Terminnot beim Facharzt:
Überweisungen enden oft in einer Sackgasse

Überweisung
  • Überweisung - Ja! Termin - Später oder nie.
  • hochgeladen von Peter Ries

Das deutsche Gesundheitswesen rühmt sich oft seiner hohen Versorgungsdichte, doch für die Patienten fühlt sich die Realität zunehmend wie ein Hürdenlauf an, bei dem die Ziellinie immer weiter in die Ferne rückt. Wer heute eine Überweisung zum Facharzt in den Händen hält, hält damit oft nur ein wertloses Stück Papier, das den Zugang zu einer medizinischen Leistung verspricht, die faktisch kaum noch zeitnah erreichbar ist.

Besonders für ältere Menschen und chronisch Kranke, die ohnehin schon durch ihre gesundheitliche Verfassung geschwächt sind, wird die Suche nach einem Termin zu einer psychischen und physischen Belastungsprobe, die viele am Ende resigniert aufgeben lässt.

Die statistischen Zahlen untermauern das subjektive Empfinden der Betroffenen auf erschreckende Weise. Während gesetzlich Versicherte im Jahr 2019 noch durchschnittlich 33 Tage auf einen Facharzttermin warteten, ist diese Zeit bis zum Jahr 2025 auf stolze 42 Tage angestiegen. Das bedeutet, dass Patienten im Schnitt sechs Wochen mit ihren Schmerzen, Sorgen oder unklaren Symptomen allein gelassen werden. Hinter diesen Durchschnittswerten verbergen sich jedoch Extreme, bei denen Wartezeiten von mehreren Monaten bei Fachrichtungen wie der Dermatologie, Neurologie oder Kardiologie längst keine Seltenheit mehr sind. Für jemanden, der akut unter Beschwerden leidet, ist eine Wartezeit von zwei oder drei Monaten keine bloße Unannehmlichkeit, sondern eine Gefährdung der Genesungschancen.

Doch selbst wenn nach wochen- oder monatelangem Warten endlich der Tag des Termins gekommen ist, endet die Geduldsprobe für viele Patienten nicht an der Praxistür. In den Wartezimmern setzen sich die Strapazen oft nahtlos fort, da Patienten trotz fester Termine häufig noch Stunden verbringen müssen, bevor sie tatsächlich einen Arzt zu Gesicht bekommen. Für einen gesunden Menschen mag dies ärgerlich sein, doch für akut Kranke, Schmerzpatienten oder Menschen mit Behinderungen stellt dieses lange Ausharren eine massive körperliche Belastung dar. Es ist eine Frage der Menschlichkeit und der medizinischen Dringlichkeit, dass hier ein Umdenken stattfindet. Akut erkrankte Personen und Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen müssten in der Praxisorganisation konsequent vorgezogen werden, um ihre Leiden nicht durch unnötige Wartezeiten weiter zu verschlimmern.

Ein entscheidender Systemfehler liegt in der Organisation der Arztpraxen selbst. Während das medizinische Personal unter hohem Druck arbeitet, fehlt es an einer strukturierten Unterstützung für die Patienten bei der Weitervermittlung. Es müsste in jeder Praxis eine verantwortliche Person abgestellt werden, deren explizite Aufgabe es ist, für die eigenen Patienten wichtige Überweisungstermine direkt mit den Facharztpraxen zu vereinbaren. Eine Kommunikation von Praxis zu Praxis hat ein ganz anderes Gewicht als der verzweifelte Anruf eines Einzelnen. Wenn die Hausarztpraxis den Termin direkt bucht, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten im bürokratischen Dickicht verloren gehen oder wichtige Untersuchungen schlichtweg ausfallen.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Patienten in der Hausarztpraxis auf eine Mauer des Schweigens stoßen, wenn sie nach einer konkreten Empfehlung für einen Facharzt fragen. Oft wird mit dem Hinweis auf das Neutralitätsgebot argumentiert, dass man dem Patienten nicht sagen dürfe, zu welchem Kollegen er gehen könne. Diese Haltung ist jedoch zutiefst kontraproduktiv und für den Patienten unverständlich. Denn wer wüsste besser als der behandelnde Arzt, bei welchem Fachkollegen der Patient fachlich und menschlich gut aufgehoben ist?

Diese künstliche Zurückhaltung lässt den Patienten mit seiner Überweisung völlig allein im Regen stehen, anstatt das fachliche Netzwerk der Ärzte zu nutzen, um eine nahtlose und qualitativ hochwertige Weiterbehandlung sicherzustellen.

Besonders schlimm ist die Situation für diejenigen, die eigentlich am dringendsten Hilfe benötigen. Kranke und Senioren verfügen oft nicht über die digitale Affinität oder die Hartnäckigkeit, sich stundenlang durch Telefonwarteschleifen zu kämpfen oder auf Online-Portalen nach Restplätzen zu jagen. Wenn nach dem zehnten Anruf in verschiedenen Praxen immer noch nur die Ansage vom Band ertönt, dass derzeit keine neuen Patienten aufgenommen werden, setzt die Resignation ein. Viele Patienten geben bereits nach den ersten ein oder zwei Versuchen auf, weil sie schlichtweg nicht mehr die Kraft haben, sich um einen Termin zu bemühen. In einem System, das eigentlich die Schwächsten schützen sollte, wird der Zugang zur Medizin so zu einer Frage der persönlichen Durchsetzungskraft und Ausdauer.

Die langfristigen Folgen für das gesamte Gesundheitswesen sind verheerend. Besonders im Bereich der Vorsorgeuntersuchungen führen die langen Wartezeiten dazu, dass immer weniger Präventionstermine wahrgenommen werden. Wenn der Weg zur Darmspiegelung oder zum Hautkrebsscreening mit monatelangem Warten und organisatorischem Chaos gepflastert ist, schieben viele diese lebenswichtigen Untersuchungen auf oder lassen sie ganz ausfallen. Was heute als vermeidbare Wartezeit beginnt, endet morgen als schwere, teure und oft zu spät erkannte Erkrankung. Das System spart an der falschen Stelle: Die vermeintliche Effizienz in der Terminverwaltung führt zu einer massiven Belastung des Gesundheitswesens in der Zukunft, da aus Präventionsfällen akute Behandlungsfälle werden.

Deutschland verwaltet derzeit eher Krankheiten, statt sie konsequent zu verhindern, und zahlt dafür am Ende einen hohen Preis – sowohl menschlich als auch finanziell.

Bürgerreporter:in:

Peter Ries aus Düsseldorf

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

5 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.