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Gutenberg und die Ewigkeit auf Widerruf
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Ich meine jetzt nicht Karl-Theodor zu Guttenberg, den ehemaligen CSU-Minister und heutigen Lebensgefährten von Katherina Reiche. Ich meine Johannes Gensfleisch zur Laden zum Gutenberg aus Mainz. Schon die Namen verlangen etwas Aufmerksamkeit. Der eine hat ein "t" zu wenig. Der andere hätte bei fremden Texten ein paar zusätzliche Fußnoten gebrauchen können.
Der Mainzer Gutenberg entwickelte im 15. Jahrhundert ein Verfahren, mit dem sich Texte in großer Zahl vervielfältigen ließen. Der fränkische Guttenberg geriet einige Jahrhunderte später in Schwierigkeiten, weil sich in seiner Doktorarbeit fremde Texte ohne ausreichende Kennzeichnung wiederfanden. Gutenberg brachte die Buchstaben in Bewegung. Guttenberg brachte die Universität Bayreuth in Bewegung. Am Ende war der Doktortitel weg. Dabei wollen wir es mit dem jüngeren Herrn bewenden lassen. Der ältere hat mehr zu erzählen.
Wobei mich sein Name Gensfleisch zuverlässig vom Rhein an eine ehemalige DDR-Grenze versetzt: „Gens fleischt mal de Kofferraum uffmache?“ Mein innerer Grenzsoldat kontrolliert noch immer die Ladefläche, während der Mainzer längst die Lettern sortiert. Man muss seine Einfälle gelegentlich zurück an ihren Arbeitsplatz schicken.
Gedruckt wurde natürlich auch in der DDR. Und durchaus Wesentliches. Nur durfte nicht alles Wesentliche gedruckt werden. Die beweglichen Lettern waren vorhanden; mit der Beweglichkeit der Gedanken hatte die Staatsführung ihre Schwierigkeiten. Ein Buch konnte Grenzen überwinden. Deshalb schaute man lieber nach, ob eines im Kofferraum lag.
Gutenberg selbst war auch nicht der erste Mensch auf Erden, der bewegliche Schriftzeichen verwendete. In Ostasien war man ihm längst voraus. Aber um 1450 brachte er in Mainz Metalllettern, Gießverfahren, Druckfarbe und Presse zu einem leistungsfähigen System zusammen. Das Alphabet bekam eine Werkstatt.
Was für eine Vorstellung: Ein Buchstabe wird gegossen, benutzt, herausgenommen und wieder eingesetzt. Er darf heute in einer Bibel stehen und morgen in einem ganz anderen Text. Derselbe Buchstabe, eine andere Nachbarschaft. Manchmal denke ich, Menschen könnten sich daran ein Beispiel nehmen.
Seine berühmte Bibel entstand in ungefähr 180 Exemplaren. Heute genügt ein Druck auf eine Taste, und ein Text könnte Millionen erreichen. Ob ihn dann auch jemand liest, ist eine andere Frage. Wir haben die Verbreitung ungemein vereinfacht. Die Aufmerksamkeit lässt sich weiterhin nicht auf Knopfdruck herstellen.
Ich stelle mir Gutenberg vor meinem Laptop vor. Erst staunt er. Dann fragt er, wo die Presse steht. Ich zeige ihm die Taste „Veröffentlichen“.
„Und das war’s?“
„Im Wesentlichen.“
Er schaut auf seine Hände. Keine Druckerschwärze. Kein schwerer Pressbalken. Keine frisch bedruckten Bogen, die zum Trocknen ausgelegt werden müssen.
Vielleicht freut er sich. Vielleicht vermisst er aber auch den Augenblick, in dem man eine Seite vorsichtig anhebt und sieht: Da ist sie nun. Ein Gedanke hat Papier bekommen.
Gedruckt bedeutete freilich auch damals nicht: wahr. Eine Druckerpresse vervielfältigt einen Irrtum mit derselben Hingabe wie eine Erkenntnis. Sie besitzt keine Taste für Gewissen. Und selbst die Bibel, der Gutenberg so viel Arbeit widmete, brachte die Menschen nicht dazu, sich über ihre Auslegung zu einigen. Man konnte nun bloß in mehr Exemplaren darüber streiten.
Inzwischen streiten wir schneller. Ein Text ist kaum erschienen, da hat sich schon jemand empört, jemand anderes die Überschrift gelesen und ein Dritter festgestellt, dass er so etwas grundsätzlich nicht liest. Seine Stellungnahme dazu umfasst vier Absätze.
Gutenberg hätte womöglich gestaunt, wie viel Öffentlichkeit ein Satz bekommen kann. Und wie kurz sie dauert.
Mich beschäftigt inzwischen noch etwas anderes: Wie lange bleiben die eigenen Bücher?
Meine Kindle-Ausgaben möchte ich bald aus dem Netz nehmen lassen. Ein seltsamer Vorgang. Man hat geschrieben, gefeilt, veröffentlicht – und irgendwann veranlasst man das Verschwinden. Die moderne Ewigkeit hat offenbar eine Schaltfläche.
Meine Bücher bei Bookmundo in Rotterdam gibt es auch auf Papier. Wie lange sie dort erhältlich bleiben, weiß ich nicht. Ob ich ihr Verschwinden noch erleben werde, ebenso wenig. Mit achtzig wird aus der Frage nach der Haltbarkeit eines Buches gelegentlich eine Frage nach der eigenen.
Aber irgendwo könnte eines stehen bleiben. Zwischen anderen Büchern. Mit einer geknickten Ecke, einem Lesezeichen oder einer Bleistiftspur. Vielleicht schlägt es eines Tages jemand auf, der mich nicht mehr fragen kann, wie ich einen Satz gemeint habe.
Dann muss der Satz für sich selbst sprechen.
Gutenberg starb 1468. Seine Buchstaben arbeiteten weiter.
Das wäre auch für mich ein tröstlicher Gedanke: Ich habe irgendwann meine Ruhe. Und irgendwo ist noch eine Seite offen.
Bürgerreporter:in:Didi van Frits aus Hattingen |
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