Sexarbeit in der Bundeskunsthalle
Die Ausstellung „Sex Work Eine Kulturarbeit der Sexarbeit“ ist im Sommer 20236 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen. Da es um „Sexualität und Körperlichkeit“ geht, empfiehlt das Haus einen Besuch ab 16. Jahren. Was uns natürlich nicht davon abhalten soll, in die frühere Bundeshauptstadt zu fahren und uns die Ausstellung anzuschauen.
„Die Geschichte der Sexarbeit lässt sich von weit vor der Antike bis in die Gegenwart verfolgen. Welches Menschenbild die Zeit prägte, welche Werte galten und wer Macht ausübte, lässt sich auch daran ablesen, wie gesellschaftlich mit Sexarbeit umgegangen wurde. Sie bedeutete in manchen Zeiten für Frauen eine von wenigen Möglichkeiten, selbständig Einkommen zu generieren. Ihre Geschichte wurde bislang meist aus einer Außen-perspektive geschildert. Die Ausstellung SEX WORK erzählt die Geschichte anders: Gemeinsam mit einem Kollektiv forschender Sexarbeiter*innen wird in der Bundeskunsthalle Kunst, Kulturgeschichte und Archivmaterial präsentiert, orientiert an einem zentralen Prinzip: Nichts über uns ohne uns!
Die Ausstellung setzt Schlaglichter auf Kunst- und Kulturgeschichte ebenso wie auf gesellschaftspolitische Themen der Gegenwart. In der bildenden Kunst spielten Hetären, Dirnen, Kurtisanen und Nackttänzerinnen lange Zeit vorrangig eine motivische Rolle, wurden allenfalls als Musen wahrgenommen. Dass Sexarbeiter*innen auch eine schöpferische, künstlerische Rolle einnehmen, ist eine Perspektive, die hier sichtbar gemacht wird. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit zu erzählen heißt, ein Terrain zu betreten, das von moralisierenden und hochpolitischen Diskursen durchzogen ist. Medien und Popkultur greifen bei der Darstellung von Sexarbeitenden nur zu gerne auf eindimensionale Stereotypen zurück. Die öffentliche Debatte pendelt zwischen moralischer Verurteilung und Positionen, die jede Form der Sexarbeit pauschal als Ausbeutung einstufen. Die im Kontext der Sexarbeit gebräuchlichen Begriffe spiegeln seit jeher soziale Verhältnisse, Machtstrukturen und Geschlechterordnungen wider. Während historische Bezeichnungen wie „Hure“ oder „Dirne“ primär eine moralische Stigmatisierung markierten, rückt der Begriff „Sexarbeit“ den Aspekt der Erwerbstätigkeit in den Fokus und löst diese von einer festgeschriebenen Identität. Zusammen mit Sexarbeitenden kreiert, ermöglicht die Ausstellung historische und aktuelle Einblicke in die Sexarbeit sowie Perspektiven auf Arbeits- und Menschenrechte.
Die Geschichte der Sexarbeit ist geprägt von einem Wechselspiel aus Restriktion, Verfolgung, Duldung und Liberalisierung. Im 17. Jahrhundert waren Dirnen ein gängiges Motiv niederländischer Genremalerei – als Projektionsfläche erotischer Fantasien oder Spiegel moralischer Vorstellungen. Die enge Verbindung von Handel, Migration und Sexarbeit war kein Randphänomen, sondern Ausdruck struktureller Veränderungen urbaner Räume. Auch im Paris des 19. Jahrhunderts waren Kunst und Erotik eng verflochten: Von Tänzerinnen der Oper erwarteten wohlhabende Männer sexuelle Gefälligkeiten für ihr „Mäzenatentum“. Im Nachtleben der großen westlichen Metropolen entwickelte sich ab 1900 ein neuer, freiheitlicher Zeitgeist, mit dem sich Künstler*innen, Intellektuelle und die Bohème gegen die konservative Gesellschaft auflehnten. Im Berlin der 1920er Jahre, zwischen Glitzer, Rauch und Jazz, entstand ein kurzer Traum, der auch Frauen und queere Personen auf mehre Rechte hoffen ließ – bis die Nationalsozialisten diese Vielfalt gewaltsam zerstörten.
Zu den Verfolgten und in Konzentrationslagern ermordeten Opfern des Nationalsozialismus zählten auch vermeintliche oder tatsächliche Sexarbeiter*innen. Seit den 1980er-Jahren verschaffen sich Sexarbeiter*innen zunehmend Gehör. Restriktive Maßnahmen und öffentliche Stigmatisierung im Zuge steigender Polizeigewalt, Gentrifizierung und der AIDS-Krise führten zu Protesten und organisiertem Widerstand – oft in Solidarität mit der queeren Community.
Trans*Sexarbeitende standen an vorderster Front der queeren Bürgerrechtsbewegung. Für Sexarbeitende ist diese Erfahrung von Gemeinschaft entscheidend, um Stärke und Unabhängigkeit zu entwickeln. Räume, in denen über Erfahrungen und Traumata gesprochen werden kann, ohne auf eine Opferrolle reduziert zu werden, schaffen Selbstwirksamkeit und Schutz. Davon handeln viele der Objekte und Erzählungen aus dem Sexarbeitenden-Archiv Objects of Desire. Die persönlichen Geschichten drehen sich um Liebe, Freude und Scham, um Angst und Frustration wie auch um ganz alltägliches Schuften bei der Arbeit,“ stellt der elektronische Weltnetzauftritt der Bundeskunsthalle die Kunstpräsentation vor.
Das Gebäude der „Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland“ ist ein riesiges, weißes sowie imposantes Gebäude mit interessanter Architektur; auf sie soll hier aber nicht eingegangen werden.
Das Museum ist sehr gut mit Bus & Bahn erreichbar und barrierefrei, für mobilitätseingeschränkte Besucher also perfekt nutzbar.
Die Sex-Ausstellung ist im Obergeschoß zu sehen und mittels Aufzug erreichbar.
Doch nun genug der Präluminarien – „genug der Vorrede“ würde mein alter Deutschlehrer jetzt sagen. Was gibt es zu sehen?
Die Spannbreite reicht von Quilts, Lichtkunst, Bildhauerei, Kino, Hörbildstationen, Damenoberbekleidung und anderen künstlerischen Ausdrucksformen. Im Mittelpunkt stehen aber Bilder in jeglicher Form – klassische Malerei, Zeichnungen, Plakat, Collagen, Druckgraphik – das Auge kommt hier auf seine Kosten. Texte an den Wänden liefern Erklärungen. Ob Bücher oder Zeitschriften vorhanden sind, sei einmal dahingestellt, eine Station mit Berührbildschirmen zeigt Schnittstellen von Sexarbeit und Politik in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Die Ausstellung ist als Rundgang konzipiert. Irgendwie wirkt sie dabei unstrukturiert Deutschland steht im Vordergrund, andere Kulturen kommen nicht sichtbar vor. Es sind auch keinerlei zeitliche Abfolgen oder inhaltliche Schwerpunkte sichtbar. Was sagt beispielsweise die katholische Kirche zur Sexarbeit? Wie wandelt sich Reizwäsche im Laufe der Zeit? Wie behandelt der Boulevard das Thema Liebesdienste? Häte die „pretty woman“ auch hier hingepaßt? Welche berühmten Liebesdienstleister gibt es in der Literatur? Sind auch Männer in dem Metier tätig? Die Liste der Frage könne durchaus verlängert werden.
Eine Enttäuschung ist die Ausstellung dennoch nicht. Da es keine plumpe Pornographie gibt, kommt ein erwachsenes Auge schon auf seine Kosten.
Einen totalen Kontrast bietet die Ausstellung „Peter Hujar Eyes open in the dark“, die im Ausstellungsbereich im Erdgeschoß zu sehen ist.
„Fotograf Peter Hujar (1934-1987) war eine zentrale Figur der New Yorker Downtown-Szene der 1970er und 1980er Jahre. In den 1950er Jahren studierte Hujar Fotografie an der School of Industrial Arts of Manhattan. Nachdem er die kommerzielle Fotografie aufgegeben hatte, führte er ein finanziell prekäres Leben nur mit gelegentlichen Ausstellungen.
Peter Hujars Hauptinteresse galt der Porträtfotografie – er fotografierte seine Freund*innen, Liebhaber, Menschen aus seiner Umgebung mit einer eindrucksvollen Intimität und emotionalen Tiefe. In seinen Werken, die auch Tier-, Landschafts- und Architekturmotive inkludieren, zeigt sich Hujar immer wieder als empfindsamer Chronist einer Zeit der gesellschaftlichen Umwälzungen und radikalen sexuellen Veränderungen.
Die Ausstellung konzentriert sich auf das Werk Hujars seit den 1970er-Jahren und spiegelt die von ihm unternommene Auseinandersetzung mit den Beziehungsmöglichkeiten innerhalb von Rastern wider. Sie wurde von Hujars Biograf John Douglas Millar sowie seinem Freund Gary Schneider in enger Zusammenarbeit mit dem Nachlass des Fotografen kuratiert.
Als Hujar an einer AIDS-bedingten Lungenentzündung starb, war sein Werk weitgehend unbekannt. Heute jedoch zählt Peter Hujar zu den wichtigen Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts,“ stellt die Bundeskunsthalle einen US-amerikanischen Fotographen vor, der bei uns in Deutschland weitestgehend unbekannt sein dürfte.
Hier werden durchgängig Schwarzweißfotographien im Viereckformat, gelegentlich auch im Rechteck-Format gezeigt. Es geht um Porträts, in der Regel nicht um Gesichter, sondern um Ganzkörperaufnahmen, teilweise bekleidet, teilweise unbekleidet. Die homosexuelle Ausrichtung des Fotographen ist schon allein bei der Motivauswahl ersichtlich – Männer überwiegen.
Hat man einen Zugang zu dieser Art der Fotographie, gefällt dieser Ausstellung duzrchaus.
Bürgerreporter:in:Andreas Rüdig aus Duisburg |
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