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Untergrund besteht aus Holzbohlen

  Kirchhain: Evangelische Kirche | Am Rand des Amöneburger Beckens, direkt am Hochwasserrückhaltebecken, liegt das Dorf Niederwald vor den Toren der Stadt Kirchhain. In der Mitte des erstmals im Jahre 1243 als "Nyderwalth" urkundlich erwähnten Dorfes ist die aus Sandstein erbaute evangelische Kirche zu finden.

Mit einem alten Buntbartschlüssel öffnet Herr Konrad Kaletsch die hölzerne Kirchentür. Im Eingangsbereich fällt mein Blick auf die beiden Ehrentafeln, auf denen die Namen der am 1. Weltkrieg teilnehmenden Männer aus Niederwald verzeichnet sind. Das Kircheninnere beeindruckt den Besucher durch seine Helligkeit und Schlichtheit. Vor dem Altar steht ein alter Taufstein, auf dem jedoch keine Jahreszahl zu erkennen ist und an der Wand ist eine neuere Tafel mit den Namen der im 2. Weltkrieg Gefallenen zu sehen.

Herr Kaletsch führt mich zur Orgel, die sich auf der Empore direkt über dem Eingangsbereich befindet. Hier ist auch noch das Fußpedal zu sehen, mit dessen Hilfe früher Jugendliche während des Gottesdienstes dafür sorgten, dass der Blasebalg stets ausreichend Luft bekam.

Die Führung war hier jedoch noch nicht beendet. Über eine enge Holztreppe gelangten wir in den Kirchturm in dem sich ein mechanisches Uhrwerk und auch die beiden Glocken sich befinden. Alle halbe Stunde macht die Turmuhr durch einen Glockenschlag auf sich aufmerksam und jede volle Stunde meldet sie weithin hörbar die Zeit.

Mein Begleiter, Herr Konrad Kaletsch, berichtete mir, dass mit dem Bau der Kirche im Jahre 1850 begonnen wurde und bereits zwei Jahre später die Gemeinde die Einweihung feierte. Zu dieser Zeit lebten etwa 76 Familien in Niederwald. Die Kirche wurde auf Eichenbohlen erbaut, da in Niederwald der Untergrund feucht und sumpfig war. Die Feuchtigkeit des Bodens sorgte für die Konservierung der Holzbohlen, so dass die Stabilität der Kirche lange kein Thema war.

Zu Beginn der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war jedoch eine Absenkung der Sakristei zu erkennen. Bei den Grabungsarbeiten wurden stark beschädigte Holzbohlen freigelegt, die bisher der Sakristei als Untergrund dienten. Die Schädigungen entstanden durch den sinkenden Wasserspiegel, der auf den Trockenabbau des Kieswerkes in der Gemarkung des Dorfes Niederwald zurück zu führen ist. Nach dem die Holzbohlen entfernt und der Untergrund betoniert wurde, begann der Neuaufbau der Sakristei.

In der Kirche sind seit mehreren Jahren Risse in der Wand zu erkennen, die sich langsam aber stetig verändern. Nach der jüngsten Überprüfung durch Bausachverständige sind die Maßnahmen zur Stabilisierung der Kirche für das nächste Jahr geplant.

Bemerkenswert ist der regelhafte Grundriss des Dorfes. Die Gehöfte stehen beiderseits der beiden parallel laufenden Dorfstraßen. Heute leben etwa 875 Einwohner in dem seit 1971 zu Kirchhain gehörenden Stadtteil. Neben der Kirche finden wir hier ein Dorfgemeinschaftshaus, die Grundschule, den Kindergarten, das Feuerwehrhaus, die Grillhütte und den Sportplatz. Die Einwohner engagieren sich in folgenden Vereinen:
Bayern Fanclub Ohmtal e.V.
Burschenschaft
Damengymnastikgruppe
Dorfverschönerungsverein
Freiwillige Feuerwehr
Kirchenchor
Männergesangverein 1884
Posaunenchor
und VfR 1920 Niederwald.

Kinder haben ja bekanntlich eine andere Sichtweise wie wir Erwachsenen. So ist es auch nicht verwunderlich, das in einem Schulaufsatz über den Besuch in der Niederwälder Kirche u.a. zu lesen ist: "...In der Kirche in Niederwald gibt es keinen Keller. Sie hatten nur einen Kohlenkeller, wo die Kohlen für den Ofen aufbewahrt wurden. Jetzt gibt es aber Heizungen. ..."

Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erschien wöchentlich die "Kreiszeitung" von Herrn Hans Huber aus Schönstadt. In drei Ausgaben berichtete Herr Huber unter der Überschrift "Niederwald und seine Soldaten im ersten Weltkrieg":

Teil 1 - Freitag, d. 16.05.1986: "...schrieb im Mai 1915, daß bisher vier Soldaten aus Niederwald gefallen waren. Unter ihnen auch Karl Schneider, der am 3. April bei einem Sturmangriff in den Karpaten bei Wrawa umgekommen war. ...Einigen Männern wurden wegen der Ernte Urlaub gewährt. Aus Niederwald war im Juni Paul Becker gefallen. Heinrich Steinhaus wurde an der Hand verwundet. ...Joh. Feußner hatte ebenfalls einen Schuß durch die Hand und war deshalb bei der Genesungskompagnie in Marburg. ...Christian Schaub war von seinem Schenkelschuß wieder genesen und zum Ersatzbataillon eingezogen. Er starb wenige Wochen, nachdem er genesen und wieder ins Feld eingerückt war, an einem Kopfschuß. ...
Im Dezember 1915 lagen der Kanonier Joh. Pitz und Heinrich Schweinsberger im Lazarett. Die beiden Brüder Achenbach waren über Weihnachten nach Hause gekommen.

Teil 2 - Freitag, d. 23.05.1986: "...Die Kriege bei Verdun hatten im April 1916 auch in Niederwald Opfer gefordert. So fiel Heinrich Steinhaus, ...Grenadier Konrad Weber wurde mit dem EK ausgezeichnet. ...Joh. Vestweber und Kasp. Laukel hatten sich von ihren Operationen so weit erholt, daß sie wieder zum Ersatzbataillon nach Kassel kommen konnten. Auch der Bürgermeister von Niederwald wurde einberufen, ...H. Steinhaus hatte zur Beruhigung seiner Familie aus der Gefangenschaft geschrieben. ...

Teil 3 - Freitag, d. 30.05.1986: "...Dietrich Michel wurde in der Nacht vom 7. zum 8. Januar (1917) im Unterstand, in dem ein schweres englisches Artilleriegeschoß einschlug, durch den Luftdruck sofort getötet. ...Peter Schmitt ließ sich kriegstrauen. Gefreiter Peter Achenbach war wieder gesund und zum Heer zurückgekehrt. ...D. und Peter Kuhn wurden zum Kriegsdienst eingezogen. ...Joh. Nau, Konrad Pitz und die Brüder Johannes und Heinrich Schneider wurden zur Front eingezogen (Mai 1917) ...".

Soweit die Auszüge aus den Berichten von Herrn Huber.

Bevor ich Sie mitnehme auf einen virtuellen Rundgang durch die evangelische Kirche von Niederwald, möchte ich mich auf diesem Wege bei Herrn Konrad Kaletsch für seine Führung und die Informationen recht herzlich bedanken.
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6 Kommentare
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Heinrich Rautenhaus aus Marburg | 24.08.2012 | 01:35  
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Axel aus Salzburg aus Freilassing | 24.08.2012 | 07:21  
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Detlev Müller aus Burgdorf | 24.08.2012 | 08:55  
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F. Boland aus Kirchhain | 24.08.2012 | 09:37  
9.473
Hans-Christoph Nahrgang aus Kirchhain | 25.08.2012 | 20:55  
23.309
Karl-Heinz Töpfer aus Marburg | 14.09.2012 | 08:46  
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