3. Oktober Wiedervereinigung geklappt?
Zum "Tag der deutschen Einheit"

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT-6.1 Astra
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Als meine Mutter 1989 auf der Insel Rügen in der DDR Selbstmord beging, kündigte ich meinen Lehrerjob in Westdeutschland und versuchte, in der Stadt meiner Mutter (Bergen) als Lehrer weiterzuarbeiten. Ich landete im Büro des örtlichen Schulamtes.

Der Beamte, der dort zuständig war, sagte: "Man flieht nicht vom Westen in den Osten. Die Richtung ist immer andersherum. Außerdem, haben Sie die 35 Männer auf dem Flur gesehen, die in der Schlange warten? Das sind alles ehemalige Stasi-Mitarbeiter. Ich soll für sie alle einen Platz im Schulsystem finden, jetzt, wo die “Berliner Mauer” gefallen ist. Aber für Sie, Herr aus dem Westen, habe ich leider nicht auch noch Zeit! “

Für die Stasi-Zentrale auf Rügen, die lange höhnisch ihre einschüchternde Position genossen hatte, war gerade erst ein neues, prächtiges Bauwerk errichtet worden. Allein die breit geschwungene Autoauffahrt für hochrangige, prominente Besucher der Parteiführung hatte die Hälfte des Gartens meiner Mutter weggefressen. Ihr kleines Gartenhäuschen sollte abgerissen werden. Es sah zu absurd aus vor dem herrschaftlichen Prunkbau. Der wurde nach dem Zusammenbruch des DDR-Systems schnell und kommentarlos in ein Finanzamt umgewandelt.
Im Schatten dieses riesigen Verwaltungsgebäudes hockte ich nun in einem kleinen Giebelzimmer.

Obwohl meine Mutter die Chefin der international liefernden Insel-Molkerei war, wurde sie täglich von ihrem Mann verprügelt. Er war eigentlich nur ein Chauffeur für die Molkerei, hatte aber keinen Respekt vor meiner Mutter. Schließlich war sie ja nur eine Frau. Meine Mutter bekam keine Hilfe von der Polizei, kein Verständnis von der Justiz, nicht von freundlichen Nachbarn, nicht von verständnisvollen Verwandten. Hoch im Norden Ostdeutschlands herrscht immer noch eine Männergesellschaft. Die Mehrheit wählt jetzt die rechtsextreme AfD.

Meine Mutter sollte wegen "Depressionen" in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden. Der Koffer, gepackt in der Nacht vor dem Selbstmord, war noch da, als ich nach einer nächtlichen Fahrt durch Eis und Schnee ankam. 661 Kilometer.

Ihr Mann bewachte mich nun. Er hatte mich eingeschlossen. Arbeitete sich im Stundentakt mit seinem dicken Schlüsselbund durch das Haus: 13 verschiedene Schlüssel waren dabei. Mein Schlafzimmer: von außen verschlossen. Die zweite Etage, der Weg nach unten: verschlossen. Die Tür zum Garten: verschlossen. Die Garage mit meinem Auto: verriegelt mit Balken. Der Ausgang vom Grundstück: verschlossen.

Ich sollte nun in diesem Haus bleiben. Ich fragte, ob ich ein kleines Fenster in der Giebelwand meines Schlafzimmers in Richtung Königsberg aufbrechen könne. Dann könnte ich dorthin schauen, wo Immanuel Kant gelebt hatte. Aber, nein, das durfte ich nicht.

Meine Mutter führte ein kleines Notizbuch in Stenografie. Das hätte ich nach ihrem Tod gerne als einziges Erinnerungsstück gehabt. Leider wurde es mir nicht gegeben. Mir wurde im Leben nie etwas gegeben. Immer nur genommen.

Ich grübelte über meine Flucht nach. Im Eingang des Hauses hing ein massives Hirschgeweih. Es war nach dem Zusammenbruch des DDR-Systems aus dem Jagdschloss Granitz gestohlen worden. Das Symbol für Potenz und Macht wollte ich auf meiner Flucht stehlen. Aber stattdessen entschied ich mich, heimlich den Schlüsselbund meiner Mutter zu nehmen. Also, 13 Schlüssel.

Um 3.45 Uhr morgens schloss ich in Windeseile alle Türen der Reihe nach auf. Ich musste die Garage und das Tor der Grundstücksausfahrt lautlos öffnen. Ich ließ den Motor an.

Als ich vor dem Haus wendete, fielen Gewehrschüsse aus dem oberen Dachfenster. Die Kugeln prallten vom Blech meines tapferen Opel Kadett ab.

Als ich die Insel in Richtung Stralsund verließ, hielt mich ein Anhalter an. Er entpuppte sich schnell als Mitarbeiter der Staatssicherheitszentrale Rügen.
Es entwickelte sich ein Gespräch zwischen dem Stasi-Mitarbeiter, dem IM und mir. Am Ende erzählte er mir, dass es sein Lebensziel sei, für eine schwedische Firma LKWs durch ganz Europa zu fahren. Am liebsten bis nach Sizilien.
"Viel Glück dabei!" sagte ich. Dann, kurz vor Stralsund, stieg er aus meinem Auto mit westdeutschem Kennzeichen aus.

Wieder zu Hause, kontaktierte ich eine Anwaltskanzlei auf Rügen und schrieb, dass ich mich wie jemand fühlte, der zum zweiten Mal im Leben Opfer einer Junta geworden ist, die Menschen aus Hubschraubern ins Meer wirft, nur um sie endlich loszuwerden.
Die Anwaltskanzlei teilte mir mit, dass nach der Vernehmung des von mir beschuldigten Ede K. festgestellt werden müsse, dass Herr Ede K. weder ein- noch zweimal einen Hubschrauber gemietet habe.
Es lag eine Kostenforderung gegen mich in Höhe von viertausend Euro bei, entsprechend einer anwaltlichen Aufstellung des Streitwertes.

Metaphorische Redeweisen waren im real existierenden Kommunismus wohl gänzlich vergessen worden.
Kapitalistische Vorgehensweisen hatten sich jedoch schnell eingebürgert.

P.S.: Zum Artikel der WAZ/WR/ Ruhranzeiger “Keiner hört die Signale: DKP tritt nicht mehr an” schrieb ich am 21. Juli 1994:
Der Bericht über den verbliebenen Rest Hattinger Kommunisten in der WAZ/WR war fair, fast liebevoll - vielleicht mit gutem Recht. Trotzdem stelle ich mir die Frage, ob ein etwas kritischerer Schlusspunkt zu diesem Thema nicht auch auf lokaler Ebene nötig wäre. Ich habe mich bereits mehrmals zu Stasi, Honecker und Blockwart-Mentalität geäußert - ein Teil meiner in der DDR lebenden Verwandtschaft wurde in den Selbstmord getrieben.
Ein Stückchen dieser Welt war für viele Jahre auch in Hattingen sehr präsent. Bestimmten hiesigen Funktionären steckten Begriffe wie “Jugendweihe”, “Geheimnisverrat” und “Spalter-Politik” handlungsbestimmend jahrzehntelang im Gehirn. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus entstanden für viele erhebliche Identitätsprobleme.
Mut zum Snobismus der Besitzenden keimte nun erstaunlicherweise auch in diesen nicht mehr festgeschlossenen Reihen. Die Selbstauflösung der DKP verdient Respekt. Einzelne Parteimitglieder werden aber noch viel Zeit brauchen, um diese Vergangenheit zu verarbeiten. Neulich fand ich in einer Mülltonne eine Menge goldener DDR-Ehrenmedaillen. So schnell können Lebensinhalte wertlos werden.

Foto: Didi van Frits mit ChatGPT-6.1 Astra
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Bürgerreporter:in:

Didi van Frits aus Hattingen

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