Von null auf hundert
Neues Dschungelbuch entsteht in acht Stunden

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Was am Vormittag noch nicht existierte, stand nur wenige Stunden später auf der Bühne: Beim Ferienprogramm der Theaterfreunde Mittelneufnach entwickelten 30 Kinder und Jugendliche ihr ganz eigenes „Dschungelbuch“ – mit Schauspiel, Bühnenbild, Maske und Technik.

30 Anmeldungen - für ihr Ferienprogramm gleich am ersten Ferienwochenende war das eine Zahl, über die sich die Theaterfreunde Mittelneufnach ganz besonders freuten. Und so herrschte schon am Vormittag ordentlich Betrieb im und rund um das Gemeindezentrum. Was am Ende dieses Tages auf der Bühne zu sehen sein würde, wusste zu diesem Zeitpunkt allerdings noch niemand so genau.

Los ging es erst einmal gemeinsam. Nach einer kurzen Vorstellung standen verschiedene Kreisspiele auf dem Programm, bei denen Kommunikation, Reaktion und Bewegung gefragt waren. Schnell war die anfängliche Zurückhaltung verschwunden und vor allem eines deutlich zu erkennen: Der Spaß war da.

Danach teilten sich die Teilnehmer nach ihren Interessen auf. Wer selbst auf die Bühne wollte, fand sich in kleinen Gruppen zusammen. Die Aufgabe klang zunächst einfach: Denkt euch eine Geschichte rund um das Dschungelbuch aus. Doch von einer ersten Idee bis zu einer Szene, die am Abend tatsächlich vor Publikum gespielt werden kann, ist es dann doch ein gutes Stück Arbeit.

Unterstützung bekamen die Nachwuchsschauspieler dabei nicht nur von den Theaterfreunden. Mit Tina Münch hatten diese eigens eine Theaterpädagogin für das Ferienprogramm engagiert, die den Verein bestens kennt. Schon mehrfach führte sie bei den „alten Hasen“ Regie und stand sogar selbst bereits auf der Mittelneufnacher Bühne. Nun stand sie den einzelnen Gruppen mit Rat und Ideen zur Seite – ohne ihnen dabei ihre eigenen Geschichten aus der Hand zu nehmen.

Dass ein Ferienprogramm in diesem Umfang überhaupt möglich war, verdanken die Theaterfreunde auch dem Frauenbund Mittelneufnach. Bei dessen Auflösung wurden die Theaterfreunde mit einer Spende bedacht, die ausdrücklich der Jugendarbeit zugutekommen sollte. Mit dieser Unterstützung konnte nun unter anderem das Dschungelbuch-Ferienprogramm mit professioneller theaterpädagogischer Begleitung verwirklicht werden. Dafür gilt den ehemaligen Mitgliedern des Frauenbundes ein ganz besonderer Dank – denn ihre Unterstützung wirkt auf diese Weise auch nach der Auflösung des Vereins in Mittelneufnach weiter.

Denn längst nicht alle wollten Schauspieler sein. Und genau das gehört schließlich ebenfalls zum Theater: Auf dem Hof des Gemeindezentrums entstand währenddessen nämlich eine große Dschungellandschaft. Es wurde gemalt, gebastelt und dekoriert, bis sich die zunächst noch kahle Bühne immer mehr in einen farbenfrohen Dschungel mit Pflanzen, Blumen und vielen kleinen Details verwandelte.

Eine weitere Gruppe beschäftigte sich mit der Maske. Hier durfte ausprobiert werden: sich selbst schminken, gegenseitig schminken und natürlich überlegen, welche Tiere und Figuren in einem Dschungel überhaupt auftauchen könnten und wie man diese mit Schminke zum Leben erweckt.

Fast nebenbei entstand noch etwas anderes: Auf einem großen Bildschirm lief den ganzen Tag ein fotografischer Rückblick, der ständig um die neuesten Bilder ergänzt wurde. Und der entwickelte sich schnell zum heimlichen Treffpunkt. Wer gerade ein paar Minuten Zeit hatte, blieb davor stehen und schaute, was seit dem letzten Besuch schon wieder dazugekommen war.

Natürlich musste bei einem solchen Tag auch für die Verpflegung gesorgt sein. Das Küchenteam der Theaterfreunde versorgte die ganze Truppe mittags mit Wienerle-Semmeln und Butterbrezen, Getränke standen den ganzen Tag bereit. Lange Pause war anschließend allerdings nicht angesagt. Ein gemeinsames Spiel – und schon ging es weiter.

Die Schauspielgruppen verfeinerten ihre Szenen, probierten Neues aus und holten sich immer wieder Rat bei den anderen. Gleichzeitig teilten sich die Bühnenbildner noch einmal auf. Ein Teil kümmerte sich darum, die Dschungellandschaft auf der Bühne aufzuhängen und mit den letzten Details fertigzustellen. Andere wollten wissen, was eigentlich hinter den Kulissen passiert, wenn vorne auf der Bühne gespielt wird.

Und da gab es einiges zu entdecken: Für die einzelnen Szenen wurden gemeinsam mit den Schauspielern die benötigten Geräusche gesammelt und auf eine eigens programmierte Tastatur gelegt, damit sie bei der Aufführung im richtigen Moment eingespielt werden konnten. Mikrofone mussten aufgebaut und verkabelt werden, und natürlich durfte auch ein Blick auf die Lichttechnik nicht fehlen. Welche Lampe macht eigentlich was? Wie bekommt man die richtige Stimmung auf die Bühne? Und wann muss welcher Regler bedient werden?

So vergingen die Stunden erstaunlich schnell. Um 18 Uhr füllte sich der Saal - Eltern und Großeltern waren gekommen, Freunde des Theatervereins und auch Interessierte aus dem Dorf wollten sehen, was die Kinder und Jugendlichen an nur einem einzigen Tag auf die Beine gestellt hatten.

Der Vorstand der Theaterfreunde, Kurt Reiser, brachte es bei seiner Begrüßung auf den Punkt: „Was Sie hier sehen, gab es vor acht Stunden noch gar nicht.“ Nach ein paar einleitenden Worten von Tina Münch öffnete sich der Vorhang – und das Mittelneufnacher Dschungelbuch feierte seine Uraufführung.

Das Publikum erlebte, wie ein Affenbaby gerettet wurde und wie schnell im Dschungel neue Freundschaften entstehen können. Es gab ein Versteckspiel zwischen den Dschungelbewohnern und sogar die moderne Welt fand ihren Weg zwischen die Bäume: Was passiert eigentlich, wenn plötzlich Influencer im Dschungel auftauchen und bei den Tieren für reichlich Aufregung sorgen?

Für die letzte Szene kamen schließlich besonders viele der jungen Schauspieler gemeinsam auf die Bühne. Denn selbst im Dschungel kann offenbar irgendwann Langeweile aufkommen. Die Lösung dafür entwickelte sich zu einer großen gemeinsamen Gymnastikübung – und zu einem entsprechend lebhaften Abschluss der Aufführung.

Doch nicht nur das, was auf der Bühne zu sehen war, gehörte an diesem Tag zum Theater. Hinter den Kulissen sorgte die Technik dafür, dass Licht, Mikrofone und Geräusche im richtigen Moment funktionierten. Gleichzeitig wurde die komplette Aufführung gefilmt. Zusammen mit den vielen Fotos des Tages bekamen die Teilnehmer damit anschließend eine schöne Erinnerung an ihr ganz persönliches Dschungelbuch.

Und vielleicht war genau das der wichtigste Teil dieses Ferienprogramms: Viele Kinder und Jugendliche lernten Theater an diesem Tag einmal ganz neu kennen. Nicht nur als Schauspiel auf einer Bühne, sondern als Gemeinschaftsprojekt, bei dem ganz unterschiedliche Talente gebraucht werden. Schauspieler, Techniker, Bühnenbildner, Maskenbildner – erst zusammen entsteht daraus eine Aufführung.

Dass dabei alle offensichtlich jede Menge Spaß hatten, war spätestens beim Schlussapplaus nicht mehr zu übersehen. Und bei dem einen oder der anderen scheint das Theaterfieber sogar so richtig ausgebrochen zu sein. Einige können sich jedenfalls schon vorstellen, künftig bei einem der zahlreichen Kinder- und Jugendtheaterprojekte der Theaterfreunde selbst wieder mitzumachen.

Vielleicht war es also nicht nur die Premiere eines ganz besonderen Dschungelbuchs. Vielleicht standen an diesem Abend auch schon ein paar der Schauspieler und Helfer von morgen auf und hinter der Bühne.

Bürgerreporter:in:

Jürgen Baur aus Mittelneufnach

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