Tag der "Deutschen Einheit"
Zum Beispiel Stralsund

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT-6.1 Astra
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Es ist geradewegs zur Hauptmasche der AfD geworden, die alte DDR-Identität stolz wie eine Königskrone zu tragen. Deshalb habe ich mal einen alten Text wieder hervorgekramt. Der neue Zeitgeist legt sich höhnisch wie eine Paste über die oft schon vergessene damalige Wirklichkeit. Im Interesse der Nachhaltigkeit meines Schreibens und Denkens habe ich mir gestern eine seiteninterne Suchmaschine gebastelt, die mir jetzt sehr schnell ermöglicht, ältere Texte wiederzufinden. Falls es jemanden interessiert, kann ich per E-Mail den Link zu meinem Archiv senden. Hier mal, passend zum Tage, ein paar Abschnitte über die Stadt Stralsund:

Meine Mutter lebte auf Rügen. Auf der Durchreise von Prag nach Rügen ließ sie mich direkt nach meiner Geburt 1945 in einem Wuppertaler Kinderheim zurück. Es brauchte 40 Jahre, bis ich sie trotz aller bürokratischen und politischen Hindernisse hinter der Mauer in der DDR wiederfand. Als Westdeutscher setze ich mich nun damit auseinander, wie sich meine Identität wohl entwickelt hätte, wenn ich zum Beispiel in Stralsund und nicht in Wuppertal aufgewachsen wäre.

Stralsund erhielt schon 1234 Stadtrechte. Das klingt nach einem sehr frühen Verwaltungsakt, vermutlich mit Federkiel, Siegelwachs und der Gewissheit, dass man nun endlich berechtigt sei, sich von allen Seiten belagern, beschießen, besetzen, vernachlässigen und später touristisch wiederentdecken zu lassen.

1320 war die Stadtmauer fertig. Vorher hatte man sich, wie es im 13. Jahrhundert üblich war, mit Erdwällen und Palisaden beholfen. Sicherheit war damals noch etwas, das man anfassen konnte. Heute heißt das WLAN-Passwort „Stralsund1234“ und die größte Bedrohung kommt von Kreuzfahrttouristen und Wessis mit Schrittzählern.

Große Abschnitte der Stadtmauer mit Wiek-Häusern sind erhalten. Von den einst zehn Stadttoren existieren nur noch das Knieper- und das Kütertor. Acht Tore haben also kapituliert, vermutlich vor der Moderne, dem Verkehr oder irgendeinem Stadtplaner mit dem Satz: „Das muss weg, da kommt was Praktisches hin.“ Immerhin: Zwei Tore stehen noch. In Stralsund ist das schon fast ein Wunder, denn diese Stadt hat gelernt, dass Geschichte zwar schön ist, aber oft nur, solange sie niemandem im Weg steht.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde Stralsund von Wallenstein belagert. Wallenstein, dieser Generalunternehmer des europäischen Elends, stand vor der Stadt und wollte hinein. Stralsund sagte nein. Nicht allein, versteht sich – ganz so hanseatisch-nüchtern war man dann doch –, sondern mit Hilfe von Schweden und Dänemark. Und weil man in Norddeutschland für Hilfe dankbar ist, aber niemals überschwänglich, beschloss man anschließend, fast 200 Jahre lang zu Schweden zu gehören.

Dann kam das 20. Jahrhundert. Am 6. Oktober 1944 wurde Stralsund bombardiert. Häuser, Straßen, Leben – alles, was eine Stadt ausmacht, wurde in einer einzigen Nacht zerbrochen. Und wer heute durch Stralsund geht, sieht nicht nur Backsteinromantik, sondern auch die Narben darunter. Am 1. Mai 1945 rückte die Rote Armee fast kampflos ein. Fast kampflos: eines dieser deutschen Nachkriegswörter, die klingen, als hätte die Geschichte kurz überlegt, ob sie noch einmal richtig zuschlägt, dann aber erschöpft abgewunken. Stralsund lag da, beschädigt, verängstigt, müde.

Und danach? Stralsund bekam nach dem Krieg die DDR. Während der DDR-Zeit entstanden zahlreiche Plattenbausiedlungen. Das war praktisch, modern, ideologisch korrekt und ästhetisch ungefähr so einfühlsam wie ein Betonmischer auf einer Barockkommode.

Der historische Altstadtkern hingegen verfiel. Kirchen wurden zu Lagerhallen umfunktioniert. Das klingt barbarisch, war aber paradoxerweise manchmal ihre Rettung. Denn was als Lagerhalle gebraucht wurde, wurde wenigstens nicht ganz abgerissen. So überlebte mancher Sakralbau nicht wegen seiner Schönheit, sondern wegen seiner Nutzfläche. Der Heilige Geist als Abstellraum: Auch das ist deutsche Denkmalpflege.

Ganze Straßenzüge waren Ruinen. Besonders schlimm traf es die alten Kaufmannshäuser aus der Hansezeit. Diese Häuser, einst Zeichen von Reichtum, Handel und bürgerlichem Selbstbewusstsein, standen plötzlich da wie alte Herren in zerschlissenen Mänteln, denen niemand mehr zuhört. Heute sind viele wieder wunderschön restauriert. Man sieht ihnen nicht immer an, wie knapp sie der endgültigen Gleichgültigkeit entkommen sind.

Das ist vielleicht das Eigenartige an Stralsund: Die Stadt sieht heute an vielen Stellen aus wie ein sorgfältig gerettetes Bilderbuch, aber wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass einige Seiten angebrannt, andere überklebt und manche nur mit Mühe wieder lesbar gemacht wurden.

Stralsund ist keine Stadt, die einfach „schön“ ist. Sie ist eine Stadt, die mehrfach hätte verschwinden können: hinter Wallensteins Belagerungsplänen, unter Bombenschutt, im Nachkriegschaos, in DDR-Verwahrlosung und im praktischen Denken jener Menschen, die alte Mauern gern erst dann lieben, wenn sie Eintritt dafür nehmen können.

Und trotzdem steht sie da. Stralsund ist also weniger eine Stadt als ein historisches Stehaufmännchen aus Backstein. Es wurde belagert, bombardiert, besetzt, vernachlässigt, rekonstruiert und wieder touristisch poliert.

Größter Attraktionspunkt: Das Ozeaneum. Dort lag ich unter einem riesigen Wal-Skelett, das über mir an der Decke hing, und dachte darüber nach, wie sich der Buckelwal Timmy wohl gefühlt haben musste, als er sich zum Sterben auf eine Sandbank in der Nähe legte. Man ließ ihn dort nicht in Ruhe. Man zerrte ihn in einer Barge rückwärts um Dänemark herum aus der Ostsee wieder hinaus.

Ich fühlte mich auch sehr vertrieben durch diese Fußmatten, auf denen stand: "Beschütze uns vor Sturm und Wind und Wessis, die im Osten sind!" Meine Mutter, die mir ihr Haus auf Rügen als Wiedergutmachung für ein verpasstes Leben vererben wollte, beging Selbstmord, weil mich das dortige Schulamt als Lehrer nicht einstellen wollte. Ich hatte mich 1990 darum beworben, obwohl ich dort nur ein Drittel meines Westgehalts bekommen hätte. Der Schulrat sagte damals als Begründung, er müsse 50 Ex-Stasi-Agenten im Schul-Dienst unterbringen, das sei schon schwierig genug. Das Haus meiner Mutter bekam ich nicht. Mein Stiefvater schenkte es einem AfD-Parteimitglied.

Über der Landschaft, über den schönen Gebäuden, schwebt immer noch, scheinbar untilgbar, der trübe Dunst der politischen Auseinandersetzungen.

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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