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Bahnfahren in Südniedersachsen – nur noch für Nervenstarke geeignet

Südniedersachsen: Bahnfahren in Südniedersachsen – nur noch für Nervenstarke geeignet

(Stand 07.10.2025)

Hallo liebe Eisenbahn-, ÖPNV- und SPNV-Interessierte!

Wir beschäftigen uns weiter mit der Thematik, dass die LNVG nach 2030 den Süd- und den Nordharz von Göttingen anzuhängen gedenkt. Die jüngst bei einigen Kommunen eingegangene Antwort von Frau Schwabl auf die vollkommen berechtigten Forderungen nach Beibehaltung der durchgehenden Züge spornt in ihrem absolut negativen Grundton – es wird auch nicht ansatzweise eine Befassung mit den Sorgen und Nöten erkennbar, sondern es wird nur das wiederholt, was im Konzept 2030+/2040+ schon drinsteht, und das ist eben leider falsch – eher noch mehr dazu an, dies zu tun.

Wie weit weg wir mit dieser Debatte freilich von der Bahnwirklichkeit sind, zeigt sich täglich. Das Bahnfahren in Südniedersachsen verkommt auch jenseits des sowieso schon unkalkulierbaren Fernverkehrs zum Roulette-Spiel. Wobei der Einsatz hoch ist, denn es geht um nicht mehr und nicht weniger als den Erhalt des heutigen Kundenstamms und das Gewinnen neuer Fahrgäste – so jedenfalls wollten es frühere Bundesregierungen (die aktuelle wohl nicht mehr) und auch die jetzige Landesregierung.

Faustregel jedenfalls: Keine Reise ohne Zwischenfälle
Nehmen wir zum Beispiel den letzten Montag. Da habe ich meine Frau zu einem Termin in Neu-Bethlehem in Göttingen begleitet. „Wir nehmen lieber einen Zug eher“. Außerdem fuhr der 9.03-Zug ab Walkenried ja auch durch, Garant für eine leidlich störungsfreie Fahrt also. Ok, die Toilette war gesperrt, und das schon am frühen Vormittag, aber es gab ja noch – für alle Fälle – den zweiten Zugteil. Nachgeschaut habe ich freilich nicht, ob sie da nicht auch gesperrt war. Ankunft um 10.11 statt 10.09, was für Fernreisende völlig unkritisch war, da der ICE nach Frankfurt wie üblich Verspätung hatte, dieses Mal sogar nur etwa 10 Minuten – andere waren da laut Anzeige schon mal 40 Minuten später unterwegs. Ein Blick auf die Tafel lehrte uns aber auch, dass der nächste Metronom keinesfalls um 11.04 nach Hannover fahren würde, sondern frühestens 11.20, was bedeutete, dass er mit mindestens plus 20, wenn nicht mehr, aus Hannover zulaufen würde. Wieder einmal also Chaos im Leinetal.

Nach dem Termin mit – übrigens in beiden Fällen sehr pünktlichen – Stadtbussen (Linie 41) zurück zum Bahnhof. Komisch, auf der Anzeigetafel war der Metronom nach Hannover, ab 13.04, gar nicht drauf. Konnte er auch nicht, denn er fiel ersatzlos aus, weil schon aus Hannover gar nicht herbeikommend. Eine ältere Dame, die bei Thiele einen Kaffee trank, klärte uns auf, denn das wäre eigentlich ihr Zug gewesen. Wieder einmal irgendwelche Weichen-, Signal- und Stellwerksstörungen im Raum Nordstemmen – Elze.

Die Strecke wird nach den Plänen der Bahn frühestens 2035, also in 10 (zehn) Jahren, saniert. Und in dieses Chaos hinein will die LNVG einen Halbstundentakt legen und alle Harzer zu zusätzlichen, freilich nach eigener Angabe „komfortablen“ Umstiegen zwingen. Na, Gute Nacht dann.

Wir frohlockten kurzzeitig, denn unser Zug sollte pünktlich um 13.49 seine Fahrt nach Nordhausen antreten. Dass er das, sehr kurzfristig, dann auf Gleis 4 statt auf Gleis 5 tat, störte nicht, zumal es sogar mehrfach angesagt wurde. Selbst der Übergang vom CANTUS aus Eschwege klappte. Unser Zug war, klar, restlos voll, da ja der vorauslaufende Metronom mal wieder ausgefallen war. In Northeim folglich reger Fahrgastwechsel und leicht verspätete Abfahrt. Mit drei Lokführern auf dem Führerstand, deren zwei dann in Herzberg den Zug nach Braunschweig übernehmen sollten.

Sie taten es dann ja auch. Aber eben 40 Minuten später
Denn wir kamen nur bis kurz hinter das Northeimer Ausfahrsignal. Da muss ja immer geschlichen werden, hinter dem Signal kann man dann aufdrehen – ein Knall, eine Vollbremsung, aha, mal wieder die Indusi, entweder doch zu früh oder zu schnell angezogen oder Signal gestört. Jedenfalls, wir standen. Große Ratlosigkeit brach aus, hektisches Hin- und Her zwischen den Führerständen, bitte mal die Koffer an die Seite räumen, damit die Lokführer schneller durch den Zug gehen können, dauert nicht lange, geht gleich weiter, keine Panik, der Zug nach Osterode muss warten, weil sein Lokführer ja in unseren Zug sitzt, dauert doch länger, wir haben Luft verloren, wir schalten mal alles ab und dann wieder an (darauf hätte man im Grunde auch gleich kommen können und nicht erst nach 20 Minuten), mal sehen, ob es dann wieder geht, geht wieder, aber nun müssen wir wieder zurück hinter das Signal fahren, um dann endlich – nach über 40 Minuten – wieder vorwärts fahren zu können.

Mit 40 Minuten Verspätung ging es dann Richtung Nordhausen. Sollte es gehen jedenfalls. In Herzberg stand der Braunschweiger Zug tatsächlich noch am Bahnsteig, verzweifelte Blicke aus den Fenstern, aber nun war ja der Lokführer da, es konnte mit ebensolchen 40 Minuten Verspätung nun losgehen. Der entgegenkommende Zug, na, der kam bestimmt nicht bis Herzberg, auf der Strecke kann man ja Zugbegegnungen nicht mal einfach so verlegen – es geht ja nur, Dank großartiger Planung der früheren DB Netz, in Gittelde-Bad Grund oder in Ringelheim. Vermutlich hat er bereits in Gittelde eine „Pofalla-Wende“ hingelegt.

Sie kennen den Begriff nicht? Ist eine Erfindung des früheren CDU-Politikers und Netz-Vorstands Pofalla, wonach arg verspätete Züge einfach das letzte Stück ihrer Fahrt kappen und vorher umdrehen, um – statistisch betrachtet, und nur das zählt! – wieder pünktlich zu sein. Das kann man auch im Nahverkehr!

Pass mal auf, sagte ich zu meiner Frau, der fährt heute nur bis Herzberg, wenn wir Glück haben bis Walkenried, denn er käme ja in Nordhausen nach seiner eigenen Abfahrt in der Gegenrichtung an. Nur sagte das vorerst mal niemand. Kurz vor Herzberg kam dann die entsprechende Ansage: Heute nur bis Ellrich, wir empfehlen Ausstieg in Herzberg und warten auf den – pünktlichen! – nächsten Zug nach Nordhausen. Eine schlechte Empfehlung, denn in Herzberg gibt es null Infrastruktur und keine Toilette. Besser bis Ellrich drinbleiben. Was die, welche etwas Ahnung von der Südharzer Bahnwelt hatten, denn auch taten.

Klar, der Zug um 15.39 ab Nordhausen, der fiel mal wieder der „Pofalla-Wende“ in Ellrich zum Opfer, ein übrigens – bisher noch! – gut nachgefragter Zug mit vielen Schülern. Ist doch alles halb so wild, um 16.39 fährt doch wieder einer… Oder eben ein Anruf bei Mutter, Opa oder Oma, komm mich mal abholen, die Bahn fährt schon wieder nicht.

Während man sich ob des – quasi dienstlich bedingten – Abwartens des Zuges nach Osterode mehrfach selbst lobte, verlor man über die massenhaft verlorenen Anschlüsse (Bus nach Bad Lauterberg, Bus in die Stadt nach Bad Sachsa, Bus nach Braunlage, Züge in Nordhausen) keine Silbe. Aber das haben die Leute ja auch selbst bemerkt, dass sie nun eine ganze Stunde in den Sand setzen mussten.

Wir waren mit gut 40 Minuten Verspätung endlich in Walkenried. Nächste Woche müssen wir zu einem deutlich kritischeren Termin nach Göttingen. Der ist um 13 Uhr. Normal könnte man da um 11.03 fahren, aber was ist bei der Bahn schon noch normal? Wenn da wieder die Luft rausgeht oder der Lokführer erst noch gesucht werden muss, was dann? Also noch eine Stunde eher losfahren? Dann muss man aber in Northeim umsteigen auf die RB82, und wer weiß, ob das funktioniert. Und ob der nachlaufende „Metronom“ dann kommt, weiß kein Mensch. Vermutlich wieder „verminderte Geschwindigkeit wegen Stellwerksstörung“ (das besagte Stellwerk dürfte auch am letzten Montag wieder „Kreiensen II“ gewesen sein).

Oder: Das Auto nehmen? Aber in der Humboldtallee kann man schlecht oder gar nicht parken… Aber es wird wohl nicht anders gehen.

Bahnfahren in Südniedersachsen – Roulettespiel trifft es nicht wirklich, denn da kann man ja auch mal gewinnen. Hier heißt es aber immer öfter „nichts geht mehr“. Aber immerhin: „Komfortabel umsteigen“, das mussten wir dieses Mal noch nicht. Das kommt erst noch. 2030 plus ist es soweit. Dann treffen halbstündliche Züge auf eine noch marodere Infrastruktur im Leinetal, machen in Kreiensen die „Pofalla-Wende“, und unsere dann uralten Züge (BEMU-Fahrzeuge kann Alstom vermutlich erst mit zehnjähriger Verspätung liefern…) brauchen keine Luft mehr, weil sie zwischen Northeim und Göttingen nicht mehr fahren.

Michael Reinboth

Viele Grüße

Burkhard Breme

Initiative "Höchste Eisenbahn für den Südharz"

37431 Bad Lauterberg

E-Mail: burkhard.breme@suedharzstrecke.de
Internet: http://www.suedharzstrecke.de

Bürgerreporter:in:

Bernd Jackisch aus Bad Lauterberg im Harz

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