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Die große Canonade bey Amöneburg am 27. September 1762.

Die Festung Amöneburg 1762.
 
Plan der großen Canonade 27.9. 1762.
Amöneburg: Brücker Mühle | Ich besitze die Fotokopie eines Planes dieser furchtbaren und verlustreichen Schlacht aus dem Jahre 1763, den ich hier abbilde. Die Legende dieses Planes lautet:

Plan
der grossen Canonade bey
Amöneburg
Zwischen den Französischen und
aliirten Armeen
den 27- Sept. 1762

Explication.
Es wurde Französischer Seits beschlossen, Amöneburg denen Alliirten aus den Händen zu reissen es koste was es wolle. Dahero wurden in der Nacht vom 20. auf den 21ten 2 Batterien bey A errichtet und das Schloss Amöneburg mit aller Lebhafftigkeit beschossen, in der nämlichen Nacht wolten sich die Franzosen der Brücke und Redouten bey der Mühle B bemächtigen, weil sie zur Communication mit der Stadt C und dem Schlosse D dienete. Allein die Alliirten, welche auf der Anhöhe E stunden, detachirten ihre Bataillons zur Unterstützung dieses Postens bey F. Desgleichen geschahe auch von der Französischen Armee bey G, welche ebenfalls beständig den Angriff mit frischen Bataillons H soutenirten, inzwischen führten die Alliirten , so wie die Franzosen, eine grosse Menge Artillerie an beiden Seiten der Ohm auf, sodass nur dieser Fluss dieselben scheidete. Es entstund daher eine der entsetzlichsten Canonaden, die jemahls gehöret worden, doch wurde nichts entschieden und die Nacht endigte dieselbe ohne andern Vortheil, als daß den andern Tag Amöneburg sich an die Franzosen ergab.

So weit die Legende dieses Planes.

Hauptmann Johann Wilhelm v. Archenholtz beschreibt in seiner Geschichte des siebenjährigen Krieges diese Schlacht in einem Absatz. Wer die Zusammenhänge kennenlernen möchte, möge einfach zurückblättern.

Nach allem was man über dieses Ereignis liest, handelte es sich um die vielleicht erste Material- und Abnutzungsschlacht der Geschichte: Die von den kämpfenden Parteien errichteten Erdwerke wurden durch Beschuß mit Artillerie dem Erdboden gleichgemacht, damit der Sturm versucht werden konnte.

Wie funktionierte die Artillerie der damaligen Zeit? Der "Büchsenmeister" richtete mit Zuhilfenahme zweier vorn auf den Lauf gesetzter Wachszapfen zunächst den Lauf in die gewünschte Richtung aus, sodann setzte er einen Quadranten auf den Lauf um die für die benötigte Schußweite erforderliche Abweichung von der Horizontalen einzustellen, diese entnahm er einer Schießtabelle. Das Geschoß war kleiner als der Innendurchmesser des Laufes, man benötigte ein sogenanntes "Kugelspiel", welches auf exakt vorgeschriebene Weise konstruiert war, um das Geschoß verdämmen zu können. Die Verdämmung geschah durch Umwicklung desselben mit Stroh, Heu, Lumpen oder, wenn letzteres nicht zu haben war, mit abgestochenem Rasen. Die Treibladung war durch die Verwendung normierter Ladeschaufeln festgelegt. Für den Ladevorgang wurden in der Regel 8 Minuten benötigt. Das Abfeuern eines großen Mörsers konnte ein kleines Erdbeben verursachen.

Verschossen wurden entweder massive Eisenkugeln oder Granaten, Kartätschen und Carcassen, letztere waren Explosivkörper mit hoher Splitterwirkung. Eisenkugeln verschoß man gegen befestigte Lager oder feindliche Gefechtsformationen in flachem Schuß und ließ die Kugel z.B vor der Umwallung einer Feldschanze "aufgellen", dh aufprallen, sodaß sie den Wall übersprang und in der Stellung noch einige Male aufgellte und furchtbare Verletzungen herbeiführte.

In der Stellung an der Brücker Mühle lagen zunächst Hannoveraner, Engländer und Bergschotten (laut Kürschner "Marburger Geschichte"), diese waren jedoch in dem furchtbaren Feuer der Franzosen aufgerieben und ihre Verschanzungen fast dem Erdboden gleichgemacht worden, an ihre Stelle mußten unter fortwährendem Feuer und in kleinen Gruppen sprungweise die hessischem Regimenter v. Gilsa und von der Malsburg treten: eine dem damaligen Exercier-Reglement vollkommen fremde Bewegungsweise, auch hier zeigt sich die Ähnlichkeit dieses Gefechtes mit den Materialschlachten des 20. Jh.

Man muß sich hier einmal vorstellen, was die Hessen dort erwartete: sie fanden ihre britischen Kameraden entweder tot, zerfetzt, zerstückelt in Lachen von Blut, Hirn und Därmen liegend oder grauenhaft zerschmettert und noch lebend und um Hilfe schreiend vor. Daran sollte man sich erinnern, wenn man dieser Schlacht gedenkt!

Die Bergschotten hatten übrigens kurze Zeit vorher bei Gefechten in und um Kassel die Herkules-Statue als Posten genutzt und erbittert gegen die Franzosen verteidigt, als sie keine Munition mehr hatten, demontierten sie die Steeine des Sockels und bewarfen die Franzosen damit.
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Oberhessische Presse | Erschienen am 06.10.2012
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