Vanessas Drachenchronik – Das Bündnis des Lichts
Episode 3: Das Rätsel der alten Grenzruine
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Die Erleichterung über das glückliche Ende ihres ersten Aufeinandertreffens mit den Schattenkreaturen war noch spürbar, als die Gruppe am nächsten Morgen ihren Marsch fortsetzte. Der dichte, kalte Nebel der vergangenen Nacht hatte sich verzogen und wich einem klaren, aber scharfen Frühlingswind. Die Landschaft veränderte sich zusehends: Die sanften Wiesen wichen kargem, felsigem Boden, und vor ihnen erhoben sich die Überreste einer uralten Festung.
Es war die alte Grenzruine von Auenfels, einst ein stolzes Bollwerk, das die Königreiche vor den Gefahren des Nordens geschützt hatte. Heute standen nur noch bemooste, rissige Mauern und ein zerfallener Wachturm, um die wilde Ranken wuchsen.
Prinz Julian, der mit seinem silbergrauten Pferd an der Spitze ritt, hielt an und blickte hinauf zu den zerschlagenen Zinnen. „Hier müssen wir hindurch“, erklärte er leise. „Es gibt keinen anderen Weg, der nicht tagelang um das steile Felsmassiv herumführt. Doch die Alten erzählten sich, dass die Tore der Ruine durch ein uraltes Rätsel verschlossen sind. Nur wer den Sinn versteht, darf passieren.“
Vanessa trat neben das Pferd des Prinzen, blickte zu den mächtigen Mauern empor und atmete tief ein. Neben ihr liefen Ben und Greta, während Silke mit ihrem hölzernen Bestimmungsstab den Boden abtastete. Kupfer, der treue Drache, flog kreisend über der Ruine und prüfte mit seinen goldenen Augen, ob Gefahr im Verzug war.
Gemeinsam betraten sie den inneren Burghof. In der Mitte, direkt vor einem massiven Steintor, das tief in den Fels eingelassen war, befand sich ein runder Platz aus schwarzem Basalt. Auf dem Steinboden waren seltsame Symbole eingemeißelt: eine Sonne, ein Wassertropfen, ein schimmerndes Blatt und eine Flamme.
Silke ging sofort in die Knie, strich mit den Fingerspitzen über die eingravierten Zeichen und untersuchte die feinen Rillen. „Das sind keine gewöhnlichen Steinmetzarbeiten“, flüsterte sie nachdenklich. „Das ist alte Magie. Jedes Symbol steht für ein Element der Natur. Wenn wir den Stein in der falschen Reihenfolge berühren, bleibt das Tor verschlossen – oder schlimmeres.“
Ben, der sich in der Schmiede von Oakhaven bestens mit Metall und festen Verbindungen auskannte, trat heran und klopfte leicht mit einem kleinen Hammer gegen das Tor. „Es ist kein einfaches Schloss“, stellte er fest. „Kein Dietrich der Welt wird hier helfen. Es ist eine Prüfung des Verstandes und des Zusammenspiels.“
Plötzlich raschelte es an der Steinwand. Eine alte Inschrift, die bisher im Efeu verborgen gewesen war, kam zum Vorschein, als Greta vorsichtig die Ranken zur Seite strich. Im schwachen Licht der Mittagssonne glänzten dort in Stein gemeißelte Runen.
Greta, die als Jägerin gelernt hatte, Zeichen und Fährten genau zu lesen, entzifferte die Worte laut:
„Erst wenn der Keim der Erde entspringt, das Wasser ihn nährt, die Flamme ihn wärmt und das Licht ihn krönt, öffnet sich der Weg für das Bündnis.“
Alle blickten sich an. Vier Symbole – und vier Gefährten.
„Das ist es!“, rief Vanessa und ein helles Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Es ist keine Aufgabe für einen Einzelnen. Es ist eine Aufgabe für uns alle gemeinsam.“
Silke trat als Erste vor, kniete sich vor das Symbol des Blattes und legte ihre Hand darauf. „Die Erde und das Wachsen“, sprach sie klar. „Die Kraft der Pflanzen, die das Leben nährt.“
Sofort trat Greta an das Symbol des Wassertropfens und berührte es. „Das Wasser, das den durstigen Boden tränkt und den Weg bereitet.“
Ben trat entschlossen vor das Flammensymbol und legte seine Hand flach auf den Stein. „Das Feuer, das Wärme spendet und uns den Weg leuchtet, selbst in der Dunkelheit.“
Bliebt noch das Symbol der Sonne und des Lichts. Vanessa sah zu ihren Freunden, nickte dann Prinz Julian zu, der respektvoll einen Schritt zurückgetreten war, um den Kindern den Vortritt zu lassen. Vanessa trat vor das letzte Symbol und legte beide Hände darauf. „Und das Licht, das den Mut in unseren Herzen entfacht.“
Kaum hatte Vanessa das Symbol berührt, geschah das Unglaubliche. Ein helles, warmes Leuchten breitete sich von den vier Steinsymbolen aus. Die Runen auf dem Boden begannen in einem sanften Goldton zu glänzen, und ein tiefes, grollendes Summen erfüllte den alten Burghof.
Das massive Steintor, das jahrhundertelang fest verschlossen schienen war, glitt langsam und lautlos in den Fels zurück. Dahinter öffnete sich ein geheimnisvoller, von Fackeln erleuchteter Gang, der tief in das Innere des Graumann-Gebirges führte.
Von oben stieß Kupfer ein freudiges, helles Brüllen aus und landete mit einem sanften Schlag seiner großen Schuppenflügel im Hof. Er schien stolz auf seine jungen Freunde zu sein.
Prinz Julian stieg von seinem Pferd, trat an Vanessa heran und sah sie mit tiefem Respekt an. „Eure Klugheit und euer Zusammenhalt sind stärker als jedes Schwert, Vanessa. Ohne euch hätten wir dieses Tor niemals geöffnet.“
Mit neuer Zuversicht und festem Schritt machten sich die fünf Gefährten und ihr Drache bereit, den nächsten Schritt auf ihrem Weg zu tun – hinein in das Abenteuer, das sie tiefer in das Reich des Lichts führen sollte.
Bürgerreporter:in:Wolfgang Weiss aus Untermeitingen |
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