Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus
Otto Neururer - Hoffnungsvolle Finsternis

Im Leiden ein Leuchtfeuer der Menschlichkeit: Filmszene mit Pfarrer Otto Neururer (Lucas Zolgar) und dem Folterknecht der SS (Antonio Wannek).  | Foto: Hermann Weiskopf
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  • Im Leiden ein Leuchtfeuer der Menschlichkeit: Filmszene mit Pfarrer Otto Neururer (Lucas Zolgar) und dem Folterknecht der SS (Antonio Wannek).
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Adelsried. Den Holocaustgedenktag am 27. Januar nahm die Gemeinde Adelsried zum Anlass, einen vielfach ausgezeichneten Film im Bürgersaal vorzuführen. Regisseur Hermann Weiskopf war persönlich gekommen, um sein Kunstwerk „Otto Neururer. Hoffnungsvolle Finsternis“ darzubieten und mit den Gästen zu reflektieren.

Dumpfe Schläge. Eine gebrochene, gedungene Gestalt in Häftlingskleidung, zusammengesackt auf einem Stuhl. Wölfisch umkreist sie ein SS-Mann, Mordlust in den Augen. Die Zelle im Konzentrationslager Buchenwald, das ahnt der Zuschauer bereits zu Beginn, wird zum Grab.
So beginnt die Bekanntschaft mit Otto Neururer im gleichnamigen Film von Hermann Weiskopf. Zugleich ist damit die Tonart für die folgenden rund eineinhalb Stunden angeschlagen. Diese unterscheidet sich am vergangenen Sonntag im Adelsrieder Bürgersaal von der gewöhnlichen Abendunterhalten mit Spielfilm, Sport oder Satire. Sie ist „schwere Kost“, ist „Moll“, im besten Sinne, die gleichwohl mit einer Coda der Hoffnung wie Zuversicht abschließt.

Erzählt wird im Film die Lebensgeschichte des Tiroler Priesters Otto Neururer, dessen Lebensgeschichte als zwölftes Kind einer Müllerfamilie, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, halbverwaist und zugleich tiefgläubig, beispielhaft für so viele Lebensläufe des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts steht. Dieser 1881 geborene „kleine Mann“, dem dank der Katholischen Kirche ein bescheidener Aufstieg gelingt, unterscheidet sich aber gleichwohl von Abermillionen seiner Zeitgenossen, was der Film als „Dokufiction“ eindrucksvoll nachzeichnet. Die Zuschauer erleben einerseits durch Schauspieler dargestellte Szenen aus dem Leben Neururers, andererseits werden Originaldokumente aus den Zeiten des Nationalsozialismus, insbesondere aus den KZ-Lagern, eingespielt; schließlich umrahmt all dies eine erzählerischen Rahmenhandlung.
Der Pfarrer nämlich bleibt standhaft, bleibt seinem der Menschlichkeit verpflichteten Glauben treu und stirbt den Tod der Märtyrer. Kurz vor der geplanten Freilassung aus dem KZ Buchenwald, der Heimkehr in die so innig geliebte Heimat Tirol, tappt er bewusst, sehenden Auges in die Falle der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Dorthin kam er, der sich zum Preis von nur etwas Schweigen in die Abgeschiedenheit seines Bergdorfes hätte zurückziehen können, weil er angesichts des offenkundigen Terrors der Nationalsozialisten hierzu eben nicht bereit war. Seine provokativen Predigten für kompromisslose Humanität und die Verteidigung des Katholischen Glaubens gegen den menschenfeindlichen Atheismus der Nazi-Barbarei brachten ihn in die Verhörkeller der Gestapo, nach Dachau, schließlich nach Buchenwald. Die Taufe seines Mithäftlings und die Weigerung das Beichtgeheimnis zu brechen sind schließlich die letzten Sargnägel, die der Priester in unverrückbarem Glauben selbst hineintreibt.
Der Film ist aber weit mehr als die – eigentlich bereist hinreichend eindrucksvolle – Lebensge-schichte dieses 1996 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochenen Menschenfreundes.
„Otto Neururer – Hoffnungsvolle Finsternis“ zeigt auch eindringlich und eindrucksvoll den kriminellen und menschenverachtenden Wahnsinn, mit dem die Nationalsozialisten 6 Millio-nen Juden und zahllose weitere unschuldige Opfer systematisch und kaltblütig ermordeten.

Indem Regisseur Weiskopf diese Heiligengeschichte in eine zeitgenössische Rahmenhandlung einbettet, gelingt ihm außerdem der Sprung von der Dokumentation zum filmischen Kunstwerk, das beunruhigt, aufrüttelt, beschäftigt, schließlich auch erhebt.
Die Zuschauer nämlich verfolgen die Geschichte Neururers in einem alpenländischen Roadmovie, begleitet von Pfarrer Anton (Ottfried Fischer), dem Rentner Heinz (Heinz Fitz) sowie der vom rechten Weg abgekommenen Sophie (Jasmin Barbara Mairhofer), die bei Heinz als Hühnerwirtin Sozialstunden abzuleisten hat und kurzerhand zur Fahrerin erkoren wird. Vordergründig befinden sich die drei auf der Mission, dem in eine Sinnkrise geratenen Rentner eingedenk des nahenden Lebensendes das Beten wieder zu lehren. Tatsächlich aber schreibt der Film gleich vier ganz persönliche und eben deshalb beispielhafte Bildungsromane:
Neururer, der als ehrgeiziger junger Priester Karriere im Vatikan machen wollte, aber „nur“ zu den einfachen Bergbauern kam, schließlich jedoch durch sein entwaffnendes Glaubenszeugnis, seine selbstvergessende Demut wie sein bereitwilliges Opfer, zum Licht in finsteren Zeiten wird und zu den hohen Weihen des Altares gelangt.
Pfarrer Anton, den Ottfried Fischer mit rührender Authentizität und hoher Kunst im wahrsten Sinn des Wortes genial „verkörpert“. Als Priester sehnt er sich in die klösterliche Einsamkeit, will als „alter, schwacher Ackergaul“ der Welt entfliehen und wird dennoch neuerlich zum umsichtigen wie rettenden Hirten für seine Begleiter. Schwäche, das kann die Quelle größter Kraft sein. Kreatürliche Gewalt, das ist nur allzu häufig Ausweis größter Schwäche.
Dem Rentner Heinz gelingt es, seine Jugend als glühender Antisemit und Rechtsradikaler im Austausch mit einem Holocaustüberlebenden aufzuarbeiten und in den Ruinen seiner Seele wieder Platz für Zuneigung, Freude und Vertrauen zu schaffen. Er emanzipiert sich mit Blick auf sein eigenes Ende von seinem Nazivater und findet mit dem „Vater unser“ einen ehrlich liebenden neuen Vater.
Die junge Erwachsene Sophie schließlich erhält in dem jungen Heinz ein abschreckendes Beispiel zum einen und im geläuterten Rentner einen Gefährten, der sie aus ihrem inneren Gefängnis führt. Ihr gelingt der Ausstieg aus dem Strudel der Gewalt und des Hasses, der sie angetrieben durch eine gescheiterte Beziehung mitzureißen droht. Die in ihrer Liebe Betrogene sprengt die Ketten der Verbitterung, der Wut und des Selbstmitleides, findet mit Neururer den Mut, sich die eigene Verletzlichkeit einzugestehen, und sie als Herausforderung zuversichtlich anzunehmen.

Dass Weiskopf hier kein frommes, sentimentales Märchen auf die Leinwand gebracht hat, zeigen nicht allein die mannigfachen Preise , mit denen der Film auf internationaler Bühne bislang ausgezeichnet wurde. Auch die anschließende Diskussion im Adelsrieder Bürgersaal legte ein beredtes Zeugnis davon ab, dass der Film an das zutiefst Menschliche, an Existenziellem rührt. „Jeder braucht etwas, an dem er sich festhalten kann“, erklärt Pfarrer Anton zum Ende. „Ohne den Glauben gleicht der Mensch einer Eiche ohne Wurzeln. Der kleinste Sturm fällt sie“, entgegnet der schwache, ängstliche Mann in der dunklen Zelle dem Folterknecht der SS, als dieser ihn quält. Neururer war ein kleiner Stern der Hoffnung, den all die Finsternis und der Terror der Naziherrschaft nicht auszulöschen vermochten. Wie ein Stern, der verglüht, leuchtet er nach. Dank Hermann Weiskopf und all den Beteiligten des Filmes tut er dies hoffentlich noch sehr lange.

Der Film wird auf Initiative von Bürgermeister Sebastian Bernhard in Absprache mit Hermann Weiskopf den Schulen der Umgebung kostenfrei als Bildungsmaterial (ab 14 Jahren) ab sofort zur Verfügung gestellt. Diesbezügliche Anfragen richten Sie gerne an: info@gemeinde-adelsried.de. Unser Prädikat: besonders sehenswert und wertvoll.

Im Leiden ein Leuchtfeuer der Menschlichkeit: Filmszene mit Pfarrer Otto Neururer (Lucas Zolgar) und dem Folterknecht der SS (Antonio Wannek).  | Foto: Hermann Weiskopf
Film als Kunstform und Bildungschance im Adelsrieder Bürgersaal: Regisseur Hermann Weiskopf (l.) folgte der Einladung von Bürgermeister Bernhard und zweitem Bürgermeister Ludwig Lenzgeiger | Foto: Hermann Weiskopf
Hoffnungsvolle Finsternis: Ein Blick auf Ottfried Fischer als Pfarrer Anton auf der Leinwand des Adelsrieder Bürgersaales  | Foto: Hermann Weiskopf
Bürgerreporter:in:

Ludwig Lenzgeiger

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