Zwei Engel für Charlie
Ein Mäusebussard und ein zweites Leben

Mein Mäusebussard | Foto: Alexander K.Belej
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Ich habe stets Gänsehaut beim Erzählen dieser wunderbaren Geschichte, in der ich dankbar auf solch liebevolle Menschen traf und selbst Teil eines kleines Wunders wurde:

 Es war ein normaler sonniger, warmer Freitag Vormittag im August, ich war auf dem Weg nach München und erst kurz hinter dem Lechbecken vor Beuerbach. Auf der zu diesem Zeitpunkt ungewöhnlich stark befahrenen Bundesstraße ST2027 lag genau in der Mitte der Fahrbahn ein Greifvogel auf der Seite. Und das mir, wo ich doch Greifvögel, Vögel generell, Tiere generell, so liebe. 

 Verdammte Axt. Menschen fahren vorbei, LKWs, keiner hält an, keiner wird langsamer. Nach 200m blieb ich stehen. Sollte ich helfen? Konnte ich? Wie? Was? Solche Gedanken. Überforderungsgefühl. Angst. Reiß' Dich zusammen. Nütze die Angst, sei wachsam und im Vertrauen, das wird klappen. Ich wendete, verlangsamte auf seiner Höhe angekommen meinen schwarzen Corsa. Der Greifvogel war am Leben. Augen aufgerissen. Ich sah ein wenig Blut, er atmete hektisch, fast apathisch. All das in dem kurzen Moment der Beschau. Panik. 100m später wieder stehen geblieben. wer weiß wie lang der da schon liegt auf dem heissen Asphalt, welches Glück er hatte, dass er noch nicht plattgefahren war. Es musste nun schnell gehen. Sehr schnell. Ich sollte wohl hier sein, genau jetzt. Wieder umgedreht. Auf Höhe des Vogels fuhr ich einfach in den daneben gelegenen Acker. Es gab keine andere Möglichkeit, was mir aber egal war. Ich verließ mein Fahrzeug und der Verkehr rauschte vorbei. Die Stelle war echt beschissen gewählt, Maisfeld daneben, in einer Kurve, PKWs mit 100km/h, LKWs.Dann war da eine Lücke im Verkehr und ich konnte zu dem Verletzten Vogel.  Dann plötzlich Ruhe, alles war wie in einem Film. Ich schritt besonnen auf ihn zu, legte vorsichtig aber souverän ein Flanellhemd aus meiner Tasche um ihn, nahm ihn hoch als ob schon 100mal gemacht und trug ihn zum Auto. Ich hatte kein Bewusstsein für die Gefahr, aber das wunderschöne Tier erst einmal gesichert. Doch was nun?

 Telefonieren, recherchieren, Handy brennt. Tierarzt in Scheuring - nix, Tierheim in LL - nix, Greifvogelstation Otterfing - möglich aber sauweit. Dann bekam ich von der Unteren Naturschutzbehörde LRA Landsberg am Lech einen Flyer zugeschickt per Mail - ich war schon soooo sauer weil mir/dem Tier weit und breit niemand helfen konnte oder wollte, doch auf dem Flyer des LRA (schau wozu diese mistigen Handys auch gut sind) stand eine Handynummer, was dann alles weitere auslöste. Die Kette der Ereignisse und Begegnungen, die nun folgen sollte, war eine der wichtigsten und schönsten Erfahrungen meines Lebens.

 Ich stand immer noch an der ST2027 schwitzend, Verkehrslärm, heiß, Bussard im Schatten im Gras, das Auto zwischen der Straße und uns, zur Sicherheit. Ich rief konzentriert die Wildvogelhilfe Olching an, wurde, ähm, recht eigen begrüßt, schilderte dem Herrn mein Problem. Seine Antwort: Schickens mir ein Bild von dem Vogel, dann reden wir weiter.
What? Okay, nicht nachdenken, handeln !!! Gemacht getan, wieder angerufen. Okay, er nimmt Ihn. Olching war quasi eh auf dem Weg so mehr oder weniger. Die Oberschleißheimer Vogelklinik hatte Freitagssiesta also ab nach Olching. Die Wegbeschreibung "Olchinger See, am Ende der Sackgasse, da wo man nicht darf, einfach weiter fahren" klang recht spannend aber gesagt getan war ich unterwegs.
 Kaum losgefahren macht der Bussard in meinem Auto einen Zampano, fängt auf einmal an sich zu bewegen, Flügelschlagen etc. (ich hatte ihn schon sicher "eingewickelt", aber wollte ihn wegen der Hitze keinen zusätzlichen Hitzeschock erleiden lassen). Angehalten, gut zugeredet, "fixiert", Klima an, mit links gelenkt und mit rechts meinen Lederhut mit den angesteckten Bussardfedern zur Beschattung über das Tier gehalten. Nein, Mama, ich fahr so normalerweise nicht, aber was macht man nicht alles. Max. 70km/h, eh net schneller, sehr vorsichtig. Auch wegen dem Passagier. Klima auf, volle Lotte. Und keine Sorge, es war nie jemand anders in Gefahr, kein Verkehrsteilnehmer oder so. 
Dann, Olchinger See.
Ich befuhr das wunderschön eingewachsene Grundstück, stieg aus wie in Trance oder wie in einem Film - wo war ich denn hier???
Die Wildvogelauffangstation von Gerhard Wendl und seiner Frau.

 Von überall wurde ich mit freudigem Zwitschern, abschätzigem Krächzen und herzigen Schreien begrüßt. Ein Paradies. Eine Oase in der Unmenschlichkeit der heutigen Zeit. Ein Streicheln für die Seele. Ich spürte all die Liebe, die hier drin steckte und all die Arbeit und den Schweiß ebenso. Ich staunte und freute mich zugleich über unzählige Vollieren mit gefiederten Bewohnern in Pflege oder Kur. Der liebevolle Nestlingsbereich mit unzähligen Blumentöpfen aus denen sich Hälse junger Vögel und Küken reckten, das ganze Futter, die Hütten, die Flora, Konzentration Junge - denk an Deinen Patienten.
 Ich brachte dem Gerhard Wendl den Bussard, den er gekonnt mit Handschuhen an den Greifen anfasste und u.a. die Schwingen inspizierte "Handschuhe müssen sein, die Krallen gehen sonst durch den Handballen, wenn der krampft" waren die Worte dieses charismatischen Herren, dem ich bis heute seine 84 Jahre nicht abnehmen mag. Manchmal schickt das Universum einem einen Engel und an diesem Tag schickte man mir zwei. Eine kaum zehnjährige Nachbarstochter, die zum Helfen da war, bekam den Bussard in die Hand gedrückt "schweres Anflugtrauma, Flügel sind wohl heil, wie es drinnen aussieht kann man nicht sagen, das bisschen Blut kommt von keinem Bruch"  sagte er mir, und "bringst ihn dahin, wo wir gestern den Storch raus haben" zu der Gehilfin. "der braucht jetzt vor allem Ruhe. Morgen wird er gefüttert und dann von einem Spezialisten abgeholt und tierärztlich untersucht und u.a. geröntgt", so seine bestimmten Worte. An einem großen Tisch etwas weiter weg saßen zwei oder drei Helfer beim Mehlwürmer und Futter sortieren. In mir? Ein Gefühl von den Tränen nah, Erleichterung, Überwältigung und sehr sehr viel Respekt und Dankbarkeit.
 Gerhard Wendl betreibt diese Wildvogelhilfe Olching - nur mit und vor allem wegen der Kraft und Unterstützung seiner Frau -  am Olchinger See seit nunmehr 40 Jahren und das ehrenamtlich. Hier, vor den Toren Münchens und fast in Rufweite der berühmten bayrischen Seen, werden 365 Tage im Jahr von Früh bis Spät Vogelbabys gepeppelt, Nestlinge aufgezogen, Verletzungen von adulten Tieren ausgeheilt, tiermedizinische Fälle weitervermittelt und das alles wird über Spenden finanziert. Kein Urlaub, kaum Freizeit, nix. Diese beiden haben soviel zu erzählen und zu berichten, was Ihnen alles widerfahren ist in all der Zeit, schönes wie auch nicht so schönes. "Wir können nicht allen helfen, das tut oft weh" sagt sie mir. Über 300 Patienten zeitgleich so zu versorgen, dass alle Bedürfnisse weitestgehend befriedigt sind, das sollte man mal einen Manager der Neuzeit (z.B. der DB) machen lassen. Ich ziehe meinen Hut vor diesen beiden Engeln. Ob Schwalbe, Wacholderdrossel, Kuckuck, Pfau, Buntspecht, Meise, Spatz, Rotkelchen, Bussarde, Hasenfledern* es ist Ihnen jedes Federtier willkommen, das ihre Hilfe braucht. Die eine laut Tierklinik vermeintliche Taube, die sie schon erlösen wollten und der in seinen Händen als Kuckuck ein zweites Leben geschenkt wurde. Alles sind sie gerngesehene Gäste im Hause der Wildvogelhilfe Olching. Oder eben auch mein Bussard. "Wir schauen, dass wir immer am Herkunftsort auswildern" so der Vogelflüsterer "viele der gefiederten Freunde leben in lebenslanger Partnerschaft, da muss man die Pärchen wieder zueinander bringen".

 Ich muss nun gehen, will aber in Kontakt bleiben. Bleib ich auch. Ich bin so dankbar, doch kann ich momentan nicht mehr tun, als von Ihnen zu berichten. Von diesen Engeln auf Erden, die bescheiden unter uns weilen und sich kümmern um die, die sonst keine Chance hätten. Gut, Hilfe ist immer gern gesehen und Spenden sind so überlebenswichtig für die beiden. Neulich blieb ich erneut überraschend stehen dort am Olchinger See. Man war vor Ort gerade emsig am Werkeln und so gar nicht in Ratschlaune. Ich hatte ohnehin meine Arbeitsklamotten im Auto und hab dann nach einer Stripeinlage kurzerhand Kies schippen und fahren geholfen, welcher für ein Betonfundament einer neuen Hütte gebraucht wurde. "Morgen kommt der Beton" hieß es. Ich hatte keinen Muskelkater. Gar keinen. Nein überhaupt keinen. Die Hütte wurde allerdings von einem richtigen Handwerker aufgebaut, das hat der Spender so bestimmt. Da durfte meine Makita und meine "kuck mal wer da hämmert-Begabung" nicht ran, auch wenn ich sakrisch Lust gehabt hätte, etwas mehr noch zurückzugeben. Hab einer guten Freundin zumindest die Geschichte erzählt, die hat gleich gespendet. Warum weiß ich nicht.

 Achso, eins noch: ich weiß nicht ob es an mir ist, so etwas ähnliches im Raum A/LL entstehen zu lassen. Aber ich weiß nun einmal mehr, woran es fehlt in unserer Gesellschaft. Der Bereitschaft, der Aufmerksamkeit, dem Hinschauen, dem Dasein füreinander und das bereits gelebt im Kindesalter. Auch für die, deren Lebensraum wir immer mehr einschränken und gefährden und immer gefährlicher machen. Und nein, das ist nicht Evolution oder Mutter Natur, wenn es einige Spezies wegen uns nicht mehr gibt, oder wenn sie sich nicht an uns anpassen können. Das sind wir Menschen, die die Liebe zu Ihrer Umgebung vergessen haben. Mein Bussard jedenfalls fliegt wieder...

Euer Alexander K. Belej

P.S. sollte jemand den Impuls verspüren, die beiden unterstützen zu wollen: Bitte mich anschreiben, ich gebe dann gerne alles weiter.

* die Hasenfleder (Fläddermus Lampii) kommt nur in Bayern vor, ist sehr selten und eng verwandt mit dem Bisamfalter, beides Tiere aus der Gattung Wolpertingerii Bavariciaea). Wären Sie länger zur Schule gegangen, wüssten Sie das. Oder auch nicht.

Mein Mäusebussard | Foto: Alexander K.Belej
Foto: Gerhard Wendl
...und sie können immernoch lachen... | Foto: Alexander K. Belej
Gerhard Wendl im unermüdlichen Einsatz. In den vielen Blumentöpfen befinden sich Nester mit Küken und Nestlingen, die regelmäßige Fütterung brauchen. "wenn man fertig ist, kann man bald wieder von vorne anfangen" so der Vogelflüsterer... | Foto: Alexander K. Belej
Bürgerreporter:in:

Alexander K. Belej

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