschauen?
Barwasser: Es kommen natürlich große Probleme auf die Gesellschaft zu. Ich glaube aber, dass sie immer einen Weg finden wird. 20 Jahre ist vielleicht ein zu kleiner Zeitraum. Da wird nicht viel anders sein als jetzt. Spannender wäre es 100 Jahre in die Zukunft zu schauen. Da kann man aber nur spekulieren. Aber es wird die Welt noch geben.

myheimat: Das hört sich positiv an.
Barwasser: Naja, man darf die Hoffnung nie aufgeben. Auch wenn es einem manchmal sehr schwer fällt. Ich bin nicht immer optimistisch. Aber die Alternative wäre, dass wir uns alle kollektiv aufhängen. Das kann es ja auch nicht sein.

myheimat: Wenn Sie jetzt trotzdem ein Szenario an die Wand malen müssten: wie wird die Welt aussehen?
Barwasser: Das könnte ich nur schwer. Die Welt befindet sich momentan in einer Phase die unkalkulierbar ist. Es könnte alles vorstellbar sein.

myheimat: Sie treten ja für das Zwangsarbeiterprojekt von Herrn Lehmann und seinen Schülern auf. Kann man als Kabarettist auch so etwas zum Thema machen?
Barwasser: Zwangsarbeit an sich nicht. Aber den Umgang mit dem Thema und die Aufarbeitung. Das kann man sehr wohl zum Thema machen.

myheimat: Gibt es generell irgendwelche Grenzen für einen Kabarettisten?
Barwasser: Das muss jeder Künstler selber wissen. Das ist ja auch eine Stilfrage. Ich kann ja z.B. mit der Figur „Erwin Pelzig“ weiter gehen, als wenn ich als ich selbst auf die Bühne gehen würde. Die Grenzen legt der Künstler für sich selber fest.

myheimat: Wenn man sich Filme wie „Mein Führer“ oder „Neues vom Wixxer“ ansieht: Finden Sie den Umgang mit dieser Thematik in Ordnung?
Barwasser: Wenn Hitler zur reinen Witzfigur wird, dann sehe ich das schon ein bisschen problematisch. Ich kann auch über Hitlerparodien mittlerweile nicht mehr lachen. Das kennt man schon. Das ist schon durch. „Mein Führer“ habe ich nicht gesehen. Mein 17jähriger Neffe fand ihn aber nicht gut, weil Hitler für ihn in dem Film als eindimensionaler, lächerlicher Mensch dargestellt wurde. Auf einer bestimmten Art und Weise war er sicherlich lächerlich, aber wenn er nur noch auf die Lächerlichkeit reduziert wird, dann wird es gefährlich. Denn er war vor allem ein gefährlicher und menschenverachtender Mensch.

Interview: Sven Mesch
Bilder: Claudia Dörr

Bürgerreporter:in:

Sven Mesch aus München

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