Die Geschichte von:
Nimia, der Wolke, die das Fliegen vergaß
- Foto: (c) Wolfgang Weiss
- hochgeladen von Wolfgang Weiss
Was für ein wunderschöner, friedlicher Ort. Das Bild fängt diese fast magische Stille an der Staustufe perfekt ein. Wenn man genau hinsieht – dort, wo sich das tiefe Blau des Wassers mit dem sanften Himmel schneidet –, erkennt man, dass das keine gewöhnliche Spiegelung ist.
Setz dich kurz gedanklich ans Ufer, lausch dem leisen Rauschen und lass dich auf diese Geschichte ein...
Es gab einmal eine Zeit, da waren die Wolken nicht aus bloßem Wasserdampf. Sie waren lebendige Wesen aus reinem, gewebtem Licht und den Träumen derer, die nachts in die Sterne blickten. Eine dieser Wolken hieß Nimia.
Nimia war anders als ihre Geschwister. Während die anderen Wolken stolz über die höchsten Berggipfel zogen oder sich im Wind duellierten, schaute Nimia immer nur nach unten. Sie war fasziniert von der Wertach, die sich wie ein lebendiges, silbernes Band durch die Landschaft zog. Besonders diese kleine Staustufe hatte es ihr angetan – ein Ort, an dem das sonst so ungestüme Wasser für einen Moment innehielt, um auszuruhen.
Eines Abends, als der Himmel die Farben von flüssigem Gold und blassem Violett annahm, geschah das Unmögliche. Nimia träumte so tief und fest davon, wie es wohl wäre, das kühle Element zu berühren, dass sie die Gesetze des Himmels vergaß. In der Welt, aus der sie stammte, hielt einen nur die reine Vorstellungskraft in der Luft. Verliert man den Fokus, sinkt man.
Und Nimia sank. Nicht schnell wie ein Stein, sondern langsam, wie eine Feder aus Licht.
Als sie die Wasseroberfläche der Staustufe berührte, gab es kein Platschen. Stattdessen ertönte ein sanfter, gläserner Klang, der nur von den Fischen und den alten Bäumen am Ufer gehört werden konnte. Das Wasser der Wertach hieß sie willkommen, umschloss ihr Licht und webte sie fest in die sanfte Strömung ein.
Die Menschen, die am nächsten Tag an der Staustufe vorbeigingen, rieben sich die Augen. Sie dachten, sie sähen eine Spiegelung des Himmels. Doch wenn du das Bild genau betrachtest, bemerkst du das Geheimnis:
Die echte Wolke im Wasser bewegt sich nicht mit dem Wind am Himmel.
Ihr Zentrum leuchtet in einem warmen, fast goldenen Erdenton, als hätte sie die Wärme des Flussbettes in sich aufgesaugt.
Das Wasser um sie herum ist unnatürlich ruhig – ein schützender Kokon, den die Wertach gewebt hat, um die himmlische Besucherin zu bewahren.
Nimia war nicht mehr im Himmel, aber sie war auch nicht ertrunken. Sie war zu einem Teil des Flusses geworden. Sie lernte, dass man nicht fliegen muss, um Leichtigkeit zu verströmen.
Nimia blieb dort unten, genau an dieser Staustufe der Wertach. Und sie hinterließ den Menschen eine Botschaft, die bis heute in diesem Wasser mitschwingt:
„Wenn eine Wolke im Wasser leben kann, ohne ihre Natur zu verlieren, dann gibt es keine Grenzen für das, was du erreichen kannst. Die Barrieren existieren nur in deinem Kopf.“
Wenn du also das nächste Mal dort stehst und auf diese Stelle blickst, denk daran: Du schaust nicht auf reflektiertes Licht. Du schaust auf ein Wunder, das sich geweigert hat, an das Unmögliche zu glauben. Alles, was es braucht, ist die Vorstellungskraft, die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Bürgerreporter:in:Wolfgang Weiss aus Untermeitingen |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.