Eine Hommage an den Chefbettler der Nation
Wie Pfarrer Demel das Kloster Lechfeld rockt
Manchmal braucht es keinen lauten Paukenschlag, um Geschichte lebendig zu halten. Manchmal reicht ein Mann mit Schürze, einer Prise bayerischem Humor und einer tiefen Leidenschaft für seine Heimat.
Die Rede ist von Pfarrer Demel – einem Seelsorger, der sich selbst augenzwinkernd als „Chefbettler der Nation“ bezeichnet, in Wahrheit aber das pulsierende, soziale Herz des Lechfelds ist.
Kommen Sie mit auf einen Streifzug durch die bewegte Geschichte des Klosters, wie sie uns unser Pfarrer bei einer exklusiven Führung durch die jahrhundertealten Gemäuer offenbart hat.
Der große Aufbruch: Warum die Franziskaner einst kamen
Blättern wir das Rad der Zeit zurück ins Jahr 1603. Die Wallfahrt verdanken wir einer resoluten und geschäftstüchtigen Dame: Regina von Imhoff, Witwe des Augsburger Bürgermeisters. Nach einer spirituellen Erscheinung auf ihrem Schlossgut fackelte sie nicht lange und gründete die Wallfahrt. Das war kein Zufall, sondern echtes Kalkül, denn das Kloster lag goldrichtig an der Via Claudia – der alten römischen Handelsstraße Richtung Rom.
Wo gebetet wird, da wird auch hungrig marschiert! Schnell schossen sieben Gastwirtschaften aus dem Boden, Marktrechte (wie für den Pfingstmarkt) wurden erwirkt, und das Lechfeld wurde zum florierenden Umschlagplatz. 1624, mitten im Elend des Dreißigjährigen Krieges, zogen schließlich die Franziskaner ein und machten die Anlage zu einem stolzen Studienkloster für den gesamten Ordensnachwuchs der deutschen Provinz. Bis zu 30 Brüder lebten, beteten und studierten hier in Spitzenzeiten.
Die „stille Wallfahrt“ und der tägliche Kampf mit der Baulast
Und heute? „Die Welt hat sich weiterentwickelt“, erklärt uns Pfarrer Demel nüchtern. Früher suchte die bäuerliche Bevölkerung in der Wallfahrt eine Auszeit von der harten Feldarbeit – heute steigt man eben in den Flieger oder bucht eine Kreuzfahrt. Die große Epoche der lauten Pilgerströme ist vorbei, die Wallfahrt auf dem Lechfeld ist laut Demel zu einer „stillen Wallfahrt“ geworden. Doch wer glaubt, hier sei nichts mehr los, der irrt gewaltig! Ein Blick in die Opferlichtständer verrät die Wahrheit: Stolze 16.000 bis 20.000 Kerzen werden hier pro Jahr entzündet. Es sind die Radlfahrer, die Spaziergänger, die Stillen, die kurz einkehren, ihr Herz ausschütten und eine Kerze anzünden.
Doch die Idylle trügt, denn auf den Schultern der kleinen örtlichen Kirchenstiftung lastet ein gigantisches Erbe. Das Kloster gehört nämlich nicht dem Staat, sondern den Katholiken vor Ort. Allein für die anstehende, dringend notwendige Kirchensanierung ab 2025 müssen gigantische 480.000 Euro an Eigenmitteln aufgebracht werden. Dazu kommen marode, 40 Jahre alte Heizungen, geplatzte Rohre im Keller und der ewige bürokratische Clinch zwischen Denkmalschutz und Brandschutz. Ein echtes Mammutprojekt, bei dem unser Pfarrer unermüdlich um Unterstützung wirbt.
Von Hühnern, Hektolitern und echter Nächstenliebe
Wer nun denkt, Pfarrer Demel würde den Kopf in den Sand stecken, kennt ihn schlecht. Mit einer bewundernswerten Kreativität und zupackender Art füllt er das Kloster mit neuem, modernem Leben. Hier wird der franziskanische Geist der Nächstenliebe ganz praktisch gelebt:
• Das „Franziskus-Häusle“: Pfarrer Demel engagiert sich aktiv in der Lebensmittelrettung. Überschüssige Ware aus den Supermärkten wird sortiert. Aktuell baut er und sein unermüdliches Team im Garten ein kleines Häuschen mit Kühlschrank, wo sich Menschen – völlig anonym und ohne Scham – kostenlos Lebensmittel abholen können.
• Der klösterliche Kreislauf: Was für den menschlichen Verzehr zu reif oder matschig ist, wandert schnurstracks zu den klostereigenen Enten und Hühnern. Die wiederum danken es mit frischen Eiern, aus denen für den Sonntagskaffee im ehrenamtlichen Klosterladen leckere Buchteln und Kuchen gebacken werden.
• Hopfen und Malz, Gott erhalt's: Das Kloster besitzt ein altes, nie erloschenes Braurecht. In der Corona-Zeit kaufte Demel kurzerhand eine Braumaschine, übersetzte die englische Anleitung und legte hobbymäßig los. Das Ziel? Ein eigener originaler Klosterbiergarten, um den Erhalt der Anlage zu sichern.
• Ein Herz für die Gemeinschaft: Im modernisierten Klausurbereich probt ein integratives Musikprojekt, bei dem Menschen von 8 bis 83 Jahren – darunter Kinder mit schweren Schicksalsschlägen oder Menschen mit Spastikproblemen – durch die Musik Halt und Gemeinschaft finden.
Der Abschied der Brüder: Warum die Franziskaner wieder gingen
Auf die Frage, warum die Franziskaner das Lechfeld schließlich wieder verließen, serviert uns Pfarrer Demel die Antwort mit seinem typischen, erfrischenden Humor. Neben dem allgemeinen Nachwuchsmangel war es wohl auch der „Lechfeld-Faktor“. Wenn man einen Ordensmann fragt, wo er am liebsten leben möchte, wünscht er sich ein stilles Bergkloster mit herrlicher Aussicht – und nicht unbedingt das Lechfeld, wo einem bis 2012 die Düsenjäger des Militärflugplatzes um die Ohren flogen. Wer hierher versetzt wurde, fühlte sich intern fast schon ein bisschen strafversetzt, scherzt Demel. Die schiere Größe des Gebäudes tat ihr Übriges, und so fiel die Anlage schließlich zurück an die Diözese und die örtliche Stiftung.
Ein Vergelt’s Gott an diesen Pfarrer!
Die Franziskaner kamen einst wegen der florierenden Handelsstraße und um ihren Nachwuchs auszubilden. Sie gingen wieder, weil ihnen die Last zu groß und der Lärm der Düsenjäger wohl zu laut wurde. Doch was sie hinterlassen haben, ist dank Pfarrer Demel kein verstaubtes Museum, sondern ein lebendiger Ort der Begegnung. Die Wallfahrt ist leiser geworden, aber sie brennt tief in den Herzen der Menschen und in den Tausenden von Opferlichtern weiter.
Wenn Sie das nächste Mal am Sonntag nach dem Gottesdienst Zeit haben, schauen Sie im Klosterladen vorbei, trinken Sie einen Kaffee, spenden Sie ein Scherflein für die Kirchensanierung oder nehmen Sie sich einfach ein Päckchen gerettete Lebensmittel mit.
Pfarrer Demel und sein Team zeigen jeden Tag: Kirche muss nicht starr sein. Sie kann nach Hühnerstall riechen, nach frisch gebrautem Bier schmecken und das Herz am absolut rechten Fleck haben.
Danke, für diesen unermüdlichen Einsatz im Schatten des Kalvarienbergs!
Bürgerreporter:in:Wolfgang Weiss aus Untermeitingen |
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