Damals
Großmutter
- hochgeladen von Silke Dokter
Ich war gern bei Großmutter. An den langen Winterabenden, während Großmutter sich ihrer Handarbeit widmete, saß ich an dem großen Kachelofen gelehnt, las in einem Buch oder lauschte der Musik, die aus dem Radio erklang.
Großmutter konnte einfach alles: Sie umhäkelte Taschentücher mit wundervollen Spitzen, bestickte Tischtücher und Servietten, nähte Kleider, Blusen und Röcke. Gelernt habe sie das alles von ihrer Mutter, die eine angesehene Schneidermeisterin gewesen war, erklärte Großmutter stolz. Über ihre Mutter sprach sie immer mit sehr viel Achtung, wenn sie von ihrer Vater erzählte, bekam sie immer ganz fröhliche Augen, er sei lustig gewesen und hatte feuerrote Locken. Als Beweis holte sie dann immer ein Kästchen hervor, in dem sie eine Locke von Urgroßvater aufbewahrte.
Leider habe ich ihn nie kennengelernt, wie auch meinen Großvater nicht.
Aber jedes Wochenende besuchten Großmutter und ich auf dem alten Spremberger Friedhof das Grab von Großvater.
Ich goss mit einer kleinen blauen Gießkanne das dicht mit Efeu bewachsenem Grab, harkte den Weg und ordnete frische Blumen in ein altes Einweckglas.
Ich tat das immer gern, obwohl ich es immer sehr traurig auf dem Friedhof fand, besonders die vielen kleinen Gräber ließen mir oft keine Ruhe. Dort sind Kinder begraben erklärte mir Großmutter, und das ängstigte mich sehr, wo ich es doch normal fand, dass nur alte Leute sterben.
Dann starb in der 2. Klasse eine Schulkameradin an den Masern.
Später erschreckte mich dann immer der Spruch am Eingang des Friedhofs:
„Was ihr seid, das waren wir, was wir sind, das werdet ihr“.
Erinnerungen, die bis heute tief in mir verwurzelt sind.
Bürgerreporter:in:Silke Dokter aus Erfurt |
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