Klimawandel: Beispiele für die Defossilisierung
„Nicht mehr vorhanden!“ ist kein nostalgischer Blick zurück, sondern eine präzise gesetzte Zäsur
- Plakat zur fortschreitenden Defossilisierung - ehemaliges Krupp Hüttenwerk in Duisbirg Rheinhause und ein Kohlefrachtschiff Titel "NICHT MEHR VORHANDEN" - Ausstellung in der Villa Artis, Ruhrtalstadt Mülheim
- Foto: Andreas Ingramm, 2020
- hochgeladen von Alexander Franz
„Nicht mehr vorhanden!“ ist kein nostalgischer Blick zurück, sondern eine präzise gesetzte Zäsur. Eine Ausstellung zeigt Plakate zum Thema "Fortschreitende Defossilisierung in Deutschland" präsentiert im Foyer des Mülheimer Kunstmuseum MMKM Museum Moderne Kunst Mülheim.
Das hier gezeigte Plakat zeigt ein Stahlwerk am Rhein, das längst aus der realen Topografie verschwunden ist – doch im Bild flammt es ein letztes Mal auf. Der blutrote Himmel, durchzogen von schweren Rauchschwaden, markiert den Moment, in dem industrielle Energie in reine Atmosphäre übergeht.
Im Zentrum steht nicht nur die Architektur des Werks, sondern ein Akteur, der in vielen historischen Darstellungen übersehen wird: der Dampfer auf dem Rhein. Sein Schornstein quillt, als würde er die letzten Atemzüge einer Epoche ausstoßen. Er wird zur bewegten Figur in einer ansonsten erstarrten Landschaft – ein Transportmittel, das einst Rohstoffe, Energie und Arbeit verband und heute als Symbol des Übergangs erscheint.
Das Plakat des Künstlers Andreas Ingramm thematisiert die Ambivalenz des Strukturwandels: Was einst als Fortschritt galt, erscheint heute als ökologische Hypothek. Die weiße, zentrierte Typografie – „Nicht mehr vorhanden!“ „CO₂ Schleudern am und auf dem Rhein“ – setzt einen klaren interpretatorischen Rahmen. Sie benennt, was das Bild zeigt, und zugleich, was es nicht mehr gibt: die physische Präsenz der Industrie, aber auch die Selbstverständlichkeit ihrer Emissionen.
Das Plakat wird so zu einem visuellen Archivstück, das die industrielle Vergangenheit des Ruhrgebiets nicht verklärt, sondern analytisch freilegt. Es zeigt eine Landschaft, die sich selbst neu erfindet – und ein Bild, das die Spuren der Transformation sichtbar hält.
Beispiele für die Defossilisierung
1. Gründung und Entwicklung (1896–1910)
• Startschuss: Die Friedrich Krupp AG errichtete das Werk ab 1896 auf der linksrheinischen Seite.
• Standortvorteil: Der direkte Zugang zum Rhein ermöglichte den einfachen Antransport von Eisenerz per Schiff über den eigenen Krupp-Hafen Rheinhausen.
• Infrastruktur: Bis 1910 wurden die wesentlichen Betriebseinheiten wie Hochöfen und Walzwerke fertiggestellt. Das Werk prägte das Wachstum der umliegenden Gemeinden entscheidend.
2. Die Blütezeit (Bis in die 1970er Jahre)
• Wirtschaftsmotor: Das Hüttenwerk entwickelte sich zum Kernstück des Krupp-Konzerns und zum sozialen Mittelpunkt von Rheinhausen.
• Arbeitsplätze: In den Spitzenzeiten der 1960er Jahre beschäftigte das Werk rund 16.000 Menschen gleichzeitig.
• Modernisierung: Noch im Jahr 1974 investierte der Konzern stark und weihte das damals modernste Oxygenstahlwerk Deutschlands (LD II) mit einer Kapazität von über 4 Millionen Jahrestonnen ein.
3. Krise und Schließung (1987–1993)
• Die Ankündigung: Am 26. November 1987 gab Krupp-Chef Gerhard Cromme aufgrund globaler Überkapazitäten und Billigkonkurrenz die geplante Schließung des Standorts bekannt.
• Der Arbeitskampf: Es folgte der mit 160 Tagen längste und bekannteste Arbeitskampf der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er wurde durch Aktionen wie die Besetzung der Rheinbrücken („Brücke der Solidarität“) und eine 80.000 Menschen lange Menschenkette bis nach Dortmund weltberühmt.
• Das Ende: Die Proteste konnten die Stilllegung nicht verhindern, sondern nur hinauszögern. Am 15. August 1993 floss nach dem letzten Abstich der letzte Stahl – eine fast 100-jährige Industriegeschichte endete.
4. Heutige Nutzung: logport I (Seit 1998)
• Strukturwandel: Statt einer Industriebrache initiierten die Stadt und die Duisburger Hafen AG (duisport) ab 1998 ein wegweisendes Konversionsprojekt.
• Das Logistikzentrum: Auf dem 265 Hektar großen, komplett sanierten Areal entstand der Logistikpark logport I.
• Wirtschaftlicher Erfolg: Heute haben sich dort internationale Logistikriesen und Unternehmen angesiedelt. Das Areal verfügt über moderne Containerterminals für den Umschlag zwischen Schiff, Schiene und Lkw.
• Arbeitsplätze heute: Mit rund 5.000 direkten Arbeitsplätzen wurde die Beschäftigungszahl aus den letzten Tagen des Stahlwerks erfolgreich kompensiert.
Heute erinnern vor allem das denkmalgeschützte Tor 1 des Werks und eine dort errichtete Gedenktafel an den historischen Arbeitskampf und die industrielle Vergangenheit des Standorts. Zeitzeugen berichten von Ihrem Erlebnis, der blutrote Abendhimmel und das Gewummer und Getöse und der Qualm - ein tägliches Schauspiel mit Erschaudern - rund um die Uhr - gesehen von der anderen Rheinseite.
Der Weg zum "grünen" Stahl ist allerdings noch weit - die Dreckschleudern tragen aktuell z.B. in Asien noch dazu bei, dass die Defossilisierung nicht schnell genug voranschreitet um ein für möglichst viele Regionen tragbares Klima sicherzustellen. Es wird daher trotz allem Regionen geben, die für Menschen unbewohnbar werden.
Bürgerreporter:in:Alexander Franz |
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