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Berlin, im Winter 1927/1928: Wie es mit einem der berühmtesten Gesangsensembles begann

Am 5. September 1931 treten die Comedian Harmonists im Tivolis Koncertsal in Kopenhagen auf. Danach geht es gleich mit dem Schiff nach Oslo, wo sie am 10., 12. und 13. September 1931 in der Universitetets Aula auftreten. Wieder zwei Tage später, am 15. September, treten sie erneut in Kopenhagen auf, diesmal im Odd Fellow Palæet (Odd-Fellow-Palais). Das Foto zeigt die Comedian Harmonists (von links) Ari Leschnikoff, Erwin Bootz, Robert Biberti und Erich A. Collin auf dem Seeweg nach Oslo. (Foto: Bulgarian Archives State Agency, BASA-1868K-1-44-6. Wikimedia Commons)
 
Erstmals als „The Comedian Harmonists“ angekündigt – Uraufführung der Operette „Casanova“ am Sonnabend, 1. September 1928, 7½ Uhr. (Foto: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Freitag, 31. August 1928)
 
„Sänger von Comedian Harmonists“: Eintrag von Ari Leschnikoff (1897-1978) im Amtlichen Fernsprechbuch für Berlin, 1936.
 
„(…) Herr Erich Collin antwortete in fließendem Englisch, und Herr Harry Frommermann, der Gründer der Gruppe, folgte ihm und kämpfte galant mit der fremden Sprache. ‚Ich spreche eher schlecht‘, lehnte er ab. Trotzdem wurde die Freude der Besucher, nach Perth zu kommen, deutlich vermittelt und ihre Entschlossenheit, alles daranzusetzen, das westaustralische Publikum zu unterhalten.“ Nach einer einmonatigen Schiffsreise geben die Comedian Harmonists am 22. Juli 1937 ihr erstes Konzert in Perth. (Foto: Comedian Harmonists: A Reception in Perth, The West Australian, 22. Juli 1937)
Interessante und bisweilen unbekannte Fakten über die berühmten Comedian Harmonists 


Am 16. Januar 1928 musizierten in Berlin-Friedenau einige junge Männer, die im Zuge eines Castings ermittelt worden waren. Die Wohnung befand sich in der fünften Etage des Hauses Stubenrauchstraße 47 und gehörte einem 21-jährigen Schauspielschüler namens Harry Frommermann.

Gewiss hatte Frommermann Großes im Sinn, gewiss gehörte zu seinem Vorhaben eine ganze Menge Mut. Und dass der Weg zum Ruhm bereits zum Greifen nah war, dürfte niemand von den Beteiligten geahnt haben.
Harry Frommermann (1906-1975) hatte sich bei seiner Suche nach professionellen Sängern des „Berliner Lokal-Anzeigers“, des größten Berliner Annoncen-Blattes, bedient. Er hatte dort eine Kleinanzeige aufgesetzt, die in der Ausgabe vom 18. Dezember 1927 erschien. Frommermann hatte nichts angeboten, aber Neugierde geweckt: „Achtung. Selten. Tenor, Baß (Berufsanfänger, nicht über 25), sehr musikalisch, schönklingenden Stimmen, für einzig dastehendes Ensemble unter Angabe der täglich verfügbaren Zeit gesucht.“
Mindestens 70 Bewerber meldeten sich, darunter, wie es heißt, auch Johannes „Jopi“ Heesters (1903-2011). Für den 29. Dezember 1927 bat er zum Vorsingen in seine Mansarde. Der Großteil erschien ihm wohl eher ungeeignet, außer Robert Biberti (1902-1985), aus Berlin stammender Sohn eines Wagner-Sängers. In „einen riesigen Wintermantel“ gehüllt, sang der Basssänger in der Dachwohnung Frommermanns das Stück „O Isis und Osiris“ aus der Mozart-Oper „Die Zauberflöte“, „dass die Wände platzten“, wie er sich später erinnerte. Biberti überzeugte.
Harry Frommermann war der 1906 geborene Sohn des aus der Ukraine stammenden Kantors der jüdischen Gemeinde in Neukölln Alexander Frommermann und dessen Ehefrau, Leonie. Sein Geburtshaus befand sich an der Rosenthaler Straße 45, er wurde als einziges Kind dieser Ehe geboren. Harrys Schwestern waren um die 25 Jahre älter als er. Die Familie lebte von 1909 bis 1911 in der Elsässer Straße 64, dann von 1912 bis 1927 im Haus Friedrichstraße 131a.
Nachdem der Vater 1924 und schließlich auch die Mutter 1927 gestorben waren, wurde Harry Frommermann für kurze Zeit unter die Vormundschaft seines Schwagers gestellt und zog noch im gleichen Jahr in das Haus Stubenrauchstraße 47.
Das Deutsche Bühnen-Jahrbuch von 1927 bezeichnete Frommermanns letzten Wohnsitz auf Seite 249 so: „Harry Frommermann, N, Friedrichstr. 131a (T Nord. 464).“ – und direkt im Anschluss: „Heinrich George. Alexander Granach, NW, Cuxhavener Str. 2 (T Moabit 5662).“
Der Schauspielschüler Frommermann hatte damals den Entschluss gefasst, eine Gesangsgruppe nach dem Vorbild der amerikanischen A-cappella-Formation „The Revelers“ zu gründen, die inzwischen auch in Deutschland bekannt waren und mit Hits, wie „Valencia“ (1926), Erfolge feierten.
Unterstützt wurde Harry Frommermann bei seinem Vorhaben von seinem Schulfreund, dem Bariton und Pianisten Theodor Steiner (1905-1970). Die erste Probe im Haus an der Stubenrauchstraße fand nach der Erinnerung von Harry Frommermann am 16. Januar 1928 statt. Neben ihm als Arrangeur und den Sängern Biberti und Steiner waren noch ein Bariton und ein 2. Tenor, mutmaßlich Louis Kaliger (1885-1944) und der namhafte Schauspieler Victor Colani (1895-1957), mit von der Partie. Beide hielten aber nicht lange durch und wurden ausgetauscht. Der Gründer, der – ohne Zuhilfenahme seines geerbten Klaviers – 15 Partituren für seine fiktiven „deutschen Revelers“ fertiggestellt hatte, noch bevor er die Anzeige aufgegeben hatte, wollte eigentlich gar nicht selbst mitsingen. Schließlich stieg er aber als Buffo- und Charaktertenor aktiv in den Gesang ein.
Eine Gedenktafel erinnert heute noch an den Ort der ersten Probe in der V. Etage des Hauses Stubenrauchstraße 47.
Nur wenige Wochen nach der ersten Probe brachte Robert Biberti zwei Gesangskollegen aus dem Chor des Großen Schauspielhauses mit, und zwar den Sohn eines bulgarischen Postbeamten Asparuch „Ari“ Leschnikoff (1897-1978), der als singender Kellner im bulgarischen Studenten-Restaurant „Bei Kirow“ arbeitete, und den Polen Roman Cycowski (1901-1998), Sohn des orthodox-jüdischen Besitzers einer kleinen Spinnereifabrik. In der Anfangsformation sang noch Walter Nußbaum, den Biberti aus demselben Chor gewonnen hatte, als zweiter Tenor, der jedoch im März 1929 durch Erich Abraham-Collin, Sohn eines Kinderarztes, ersetzt wurde. Im März 1928 brachte Ari Leschnikoff dann noch seinen Piano spielenden Freund Erwin Bootz (1907-1982), Sohn eines Musikalienhändlers, der in Stettin das Licht der Welt erblickt hatte, mit. Der fertige Musikstudent Bootz war als Einziger der Sechs mit einem guten Einkommen ausgestattet.
Harry Frommermann und Theodor Steiner nahmen am 1. April 1928 in der Wohnung von Biberts Eltern Robert Biberti, Ari Leschnikoff und Walter Nußbaum bei ihrer Gruppe unter Vertrag, die sie fortan „Melody Makers“ nannten und letztendlich – auf Vorschlag von Filmregisseur und Drehbuchautor Erik Charell (1894-1974), der 1924 von Max Reinhardt das Große Schauspielhaus übernommen hatte – im September 1928 in „Comedian Harmonists“ umbenannten.
Eine bessere Probenmöglichkeit fand das Ensemble durch Vermittlung von Jesta Nielsen (1901-1964) bei ihrer Mutter, Asta Nielsen (1881-1972), der großen Diva des Stummfilms, im Haus Kaiserallee 203 (heutige Bundesallee). Die hübsche Dänin stellte den Musiksalon ihrer Wohnung als Probenraum zur Verfügung. Es stellte sich heraus, dass viele Monate harten Probens bevorstanden, für die es keinerlei Einnahmen gab. Chorsingen oder sonstige Gelegenheitsarbeiten waren stattdessen die Einnahmequelle.
Man feierte erste Erfolge auf Kleinkunstbühnen und in Revuen in Berlin und nahm erste Schallplatten auf. Ab Januar 1930 folgten eigene abendfüllende Konzerte, zahlreiche Plattenaufnahmen und die Mitwirkung in mehreren Spielfilmen.
Unvergesslich wurden die Comedian Harmonists mit Liedern, wie „Veronika, der Lenz ist da!“, „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Ein Freund, ein guter Freund“ und „Wochenend und Sonnenschein“. Nach den Vorkommnissen im März 1934 konnten die Comedian Harmonists nicht mehr in Deutschland auftreten. Am 5. März 1934 hatte Propagandaminister Joseph Goebbels (1897-1945) verfügt, dass Arier und Nicht-Arier in Nazi-Deutschland nicht mehr miteinander auftreten durften. Am 13. März 1934 gaben sie ihr legendäres letztes Konzert in München, abgehalten mit Sondergenehmigung und einer von der Konzertdirektion eigens erwirkten Aufhebung eines ergangenen Konzertverbots. Die Comedian Harmonists sangen vor Standing Ovations des Publikums ihre Abschlusslieder „Auf Wiedersehen, my Dear“ und „Lebewohl, gute Reise“.
Die Comedian Harmonists lebten weiterhin in Berlin und reisten mit deutschen Eisenbahnen, gaben aber alle ihre Konzerte im Ausland. Auf dem Zenit ihres Erfolgs reisten sie 1934 in die USA, wo sie im Juni auf dem Flugzeugträger „Saratoga“ vor zahlreichen Soldaten der US Navy im Hafen von New York einen umjubelten Auftritt absolvierten; der Radiosender NBC übertrug live. Das weltberühmte Vokalensemble wurde 1935 durch die erzwungene Emigration der drei jüdischen Mitglieder getrennt. Zum Abschluss ihrer Norwegen-Tour im Januar 1935 gaben sie dann auch ihr letztes Konzert. Es fand vielumjubelt am 23. Januar 1935 in Fredrikstad südlich von Oslo statt.
Bald wurden neue Formationen gebildet, die dem bisherigen Stil treu blieben, aber noch während des Krieges auseinanderbrachen. Das australische Musikmagazin „Music and Dance“ schrieb in seinen „The Australian Musical News“ vom 1. August 1937: „‚Etwas ganz anderes‘ ist die Beschreibung, die den Comedian Harmonists, einem brillanten Ensemble von Sängern, die sich jetzt auf dem Weg nach Australien in Begleitung der Australian Broadcasting Commission befinden, sehr passend gegeben werden könnte. Die Comedian Harmonists sind Grammophonenthusiasten eher als Comedy Harmonists bekannt, und sie haben in anderen Teilen der Welt zahlreiche Freunde gefunden, indem sie alte deutsche Volkslieder singen, amüsante französische Comedy-Lieder und englische Themennummern.“
Roman Cycowski war der letzte noch lebende Sänger der Comedian Harmonists, er starb 1998 in Palm Springs. Übrigens beging die uneheliche Tochter der Stummfilmdiva Asta Nielsen, Jesta Nielsen, im September 1964, einige Monate nach dem Tod ihres Ehemannes Paul Vermehren, Selbstmord.
Die Tantiemen aus den Schallplatten erhielt seit der Trennung Robert Biberti – auch die Tantiemen der emigrierten Mitglieder.
Und wo könnte man jetzt noch einmal gut in die Quellenrecherche einsteigen? Klar, da liegen zunächst einmal drei gut recherchierte Bücher über die wunderhafte Erscheinung des famosen Gesangsquintetts mit Piano-Begleitung vor. Eins davon, das ersterschienene, stammte aus der Feder des Buchautors Prof. Dr. Peter Czada (1936-1999), der zu Lebzeiten Nachlassverwalter der Comedian Harmonists gewesen war und der die fast vollendete Monographie über die Comedian Harmonists des 1991 verstorbenen ostdeutschen Schallplattensammlers Günter Große in seine Arbeit mit einbezog. Robert Biberti, der Zeit seines Lebens in Berlin geblieben war und sich als Leiter und zugleich Prokurist des Ensembles gesehen hatte, ließen die Comedian Harmonists nie richtig los. Er sammelte die Geschichte der Gesangsgruppe in dem nachgelassenen Quellenmaterial, verteilt auf über 90 Aktenordnern und weiteren Mappen. Der Nachlass umfasst Briefe, Programme, Bildmaterial, Schallplatten, Notenmaterial. Er wurde 1985 von der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, erworben. Er ist erschlossen, und es stehen dort Mikrofiches für die Benutzung zur Verfügung (Musikabteilung Staatsbibliothek zu Berlin, N. Mus. Nachl. 86, Hinweis: Sondererlaubnis schriftlich einholen bei: Herrn Theo Niemeyer, Karkweg 17, 22869 Schenefeld). Wesentlich kleiner ist der Nachlass von Harry Frommermann, der unter anderem Autographe und Arrangements von Werken anderer Komponisten enthält (Musikabteilung Staatsbibliothek zu Berlin, N. Mus. Nachl. 80).
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