Spukies - Grundlagen 5
Das Diplom zum Schloss-Meister
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Wenn die allerletzte Besuchergruppe das imposante Schlossportal verlässt, das Geräusch der schweren Eichentüren verklingt und die Scheinwerfer am Abend langsam erlöschen, hüllt sich Schloss Neuschwanstein in ein geheimnisvolles, tiefblaues Licht. Der Pöllat-Nebel steigt sanft an den kühlen Steinmauern empor, und in den Dachgewölben beginnt es leise zu knistern.
Für den kleinen Spukie Chrismo war diese Nacht nicht irgendeine Nacht. Es war die Nacht. Die Nacht der großen Meisterprüfung der Spukies!
Chrismo stand auf einem alten Buchenbalken im Dachstuhl und zog die Schnallen seiner grauen Filzschlappen ein letztes Mal straff. Neben ihm lag sein treues blauseidenes Geisterbündel, aus dem das Glas mit dem Pöllatschlucht-Nebel sanft weissgrau schimmerte.
„Ruhig atmen, Chrismo, ganz ruhig“, flüsterte er sich selbst zu. Seine kleine Geisterhand zitterte ein wenig.
Da schwebte Professor Barnabas von Polterstein heran. Der weise Geisterkundler trug zu diesem feierlichen Anlass einen besonders edlen, samtschwarzen Zylinder, und seine kleine runde Brille funkelte im Mondlicht.
„Lampenfieber gehört zu jedem großen Meister-Spukie dazu, mein lieber Chrismo“, raunte der Professor mit seiner warmen, tiefen Stimme. „Erinnere dich an alles, was du gelernt hast: Wie wir Geister aus guten Wünschen und Gefühlen entstehen. Wie man schmollende Steine tröstet, mit Fledermäusen spricht und lautlos über das Parkett gleitet. Du bist bereit!“
Punkt Mitternacht versammelten sich alle Prüflinge und die drei weisen Vertreter des Hohen Ober-Geisterrates von Schwaben im herrschaftlichen Thronsaal. Die riesigen blauen Säulen ragten stolz empor, und der mächtige Kronleuchter warf milde Schatten an die Wände.
Der älteste Prüfer trat vor. Seine Stimme klang wie das leise Murmeln eines alten Bergbachs:
„Spukies von Schwaben! Eure finale Meisteraufgabe lautet: Erschafft gemeinsam eine Nacht vollkommenen Schlosszaubers! Ihr müsst die Steine trösten, die Säle pflegen und die Musik des Schlosses zum Klingen bringen – ohne dabei auch nur eine einzige Schramme im Holz oder einen Fleck auf den Gemälden zu hinterlassen. Zeigt uns, dass ihr wahre Beschützer dieses Märchenschlosses seid!“
Chrismo blickte zu seinen Mitschülern. Alle nickten sich entschlossen zu. Sie wussten genau, was zu tun war, denn die Arbeitsteilung unter den Spukies funktionierte perfekt!
Die Schlappen-Glitschen-Aktion im Sängersaal:
Gismo, Chrismo und die anderen jüngeren Arbeiter-Spukies zogen ihre riesigen Filzschlappen an. Wie auf Kommando nahmen sie Anlauf und sausten in langen, geschwungenen Pirouetten über das kostbare Parkett. Sie holten keinen einzigen Holzsplitter heraus, sondern polierten den Boden in lautloser, eleganter Perfektion, bis das Holz spiegelglatt glänzte.
Draußen im kühlen Burghof grollte ein alter Eckstein. Er war müde vom Tragen der schweren Turmmauern und hatte tagsüber zu viele laute Geräusche gehört. Chrismo schwebte zu ihm hinunter. Er holte eine Prise des frischen Pöllat-Nebels aus seinem Geisterbündel, pustete ihn sanft über die Risse im Stein und flüsterte: „Danke, dass du das Schloss so sicher hältst, lieber Stein.“ Sofort hörte das Grollen auf, und der Stein entlockte sich ein zufriedenes, leises Seufzen.
Als Höhepunkt stimmten alle Spukies unter dem Dirigat von Professor Barnabas ein leises, zauberhaftes Flüstern an. Es webte sich zusammen mit dem Wind, der um die Zinnen strich, und dem fernen Rauschen des Wasserfalls. Die gemalten Ritter an den Wänden neigten dankbar ihre Köpfe, und der majestätische Kronleuchter im Thronsaal begann leise zu summenden Akkorden zu schwingen.
Es war keine Furcht erregende Spuknacht – es war eine Symphonie aus Herzensgüte, Geschichte und Magie.
Als die ersten sanften Sonnenstrahlen hinter den Gipfeln der Ammergauer Alpen hervortauchten und den Himmel in zartes Rosa und Gold tauchten, trat der Ober-Geisterrat erneut vor die versammelten Spukies.
Der älteste Ratgeber lächelte mild, rollte eine große, golden schimmernde Pergamentrolle auf und sprach:
„Ihr habt bewiesen, dass Spukies nicht da sind, um Angst zu machen. Ihr schützt die Geschichte, ihr pflegt die Räume und ihr haltet den Zauber von König Ludwig II. lebendig. Hiermit verleihen wir euch das Diplom zum Meister-Schlossgeist von Neuschwanstein!“
Chrismo nahm sein Diplom mit leuchtenden Augen entgegen. Professor Barnabas klopfte ihm stolz auf die Schulter und rückte seine Brille zurecht.
„Ich bin so stolz auf dich, kleiner Chrismo“, sagte der Professor leise. „Du hast gezeigt, was ein echtes Herzens-Gespenst ausmacht.“ Danach machten sich die anderen Spokies auf ihren Weg zu ihren Burgen, Ruinen und Schlössern in Bayern.
Wenn ihr das nächste Mal zum Schloss Neuschwanstein reist oder eiene andere Ruine oder eien anderes Schloß besucht, um die imposanten Türme oder Räume zu bewundern und durch die prachtvollen Säle zu wandern, dann haltet einmal kurz inne.
Achtet darauf, wie wunderbar glatt das Parkett glänzt. Hört auf das leise, friedliche Murmeln der alten Schlosssteine im Hof. Und wenn an den Fenstern ein kleiner, silbriger Nebelstreif vorüberzieht – dann wisst ihr ganz genau:
Hier waren nachts keine Gespenster zum Fürchten am Werk. Hier waren Chrismo, Professor Barnabas und die anderen fleißigen Spukies aus der Gespensterakademie von Neuschwanstein unterwegs, um auf ihr geliebtes Schloss aufzupassen!
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