DDR BRD Tag der Deutschen Einheit
Schädliche Wiedervereinigung?

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Am Tag der Deutschen Einheit stellt man gewöhnlich ein Rednerpult auf. Vielleicht sollte man daneben eine Registrierkasse stellen. Dann könnte der Westen seine Überweisungen vorzeigen und der Osten seine Enttäuschungen. Am Abend wäre die Kasse voll und das Land wieder geteilt. Hat die Wiedervereinigung Westdeutschland geschadet? Wenn ich die AfD betrachte, bin ich gelegentlich versucht, diese Frage mit einem verärgerten Ja zu beantworten. Ausgerechnet dort, wo Menschen eine Diktatur überwanden, werden nun wieder autoritäre Erlösungsversprechen verkauft. Und deren Folgen bleiben selbstverständlich nicht hinter einer ehemaligen Grenze stehen.

Aber schon beim Schreiben merke ich: Ich habe die alte Mauer wieder aufgestellt. Diesmal zwischen zwei Sätzen. Meine Geschichte lässt sich nämlich nicht ordentlich nach Ost und West sortieren. 1945 wurde ich in Wuppertal geboren und unmittelbar nach der Geburt in einem Kinderheim zurückgelassen. Meine Mutter lebte später auf Rügen. Nach vierzig Jahren Suche fand ich sie hinter der Mauer wieder. Dort leitete sie eine Großmolkerei. Für die Grenzbeamten war ich ein Besucher aus der Bundesrepublik. Für mich war ich ein Sohn auf der Suche nach seiner Mutter.

Bei solchen Begegnungen wird die deutsche Frage ziemlich klein und die eigene ziemlich groß: Wer wäre ich geworden, wenn ich bei ihr aufgewachsen wäre? Welche Möglichkeiten hätte ich gehabt? Welche Verbote? Welche Verletzungen wären mir erspart geblieben, welche anderen hätte ich erlitten?

Diese Fragen beantwortet kein Festredner. Auch kein Kontoauszug.

Seit meinen DDR-Besuchen ab 1985 beschäftigte mich außerdem etwas, das im Westen ungern als Nachhilfe aus dem Osten betrachtet wurde: die Kinderbetreuung. Wer Frauen die Teilnahme am Berufsleben ermöglichen will, muss schließlich auch wissen, wo die Kinder bleiben. Im Westen wurde diese Frage gern an die Mutter zurückdelegiert. Das nannte man dann Familienpolitik.

Bis heute werden unter Dreijährige im Osten häufiger in Kindertagesbetreuung betreut als im Westen. Mein nordrhein-westfälischer Kita-Kahn hat weiterhin eine beängstigende Schlagseite. Auf der Kommandobrücke wird derweil feierlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausgerufen. Unten schöpfen die Eltern Wasser.

Gute Kinderbetreuung macht eine Diktatur nicht frei. Eine freie Gesellschaft sollte sich allerdings fragen, warum sie so lange brauchte, um von ihr etwas Brauchbares zu lernen.

Die Wiedervereinigung hätte ja auch bedeuten können, gelegentlich in beide Richtungen zu schauen.

Stattdessen hat man sich in zwei bequemen Rollen eingerichtet. Der Westen spielt den großzügigen Zahlmeister und erwartet Dankbarkeit. Im politischen Geschäftsmodell der AfD bleibt der Osten der ewig Betrogene. Beiden Rollen gemeinsam ist, dass der jeweils andere schuld ist. Das erspart mühsame Besichtigungen der eigenen Fehler.

Natürlich wurden gewaltige öffentliche Mittel für den Aufbau Ost eingesetzt. Aber staatliche Solidarität ist kein Versandhandel, bei dem man Demokratie bestellt und eine unterschriebene Dankeskarte zurückverlangt.

Ebenso wenig sind geringere Löhne und die Unterrepräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen bloße Einbildungen. Über Vermögen, Chancen und die Fehler des Umbruchs muss gesprochen werden. Wer wirtschaftliche Unterschiede kurzerhand als mangelnden Fleiß der Menschen deutet, hat noch keine Erklärung geliefert, sondern lediglich seine Überheblichkeit ordentlich gebügelt.

Nur: Aus einer berechtigten Beschwerde folgt keine Berechtigung, die Demokratie zu beschädigen.

Genau an dieser Stelle richtet die AfD ihren Verkaufsstand ein. Sie nimmt eine wirkliche Kränkung, wickelt sie in eine nationale Fahne und verkauft sie als Zukunft. Wer keine Zukunft anbieten kann, muss eben die Vergangenheit besonders schön beleuchten. Am besten so, dass man die Mauer und die Überwachungsakten nicht mehr sieht.

Björn Höcke erklärt derweil die Westdeutschen für amerikanisiert und die Ostdeutschen zu den eigentlichen Deutschen. Das ist bemerkenswert für einen Mann, der in Lünen geboren wurde. Nordrhein-Westfalen. Ziemlich weit westlich vom angeblich unverfälschten deutschen Wesen.

Offenbar lässt sich die eigene Herkunft durch genügend Gebrüll nachträglich entamerikanisieren.

Ich brauche allerdings keinen Höcke, der mir bescheinigt, welcher Teil meiner Lebensgeschichte deutsch genug ist.

Erik Erikson beschrieb Identität einmal so: „Identität, das ist der Schnittpunkt zwischen dem, was eine Person sein will und dem, was die Welt ihr zu sein gestattet.“

Manchmal braucht es vierzig Jahre Willenskraft, um an diesem Schnittpunkt überhaupt anzukommen. Bei mir lag er auf Rügen. Meine Mutter beging dort, 1990, einen sogenannten "Bilanzselbstmord". Ich hatte beim dortigen Schulamt um meine Einstellung als Lehrer gebeten. Ich arbeitete im Westen bereits 20 Jahre als Lehrer. Mein erstes und zweites Staatsexamen absolvierte ich "Mit Auszeichnung". Trotz der Leistungen "sehr gut" wurde ich aber im "Kadergespräch" in der Inselhauptstadt vom dortigen Schulrat abgelehnt, mit zwei Begründungen. Mehr offiziell mit "Schauen Sie mal in den Flur. Da sitzen 50 Stasi-Mitarbeiter, die ich jetzt erst einmal im Schuldienst unterbringen muss!" Und mehr inoffiziell: "Man flieht nicht vom Westen in den Osten, sondern umgekehrt!" Mit dieser Story konnte ich in der Ostsee-Zeitung leider nicht landen.

Am Tag der Deutschen Einheit fragte Clemens Böckmann in der taz unter der Überschrift „Stumm ist das Volk“, warum die Wiedervereinigung aus westdeutscher Perspektive in der heutigen Literatur so wenig erzählt werde. Er nennt selbst frühere Gegenbeispiele. Sein Einwand betrifft vor allem die Gegenwart.

Ich möchte ihm meine Geschichte hinlegen. Darin findet sich weder ein unberührter Westen noch ein Osten, der nur aus Verlust besteht. Darin sind eine Mutter, ein Sohn, eine Grenze und die Frage, welches Leben möglich gewesen wäre.

Und darin ist auch mein Widerspruch gegen jene, die aus solchen Geschichten wieder zwei feindliche Lager machen wollen.

Hat die Wiedervereinigung also geschadet?

Geschadet hat die Vorstellung, nach dem Fall der Mauer müsse man einander nicht mehr kennenlernen.

Die AfD verdient daran, dass wir es weiterhin versäumen.

Ich versuche, nicht stumm zu sein.

Quellenhinweise zur redaktionellen Prüfung

Clemens Böckmann: „Stumm ist das Volk“, taz, 3. Oktober 2026:
https://taz.de/Die-Wiedervereinigung-in-der-Literatur/!6217199/

Statistisches Bundesamt: Kindertagesbetreuung 2026, Pressemitteilung September 2026:
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/09/PD26_342_225.html

Statistisches Bundesamt: Mittlerer Bruttojahresverdienst 2025, Pressemitteilung 2026:
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/04/PD26_113_621.html

Ostbeauftragte der Bundesregierung: Elitenmonitor, 19. September 2025:
https://www.ostbeauftragte.de/ostb/Content/DE/Artikel/Aktuelles/News/2025/2025-09-19-ergebnisse-elitenmonitor.html

Tagesspiegel: „Zwischen Simson-Nostalgie und Widerstandsfähigkeit“; zu Höckes Äußerungen über West- und Ostdeutsche:
https://www.tagesspiegel.de/politik/umkampfte-heimat-ost-hier-entstehen-neue-stereotypen-des-ostdeutschseins-15724813.html

Thüringer Landtag: Biografie Björn Höcke, Geburtsort Lünen:
https://www.thueringer-landtag.de/abgeordnete/abgeordnete-fraktionen-sitzordnung/abgeordnetendetails/abgeordneter/bjoern-hoecke/

Universität Hamburg: Wiedergabe des Erikson-Zitats (Sekundärbeleg; keine originale Buchseite):
https://rassismuskritisch-unterrichten.blogs.uni-hamburg.de/modul-selbstreflexion/identitaet/identitaet-wahrnehmung/

Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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