Der gemalte Himmel von Kilcrennan
Der gemalte Himmel von Kilcrennan (von Michael Mahler)
- hochgeladen von Michael (Gecko) Mahler
Klappentext:
Eine abgelegene Zuflucht. Ein verwundetes Herz. Eine Liebe, die alles wiederherstellt.
Die Londoner Restauratorin Elara Hughes flieht vor den Trümmern ihrer gescheiterten Beziehung in einen Auftrag, der so abgelegen wie verlockend ist: die Rettung eines verblassten Deckengemäldes in den schottischen Highlands. In Kilcrennan House, einem heruntergekommenen Herrenhaus, erwartet sie keine Romantik, sondern Einsamkeit, feuchte Mauern und eine monumentale Aufgabe.
Der Besitzer, Calum Stewart, ist ein ehemaliger Marineoffizier, der von Schuld und Pflicht gezeichnet ist. Für ihn ist das Haus eine Last, ein steinernes Symbol für alles, was verloren ging. Schweigsam und in sich gekehrt, beobachtet er die zarte, konzentrierte Fremde, die mit unendlicher Geduld die Schönheit seiner Vergangenheit freizulegen beginnt.
Unter dem besonderen Licht der langen Sommernächte, zwischen Farbproben und handwerklicher Präzision, entsteht eine fragile Verbindung. Gemeinsam bergen sie die verborgenen Farben eines vergessenen Künstlers – und finden dabei Stück für Stück zu ihrem eigenen, verletzten Selbst zurück. Doch als die Schatten von Calums Vergangenheit und ein verlockendes Angebot aus Elaras alter Welt auftauchen, müssen sie eine Entscheidung treffen: Ist dies nur eine vorübergehende Heilung – oder die zweite Chance, auf die sie beide gewartet haben?
Tipp: Falls du lieber hörst statt liest, kannst du dir diese Geschichte auch als Hörversion herunterladen. Die KI-Stimme klingt erstaunlich natürlich.
Viel Freude dabei!
Download von Mega Cloud
Lesezeit zirka 157 Minuten
Der gemalte Himmel von Kilcrennan
Prolog:
Die Träne des Hauses
Kilcrennan, Juni 1946
Das Licht der Mitternachtssonne war ein seltsames, unwirkliches Phänomen. Es hatte nichts von der brutalen Klarheit des Mittags oder der weichen Melancholie der Dämmerung. Es war ein bleiches, perlmuttfarbenes Leuchten, das die Welt in ein endloses, seelenvolles Zwielicht tauchte, in dem die Schatten ihre Schärfe verloren und die Farben zu Erinnerungen verblassten.
In der Großen Halle von Kilcrennan war diese Helligkeit gerade stark genug, um die Umrisse der Möbel zu zeichnen: den massiven Eichentisch, die hohen Sessel, die in Leinentücher gehüllt waren wie Geister einer vergangenen Gesellschaft. Die Luft roch nach kaltem Kaminasche, nach Wachs, das lange nicht mehr poliert worden war, und nach dem unvermeidlichen, leichten modrigen Unterton, der von den feuchten Nordwänden aufstieg.
Morag Stewart, zweiundzwanzig Jahre alt und seit drei Jahren Ehefrau, lag auf dem abgenutzten persischen Teppich in der Mitte des Raumes. Sie hatte ein Kissen unter den Kopf geschoben und starrte mit trockenen, brennenden Augen nach oben. Ihr Körper war steif von einer Müdigkeit, die nichts mit Schlaf zu tun hatte. Es war die Lähmung des Wartens. Des Wartens auf ein Telegramm, auf einen Brief, auf eine Nachricht, die niemals kam.
Über ihr, in der sanften Dämmerung der hohen gewölbten Decke, lebten die Geschichten weiter. Sie konnte die Umrisse der Figuren erkennen, die ihr Mann Alistair ihr in den ersten, glücklichen Tagen hier gezeigt hatte. „Da, siehst du? Das ist Erato, die Muse der Liebesdichtung“, hatte er gesagt, seinen Arm um ihre Taille gelegt, während sie beide auf demselben Teppich lagen. „Und dort, der alte Mann mit dem Bart, das ist der Winter. Er sieht grantig aus, aber er bringt die Ruhe, die nötig ist, damit der Frühling wieder kommen kann.“
Jetzt sah sie nur noch schemenhafte Formen in dem grauen Blau. Der Winter sah nicht mehr grantig aus, sondern unendlich traurig. Und Erato schien ihr Lyra nicht mehr aus Freude, sondern aus Klage zu halten.
Ein leises Rascheln ließ sie den Kopf drehen. In einem der hohen Sessel am kalten Granitkamin saß Alistairs Großmutter, Eleanor. Mit ihren achtundsiebzig Jahren war sie so schmal und zerbrechlich geworden wie das alte Spinnrad in der Ecke, aber ihr Geist war scharf wie ein Rasiermesser. Sie strickte in dem fahlen Licht, ihre Nadeln klickten in einem langsamen, unerbittlichen Rhythmus, dem einzigen Geräusch neben dem eigenen Atem.
„Du siehst sie immer noch, nicht wahr, Kind?“, sagte die alte Dame, ohne aufzublicken. Ihre Stimme war rau von Torfrauch und Alter, aber sie hatte eine seltsame Musikalität.
„Wer?“, flüsterte Morag.
„Die Geschichten. In der Decke.“ Eleanor legte das Strickzeug in den Schoß. Ihr Blick, von einem blassen, wässrigen Blau, wanderte nach oben. „Sie sind alle da. Die Freude und der Kummer. Die, die gehen, und die, die bleiben. Die, die auf dem Meer verloren gehen, und die, die an Land auf sie warten.“
Ein scharfer Schmerz durchfuhr Morags Brust. Alistair war nicht auf dem Meer verloren gegangen. Sein Flugzeug war irgendwo über den Wüsten Nordafrikas vom Radar verschwunden. „Vermisst“, hieß es in dem kurzen, amtlichen Schreiben. Ein Wort, das schlimmer war als jedes andere. Es ließ keine Ruhe zu, keinen Abschied, nur dieses qualvolle, hohle Hoffen.
„Er kommt zurück“, sagte sie, aber die Worte klangen hohl in der großen, leeren Halle.
„Das Haus weiß es nicht“, sagte Eleanor ruhig. „Das Haus kennt nur die Jahreszeiten. Es kennt das Tropfen des Regens und das Knacken des Frosts. Es kennt das Lachen in diesen Hallen und die Tränen, die in die Kissen geweint wurden.“ Sie zeigte mit einer knobchrigen Hand nach oben, zur nordwestlichen Ecke der Decke. „Siehst du den dunklen Fleck dort? Der ist neu. Seit dem letzten Sturm. Das Dach weint dort hinein.“
Morag folgte ihrem Blick. Und da sah sie es. Einen dunklen, unregelmäßigen Schatten, der sich wie eine Narbe über einen Teil des gemalten Himmels zog. Und während sie hinsah, geschah etwas. Ein einzelner Wassertropfen, schwer und langsam, formte sich an der tiefsten Stelle der Verfärbung, glänzte für einen Augenblick im perlmuttfarbenen Licht und fiel dann. Er landete mit einem kaum hörbaren Plop auf dem staubigen Holzfußboden, genau neben dem Teppich, und hinterließ einen kleinen, dunklen Kreis.
Plop. Eine Pause. Plop.
Es war ein langsamer, träger Herzschlag. Der Herzschlag des Hauses. Ein Herz, das blutete.
„Es weint mit dir, Morag“, sagte Eleanor, und ihre Stimme war jetzt nur noch ein Hauch. „Dieses Haus hat viele Tränen gesehen. Viele Wartende. Es absorbiert sie, wie der Stein die Feuchtigkeit absorbiert. Aber es wartet auch. Es hat eine schreckliche, unerschütterliche Gedacht. Es wartet darauf, dass eines Tages jemand kommt, der dieses besondere Licht sieht – nicht nur das Licht draußen, sondern das Licht, das durch die Tränen bricht. Jemand, der die Geschichten nicht nur sieht, sondern hört. Und der dann… die Hand ausstreckt, um die Tränen zu trocknen.“
Morag schloss die Augen. Die Vorstellung war zu schön, um sie ertragen zu können. Ein Retter? Ein Heiler? Für das Haus? Für sie? Es klang wie ein Märchen aus Eleanors Mädchenzeit, eine verblasste Legende, an die niemand mehr glaubte.
Plop.
Draußen, in der hellen, endlosen Nacht, begann eine Amsel zu singen. Ihr Lied war klar und komplex, eine perlende Kaskade von Noten, die sich durch die offene Terrassentür in die stille Halle schlich. Es war ein Lied des Lebens, das ungerührt von menschlichem Leid weiterging.
Morag öffnete die Augen und sah den nächsten Tropfen fallen. Sie verfolgte seinen Weg von der dunklen Wunde in der Decke bis zum Boden. Eine Träne. Für Alistair? Für sie? Für all die verlorenen Männer und die wartenden Frauen in der Geschichte dieses steinernen Hauses?
Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass in diesem Moment, in der Stille der Mitternachtssonne, mit dem Klicken der Stricknadeln und dem langsamen, traurigen Tropfen, ihr Kummer nicht mehr allein war. Er war Teil von etwas Größerem, etwas Älterem. Er war in die Steine von Kilcrennan eingeschrieben, in die verblassten Farben seiner Decke. Und diese seltsame, schmerzhafte Gemeinschaft gab ihr einen winzigen Funken Trost.
Sie rollte sich zur Seite, zog die Knie an die Brust und lauschte dem Tropfen und dem Vogelgesang. Das Haus hielt Wache. Und sie wartete mit ihm. Nicht mehr in panischer Verzweiflung, sondern in einer erschöpften, fast feierlichen Stille. Denn Eleanor hatte recht. Das Haus wartete. Und vielleicht, ganz vielleicht, wartete es tatsächlich auf mehr als nur auf sie.
Es wartete auf das Licht, das nach dem langen Regen kommen würde. Auf die Hand, die den Riss kitten würde. Auf das Herz, das nicht nur die Wunden sehen, sondern sie heilen wollte.
Plop.
Die Träne fiel. Und irgendwo, in einer fernen Zukunft, die sich Morag nicht vorstellen konnte, schlief ein kleines Mädchen in London und träumte von Farben, die darauf warteten, wiederentdeckt zu werden.
Kapitel 1: Das Angebot aus den Highlands
Das Licht, das an diesem späten Apriltag durch das hohe Fenster von Elara Hughes' Studio fiel, war fahl und kraftlos. Es lag wie eine Schicht feinen Staubes auf den Pinseln in ihrem Glas, auf den geöffneten Farbtuben und den Reproduktionen alter Meister, die an der Wand hingen. London draußen war ein gleichmäßiges, fernes Brausen, ein Geräusch, das so sehr zum Hintergrund ihres Lebens geworden war, dass sie es kaum noch wahrnahm. Jetzt, gegen fünf Uhr, hörte sie es jedoch mit einer plötzlichen, fast schmerzhaften Klarheit. Es klang nach Eile, nach anonymem Leben, nach einer Stadt, die niemals zur Ruhe kam.
Sie lehnte sich von ihrer Arbeit zurück, einer akribischen Retusche an einer kleinen viktorianischen Aquarelllandschaft, und rieb sich die Nackenmuskeln. Die winzigen, präzisen Bewegungen hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie fühlte sich nicht nur müde, sondern ausgelaugt. Es war eine Müdigkeit, die tiefer ging als die der Augen oder des Rückens; sie saß in der Seele fest, ein bleierner Gast, der seit über einem Jahr bei ihr wohnte.
Ihr Blick wanderte über den Raum, den sie so sehr liebte und der ihr in letzter Zeit wie ein zu eng gewordenes Gefängnis vorkam. Jedes Regal, jedes Fach, jeder Fleck Farbe auf dem alten Holzboden erzählte von Jahren der Hingabe. Von ihrem Studium, ihrer Leidenschaft, ihrer Karriere. Und von Marcus. Besonders von Marcus. Er war nicht hier, nicht mehr seit achtzehn Monaten, aber seine Abwesenheit hatte eine eigene, erstickende Präsenz. Sie war in den stillen Abenden zu spüren, die sie nun allein verbrachte, in den freien Wochenenden, die sich endlos dehnten, und in dem hohlen Klang der Wohnung, die sie einst geteilt hatten.
Mit einem entschlossenen Seufzer stand sie auf und ging zum kleinen Waschbecken in der Ecke. Sie rieb die Spuren von Ocker und Umbra von ihren Fingern, beobachtete, wie das Wasser sich bräunlich färbte und dann klar wurde. Als sie den Wasserhahn zudrehte, war die Stille im Raum fast greifbar. Da klingelte ihr Telefon. Nicht das Handy, das auf dem Zeichentisch lag, sondern das Festnetztelefon, eine altmodische Ausführung mit Schnur, die ihr Geschäftstelefon war.
Sie zögerte einen Moment. Es war spät für Geschäftsanrufe. Vielleicht ein Kunde, der den Fortschritt einer Arbeit erfragen wollte. Sie hob ab.
„Hughes Restaurierungen.“
„Miss Hughes? Hier spricht Alistair Buchanan von Buchanan & Lyall, Anwaltskanzlei in Edinburgh.“ Die Stimme war älter, deutlich schottisch, höflich und geschäftsmäßig.
„Edinburgh?“ wiederholte Elara, überrascht.
„Ja. Ich hoffe, ich rufe nicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt an. Ich wurde von einem gemeinsamen Bekannten, Mr. Anthony Greene von der Courtauld Gallery, auf Ihre außergewöhnliche Arbeit mit Wand- und Deckengemälden des 18. und 19. Jahrhunderts aufmerksam gemacht.“
Anthony. Ein ehemaliger Dozent, jetzt Kurator, ein Freund. Eine Welle der Zuneigung für ihn durchfloss sie. „Mr. Greene ist sehr freundlich“, sagte sie. „Womit kann ich Ihnen dienen, Mr. Buchanan?“
„Es geht um ein etwas ungewöhnliches Projekt. Einen privaten Auftrag. Mein Mandant ist Besitzer eines… nun, sagen wir, eines etwas vernachlässigten Herrenhauses hier in den Highlands. Kilcrennan House. Haben Sie davon gehört?“
Elara durchsuchte ihr Gedächtnis. „Der Name kommt mir nicht bekannt vor. In welcher Grafschaft?“
„Ross-shire. Sehr abgelegen. Das Haus stammt aus den 1790er Jahren und hat in der Großen Halle ein beträchtliches Deckengemälde, ein trompe-l'œil des Himmels mit klassischen Figuren, das angeblich von einem Schüler des Italieners Antonio Zucchi stammt. Der Zustand ist, wie mir gesagt wird, prekär. Feuchtigkeitsschäden, Verlust der Malschicht, allgemeiner Verfall.“ Der Anwalt machte eine kurze Pause. „Mein Mandant wünscht eine umfassende Begutachtung und, wenn möglich, die vollständige Restaurierung.“
Elara lehnte sich an die Wand, das Telefon fest ans Ohr gepresst. Ein Deckengemälde in den schottischen Highlands. Das war nicht die übliche Anfrage nach einer Retusche an einem Miniaturporträt oder der Reinigung eines Ölgemäldes. Das war groß. Kompliziert. Und faszinierend.
„Ich verstehe“, sagte sie langsam. „Und Ihr Mandant…?“
„Mein Mandant ist Captain Calum Stewart. Der letzte Bewohner von Kilcrennan.“ In der Stimme des Anwalts schwang etwas mit, das Elara nicht ganz deuten konnte. Resignation? Bedauern? „Er ist… ein eigenwilliger Mann. Das Haus ist seit Generationen in Familienbesitz, aber es gab in jüngerer Zeit wenig Mittel für die Instandhaltung. Captain Stewart hat vor kurzem das Erbe angetreten und scheint entschlossen, zumindest dieses eine Stück zu bewahren.“
„Warum wenden Sie sich an mich?“, fragte Elara direkt. „Es gibt hervorragende Restauratoren in Edinburgh, Glasgow.“
„Captain Stewart hat explizit nach einer externen Fachkraft verlangt. Jemandem von… außerhalb.“ Wieder diese Pause. „Und Mr. Greene hat Ihre Arbeit in höchsten Tönen gelobt. Er betonte Ihre Geduld und Ihren Respekt für die ursprüngliche Intention des Künstlers. Qualitäten, die in dieser Situation von besonderem Wert sein könnten.“
Elara schloss die Augen. Sie sah nicht das staubige Studio, sondern stellte sich ein altes steinernes Haus vor, irgendwo zwischen Himmel und Heide. Sie hörte nicht das Londoner Brausen, sondern den Wind in den Kiefern. Die Vorstellung war so lebhaft, so anziehend, dass es ihr fast den Atem raubte. Eine Flucht. Eine Herausforderung. Etwas, das nur ihr gehörte.
„Was genau würde der Auftrag beinhalten?“, fragte sie, und ihre eigene Stimme klang ein wenig belegt.
„Zunächst eine ausführliche Besichtigung und Begutachtung vor Ort. Dafür würden wir natürlich alle Reise- und Aufenthaltskosten übernehmen. Sollten Sie den Auftrag annehmen, müssten Sie für die Dauer der Arbeiten vor Ort wohnen. Im Haus stehen einfache, aber angemessene Unterkünfte zur Verfügung. Das Projekt würde den ganzen Sommer in Anspruch nehmen, möglicherweise länger.“
Den ganzen Sommer. Weg von London. Weg von den Erinnerungen. Weg von der lähmenden Routine.
„Könnten Sie mir Unterlagen zusenden? Fotos, wenn vorhanden, Grundrisse, alles, was Sie haben?“
„Selbstverständlich. Ich werde alles per E-Mail schicken. Aber ich muss warnen, die vorhandenen Fotos sind schlecht. Das beste Licht soll, so heißt es, im Juni und Juli sein, wenn die Mitternachtssonne das Tal in ein besonderes Licht taucht.“ Der Anwalt ließ ein trockenes Räuspern hören. „Romantischer Unsinn, vermute ich. Für einen Fachmann wie Sie zählen wohl eher die konservatorischen Gegebenheiten.“
„Das Licht ist immer ein entscheidender Faktor, Mr. Buchanan“, sagte Elara mit einem kleinen Lächeln, das er nicht sehen konnte. „Ich werde das Material prüfen und mich innerhalb einer Woche bei Ihnen melden.“
Nachdem sie die Formalitäten geklärt und die Kontaktdaten ausgetauscht hatten, legte Elara auf. Sie blieb reglos stehen, die Hand noch auf dem Telefon. Die fahle Nachmittagssonne hatte nun einen goldenen Schimmer angenommen und tauchte den Raum in ein warmes, unwirkliches Licht. Plötzlich erschien ihr das Studio nicht mehr beengt, sondern wie ein Kokon, den sie verlassen musste, um zu atmen.
Sie ging zum Fenster und blickte hinunter auf die Straße, auf den stetigen Strom von Menschen und Fahrzeugen. Seit Marcus gegangen war, hatte sie sich durch ihre Arbeit definiert, sich in die sichere, kontrollierbare Welt der Pigmente und Firnisse geflüchtet. Es hatte ihr Stabilität gegeben. Aber es hatte auch bedeutet, stillzustehen. Das Angebot aus den Highlands fühlte sich an wie eine Tür, die sich in eine lange verschlossene Mauer öffnete. Dahinter lag Ungewissheit, ja. Einsamkeit, sehr wahrscheinlich. Harte Arbeit, zweifellos. Aber auch Möglichkeit.
In den folgenden Tagen studierte sie die spärlichen Unterlagen, die Mr. Buchanan geschickt hatte. Die Fotos waren in der Tat dunkel und verschwommen, zeigten aber einen großen Raum mit hohen, vertäfelten Wänden und einer gewölbten Decke. Auf den Ausschnitten war eine verblasste, aber elegante Malerei zu erkennen: Wolken, die scheinbar in einen blassen Himmel übergingen, die Umrisse einer weiblichen Figur, vielleicht eine Muse oder Göttin, der Putten flogen. Der Schaden war deutlich sichtbar – dunkle Flecken von Feuchtigkeit, Risse, ganze Flächen, wo die Farbe abgeblättert war und den groben Putz darunter freilegte. Es war ein trauriger, heruntergekommener Anblick, und doch spürte Elara sofort den verzweifelten Wunsch, die ursprüngliche Pracht wieder sichtbar zu machen. Es war, als höre sie einen leisen, vergessenen Ruf.
Sie konsultierte Anthony Greene, der ihr Vertrauen in ihre Fähigkeiten bestärkte und ihr ein paar wertvolle Tipps für die Arbeit mit historischem schottischem Putz gab. „Der Mann, dieser Stewart“, sagte Anthony am Telefon, „soll ein eigenbrötlerischer Charakter sein. Ehemalige Marine, hat den Dienst nach irgendeinem Zwischenfall quittiert. Sei diplomatisch, meine Liebe. Konzentriere dich auf die Arbeit.“
Die Warnung hing in der Luft, aber sie schreckte Elara nicht ab. Im Gegenteil, sie machte das Ganze noch realer. Dies war kein anonymes Museumsstück; es war das Herzstück eines Hauses, das einem Menschen gehörte, der offenbar seine eigenen Dämonen und seine eigene Hartnäckigkeit besaß.
Eine Woche nach dem ersten Anruf, an einem Morgen, an dem der Londoner Regen gegen die Fensterscheiben prasselte, traf Elara ihre Entscheidung. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und tippte eine präzise, professionelle E-Mail an Alistair Buchanan. Sie erklärte sich bereit, die Begutachtungsreise nach Kilcrennan anzutreten, schlug Termine vor und legte ihre Konditionen dar. Sie sandte die Nachricht ab, bevor sie es sich anders überlegen konnte.
Die Antwort kam binnen einer Stunde: „Captain Stewart stimmt zu. Ihre Ankunft für den 15. Mai ist arrangiert. Ein Mietwagen wird für Sie am Flughafen Inverness bereitstehen. Weitere Details folgen. Mit freundlichen Grüßen, A. Buchanan.“
Es war besiegelt.
Die folgenden Wochen vergingen in einem Wirbel aus Vorbereitungen. Sie informierte ihre wenigen laufenden Kunden, dass sie für mehrere Monate nicht verfügbar sein würde, und bat eine Kollegin, gelegentlich im Studio vorbeizuschauen. Sie packte praktische Kleidung für kühles und nasses Wetter, aber auch ihre wertvollsten Werkzeuge, Pinsel und Notizbücher in einen robusten Koffer. Sie ließ ihre Wohnung in den Händen einer Nachbarin.
In den stillen Momenten, meist nachts, überkam sie Zweifel. Was tat sie da? Sie zog in die Einöde, um für einen fremden, möglicherweise schwierigen Mann zu arbeiten, in einem verfallenen Haus, auf einem Projekt, das überwältigend groß war. War es Flucht? War es Wahnsinn?
Doch dann öffnete sie erneut die unscharfen Fotos von Kilcrennan House und blickte auf das verwitterte Gesicht der gemalten Göttin an der Decke. In den verblassten Augen schien ein Funke von etwas zu liegen – Erwartung vielleicht. Oder Geduld. Die Geduld der Jahrhunderte. Sie, Elara Hughes, hatte die Chance, diesen Funken wieder zum Leben zu erwecken. Es war mehr als ein Job. Es war eine Berufung.
Am Vorabend ihrer Abreise stand sie im leeren Wohnzimmer, nur von der Straßenlaterne draußen schwach beleuchtet. Die Koffer standen an der Tür. Die Stadt summte ihr gewohntes, gleichgültiges Lied. Sie spürte keine Traurigkeit beim Abschied von diesem Ort, der so viel Schmerz beherbergt hatte. Stattdessen war da eine seltsame, beunruhigende Leichtigkeit, ein Kribbeln der Antizipation tief in ihrem Bauch.
Sie dachte an den Anwalt, der von dem besonderen Licht im Juni und Juli gesprochen hatte. „Romantischer Unsinn“, hatte er gesagt. Vielleicht. Aber Elara, die ihr Leben damit verbracht hatte, die Wirkung des Lichts auf Farbe zu studieren, wusste, dass Licht alles verändern konnte. Es konnte die trübste Oberfläche erwecken, die verborgensten Nuancen enthüllen. Sie war nicht auf der Suche nach Romantik. Aber sie war bereit für das Licht.
Am nächsten Morgen, als das Flugzeug über London aufstieg und sich durch eine Schicht grauer Wolken kämpfte, schloss Elara die Augen. Hinter ihr lag die Stadt der Erinnerungen. Vor ihr lag der Norden, die Highlands, ein Haus namens Kilcrennan und ein Sommer voller Ungewissheit.
Sie atmete tief durch und ließ die Anspannung langsam von sich abfallen. Die Entscheidung war getroffen. Die Reise hatte begonnen.
Kapitel 2: Ankunft in Kilcrennan
Der Mietwagen, ein robuster, erdbeerroter Duster, kam Elara auf der langen Fahrt von Inverness nordwärts wie eine seelenverwandte Gefährtin vor. Die Straßen wurden schmaler und kurviger, die Landschaft wilder und einsamer mit jeder gefahrenen Meile. Die sanften Hügel und bewaldeten Täler rund um die Stadt wichen einer gewaltigeren, kargeren Schönheit. Felsige Gipfel, noch mit schmutzigen Schneeresten in den schattigen Schluchten, ragten gegen einen weiten, windgepeitschten Himmel. Zwischen ihnen breiteten sich endlose Moordecken aus, in tausend Schattierungen von Rostbraun, Olivgrün und Violett, durchzogen von silbrigen Bächen, die sich ihren Weg ins Tal bahnten.
Elara fuhr mit angehaltenem Atem, die Hände fest um das Lenkrad geklammert, weniger aus Nervosität als aus purem Staunen. Die Luft, die durch den geöffneten Spalt des Fensters strömme, roch nach Torf, nach nassem Stein und nach einer unbekannten, sauberen Kühle, die ihr die Lungen zu weiten schien. Nach der stickigen, abgestandenen Luft Londons war jeder Atemzug wie eine Reinigung.
Die Anweisungen des Anwalts waren präzise gewesen. Von Inverness auf der A9 nordwärts, dann bei einem winzigen Ort namens Dalreach auf eine einzelspurige Landstraße abbiegen, die sich wie ein graues Band in die Berge schlängelte. „Sie werden Passagen haben“, hatte Mr. Buchanan in seiner trockenen Art gesagt. „Viel Glück.“
Er hatte nicht übertrieben. Mehrmals musste Elara in eine der vorgesehenen Ausweichstellen fahren, um entgegenkommenden Fahrzeugen – einem Lieferwagen, einem Traktor, einem anderen Geländewagen – Platz zu machen. Die Fahrer winkten ihr stets mit einem kurzen, freundlichen Fingerzeig vom Steuer zu, eine stille, hochländische Etikette, der sie unsicher nachzukommen versuchte.
Die Fahrt dauerte länger als erwartet, nicht nur wegen der Straßen, sondern weil sie immer wieder anhielt, um die Aussicht zu betrachten oder ein Foto zu machen – nicht mit der Kamera, sondern in ihrem Gedächtnis. Das Licht hier war anders als alles, was sie kannte. Es war fließend und dramatisch. Zügige Wolken jagten über den Himmel und warfen sich ständig ändernde Muster aus Sonne und Schatten auf die Landschaft. Ein Hang konnte in gleißendem Gold erstrahlen, während sein Nachbar in tiefem Violett versank. Es war ein Licht für Maler, dachte sie. Für Turner. Für einen Schüler Zucchis, der versucht hatte, einen italienischen Himmel auf schottischen Putz zu bannen.
Gegen halb vier, nachdem sie ein kleines, windschiefes Schild mit der Aufschrift „Kilcrennan 2“ passiert hatte, bog die Straße um eine Felsnase und das Tal lag plötzlich vor ihr ausgebreitet. Es war breiter als die vorherigen, mit einem großen, dunklen See, der wie ein Stück gebrochenen Himmels auf der Erde lag. An seinem fernen Ufer, auf einer sanften Anhöhe, die sich vom Wasser zurückzog, stand Kilcrennan House.
Elara hielt am Straßenrand an und stieg aus. Der Wind packte sie sofort, kühl und energisch, und wirbelte ihr das dunkle Haar um das Gesicht. Sie schob es zurück und musterte das Haus.
Es war nicht das größte Herrenhaus, das sie je gesehen hatte, und weit entfernt vom Prunk der englischen Palladianischen Villen, mit denen sie vertraut war. Es war aus grauem, lokalem Stein gebaut, solide und ohne viel Zierrat. Zwei Stockwerke hoch, mit einem symmetrischen Aufbau und sichtbar hoch gelegenen Fenstern. Einige der Schornsteine schienen schief zu sein, und an der Westseite war ein Gerüst aufgebaut, das auf laufende Reparaturen hindeutete. Es wirkte nicht verfallen, sondern abgekämpft. Ein würdevoller alter Krieger, der sich gegen die Elemente stemmte. Es lag in einer Mulde des Landes, geschützt von einer windgepeitschten Gruppe alter, knorriger Kiefern. Dahinter stiegen die Berge steil an, ihre Grate scharf gegen den blassen Himmel geschnitten.
Keine Spur von Romantik, dachte sie sachlich. Aber eine gewisse trotzige Anmut. Ihr Fachmannblick registrierte die potenziellen Probleme: die vermutlich dicken, feuchten Mauern, die Lage in der Talmulde, die die Morgensonne verzögern würde. Aber ihr Künstlerherz spürte den unwiderstehlichen Ruf des Ortes. Die Stille war fast ohrenbetäubend, nur unterbrochen vom Seufzen des Windes in den Kiefern, dem fernen Rauschen eines Bachs und dem einsamen Schrei eines Greifvogels hoch oben.
Sie fuhr die letzte Meile, über eine schmale, von Schlaglöchern übersäte Zufahrt, die zwischen alten Rhododendronbüschen hindurchführte, die bald in voller, wilder Blüte stehen würden. Vor dem Haus öffnete sich ein kreisrunder Kiesplatz. Sie parkte neben einem alten, mit Lehm bespritzten Land Rover Defender und stieg aus.
Die Tür des Hauses – eine massive Eichentür mit schmiedeeisernen Beschlägen – blieb geschlossen. Kein Mensch war zu sehen. Sie blickte sich um. Der Garten war mehr eine Verlängerung der Heide: ungezähmt, mit Grasbüscheln und wildem Ginster. Aber jemand hatte die Wege frei geschnitten, und in einem geschützten Winkel an der Südseite blühten früh Narzissen in einem unordentlichen, fröhlichen Haufen.
Plötzlich fühlte sie sich unsicher. Sollte sie klopfen? Läuten? Es gab keinen Klingelknopf. Sie war gerade im Begriff, auf das schwere Klopfblech zu schlagen, als eine Bewegung sie von der Seite des Hauses her aufschrecken ließ.
Ein Mann kam um die Ecke. Er war groß, mindestens einen Kopf größer als sie, und trug schwere Arbeitsstiefel, eine verwaschene Cordhose und einen dicken, kabelgestrickten Pullover über einem dunklen Hemd. In seinen Händen trug er einen Spaten und einen Eimer voller Unkraut. Sein Haar, dicht und dunkelbraun, leicht ergraut an den Schläfen, war vom Wind zerzaust. Sein Gesicht war von der Witterung gegerbt, mit tiefen Linien um die Augen und einen festen, entschlossenen Mund. Er musste Mitte vierzig sein, schätzte Elara. Aber es war ein Gesicht, das viel gesehen hatte. Die Augen, von einem bemerkenswerten, hellen Grau, musterten sie mit einer direkten, unerschrockenen Neugier, die weder feindselig noch einladend war. Es war die Prüfung eines Mannes, der daran gewöhnt war, Situationen und Menschen schnell einzuschätzen.
„Miss Hughes, nehme ich an“, sagte er. Seine Stimme war tiefer als die des Anwalts, mit einem rauen, melodiösen Unterton des Lokaldialekts. Er stellte Eimer und Spaten ab und streifte sich mit einer schnellen Bewegung die Erde von den Händen.
„Ja. Captain Stewart?“
Er nickte knapp. „Calum Stewart. Willkommen in Kilcrennan.“ Es klang wie eine einfache Feststellung, keine überschwängliche Begrüßung. Er trat näher, und sie spürte, wie seine Augen über sie hinwegglitten, über ihren praktischen Wandermantel, ihre soliden Schuhe, ihren mit Werkzeug schweren Rucksack. Sie schien seine erste, stille Prüfung zu bestehen. „Sie sind pünktlich. Gut. Die Straße kann tückisch sein für Ungewohnte.“
„Die Aussichten entschädigen für alles“, sagte Elara und war über ihre eigene spontane Antwort ein wenig überrascht.
Ein winziges Funkeln, kaum mehr als ein Blinzeln, trat in seine grauen Augen. „Das tun sie. Kommen Sie herein. Ich zeige Ihnen Ihr Quartier, dann können Sie das Haus und die Aufgabe sehen.“
Er öffnete die schwere Tür ohne weiteres Zeremoniell, und sie trat hinter ihm in die Eingangshalle. Der erste Eindruck war nicht von Kälte oder Vernachlässigung, sondern von gedämpftem Licht und einem eigentümlichen, würzigen Geruch – eine Mischung aus altem Holz, Wachs, leichtem Schimmel und Torffeuer. Es roch nach Vergangenheit.
Die Halle war groß, mit einem steinernen Boden, über den ein abgetretener, aber gut erhaltener Perserteppich lag. Eine breite Holztreppe führte in die Dunkelheit des Obergeschosses. Rechts und links gingen Türen ab. Direkt voraus führte ein gewölbter Durchgang in die Tiefe des Hauses.
„Die Wohnräume sind größtenteils im Ostflügel“, erklärte Calum Stewart mit einer knappen Handbewegung. „Ich bewohne dort ein paar Zimmer. Die Küche und meine Räume sind hinten. Für Sie habe ich Zimmer im Westflügel vorbereitet. Sie haben eine eigene kleine Treppe und sind unabhängig. Ich dachte, das wäre praktischer.“
Elara war erleichtert. Die Vorstellung, in einem fremden Flügel dieses großen Hauses zu wohnen, erschien ihr plötzlich viel angenehmer als die Enge einer zu intimen Unterbringung. „Das klingt perfekt. Vielen Dank.“
Er führte sie durch den gewölbten Durchgang einen kurzen, dunklen Korridor entlang, dann eine schmale, gewundene Steintreppe hinauf. Oben angelangt öffnete er eine Tür. „Hier. Es ist einfach, aber trocken und warm.“
Das Zimmer war überraschend hell und einladend. Es war nicht groß, aber die Decke war hoch, und ein hohes, schmales Fenster blickte über den See auf die Berge dahinter. Das Licht, das nun aus westlicher Richtung hereinfiel, war warm und golden. Ein schlichtes Eisenbett mit einer dicken Daunendecke und einem Berg von Kissen stand an einer Wand. Ein alter Schrank, ein Waschtisch mit blau-weißer Keramik und ein kleiner Schreibtisch mit einem Stuhl vervollständigten die Einrichtung. Auf dem Kaminsims stand ein kleiner Strauß wilder Narzissen in einem einfachen Glas. Die Geste, so klein sie war, berührte Elara zutiefst.
„Das Badezimmer ist die Tür gegenüber. Es ist alt, aber es funktioniert. Heißwasser gibt es reichlich, der Boiler ist neu“, sagte er und trat ans Fenster. „Die beste Aussicht im Haus, finde ich.“
Elara trat neben ihn. Der See lag jetzt in voller Pracht da, das Wasser dunkelblau unter den vorbeiziehenden Wolken. „Es ist wunderschön“, sagte sie aufrichtig.
„Es hat seine Tage“, sagte er einfach. Dann wandte er sich ab, wieder geschäftsmäßig. „Wenn Sie sich eingerichtet haben, treffen Sie mich in der Halle. Ich zeige Ihnen die Große Halle. Das ist Ihr… Arbeitsplatz.“
Nachdem er gegangen war, atmete Elara durch. Sie ließ ihren Rucksack auf den Boden gleiten und setzte sich für einen Moment auf die Bettkante. Die Matratze war fest. Sie betrachtete den Raum, die geweißten Wände, das sanfte Flackern des Lichts auf dem alten Holzboden. Es war still, aber nicht bedrückend. Es war eine Stille, die Raum zum Atmen ließ.
Sie richtete sich notdürftig ein, hängte ein paar Kleider in den Schrank, stellte ihre Pinsel und Skizzenbücher auf den Schreibtisch. Dann nahm sie ihr Untersuchungskit – Taschenlampe, Lupe, Notizblock, Digitalkamera – und machte sich auf den Weg zurück in die Halle.
Calum Stewart erwartete sie. Er hatte den Arbeitspullover ausgezogen und trug nun ein einfaches Hemd, dessen Ämmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt waren. Ohne ein Wort führte er sie zu einer Doppeltür links von der Treppe. Er drückte die schweren Flügel auf.
„Die Große Halle von Kilcrennan“, sagte er, und seine Stimme hatte einen anderen Klang, fast feierlich.
Elara trat ein und blieb auf der Schwelle stehen. Der Raum war gewaltig, fast kubisch, etwa zwölf Meter lang und breit und sicher sechs Meter hoch. Drei hohe, schmale Fenster auf der Westseite ließen das späte Nachmittagslicht hereinstürzen, lange, staubige Sonnenstrahlen, die den Raum in eine fast sakrale Atmosphäre tauchten. Die Wände waren bis zur Hälfte mit dunklem, geschnitztem Eichenholz vertäfelt, darüber mit einem bröckelnden, cremefarbenen Putz bedeckt. Ein riesiger Kamin aus rohem Stein beherrschte die Nordwand, daneben eine Galerie mit einer geschnitzten Balustrade, die auf den Obergeschossflur zuging.
Doch all das war nur der Rahmen. Elaras Blick wurde unweigerlich nach oben gezogen. Zur Decke.
Sie war gewölbt, in leichten Kassetten unterteilt, und jede Kassette, jedes Feld, war mit dem trompe-l'œil-Himmel und den Figuren freskiert, von denen die Fotos nur ein blasses Echo gewesen waren. Das Blau war verblasst zu einem matten, aschigen Graublau, die Wolken zu schmutzigem Weiß verschmiert. Doch die Komposition war immer noch atemberaubend. In der Mitte thronte eine weibliche Figur, die eine Lyra hielt – vermutlich Erato, die Muse der Lyrik und Liebesdichtung. Um sie herum schwebten Putten, einige mit Blumenkränzen, andere mit Musikinstrumenten. In den Ecken waren allegorische Figuren der Jahreszeiten zu erkennen. Die Illusion von Tiefe, der Versuch, den geschlossenen Raum in einen offenen Himmel zu verwandeln, war trotz des Verfalls noch spürbar.
Und der Schaden. Er war noch gravierender, als die Fotos vermuten ließen. Große, dunkle Feuchtigkeitsflecken wie Wunden zogen sich von der Nordwestecke her über die gesamte Fläche. Risse durchzogen die Malschicht wie ein Netz von Falten. Ganze Stücke des Putzes waren abgeplatzt und lagen, wie sie jetzt sah, sorgfältig auf einem mit Stoff bedeckten Tisch am Ende des Raums gesammelt. An einigen Stellen war die unterste Schicht, der grobe Kalkputz, freigelegt, an anderen hingen Fragmente der Farbschicht wie traurige Vorhänge herab.
Elara vergaß für einen Moment ganz die Anwesenheit des Mannes neben sich. Sie trat weiter in den Raum, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen über jedes Detail wandernd. Sie spürte sofort die Herausforderung, aber auch die Ehrfurcht. Dies war kein dekoratives Beiwerk. Dies war ein kühnes künstlerisches Statement, ein Versuch, italienische Heiterkeit in die rauen Highlands zu bringen. Es sprach von Hoffnung, von Zivilisation, von dem Wunsch nach Schönheit an einem unwirtlichen Ort.
„Was denken Sie?“ Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er hatte sich nicht bewegt, stand immer noch in der Nähe der Tür, die Hände in den Taschen vergraben, und beobachtete sie.
Sie holte tief Luft, suchte nach den richtigen, professionellen Worten. „Es ist ein bedeutendes Werk. Die Komposition ist exzellent, die Zeichnung der Figuren sehr geschickt. Der Schaden ist erheblich, aber…“ Sie ging auf einen der schlimmsten Feuchtigkeitsflecke zu und betrachtete ihn mit ihrer Lupe. „…nicht hoffnungslos. Die Hauptstruktur der Decke scheint intakt. Die Feuchtigkeit kommt wahrscheinlich von einem undichten Dach oder einer defekten Regenrinne an der Nordwestecke. Das muss zuerst behoben werden, sonst ist jede Restaurierung sinnlos.“
Sie richtete sich auf und sah ihn an. „Haben Sie bereits einen Dachdecker damit beauftragt?“
Ein kaum merkliches Zucken ging über sein Gesicht. „Ja. Er kommt nächste Woche. Buchanan hat darauf bestanden.“ Es klang, als halte er den Aufwand für übertrieben.
„Mr. Buchanan hat recht“, sagte Elara entschieden. „Ohne eine trockene Umgebung kann ich nicht beginnen. Alles andere wäre Zeit- und Geldverschwendung.“ Sie sprach nicht als Bittstellerin, sondern als Expertin, und sie sah, wie seine Augen ihre Anerkennung dafür registrierten.
„Wie gehen Sie vor?“, fragte er.
„Zunächst eine vollständige Dokumentation. Jeden Zentimeter fotografieren, skizzieren, den Zustand kartieren. Dann Proben der Malschichten und des Putzes nehmen, um die originalen Materialien und Techniken zu analysieren. Parallel dazu muss die Raumfeuchtigkeit und -temperatur konstant überwacht werden. Erst dann kann ich einen detaillierten Restaurierungsplan mit Zeit- und Kostenrahmen vorlegen.“
Er nickte langsam, sein Blick wanderte von ihr zur Decke. „Es war einmal der Stolz des Hauses“, sagte er mehr zu sich selbst. „Meine Großmutter erzählte, als Kind habe sie auf Teppichen auf dem Boden gelegen und die Geschichten in den Bildern betrachtet. Dann wurde das Dach undicht, nach dem Krieg. Es gab kein Geld. Alles verfiel.“ Seine Stimme war sachlich, aber in ihr lag ein Unterton von etwas, das wie bedrückende Pflicht klang.
„Wir werden es wieder sichtbar machen“, sagte Elara leise. Es war ein Versprechen, das sie nicht nur ihm, sondern auch dem Haus, dem Künstler und der kleinen, auf dem Boden liegenden Großmutter gab.
Er sah sie an, und zum ersten Mal entspannte sich der harte Zug um seinen Mund ein wenig. „Gut.“ Dann fügte er praktisch an: „Der Raum steht Ihnen uneingeschränkt zur Verfügung. Strom ist da. Ich habe einen großen Tisch und eine Arbeitslampe bringen lassen. Wenn Sie weitere Ausrüstung benötigen, sagen Sie es mir. Das Abendessen ist um sieben. In der Küche.“
Mit einem letzten Blick auf die verblasste Muse an der Decke verließ er den Raum und ließ sie allein zurück.
Elara stand in der Mitte der leeren Halle, umgeben von den stummen Zeugen der Vergangenheit. Das goldene Licht der untergehenden Sonne traf jetzt direkt auf die Westwand und tauchte den Raum in warmes, honigfarbenes Licht. Plötzlich, für einen flüchtigen Moment, schienen die verblassten Farben an der Decke aufzuleben. Das Graublau bekam eine Tiefe, das Schmutzigweiß der Wolken einen Schimmer von Rosa.
Es war nur ein Spiel des Lichts. Ein vorübergehender Effekt. Aber für Elara war es ein Zeichen. Eine Bestätigung. Dies war der richtige Ort. Dies war die richtige Arbeit.
Sie holte ihre Kamera hervor und begann, den langen Prozess der Dokumentation. Jedes Klicken des Auslösers war ein Schritt in eine gemeinsame Zukunft – ihre und die dieses vergessenen Himmels von Kilcrennan.
Kapitel 3: Das Haus enthüllt sein Gesicht
Die ersten Tage in Kilcrennan nahmen einen eigenen, ruhigen Rhythmus an, der von Licht und Arbeit bestimmt wurde. Elara wachte früh auf, geweckt nicht vom Verkehrslärm, sondern vom hellen, klaren Licht, das ihr Schlafzimmerfenster überflutete, und vom melodischen Rufen der Vögel, die in den Kiefern vor dem Haus lebten. Die Stille war zunächst ungewohnt, fast beunruhigend in ihrer Vollständigkeit, doch sie gewöhnte sich schnell daran. Sie bedeutete Raum – Raum zum Denken, zum Atmen.
Ihre erste Aufgabe bestand darin, die Große Halle in all ihren Facetten zu verstehen. Sie verbrachte Stunden damit, auf einer von Calum Stewart besorgten, hohen, rollbaren Arbeitsbühne zu stehen, Zentimeter für Zentimeter der Decke mit ihrer Lupe zu untersuchen, Notizen zu machen und Hunderte von Fotos aus jedem erdenklichen Winkel zu schießen. Sie legte ein detailliertes Raster über ihre Pläne und kartografierte jeden Riss, jeden Farbverlust, jede Feuchtigkeitsstelle.
Der Hausherr selbst war ein zurückhaltender, aber nicht unfreundlicher Präsenz. Ihre Wege kreuzten sich zu den Mahlzeiten, die stets pünktlich um acht, eins und sieben in der großen, funktionalen Küche im hinteren Teil des Hauses eingenommen wurden. Es war ein Raum mit dicken Mauern, einem gewaltigen Aga-Herd, der eine beharrliche Wärme ausstrahlte, und einem langen Eichentisch, an dem sie schweigend oder über praktische Dinge sprechend saßen. Calum war ein kompetenter, unprätentiöser Koch. Die Mahlzeiten waren einfach und nahrhaft: Suppen, Eintöpfe, frischer Fisch, den er manchmal selbst aus dem See holte, und Gemüse aus einem kleinen, windschiefen Gewächshaus am Südhang.
„Haben Sie das Gewächshaus selbst gebaut?“, fragte Elara eines Mittags, als sie über einem Teller dampfender Linsensuppe saßen.
„Nein. Das war mein Vater. Er war der Gärtner der Familie.“ Er sprach wenig über seine Familie, und Elara fragte nicht weiter. Aus den Andeutungen des Anwalts und den wenigen, abgebrochenen Sätzen Calums schloss sie, dass er der Letzte war. Das Gewicht dieser Tatschaft lag spürbar auf seinen Schultern.
Die Arbeit war einsam, aber sie war es gewohnt, mit der Stille ihrer eigenen Gedanken zu arbeiten. Was anders war, war die überwältigende Präsenz des Hauses selbst. Kilcrennan war kein lebloses Objekt; es war eine Entität, die atmete, knarzte und im Dunkeln seufzte. Nachts, wenn sie in ihrem Bett lag und dem Wind lauschte, der um die Mauern pfiff, konnte sie fast spüren, wie das Gebäude seine Geschichte in die Dunkelheit flüsterte – von festlichen Bällen in der Großen Halle, von kalten Wintern, in denen man sich um den riesigen Kamin drängte, von Kindern, die die Treppen hinuntertollten.
Eines Nachmittags, etwa eine Woche nach ihrer Ankunft, suchte sie Calum in seinem kleinen Büro auf, einem Raum voller Regale mit staubigen Büchern und Seekarten, neben der Küche. Sie klopfte an den offenen Türrahmen.
Er blickte von einem Laptop auf, auf dem er offenbar Abrechnungen bearbeitete. „Miss Hughes?“
„Ich habe die erste Phase der Dokumentation abgeschlossen. Ich würde gerne mit der Probenentnahme beginnen. Dafür benötige ich Ihre Erlaubnis für kleinste Eingriffe – das Entnehmen von winzigen Farb- und Putzsplittern aus bereits beschädigten Bereichen.“
Er lehnte sich zurück und musterte sie. „Sie sind sehr gewissenhaft.“
„Es ist die Grundlage aller weiteren Arbeit“, erklärte sie. „Ohne zu wissen, was der originale Künstler verwendet hat, kann ich keine passenden Materialien für die Konsolidierung und Retusche auswählen. Es wäre wie… wie eine Operation ohne Diagnose.“
Ein leichtes Lächeln, das erste echte, das sie bei ihm sah, berührte seine Lippen. „Eine treffende Analogie für einen ehemaligen Soldaten. Tun Sie, was nötig ist. Es ist in Ihren Händen.“
Sie nickte. „Danke. Noch etwas… die Lichtverhältnisse. Die Halle ist morgens sehr dunkel. Die Nachmittagssonne ist wunderbar, aber sie verzerrt die Farbwahrnehmung. Wären Sie einverstanden, wenn ich ein System aus reflektierenden Planen an den Fenstern installiere, um das Licht gleichmäßiger zu streuen? Es ist reversibel und beschädigt nichts.“
Er schien einen Moment zu überlegen, nicht aus Widerwillen, sondern als prüfe er die Konsequenzen in seinem Kopf. „Wenn Sie meinen, dass es hilft. Sie haben freie Hand.“ Dann fügte er, fast beiläufig, hinzu: „Tee ist in zehn Minuten fertig. Im Wohnzimmer, wenn Sie mögen. Es ist… etwas wohnlicher dort.“
Es war eine unerwartete Einladung, die erste über die rein praktische Notwendigkeit hinaus. „Gerne“, sagte Elara.
Um vier Uhr betrat sie ein Zimmer, das sie noch nicht gesehen hatte. Es lag im Ostflügel, war klein und von einer behaglichen Wärme erfüllt, die vom Kaminfeuer ausging, das im Kamin flackerte. Anders als der Rest des Hauses wirkte dieser Raum bewohnt und persönlich. Die Bücher in den Regalen waren keine rein dekorativen Bände, sondern abgegriffene Romane, Sachbücher über Seefahrt und Geschichte, alte Atlanten. Auf einem Tisch standen Fotos in silbernen Rahmen: eine strenge, schöne Frau, die Elara als Calums Mutter erkannte; ein Mädchen mit wilden Locken und einem breiten Lachen, das sie an Calums Mundwinkel erinnerte; ein Gruppenbild von Marinesoldaten vor einem Schiff, unter ihnen ein jüngerer, unverbrauchter Calum mit einem entschlossenen, aber unbelasteten Blick.
Er hatte bereits den Tee auf einem Tablett bereitgestellt – eine schwere, silberne Kanne, dünne Porzellantassen, einen Teller mit einfachen, hausgemachten Haferkeksen. „Setzen Sie sich“, sagte er und deutete auf einen großen, lederbezogenen Sessel vor dem Feuer. Er selbst nahm auf dem Sofa Platz.
Für einen Moment herrschte Stille, nur unterbrochen vom Knistern des Feuers und dem leisen Ticken einer alten Standuhr in der Ecke. Elara füllte ihre Tasse. Der Duft von starkem, malzigem Assam stieg auf und vermischte sich mit dem Geruch von Holzrauch und Leder.
„Der Dachdecker war da“, sagte Calum schließlich, während er seine Tasse in den Händen hielt. „Das Problem ist größer als gedacht. Es wird mindestens drei Wochen dauern, bis das Dach an der Nordwestecke trocken und dicht ist.“
Elara spürte einen Stich der Enttäuschung, aber auch der Erleichterung. Es war besser, es jetzt richtig zu machen. „Das gibt mir mehr Zeit für die Analyse. Und vielleicht kann ich in der Zwischenzeit mit der schonenden Reinigung einiger weniger, stabiler Bereiche beginnen. Um eine Vorstellung von den Originalfarben zu bekommen.“
„Sie sind geduldig.“
„In meinem Beruf ist Geduld keine Tugend, sondern ein Werkzeug“, sagte sie. Sie blickte sich im Raum um. „Dies ist ein schönes Zimmer.“
„Es war das Zimmer meines Vaters. Er zog sich hierher zurück, um zu lesen.“ Calums Blick schweifte zu den Fotos. „Er und meine Mutter sind vor zehn Jahren gestorben. Autounfall auf der A9.“
„Das tut mir leid“, sagte Elara leise.
Er nickte, als danke er ihr für die formelle Anteilnahme. „Meine Schwester, Flora, auf dem Foto dort, lebt in Kanada. Sie hat die Highlands nach der Beerdigung verlassen und ist nie zurückgekommen.“ Es gab keine Anklage in seiner Stimme, nur eine nüchterne Feststellung.
„Und Sie sind zurückgekommen? Nach Ihrer Zeit bei der Marine?“
Seine Augen fixierten das Feuer. „Es gab nichts anderes, wohin ich gehen konnte. Und es war meine Pflicht.“ Das Wort „Pflicht“ klang schwer, wie eine Kette. Dann schien er sich zu schütteln und sah sie an. „Und Sie? London scheint Sie nicht zu vermissen.“
Die Frage traf sie unvorbereitet. Sie nahm einen Schluck Tee, um Zeit zu gewinnen. „Doch, in gewisser Weise schon. Mein Studio, meine Kollegen. Aber…“ Sie suchte nach den richtigen Worten. „Es ist gut, weg zu sein. Ein Abstand tut gut.“
„Von der Arbeit?“
„Von allem.“ Das Wort hing zwischen ihnen. Sie hatte zu viel gesagt. Um das Schweigen zu füllen, fuhr sie fort: „Die Arbeit hier ist eine willkommene Ablenkung. Sie ist… bedeutungsvoll.“
Er beobachtete sie über den Rand seiner Tasse hinweg. Seine grauen Augen waren scharf, aber nicht verurteilend. „Buchanan sagte, Sie seien eine der Besten in Ihrem Feld. Dass Sie Aufträge in großen Museen ablehnen könnten. Warum nehmen Sie dann einen so abgelegenen, schwierigen Job an?“
Es war dieselbe Frage, die sie sich selbst immer wieder gestellt hatte. Sie konnte ihm nicht von Marcus erzählen, von der Leere, die er hinterlassen hatte. Aber sie konnte eine andere Wahrheit sagen. „Weil es hier um mehr geht als nur um eine Restaurierung. In einem Museum ist das Objekt tot, herausgerissen aus seinem Kontext. Hier…“ Sie machte eine vage Handbewegung, die das Haus, die Halle, ihn selbst einschloss. „…hier ist es lebendig. Es ist Teil von etwas Größerem. Wenn ich es retten kann, dann rette ich nicht nur Farbe auf Putz. Ich helfe, eine Geschichte zu bewahren. Eine Seele.“ Sie errötete leicht, als ihr die poetischen Worte über die Lippen kamen. „Das klingt sentimental, ich weiß.“
„Nein“, sagte er nachdenklich. „Es klingt wahr. Für mich war dieses Haus immer eine Last. Ein Symbol für alles, was verloren, vergangen, unhaltbar war. Vielleicht…“ Er brach ab und stellte die Tasse ab. „Vielleicht sehe ich es durch Ihre Augen etwas anders.“
Ein unerwartetes Band der Verbindung spannte sich zwischen ihnen, dünn wie ein Spinnwebfaden, aber spürbar. Es war das gegenseitige Verständnis zweier Menschen, die sich in ihren jeweiligen Pflichten verloren hatten.
„Die Marine“, begann Elara vorsichtig, ermutigt durch seine Offenheit. „Vermissen Sie es?“
Sein Gesicht versteinerte sich für einen Sekundenbruchteil. Dann entspannte es sich zu einem Ausdruck tiefer Müdigkeit. „Die Kameradschaft. Die Klarheit. Das Gefühl, Teil eines gut geölten Ganzen zu sein. Das vermisse ich. Den Rest… nein.“ Er stand auf und ging zum Fenster, den Rücken ihr zugewandt. „Manchmal ist die Welt da draußen zu laut, zu kompliziert. Hier ist sie einfach. Hart, aber einfach.“
Elara verstand. Nach dem Lärm und dem Schmerz ihrer eigenen gescheiterten Beziehung war die Stille Kilcrennans nicht Flucht, sondern Heilung. Für ihn mochte es ähnlich sein.
„Ich sollte wieder an die Arbeit“, sagte sie sanft und stellte ihre Tasse ab.
Er drehte sich um. „Natürlich. Ich habe Sie aufgehalten.“
„Nein. Der Tee war sehr willkommen. Danke.“
Als sie den Raum verließ und den kalten, düsteren Korridor Richtung Westflügel betrat, fühlte sie sich seltsam getröstet. Sie war nicht mehr nur die bezahlte Expertin in einem fremden Haus. Sie war ein willkommener Gast geworden, vielleicht sogar auf dem Weg, eine Verbündete zu sein.
In den folgenden Tagen bemerkte sie eine subtile Veränderung in der Atmosphäre. Calum brachte ihr manchmal eine Tasse Kaffee in die Halle, stellte sie wortlos auf den Tisch und ging wieder. Einmal fand sie eine alte, aber gut erhaltene Stehlampe neben ihrer Arbeitsbühne, die das grelle Licht der Arbeitsleuchte milderte. Sie begann, das Haus mit anderen Augen zu sehen. Sie bemerkte die sorgfältigen Reparaturen an den Fensterrahmen, die Art, wie die alten Holzböden trotz aller Abnutzung gepflegt waren. Dies war keine nachlässige Verwahrlosung, sondern ein harter, einsamer Kampf gegen einen unaufhaltsamen Verfall, der mit begrenzten Mitteln und noch begrenzterer Energie geführt wurde.
Eines Nachmittags, als sie vorsichtig mit einem weichen Pinsel Staub von einem unversehrten Puttenkopf in einer südlichen Kassette entfernte, geschah etwas Magisches. Unter der dünnen Schicht aus Ruß und Stallulat (dem feinen Schmutz, der sich über Jahrzehnte abgesetzt hatte) tauchte plötzlich ein Hauch von Rosa auf – die zarte, perfekte Farbe einer Wange. Das ursprüngliche Fleischton. Es war nur ein winziger Fleck, nicht größer als ein Fingernagel, aber er leuchtete in dem diffusen Licht, das von ihren weißen Reflektionsplanen hereingestreut wurde, mit einer fast schmerzhaften Frische.
Sie erstarrte, den Pinsel in der Hand, und starrte darauf. Das war es. Dies war der Beweis, der unter all der Patina der Zeit und des Schadens schlummerte. Das Leben.
Sie wusste nicht, wie lange sie so stand. Schritte auf dem Steinboden ließen sie aufschauen. Calum stand in der Tür, eine Postmappe in der Hand. Sein Blick folgte ihrem, hinauf zu dem Punkt, auf den sie starrte.
„Da“, sagte sie einfach, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Sie deutete mit dem Pinselstiel hinauf.
Er trat näher, seine Augen suchten, bis er den kleinen rosa Fleck in dem Meer aus Grau und Ocker fand. Er sagte nichts. Aber sie sah, wie seine Kehle arbeitete. Dann nickte er, ein einziges, tiefes Nicken, als bestätige er etwas, auf das er gehofft, aber nicht gewagt hatte, zu glauben.
In diesem stillen, von Staub durchzogenen Moment, unter dem verwundeten Himmel der Decke, verstanden sie einander vollkommen. Es gab keine Worte nötig. Die Entdeckung war ihre gemeinsame Sprache.
„Ich lasse Sie weiterarbeiten“, sagte er schließlich, seine Stimme war rau. Er drehte sich um und ging, ließ sie mit ihrem kleinen, leuchtenden Geheimnis zurück.
Später, beim Abendessen, war die Stimmung zwischen ihnen leichter. Sie sprachen über praktische Dinge – die Lieferung von speziellen Chemikalien, die sie bestellt hatte, die Prognose für die nächste Woche (mehr Regen) –, aber unter der Oberfläche pulsierte das gemeinsame Wissen um den rosa Fleck. Es war ein Keim der Hoffnung, den sie gefunden hatten.
Als Elara an diesem Abend in ihr Zimmer hinaufging, blieb sie am Fenster stehen und blickte auf den See hinaus, der im Mondlicht silbern glänzte. Das Haus knarrte und ächzte um sie herum, aber es fühlte sich nicht mehr bedrohlich an. Es fühlte sich an, als würde es sich um sie kümmern. Als würde es sie willkommen heißen.
Sie dachte an Calums Gesicht, als er den Farbtupfer sah. In seinen grauen Augen hatte sich etwas geöffnet, ein winziger Riss in der Panzerung der Pflicht und der Resignation. Und sie spürte, wie sich auch in ihr etwas öffnete. Die schützende Schicht um ihr eigenes Herz, die sie in den letzten achtzehn Monaten so mühsam aufgebaut hatte, schien an diesem abgelegenen Ort, unter dieser verblassten Decke, nicht mehr so notwendig zu sein.
Das Haus enthüllte sein Gesicht, Stück für Stück. Und dabei, so begann sie zu ahnen, würde es auch ihre und Calums eigenen Gesichter enthüllen – die darunter liegenden, wahren, die von Zeit und Schmerz übermalt worden waren.
Kapitel 4: Das Spiel des Lichts
Der Mai neigte sich dem Juni zu, und mit der sich wandelnden Jahreszeit veränderte sich auch das Licht in Kilcrennan. Die langen Dämmerungen dehnten sich zu einer nahtlosen, perlmutternen Helligkeit aus, die die Nacht auf ein paar kurze, tiefblaue Stunden zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens reduzierte. Elara fand diese „simmer dim“, wie Calum es nannte, sowohl magisch als auch desorientierend. Die Grenzen zwischen Tag und Nacht verschwammen, und mit ihnen schien auch die strenge Disziplin ihrer Arbeitszeiten zu verwischen. Sie arbeitete oft bis spät in den hellen Abend hinein, fasziniert davon, wie das nordische Licht die Decke in ständig neuen Nuancen offenbarte.
Die Dachdecker waren gekommen – zwei wortkarge Brüder aus dem nahegelegenen Dorf – und hatten mit ruhiger, kompetenter Effizienz ihr Werk begonnen. Der Lärm von Hämmern und Sägen war ein neuer, lebendiger Soundtrack zum Leben im Haus, und Elara gewöhnte sich an das rhythmische Geräusch über ihrem Kopf. Es war das Geräusch des Fortschritts, der Heilung.
Ihre eigenen Fortschritte waren langsamer, mikroskopisch, aber für sie nicht weniger bedeutsam. Nachdem sie die Proben analysiert und die originalen Pigmente identifiziert hatte – kostbares Ultramarinblau aus Lapislazuli, warmes Zinnoberrot, Ocker aus der Erde – begann sie mit vorsichtigen Reinigungstests. Sie hatte einen kleinen, relativ stabilen Bereich in einer Ecke der Decke ausgewählt, weit weg von den schlimmsten Feuchtigkeitsschäden. Mit speziellen Gelen und feinsten Skalpellen, unter der Lupe der hellen Arbeitslampe, entfernte sie Millimeter für Millimeter den Schmutz der Jahrhunderte.
Es war meditative, anspruchsvolle Arbeit, die ihren ganzen Fokus erforderte. Die Welt schrumpfte auf den winzigen Kreis unter ihrer Lupe zusammen, auf die Entscheidung, ob dieser mikroskopische Fleck stabiler Schmutz oder ursprüngliche Lasur war. In dieser Konzentration fand sie einen Frieden, den sie seit Langem nicht mehr gekannt hatte.
Calum respektierte ihre Konzentration. Ihre Wege kreuzten sich zu den Mahlzeiten und manchmal am späten Nachmittag, wenn er vom Einchecken der Schafe auf den abgelegenen Hügeln zurückkam oder Reparaturen an den Außengebäuden vornahm. Er war oft schweigsam, aber seine Schweigsamkeit war nicht unhöflich; es war die Ruhe eines Mannes, der mit sich selbst im Reinen war. Sie begann, die kleinen Zeichen seiner Aufmerksamkeit zu bemerken: eine frische Kanne Wasser, die neben ihrer Arbeitsbühne stand; ein neues, schärferes Skalpell, das er in Inverness besorgt hatte, als er zum Tierarzt fuhr; das gelegentliche, wortlose Erscheinen mit zwei Tassen Tee, von denen er eine auf den Tisch stellte, bevor er sich auf einen der abgedeckten Stühle setzte und einfach da war, den Blick auf die sich langsam verändernde Decke gerichtet.
Eines solchen Nachmittags, es muss gegen Mitte Juni gewesen sein, arbeitete Elara an dem Gesicht einer der allegorischen Figuren, die den Herbst darstellte. Sie hatte bereits einen Großteil der rußigen Verschmutzung entfernt, und die sanften, melancholischen Züge einer jungen Frau mit einem Füllhorn kamen zum Vorschein. Das Licht war besonders klar, ein strahlend weißer Strom, der durch die hohen Fenster fiel und direkt auf ihre Arbeitsfläche traf.
„Es ist fast so, als würde man jemanden aus einem langen Schlaf wecken“, sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu Calum, der auf dem Stuhl am Boden saß und die Zeitung las.
Er blickte auf. „Haben Sie jemals das Gefühl, Sie sollten sie schlafen lassen? Dass die Vergangenheit am besten in Ruhe gelassen wird?“
Die Frage traf einen Nerv. Sie legte ihr Werkzeug ab und drehte sich auf der Bühne zu ihm. „Manchmal. Aber dann denke ich an den Künstler. Er hat das geschaffen, um gesehen zu werden. Um Freude zu bereiten, zu inspirieren. Ihn unter all diesem Schmutz zu begraben… das wäre, als würde man ihn ein zweites Mal zum Schweigen bringen.“ Sie stieg von der Bühne herunter, um sich die Beine zu vertreten. „Sehen Sie her.“
Er trat näher, und sie deutete auf die gereinigte Fläche. „Die Linien hier, die Pinselführung… das war kein Handwerker, der nur einen Job erledigte. Das war jemand mit Liebe zum Detail, mit einer Vision. Das verdient es, wieder gesehen zu werden.“
Calum betrachtete das Gesicht der Herbstfigur. „Sie sehen mehr als nur Farbe und Linien, nicht wahr?“
„Das ist mein Job.“
„Nein“, sagte er. „Das ist mehr als ein Job. Das ist eine Gabe.“ Er sah sie an, und sein Blick war ernst. „Ich bewundere das.“
Eine warme Welle der Anerkennung durchflutete sie. Bevor sie antworten konnte, drang ein neues Geräusch in den Raum – kein Hammerschlag, sondern ein dumpfes, grollendes Donnern, das aus der Ferne zu kommen schien. Beide blickten gleichzeitig zum Fenster. Der strahlend blaue Himmel von vor einer Stunde war verschwunden. Von Westen her, über den See, wälzte sich eine Wand aus tiefgrauen, bedrohlichen Wolken mit erstaunlicher Geschwindigkeit heran.
„Das sieht nicht gut aus“, murmelte Calum. „Der Wetterbericht sagte nichts von einem Sturm.“
Kaum hatte er ausgesprochen, als der erste Windstoß das Haus traf, ein heulender Atemzug, der an den Fenstern rüttelte. Das Licht in der Halle veränderte sich schlagartig, wurde grünlich und unheimlich. Die Dachdecker über ihnen verstummten.
„Ich sollte nach den Männern sehen, sichergehen, dass sie alles gesichert haben“, sagte Calum und ging zur Tür. „Bleiben Sie hier. Die Fenster hier sind stabil.“
Er war weg, und Minuten später brach der Sturm mit voller Wucht über Kilcrennan herein. Regen peitschte nicht mehr, er prasselte wie ein Wasserfall gegen die Fenster. Der Wind heulte um die Ecken des Hauses, ein durchdringendes, tierisches Geräusch. Das Licht war jetzt so düster, dass Elara die Arbeitsleuchte einschalten musste. Der kleine Kreis gelben Lichts um sie herum wirkte wie eine schutzbietende Insel in der tobenden Finsternis.
Sie arbeitete nicht weiter. Sie konnte nicht. Die Gewalt des Sturms draußen war zu beeindruckend. Sie setzte sich auf die unterste Stufe der Arbeitsbühne, zog die Beine an und lauschte dem Konzert der Elemente. Das Haus schien unter dem Ansturm zu stöhnen und zu ächzen, aber es hielt stand. Es hatte schlimmere Stürme überstanden, dachte sie. Viel schlimmere.
Es dauerte nicht lange, bis Calum zurückkehrte, das Haar nass, sein Pullover an den Schultern dunkel vom Regen. „Die Jungs sind runter und sicher in ihrem Van. Das Dach hält, soweit sie sagen können. Aber wir stecken fest. Der Bach am Ende der Zufahrt führt schon Hochwasser. Bis das vorbei ist, kommt niemand rein oder raus.“
Die Information war sachlich, aber die Implikation traf Elara mit einem kleinen Schock. Eingeschlossen. Mit ihm. In diesem großen, alten Haus. Sie suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen von Unbehagen, fand aber nur pragmatische Konzentration.
„Der Strom wird wahrscheinlich ausfallen“, fuhr er fort, als ob er einen Feldbericht ablieferte. „Der Generator springt automatisch an, aber nur für Notstrom – Kühlschrank, Tiefkühler, eine Steckdose in der Küche und die Pumpen. Keine Heizung in den Fluren, kein Licht hier in der Halle.“
„Ich verstehe“, sagte Elara und stand auf. „Was können ich tun?“
„Holen Sie sich eine warme Jacke, eine Taschenlampe. Wir werden wahrscheinlich den Abend in der Küche oder im Wohnzimmer verbringen. Der Kamin dort zieht gut.“
Seine ruhige Kompetenz war ansteckend. Alle unnötige Nervosität verflog. Dies war eine praktische Herausforderung, keine soziale. Sie nickte und ging in ihr Zimmer, um ihre dicke Fleecejacke, eine Wollmütze und ihre starke Taschenlampe zu holen. Als sie zurück in die unteren Räume kam, war die Halle fast völlig dunkel, nur vom grünlichen Wetterleuchten draußen schwach erhellt. Calum hatte bereits eine Öllampe aus einer Nische geholt und angezündet. Ihr sanfter, orangefarbener Schein warf tanzende Schatten an die Wände.
„Hier“, sagte er und reichte ihr eine zweite Lampe. „Folgen Sie mir.“
Sie gingen durch die kalten, dunklen Korridore in die Küche. Der Aga strahlte eine wohlige Wärme aus, und Calum hatte bereits die Vorhänge zugezogen, was den Raum von der tobenden Welt draußen abschirmte. Auf dem Tisch standen Kerzen bereit, und im offenen Kamin des angrenzenden Wohnzimmers knisterte bereits ein Feuer.
„Ich mache uns etwas zu essen“, sagte er. „Einfaches. Konservensuppe und Brot.“
„Lassen Sie mich helfen.“
Zusammen, im Schein der Lampen und Kerzen, bereiteten sie das Mahl zu. Es war eine seltsam vertraute, fast häusliche Routine. Er öffnete die Dosen und erwärmte den Inhalt auf dem Aga, sie schnitt das Brot, richtete den Tisch. Das Heulen des Sturms war noch da, aber gedämpft, ein Hintergrundrauschen zu ihren ruhigen Bewegungen.
Als sie saßen und die heiße, herzhafte Suppe aßen, schien die Situation nicht mehr fremd, sondern natürlich. Das Fehlen von elektrischem Licht schuf eine Intimität, die hell erleuchtete Räume nie zugelassen hätten. Die Gesichter wurden weicher, die Augen funkelten im Kerzenschein.
„Passiert das oft?“, fragte Elara.
„Ein paar Mal im Jahr. Meist im Spätherbst oder frühen Frühling. Im Juni ist es ungewöhnlich.“ Er löffelte seine Suppe. „Haben Sie Angst?“
Sie dachte darüber nach. „Nein. Nicht Angst. Eingeschlossen zu sein, ja. Aber nicht beunruhigt. Das Haus fühlt sich… sicher an.“
„Das ist es. Die Mauern sind einen Meter dick. Es hat Stürmen getrotzt, seit es steht.“ Er sah sie an. „Sie sind praktisch veranlagt. Das ist gut.“
„Ich bin Restauratorin. Panik hilft nicht, wenn man mit bröckelndem Putz umgeht.“
Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. „Nein, das tut es nicht.“
Nach dem Abendessen räumten sie gemeinsam ab, dann zogen sie sich ins Wohnzimmer zurück, wo das Feuer nun hell loderte. Calum holte eine Flasche Whisky und zwei Gläser. „Ein kleiner Talisker“, sagte er. „Zur Wärme von innen.“
Sie nahm das Glas, nippte vorsichtig. Der Rauchgeschmack breitete sich wärmend in ihrer Brust aus. Sie saßen in den beiden Ledersesseln vor dem Feuer, die Füße in Richtung der Flammen ausgestreckt. Die Öllampe auf dem Tisch zwischen ihnen warf einen sanften Schein.
„Erzählen Sie mir von der Arbeit an den anderen Projekten“, sagte er nach einer Weile. „Den großen Museen.“
Also erzählte sie. Von der minutiösen Reinigung eines Turner-Gemäldes in der Tate, von der spannungsgeladenen Atmosphäre in einer Auktion, als sie ein vermeintliches Altmeisterwerk als Fälschung entlarvt hatte, von der stillen Freude, in den Archiven eines Landhauses eine vergessene Skizze von Gainsborough zu finden. Sie sprach mit einer Leidenschaft, die sie selbst vergessen hatte, und er hörte zu, wirklich zuhörte, ohne zu unterbrechen, seine grauen Augen auf sie gerichtet.
Als sie geendet hatte, fragte sie: „Und die Marine? Was war das Schönste daran?“
Er schwieg eine lange Zeit, drehte das Whiskyglas in seinen großen Händen. Das Feuer warf flackernde Lichter auf sein markantes Gesicht.
„Die Stille“, sagte er schließlich. „Mitten auf dem Ozean, nachts, wenn die Wache gewechselt wurde und man allein auf der Brücke stand. Nur das Rauschen des Wassers am Rumpf, der endlose Sternenhimmel. Eine Stille so vollkommen, dass man das eigene Herz schlagen hören konnte. Und in dieser Stille… war man doch Teil von etwas Unermesslichem.“ Seine Stimme war leise, voller einer fast andächtigen Ehrfurcht. Dann sah er auf. „Aber die Stille hier ist anders. Sie ist erdgebunden. Geerdet.“
„Haben Sie diese Stille vermisst, als Sie in der Marine waren?“
„Jeden Tag. Und jetzt, dass ich hier bin, vermisse ich manchmal die andere.“ Er schüttelte den Kopf, als verwirrte ihn seine eigene Aussage. „Menschen sind seltsame Kreaturen.“
„Sie suchen immer nach dem, was sie nicht haben“, sagte Elara leise.
Er nickte. „Ja. Das tun sie.“ Sein Blick wanderte zu ihr. „Was suchen Sie, Elara?“
Die direkte Frage, der Gebrauch ihres Vornamens zum ersten Mal, ließ sie erschauern. Sie blickte in die Flammen, suchte nach einer ehrlichen Antwort. „Ich glaube… ich suche nach etwas, das Bestand hat. Etwas Echtes. Etwas, das nicht zerbricht oder geht.“ Sie gestattete sich ein trauriges Lächeln. „Deshalb arbeite ich mit alten Dingen, nehme ich an. Sie haben die Prüfung der Zeit bestanden.“
„Nicht alles Alte hält“, sagte er und sein Blick ging zu den Fotos seiner Eltern. „Manchmal zerbricht es trotzdem.“
„Aber dann kann man es vielleicht reparieren“, flüsterte sie. „Wenn man genug Geduld hat. Und die richtigen Werkzeuge.“
Ihre Blicke trafen sich über den Flammen, und in diesem Moment war die unausgesprochene Wahrheit zwischen ihnen so klar wie das Feuerlicht. Sie sprachen nicht mehr von Gemälden oder Schiffen. Sie sprachen von sich selbst. Von ihren Brüchen. Von der Möglichkeit der Heilung.
Ein besonders heftiger Windstoß rüttelte am Haus, und ein Zugwind ließ die Flammen flackern. Elara schauderte.
„Kalt?“, fragte er.
„Ein wenig.“
Ohne ein Wort stand er auf, ging zu einer Truhe in der Ecke und holte eine schwere, wollene Decke heraus. Er legte sie ihr um die Schultern, seine Hände berührten sie dabei nur flüchtig. Die Geste war einfach, praktisch, aber die Fürsorge darin ließ eine Wärme in ihr aufsteigen, die nichts mit der Decke zu tun hatte.
„Danke“, sagte sie, ihre Stimme war rau.
Er setzte sich wieder, und sie schwiegen wieder, lauschten dem Sturm, der allmählich seine Wut zu verlieren schien. Das Heulen ließ nach, wurde zu einem Stöhnen, dann zu einem Seufzen. Der Regen klang nicht mehr wie Geschosse, sondern wie ein sanftes, anhaltendes Rauschen.
„Er legt sich“, bemerkte Calum.
Die Spannung des Unmittelbaren wich, und eine milde Müdigkeit überkam Elara. Die Kombination aus der anstrengenden Arbeit, dem aufregenden Sturm, dem Whisky und der Wärme des Feuers wirkte. Sie lehnte sich zurück in den Sessel, die Decke fest um sich gezogen.
Sie wusste nicht, wann sie eingeschlafen war. Sie erwachte, weil sich etwas verändert hatte. Die Stille. Der Sturm war vorbei. Das einzige Geräusch war das leise Knistern der verbrennenden Holzscheite und ein gleichmäßiges, tiefes Atmen neben sich.
Sie blinzelte und sah, dass Calum in seinem Sessel eingeschlafen war, den Kopf zur Seite geneigt, das Gesicht im Schlaf entspannt und jünger wirkend. Das Feuer war zu glühenden Kohlen heruntergebrannt. Draußen, durch einen Spalt in den Vorhängen, drang ein seltsames, geisterhaftes Licht.
Vorsichtig stand sie auf, ließ die Decke auf dem Sessel zurück, und ging zum Fenster. Sie schob den Vorhang zur Seite.
Ihr stockte der Atem.
Über dem Tal lag ein wolkenloser Himmel, der in ein tiefes, samtenes Blau getaucht war. Und darin, direkt über dem dunklen Umriss der gegenüberliegenden Berge, hing die Mondsichel, scharf und silbern. Doch das Unglaubliche war das Licht. Ein zartes, durchscheinendes, perlmuttfarbenes Leuchten erfüllte die Landschaft, als ob die Dunkelheit selbst lichtdurchlässig geworden wäre. Der See glänzte wie poliertes Blei, jedes Blatt, jeder Grashalm war mit einer feinen, silbrigen Tautauche bedeckt. Es war die Mitternachtsdämmerung der nördlichen Sommer. Das Spiel des Lichts in seiner reinsten, magischsten Form.
„Das Licht von Kilcrennan“, flüsterte sie.
Sie hörte eine Bewegung hinter sich. Calum war wach und stand neben ihr, um aus dem Fenster zu sehen. Er stand so nah, dass sie die Wärme von ihm spüren konnte.
„Ja“, sagte er, seine Stimme war vom Schlaf rau. „So sieht es aus, wenn der Sturm vorbei ist. Es wäscht alles rein.“
Sie standen nebeneinander und schauten auf die verwandelte Welt hinaus. In diesem stillen, schimmernden Licht schien alles möglich. Jede Wunde konnte heilen, jede verlorene Farbe wieder leuchten. Elara spürte, wie sich etwas in ihr öffnete, wie eine Blütenknospe unter der Mitternachtssonne. Es war Hoffnung. Rein und unverfälscht.
„Ich sollte schlafen gehen“, sagte sie schließlich, die Worte brachen den Zauber.
„Ja. Der Generator wird in ein paar Stunden den Hauptstrom wiederherstellen. Der Weg wird morgen früh passierbar sein.“
Sie nickte, vermied es, ihn anzusehen, aus Angst, was er in ihrem Gesicht lesen könnte. „Gute Nacht, Calum.“
„Gute Nacht, Elara.“
Sie ging durch die dunklen Flure zurück in ihren Flügel, das geisterhafte Licht aus den Fenstern warf ihren Schatten voraus. In ihrem kalten Bett angekommen, zog sie die Decke bis zum Kinn hoch. Sie spürte noch immer die Wärme des Feuers auf ihrer Haut, den Geschmack von Whisky und die überwältigende Schönheit des Lichts draußen.
Der Sturm war vorbei. Er hatte sie eingeschlossen, aber er hatte auch Mauern niedergerissen. Nicht die dicken Steinmauern von Kilcrennan, sondern die unsichtbaren, die sie beide um ihr Herz gebaut hatten.
Und in der klaren, hellen Stille nach dem Sturm wusste Elara mit einer plötzlichen, unerschütterlichen Gewissheit, dass nichts mehr zwischen ihnen so sein würde wie zuvor.
Kapitel 5: Geschichten beim Feuer
Der Morgen nach dem Sturm brach klar und frisch herein, die Luft gewaschen und von einer intensiven Brillanz, die jedes Grün zum Leuchten brachte. Als Elara aus dem Fenster ihres Zimmers blickte, sah sie, dass der Bach am Ende der Zufahrt noch hoch und reißend war, aber der steinige Weg selbst schien passierbar. Die Welt sah aus, als wäre sie neu geschaffen worden.
In der Küche traf sie auf Calum, der bereits den Aga beschickt hatte und Speck brutzelte. Er nickte ihr mit seiner üblichen, stillen Art zu. „Der Strom ist zurück. Die Dachdecker sind schon oben. Alles in Ordnung bei Ihnen?“
„Ja, danke. Und bei Ihnen?“
„Alles gut.“ Er schob den knusprigen Speck auf einen Teller. „Der Sturm hat ein paar Dachschindeln mitgenommen, aber nichts Ernstes. Die Männer kümmern sich darum.“
Das Gespräch war sachlich, aber die Untertöne des vergangenen Abends schwebten noch zwischen ihnen. Die Erinnerung an das geteilte Feuerlicht, das Geständnis der Einsamkeit, die wundersame Schönheit des Mitternachtslichts – all das hatte eine neue Ebene der Vertrautheit geschaffen. Sie waren nicht mehr nur Auftraggeber und Auftragnehmerin. Sie waren zwei Menschen, die eine unerwartete Nacht der Nähe geteilt hatten.
Die Arbeit in der Großen Halle nahm ihren Lauf wieder auf. Das besondere Licht des Tages nach dem Sturm war ideal für Elaras nächste Phase: die Festigung loser Putz- und Malschichten. Mit einer feinen Injektionsspritze trug sie ein spezielles Konsolidierungsmittel unter die abstehenden Fragmente, um sie wieder mit dem Untergrund zu verbinden. Es war heikle, zeitaufwendige Arbeit, die ungeteilte Aufmerksamkeit erforderte.
Calum ging seinen eigenen Pflichten nach, aber er tauchte nun häufiger in der Halle auf, manchmal nur für ein paar Minuten, um den Fortschritt zu betrachten. Er stellte weniger Fragen, schien aber mehr zu sehen. Einmal beobachtete er sie fast eine Viertelstunde lang bei der akribischen Arbeit an einem winzigen Riss, ohne ein Wort zu sagen. Als sie sich seiner Anwesenheit bewusst wurde und ihn ansah, sagte er nur: „Es ist wie Chirurgie.“
„Ja“, stimmte sie zu. „Blutlos, aber nicht weniger präzise.“
Ein paar Tage später, an einem ungewöhnlich kühlen und windigen Abend, schlug Calum vor, im Wohnzimmer zu essen. „Das Feuer brennt schon. Es ist gemütlicher als die Küche.“
Elara willigte ein. Sie hatten einen leckeren Lamm-Eintopf gegessen, den er am Vortag vorbereitet hatte, und saßen nun, wie schon in der Sturmnacht, mit einem Glas Whisky vor dem Kamin. Doch die Atmosphäre war anders. Sie war nicht mehr von der aufgeregten Intimität der Gefangenschaft geprägt, sondern von einer ruhigen, freiwilligen Geselligkeit.
„Haben Sie jemals daran gedacht, wieder nach London zurückzukehren?“, fragte Calum unvermittelt, während er einen Holzscheit mit dem Feuerhaken zurechtstieß. „Für immer, meine ich?“
Die Frage kam nicht unerwartet. Die Post, die jetzt wieder regelmäßig kam, hatte ein paar Briefe von Kollegen und eine Rechnung ihres Londoner Studios gebracht. Die Außenwelt meldete sich zurück.
„Ich weiß nicht“, antwortete sie ehrlich. „Mein Leben dort… es fühlt sich weit entfernt an. Wie etwas, das jemand anderem gehört hat.“
„Das verstehe ich.“ Er lehnte sich zurück, das Whiskyglas in der Hand. „Nach meiner Zeit auf See kam mir das Leben an Land oft unwirklich vor. So, als würde ich eine Rolle spielen.“
„Warum sind Sie von der Marine gegangen?“ Die Frage entschlüpfte ihr, direkter, als sie beabsichtigt hatte. Sie erwartete einen Rückzug, eine schroffe Antwort.
Er starrte lange in die Flammen. Das Knistern des Feuers war das einzige Geräusch. Schließlich atmete er tief ein.
„Es gab einen Vorfall“, begann er, seine Stimme war neutral, als berichte er von einem routinemäßigen Manöver. „Vor der Küste. Nicht im Kampf. Ein Unfall. Ein Mann unter meinem Kommando ging über Bord bei schwerem Wetter.“ Er machte eine Pause, und Elara sah, wie seine Hand sich um das Glas schloss, bis die Knöchel weiß hervortraten. „Wir haben alles versucht. Suchten stundenlang. Fanden ihn nicht.“
„Das tut mir unendlich leid“, flüsterte Elara.
Er nickte, als danke er ihr für die Formel. „Die Untersuchung sprach mich frei. Es war kein Fehlverhalten. Nur ein unglücklicher Zufall, eine heimtückische See, ein Moment der Unachtsamkeit seinerseits.“ Die Worte kamen mechanisch, oft wiederholt. „Aber das spielte keine Rolle. Ich war der Kapitän. Die Verantwortung war mein. Ich konnte nicht mehr auf die Brücke treten, ohne…“ Er brach ab, trank einen Schluck Whisky. „Ich verlor den Glauben. An mich selbst. An mein Urteilsvermögen. Ohne das hat ein Kommandant nichts.“
Die schlichte, ungeschminkte Offenheit seiner Worte schnitt Elara ins Herz. Sie sah die Last, die er trug, klar vor sich. Es war nicht die dramatische Schuld, nach der die Welt suchte, sondern die stille, nagende Verantwortung eines anständigen Mannes, der glaubte, versagt zu haben.
„Sie haben sich zurückgezogen, um hierher zu kommen? Um das Haus zu bewahren?“
„Es war das Einzige, was mir blieb. Eine Pflicht, die ich erfüllen konnte. Etwas Festes, Unbewegliches. Das Meer… das war zu flüssig. Zu unberechenbar.“ Er sah sie an, und in seinen Augen stand eine Frage. „Das klingt feige, nicht wahr?“
„Nein“, sagte sie mit Nachdruck. „Das klingt menschlich. Sie haben eine Wunde davongetragen. Man sucht einen Ort, um zu heilen.“
„Und Sie?“, fragte er sanft. „Welche Wunde haben Sie sich zugezogen, dass Sie einen so abgelegenen Ort zur Heilung suchen?“
Es war ihr Zug, zu offenbaren. Das Feuer schien sie zu ermutigen, die Wärme des Whiskys lockerte ihre Zunge. Sie blickte auf ihre Hände, die das Glas umklammerten.
„Ich war verlobt“, begann sie. „Marcus. Wir waren zusammen seit der Universität. Er war Kunsthändler, charmant, energiegeladen. Wir teilten eine Leidenschaft für die gleiche Welt, wenn auch von verschiedenen Seiten.“ Sie holte tief Luft. „Vor anderthalb Jahren kam er eines Abends nach Hause und sagte, er habe sich verliebt. In eine Galeristin aus New York. Es sei alles sehr plötzlich und sehr unwiderstehlich. Er zog zwei Wochen später aus.“
Die Worte klangen immer noch flach, auch nach all dieser Zeit. Die Tatsache war zu grotesk, um wirklich wehzutun; sie betäubte eher.
„Er hat Ihnen keine Erklärung gegeben? Keinen Kampf?“
„Oh, er gab Erklärungen. Dass wir zu unterschiedlich geworden seien. Dass ich zu sehr in meiner eigenen Welt lebte. Dass er mehr Abenteuer brauchte.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Die Wahrheit war einfacher: Er hatte sich verändert, oder ich hatte ihn nie wirklich gekannt. Und ich… ich hatte mich in der Sicherheit unserer Beziehung eingerichtet. Ich hatte mein eigenes Studio aufgegeben, um in seinem zu arbeiten, hatte meine eigenen Kontakte vernachlässigt. Als er ging, war ich nicht nur ohne ihn. Ich war ohne mich selbst.“
Sie hatte diese Analyse oft mit Therapeuten und Freundinnen durchgesprochen, aber sie Calum zu sagen, fühlte sich anders an. Hier, in diesem abgelegenen Haus, fernab von Mitleid oder Tratsch, klangen die Worte wahrer, aber auch weniger definierend. Es war eine Geschichte, nicht mehr ihr ganzes Sein.
„Er war ein Narr“, sagte Calum schlicht, mit einer solchen Überzeugung, dass Elara überrascht aufblickte.
„Vielleicht. Oder einfach nur ein Mensch, der etwas anderes wollte.“
„Ein Narr“, wiederholte er. „Jemand, der etwas so Kostbares wegwirft… der sieht nicht, was direkt vor ihm ist.“ Sein Blick hing an ihr, und im Feuerschein schien etwas in seinen Augen zu glühen – nicht Mitleid, sondern Zorn. Ein schützender Zorn zu ihren Gunsten.
Die Wärme, die seine Worte in ihr auslösten, war intensiver als die des Feuers. Sie schluckte. „Ich bin nicht zerbrochen. Nur… aus der Bahn geworfen. Diese Arbeit hier, Kilcrennan… sie hat mir geholfen, mich wiederzufinden. Mich an das zu erinnern, was ich kann. Wer ich bin, abseits von jemand anderem.“
„Das glaube ich“, sagte er. „Ich sehe es. Sie sind hier aufgeblüht.“
Die Art, wie er es sagte, ließ sie erröten. Sie wandte den Blick ab, hin zu den Flammen. „Dieser Ort hat eine seltsame Art, einen zu fordern und gleichzeitig zu trösten, finden Sie nicht?“
„Ja. Es zwingt einen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Es gibt keine Ablenkungen. Nur das Haus, das Land, die Arbeit. Und die eigenen Gedanken.“ Er leerte sein Glas. „Manchmal sind das die härtesten Gefährten.“
Sie schwiegen wieder, aber diesmal war die Stille satt und bedeutungsvoll, gefüllt mit dem Austausch, der gerade stattgefunden hatte. Sie hatten einander ihre Narben gezeigt. Nicht um Mitleid zu erhaschen, sondern um Verständnis zu bieten. Es war ein Geschenk größten Vertrauens.
„Ich habe Angst davor, dass der Sommer endet“, gestand Elara leise, fast zu sich selbst.
„Warum?“
„Weil ich dann zurückmuss. Zu Entscheidungen. Zur Realität.“
„Und das hier ist nicht real?“
Sie blickte sich im Raum um, bei den tanzenden Schatten, den vertrauten Büchern, seinem Profil im Feuerlicht. „Es fühlt sich realer an als alles andere. Aber es ist eine Art Auszeit, nicht wahr? Eine Atempause vom Leben.“
Calum schüttelte langsam den Kopf. „Vielleicht ist es das Leben. Und all das andere da draußen – der Lärm, die Eile, die Erwartungen – das ist die Ablenkung.“
Seine Worte trafen einen tiefen Resonanzboden in ihr. Was, wenn er recht hatte? Was, wenn dieses stille, absichtliche Dasein, diese sorgfältige Arbeit, diese langsam wachsende Verbindung zu einem anderen Menschen und zu einem Ort, nicht die Flucht war, sondern die Ankunft?
„Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, um das beizubehalten“, sagte sie ehrlich. „Die Welt da draußen ist laut und zieht einen mit sich.“
„Die Welt da draußen“, sagte er, „hat mir nichts mehr zu geben. Alles, was von Wert ist, ist hier.“ Seine Augen suchten die ihren. „Die Arbeit an der Decke. Das Haus. Die Stille.“ Eine Pause. „Sie.“
Das eine Wort hing zwischen ihnen, schwer und bedeutsam wie ein Schwur. Sie.
Elaras Herz machte einen Satz. Sie war sprachlos, fühlte sich in seinem Blick gefangen, der keine Abbitte forderte, sondern nur die Wahrheit zeigte.
„Calum, ich…“
„Sie müssen nichts sagen“, unterbrach er sie sanft. „Ich wollte es nur aussprechen. Ich habe lange genug geschwiegen. Über viele Dinge.“
Er stand auf, ging zum Kaminsims und stellte sein Glas ab. Als er sich umdrehte, war sein Gesicht wieder die ruhige Maske, die sie kannte, aber seine Augen waren weich. „Es ist spät. Sie haben einen langen Tag vor sich. Die Konsolidierungsarbeiten an der Nordecke, nicht wahr?“
Die Rückkehr zur Sachlichkeit war eine Erlösung, eine Brücke zurück auf sicheren Boden. Sie stand ebenfalls auf. „Ja. Die Feuchtigkeit hat dort die meisten Schäden verursacht. Es wird mühsam.“
„Dann sollten Sie ausgeruht sein.“ Er begleitete sie zur Tür des Wohnzimmers. „Gute Nacht, Elara.“
„Gute Nacht, Calum.“
In der Kälte des Flurs schauderte sie. Die Wärme des Feuers und seiner Gegenwart fehlte ihr sofort. Als sie in ihr Zimmer hinaufging, waren ihre Gedanken im Tumult. Seine Offenbarung über die Marine hatte ihr Herz für ihn geöffnet, sein Geständnis über seine Gefühle für sie hatte es in Aufruhr versetzt. Es war zu viel, zu schnell – und doch fühlte es sich auch so an, als wäre es der langsamste, natürlichste Prozess der Welt.
Sie legte sich ins Bett, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Sie dachte an seine Hände, wie sie den Feuerhaken geführt hatten, an die Tiefe seiner Stimme, wenn er von der See sprach, an die unerwartete Wärme in seinen Augen, wenn er sie ansah. Sie dachte an Marcus, an seinen oberflächlichen Charme, seine Unbeständigkeit. Calum war das genaue Gegenteil: solide, beständig, tiefgründig. Er war ein Fels in der Brandung, der selbst gebrochen war, aber dennoch stand.
Eine Angst überkam sie. Was, wenn dies nur eine weitere Flucht war? Eine Rebound-Beziehung in der malerischen Kulisse der Highlands? Was, wenn sie, sobald die Arbeit beendet war, die Magie verblasste und sie feststellte, dass sie nichts gemeinsam hatten außer Einsamkeit und einem verfallenen Haus?
Aber dann erinnerte sie sich an das Gefühl, wenn sie Seite an Seite arbeiteten, an das stille Verständnis über einer Tasse Tee, an den geteilten Schrecken und die Schönheit der Sturmnacht. Das war echt. Das war kein Traum.
Am nächsten Morgen bei der Arbeit war eine neue Sensibilität zwischen ihnen. Ein Blick hielt eine Sekunde länger, eine Berührung beim Überreichen einer Tasse Kaffee war bewusster. Sie sprachen über die Arbeit, über das Wetter, aber unter der Oberfläche pulsierte das Wissen um das, was beim Feuer gesagt worden war.
Als Elara an diesem Nachmittag auf der Bühne stand und sich vorsichtig über eine besonders schadhafte Stelle beugte, hörte sie Calum unten sagen: „Vorsicht.“
Sie blickte hinunter. Er stand da, die Hände in den Taschen vergraben, den Kopf zu ihr erhoben. „Die Bühne wackelt ein wenig. Ich sollte die Räder nachziehen.“
„Es ist in Ordnung. Ich passe auf.“
„Tun Sie das“, sagte er, und in seiner Stimme lag ein Unterton von Besorgnis, der über das rein Praktische hinausging.
Später, als die untergehende Sonne die Halle in Gold tauchte und die gereinigten Flächen der Decke zum Leuchten brachte, kam er herein und stellte sich neben sie. Sie blickten gemeinsam nach oben. Die Herbstfigur war jetzt fast vollständig von ihrer rußigen Hülle befreit, ihr traurig-schönes Gesicht und das überquellende Füllhorn klar zu erkennen.
„Sie haben ihr die Würde zurückgegeben“, sagte er leise.
„Sie war immer da. Sie war nur verborgen.“
Er wandte den Blick von der Decke ab und sah sie an. Das goldene Licht strich über sein Gesicht, glättete die Linien, erhellte seine grauen Augen zu Silber. „Wie manche Menschen auch.“
Ihr Atem stockte. In diesem Moment, im goldenen Licht des Kilcrennan-Sommers, wusste sie es. Dies war keine Flucht. Dies war keine Atempause.
Dies war die Ankunft. Und was auch immer danach kommen mochte, diese Erkenntnis, diese aufkeimende, verwundbare Liebe, war so echt wie der Stein des Hauses und das Leuchten der wiederentdeckten Farben über ihnen.
Kapitel 6: Der Tanz des Sommers
Der Juli brachte eine Wende in die Highlands, eine Zeit, in der die Luft selbst nach Überfluss zu schmecken schien. Die Heide begann sich mit einem zarten Violett zu überziehen, ein Vorbote der purpurnen Flut, die im August kommen würde, und die Rhododendronbüsche entlang der Zufahrt standen in voller, verschwenderischer Blüte. Die Tage waren lang und milde, gefüllt mit einem sanften, anhaltenden Licht, das die Grenzen zwischen den Stunden verwischte. Es war, als tanze die Sonne ein langsames, feierliches Ballet über dem Tal und weigerte sich, ganz unterzugehen.
In Kilcrennan entwickelte sich ein neuer, zarter Rhythmus zwischen Elara und Calum. Das offene Geständnis am Feuer hatte eine Barriere niedergerissen, aber an ihre Stelle war keine unbeholfene Vertraulichkeit getreten, sondern eine respektvolle, stetig wachsende Nähe. Sie arbeiteten nicht mehr nur nebeneinander her; sie arbeiteten zusammen.
Calum erwies sich als erstaunlich geschickter Assistent. Er verstand Instruktionen schnell, hatte eine ruhige Hand und eine unerschöpfliche Geduld. Er hielt Leiter und Bühne fest, reichte Werkzeuge an, misste Chemikalien nach ihren Anweisungen ab. Und während sie arbeiteten, entwickelte sich zwischen ihnen ein wortloser Dialog aus Blicken und kleinen Gesten. Ein Nicken, ein erhobener Zeigefinkel, ein gegenseitiges Verständnis, das keine Worte brauchte.
Ein Nachmittag, als sie gemeinsam die karbonisierte Schmutzschicht von einem Abschnitt des trompe-l'œil-Himmels entfernten, entdeckten sie etwas. Unter einer besonders dicken Rußschicht kam nicht das erwartete Blau zum Vorschein, sondern ein winziger, goldener Stern, sorgfältig und mit feinstem Pinsel aufgetragen. Er war Teil eines verschollenen Sternbilds, das über der Muse Erato thronen sollte.
„Sehen Sie!“, rief Elara aus, die vor Aufregung vergaß, leise zu sein. „Ein Fixstern!“
Calum, der die Leiter hielt, blickte zu dem kleinen, funkelnden Punkt auf. Ein langsames, tiefes Lächeln erhellte sein Gesicht. „Sie haben ihn gefunden.“
„Wir haben ihn gefunden“, korrigierte sie und blickte hinunter zu ihm. Ihre Augen trafen sich, und in diesem geteilten Triumph war eine Freude, die weit über die berufliche Genugtuung hinausging. Es war die Freude der Entdecker, der Verbündeten.
Die Entdeckung schien eine neue Phase einzuläuten. Am nächsten Tag, einem besonders klaren und stillen Samstag, schlug Calum vor: „Die Arbeit geht gut voran. Wir haben es verdient, eine Pause zu machen. Ich möchte Ihnen etwas zeigen. Etwas, das Sie nur bei diesem Wetter sehen können.“
Neugierig willigte Elara ein. Sie fuhren in seinem alten Land Rover die schmale Talstraße hinauf, tiefer in die Berge hinein, über Schotterpisten, die kaum mehr als Hirschpfade waren. Die Landschaft wurde noch karger, grandioser. Schließlich parkte er an einem unscheinbaren Abzweig. „Ein kleiner Fußmarsch ist nötig.“
Sie folgte ihm einen steinigen Pfad hinauf, der zwischen moosbedeckten Felsen hindurchführte. Die Luft war kühl und roch nach Kiefern und feuchtem Stein. Nach etwa zwanzig Minuten öffnete sich der Pfad plötzlich, und sie standen am Ufer eines kleinen, einsamen Bergsees. Das Wasser war so klar und still, dass es den gesamten Himmel und die umliegenden Gipfel spiegelte, ein perfektes, umgekehrtes Duplikat der Welt. Am fernen Ufer weidete ein Rudel Hirsche, ihre Silhouetten im Wasser verdoppelt.
„Lochan Uaine“, sagte Calum leise. „Der grüne See.“
Das Wasser hatte tatsächlich eine unheimliche, smaragdgrüne Tönung, die von den mineralischen Ablagerungen am Grund herrührte. Die Stille war absolut, heilig.
„Es ist atemberaubend“, flüsterte Elara, um die Magie nicht zu stören.
„Mein Vater hat mich hierher gebracht, als ich ein Junge war. Er sagte, dies sei der Ort, an dem die Riesen ihre Tränen vergossen hätten.“ Calums Stimme war sanft, voller Erinnerung. „Ich komme hierher, wenn ich Klarheit brauche.“
Sie setzten sich auf einen flachen, sonnenbeschienenen Felsen am Ufer. Calum holte aus seinem Rucksack eine Thermoskanne mit Tee und einfache Sandwiches. Sie aßen schweigend, ließen die Schönheit des Ortes auf sich wirken. Die Anspannung der minutiösen Arbeit, die Last ihrer persönlichen Geschichten, alles schien hier, in dieser weiten, stillen Umgebung, kleiner und handhabbarer zu werden.
„Ich kann verstehen, warum Sie zurückgekommen sind“, sagte Elara schließlich. „Ein Ort wie dieser… er verankert einen.“
„Ja. Aber er kann auch einsam machen.“ Er sah sie an. „Bis vor kurzem.“
Ihr Herz machte einen kleinen Sprung. Sie hielt seinem Blick stand, ließ die Unausgesprochenheiten zwischen ihnen in der klaren Bergluft schweben. Hier, fernab des Hauses, fernab der Rollen von Auftraggeber und Restauratorin, waren sie einfach nur ein Mann und eine Frau an einem abgelegenen, wunderschönen Ort.
Auf dem Rückweg, als sie eine besonders steile Stelle hinabstiegen, rutschte Elara auf losem Geröll aus. Calums Hand schoss vor, packte ihren Arm und stabilisierte sie, fest und sicher. Die Berührung war nicht flüchtig. Sie blieb einen Moment, während sie ihr Gleichgewicht wiederfand, und selbst dann ließ er sie nicht sofort los. Seine Hand war warm durch den Stoff ihres Jackenärmels hindurch.
„Alles in Ordnung?“, fragte er, seine Stimme war nah.
„Ja. Danke.“
Er ließ sie los, aber der Eindruck seiner Hand blieb, ein Brandmal der Fürsorge auf ihrer Haut. Der Rest des Weges wurde in einem bewussteren Schweigen zurückgelegt, jeder zutiefst der Nähe des anderen bewusst.
Diese aufkeimende Zärtlichkeit wurde jedoch zwei Tage später jäh unterbrochen. Ein hellroter Mini kam die Zufahrt heraufgeknattert und hielt mit quietschenden Reifen auf dem Kiesplatz. Bevor Elara überhaupt verstehen konnte, wer da ankam, sprang eine Frau heraus – Mitte dreißig, mit einem Wirbel wilder, kupferroter Locken und einem breiten, unverschämten Lächeln, das Elara sofort von dem Foto im Wohnzimmer wiedererkannte.
„CALUM!“ Die Stimme hallte über den Hof.
Calum, der gerade aus der Scheune kam, erstarrte für eine Sekunde, dann breitete sich ein echtes, ungehemmtes Lächeln auf seinem Gesicht aus, das Elara noch nie gesehen hatte. „Flora!“
Er ging auf seine Schwester zu und wurde von ihr in einer wolkenbruchartigen Umarmung empfangen. Gelächter, aufgeregtes Geplapper auf Schottisch und Englisch vermischt. Elara stand in der offenen Tür der Großen Halle und beobachtete die Szene mit einem seltsamen Ziehen in der Brust. Freude für ihn, gewiss. Aber auch eine plötzliche, unvernünftige Eifersucht auf diese so offensichtliche Vertrautheit, diese gemeinsame Geschichte, die sie nicht teilte.
Calum löste sich aus der Umarmung und blickte sich suchend um. Seine Augen fanden Elara. „Flora, das ist Elara Hughes, die Restauratorin. Elara, meine Schwester Flora, die aus Toronto über uns hereinbricht.“
Flora kam mit energischen Schritten auf sie zu, musterte sie mit einem offenen, neugierigen Blick, der nichts Verborgenes zuließ. „Also Sie sind die Wunderheilerin für unsere alte Decke! Endlich! Calum hat in seinen E-Mails kaum etwas anderes geschrieben.“ Sie streckte eine Hand aus. „Freut mich, Sie kennenzulernen!“
Elara schüttelte die kraftvolle Hand. „Gleichfalls. Willkommen zu Hause.“
„Ach, home“, sagte Flora mit einer wegwerfenden Handbewegung, aber ihre Augen blitzten vor Zuneigung, als sie sich zu Calum umdrehte. „Es sieht ja nicht ganz so schlimm aus wie befürchtet. Du hast die schlimmsten Lecks gestopft!“
„Mit Hilfe“, sagte Calum trocken und warf Elara einen Blick zu.
Flora nahm diesen Blick auf und ihr eigenes Lächeln wurde nachdenklicher, wissender. „Aha. Na, dann erzähl mir alles. Aber zuerst eine Tasse richtigen Tee, dieser Flug war grauenhaft.“
Floras Anwesenheit veränderte die Atmosphäre in Kilcrennan von Grund auf. Sie war ein Wirbelwind aus Energie, Lachen und ungefilterten Meinungen. Sie füllte die stillen Räume mit Geschichten aus Kanada, mit Erinnerungen an ihre Kindheit hier, mit Plänen und Fragen. Sie war der absolute Gegensatz zu Calums stiller, in sich gekehrter Art, und doch ergänzten sie sich auf eine chaotische, liebevolle Weise.
Elara fühlte sich zunächst wie eine Außenseiterin, eine Beobachterin eines familiären Wiedersehens, das nichts mit ihr zu tun hatte. Doch Flora ließ das nicht zu. Sie bezog Elara in die Gespräche ein, bestand darauf, dass sie ihr die Fortschritte an der Decke zeigte, und bombardierte sie mit intelligenten, interessierten Fragen zu den Techniken.
„Du hast also eine echte Expertin ins Haus geholt, Bruderherz“, sagte Flora am zweiten Abend beim Essen und nippte an ihrem Wein. „Und hier dachte ich, du würdest in deiner Höhle verrotten.“
„Ich verrotte nicht“, murmelte Calum, aber er lächelte.
„Nein, das tust du offensichtlich nicht.“ Floras Blick wanderte bedeutungsvoll zwischen ihm und Elara hin und her. Später, als Calum kurz in die Küche ging, lehnte Flora sich zu Elara über den Tisch. „Er ist anders. Gelassener. Seit Jahren nicht mehr so. Danke.“
Elara wurde heiß. „Ich habe nichts getan.“
„Oh, doch, das haben Sie“, sagte Flora mit Überzeugung. „Sie haben ihm etwas gegeben, worauf er sich konzentrieren kann, das nicht die Vergangenheit ist. Und ich glaube, Sie geben ihm noch mehr als das.“
Elara wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Flora legte eine Hand auf ihre. „Machen Sie ihm keine Vorwürfe, wenn er unbeholfen ist. Er hat das… Üben… vergessen. Wir Stewarts sind nicht für unsere leichte Hand in Herzensangelegenheiten bekannt.“
Die Offenheit war erfrischend und beängstigend zugleich. In Floras Gegenwart schien alles möglich, aber auch komplizierter. Ihre Anwesenheit warf die unvermeidliche Frage auf: Was geschah, wenn der Sommer endete? Flora würde zurück nach Kanada fliegen. Elara würde… wohin?
Die Frage wurde noch dringlicher, als Flora am dritten Tag vorschlug, in das Dorf zum jährlichen Sommerfest zu fahren. „Es ist nur ein kleines Ding, Musik, Tanz, schlechtes Bier. Aber es gehört dazu. Du kommst doch, Calum? Seit Jahren nicht mehr!“
Calum zögerte, warf Elara einen unsicheren Blick zu. „Ich weiß nicht…“
„Ach, komm schon! Elara wird es lieben. Eine echte schottische ceilidh!“
Elara, die sich nicht als Spaßbremse outen wollte und tatsächlich neugierig war, nickte. „Es klingt schön.“
Also fuhren sie am Samstagabend in den kleinen Weiler Dalreach. Das Gemeindehaus war geschmückt, eine Folk-Band spielte auf, und der Raum war gefüllt mit Dorfbewohnern, die sich alle kannten. Calum wurde mit freundschaftlichen Klapse auf die Schulter und Rufen wie „Endlich mal wieder da, Stewart!“ begrüßt. Man musterte Elara mit höflicher, zurückhaltender Neugier, bis Flora energisch erklärte: „Das ist Elara, sie repariert die Decke in Kilcrennan! Eine echte Künstlerin aus London!“
Das schien zu genügen, und bald wurde Elara in die fröhliche Atmosphäre hineingezogen. Calum, zu ihrer Überraschung, entspannte sich sichtlich. Er wurde nicht gesprächig, aber er lächelte häufiger, tauschte ein paar Worte mit alten Nachbarn aus, und als die Band einen lebhaften Strip the Willow anstimmte, ließ er sich von Flora auf die Tanzfläche zerren. Elara sah ihm zu, wie er, anfangs steif, dann mit einer natürlichen, rhythmischen Anmut die komplizierten Schritte ausführte. Es war eine andere Seite von ihm, eine unbeschwerte, die sie nur geahnt hatte.
Nach dem Tanz, atemlos und mit glänzenden Augen, kam er zu ihr an den Rand der Tanzfläche. „Sie sollten auch tanzen“, sagte er.
„Ich kenne die Schritte nicht.“
„Ich zeige sie Ihnen.“ Ohne zu zögern, nahm er ihre Hand und führte sie auf die Fläche. Seine Hand war fest und sicher um ihre, seine andere Hand lag warm an ihrer Taille. Die Musik begann erneut, ein fröhlicher Reigen. Er führte sie mit ruhiger Autorität, flüsterte ihr die Schritte ins Ohr. „Links, rechts, drehen… jetzt unter meinem Arm durch…“
Sie stolperte anfangs, lachte über ihre eigene Ungeschicklichkeit, aber unter seiner Führung fand sie den Rhythmus. Die Welt schrumpfte auf seine Hände, seine Augen, das gemeinsame Lachen, wenn sie einen Schritt vermasselte. Sie spürte die Blicke der anderen, hörte Floras aufmunternden Jubel, aber alles war unwichtig neben der Freude, in seinen Armen zu sein, Teil dieses uralten, fröhlichen Rituals zu sein.
Als der Tanz endete, waren sie beide außer Atem, die Gesichter nah beieinander. Die Luft zwischen ihnen schien zu vibrieren. In seinen Augen stand eine unverhohlene Zuneigung, die ihr den Atem raubte.
„Danke für die Lektion“, flüsterte sie.
„Jederzeit“, sagte er, seine Stimme war tief.
Der Abend wurde zu einem Geflecht aus flüchtigen, kostbaren Momenten: das Teilen eines Glases Wasser, sein Arm, der sich schützend um ihre Schultern legte, als die Menge sie drängte, der stolze Blick, mit dem er sie Flora vorstellte: „Sie ist eine natürliche Tänzerin.“
Auf der Rückfahrt, mit der schlafenden Flora auf dem Rücksitz, herrschte im Wagen eine stille, glückliche Intimität. Calum fuhr mit einer Hand am Steuer, die andere lag entspannt auf der Mittelkonsole. Nach einer Weile legte Elara ihre Hand daneben. Ohne hinzusehen, bedeckte er sie mit seiner. Ihre Finger verschränkten sich. Kein Wort wurde gesprochen. Keines war nötig.
In dieser Nacht, zurück in Kilcrennan, konnte Elara lange nicht schlafen. Sie lauschte den vertrauten Geräuschen des Hauses und dem leisen Murmeln von Calum und Flora unten in der Küche. Das Gefühl von Calums Hand in ihrer war noch immer auf ihrer Haut eingeprägt. Der Sommer tanzte um sie herum, ein Wirbel aus Licht, Arbeit und jetzt auch aus Gemeinschaft und aufkeimender Liebe.
Doch mit Flora kam auch die Erinnerung an eine Welt außerhalb. Eine Welt, in die Flora zurückkehren würde. Eine Welt, zu der auch Elara irgendwann zurückkehren musste. Der Tanz war schön, aber er war zeitlich begrenzt. Die Musik würde enden. Und sie wusste noch nicht, was danach kommen würde.
Aber für jetzt, in dieser schlaflosen, mitternachtshellen Nacht, beschloss sie, sich dem Tanz hinzugeben. Schritt für Schritt. Drehung für Drehung. Und das Glück, das sie in Calums Armen gefunden hatte, einfach zu genießen, solange es dauerte.
Kapitel 7: Ein Schatten aus der Vergangenheit
Floras Besuch verlängerte sich ungeplant um weitere zehn Tage, und ihre Anwesenheit erwies sich als Segen in mehrfacher Hinsicht. Sie brachte nicht nur Leben und Lachen ins Haus, sondern auch eine pragmatische, unvoreingenommene Perspektive. Sie sah das Verhältnis zwischen Calum und Elara mit den klaren Augen einer Außenstehenden und tat alles, um es zu fördern – ohne aufdringlich zu sein, aber mit subtiler, unerbittlicher Entschlossenheit. Sie schob sie bei Tisch zusammen, überredete Calum, Elara auf seinen morgendlichen Inspektionsrunden mitzunehmen, und schuf Momente der Zweisamkeit, indem sie sich selbst geschäftig zurückzog.
Unter ihrem wohlwollenden Einfluss blühte die zarte Verbindung weiter auf. Doch mit der Vertrautheit kam auch eine neue Verletzlichkeit. Elara spürte, wie ihre alten Ängste leise anklopften. Die Freude war so groß, die Aussicht auf Verlust schien umso bedrohlicher. Calum hingegen wirkte gefestigter, als hätte Floras Zustimmung und Elaras wachsende Zuneigung eine innere Befestigung gestärkt, die lange gerissen gewesen war.
Dann, an einem regnerischen Mittwochnachmittag, kam der Schatten.
Elara arbeitete in der Halle, Calum war im Dorf, um Ersatzteile für den Traktor zu besorgen, und Flora war in Inverness zum Einkaufen. Das sanfte Prasseln des Regens gegen die Fenster war die einzige Begleitung zu Elaras konzentrierter Arbeit an einem komplizierten Netz von Haarrissen. Das Knarren der schweren Eingangstür und Schritte auf dem Steinboden waren zunächst nur ein weiteres Geräusch im Haus.
Dann hörte sie eine fremde, tiefe Männerstimme, die ihren Namen rief. „Miss Hughes?“
Sie stieg von der Bühne herab und sah einen Mann in der Tür zur Halle stehen. Er war in den Vierzigern, groß und breitschultrig wie Calum, aber wo Calums Stärke etwas Erdverbundenes, Stilles hatte, wirkte dieser Mann wie eine Kraft, die nach außen drängte. Sein dunkles Haar war kurz geschoren, sein Gesicht gebräunt und von Lachfalten um die blauen Augen gezeichnet, die sie jedoch als kühl und abschätzend empfand. Er trug eine teure, aber lässige Outdoor-Jacke und schien sich hier auszukennen.
„Ja?“, sagte Elara, wischte sich die Hände an ihrer Arbeitshose ab.
„Robbie MacKinnon“, stellte er sich vor und trat mit einem entschlossenen Schritt auf sie zu, die Hand bereits ausgestreckt. „Ein alter Freund und Kamerad von Calum. Ich habe gehört, er hat hier eine Expertin am Werk. Musste mir das mal ansehen.“
Sein Händedruck war fest, fast zu fest. Seine Augen huschten sofort nach oben zur Decke, musterten die Arbeit mit einem schnellen, professionellen Blick, der Elara irritierte. Es war nicht das Interesse eines Laien oder eines Kunstliebhabers. Es war die Einschätzung eines Geschäftsmannes.
„Captain Stewart ist nicht da“, sagte sie, etwas steif.
„Ich weiß. Ich habe ihn in Dalreach getroffen. Er sagte, ich soll mich wie zu Hause fühlen und schon mal hallo sagen.“ MacKinnon lächelte, aber es erreichte seine Augen nicht. „Beeindruckende Arbeit. Sehr beeindruckend. Das bringt den Wert des Hauses sicher um einiges nach oben.“
Der Satz traf Elara wie ein Schlag ins Gesicht. Wert des Hauses. So hatte sie noch nie über Kilcrennan nachgedacht. Für sie war es ein lebendiges, atmendes Wesen, ein Patient, den man heilte, nicht eine Immobilie, die man aufwertete.
„Die Arbeit dient der Erhaltung eines kulturellen Erbes“, sagte sie mit betonter Höflichkeit.
„Natürlich, natürlich.“ MacKinnon winkte ab, als wäre das eine niedliche Marotte. „Und sehr edel von Ihnen. Calum hat Glück, dass er Sie gefunden hat. Er sagte, Sie seien aus London. Ein großer Schritt hierher. Gewöhnt man sich daran? Oder sehnt man sich schon zurück in die Zivilisation?“
Seine Fragen waren freundlich formuliert, aber die Untertöne waren deutlich. Hier ist die Wildnis. Dort ist das wirkliche Leben.
„Ich fühle mich hier sehr wohl“, erwiderte Elara knapp.
„Das glaube ich. Es ist ein idyllischer Rückzugsort. Für eine Weile.“ Er ging ein paar Schritte, betrachtete den Kamin, die Vertäfelung. „Calum hat das Haus lange vernachlässigt. Gut, dass jetzt etwas geschieht. Macht es viel verkäuflicher.“
Elara fühlte, wie ihr kalt wurde. „Verkäuflich?“
MacKinnon drehte sich zu ihr um, als hätte er einen interessanten Fisch an der Angel. „Nun, er hat es doch nicht erwähnt? Wir haben geschäftlich einiges miteinander zu tun. Investitionen. Ich helfe ihm, sein Vermögen zu diversifizieren. Dieses alte Haus… es ist eine riesige Belastung. Steuern, Reparaturen, es frisst Geld. Die kluge Entscheidung wäre, es zu verkaufen, sobald es wieder in einem präsentablen Zustand ist. Das Kapital könnte ihm ein komfortables Leben an jedem Ort der Welt ermöglichen. Ohne Sorgen.“ Er sah sie an, als prüfe er ihre Reaktion. „Ich dachte, er hätte es Ihnen gesagt. Immerhin arbeiten Sie so hart daran, seinen Wert zu steigern.“
Ein Betonblock schien sich in Elaras Magen zu bilden. Sie musste sich an den Tisch hinter sich lehnen. Das konnte nicht wahr sein. Calum würde das nicht tun. Nicht nach allem, was er gesagt hatte – über Pflicht, über das Haus als Anker, über das, was von Wert sei. Doch ein Teil von ihr, der verletzte, misstrauische Teil, der von Marcus geprägt worden war, begann sofort zu zischen: Natürlich. Warum hätte er es dir sagen sollen? Du bist die Angestellte. Du machst seine Immobilie wertvoller.
„Ich… ich glaube nicht, dass Captain Stewart solche Pläne hat“, brachte sie mühsam hervor.
MacKinnon zuckte mit den Schultern. „Männer wie Calum reden nicht gern über Geld. Über Gefühle schon gar nicht. Aber Geschäft ist Geschäft. Und ich kenne ihn seit unserer Zeit bei der Marines. Er ist ein Pragmatiker. Nach dem… Vorfall… wusste er, dass er eine neue Zukunft aufbauen musste. Dies hier“, er deutete mit einer weit ausholenden Geste auf die Halle, „ist nur ein Zwischenschritt.“
Jedes Wort war ein kleiner Dolchstich. Der „Vorfall“. Calums tiefste Scham, von diesem Mann so lässig erwähnt. Die Idee, dass Kilcrennan, ihre Arbeit, alles nur ein „Zwischenschritt“ war. Eine Investition.
„Ich muss zurück an die Arbeit“, sagte sie mit einer Stimme, die ihr fremd und flach vorkam.
„Natürlich. Ich will nicht stören.“ MacKinnon lächelte wieder sein glattes Lächeln. „Es war schön, Sie kennenzulernen, Miss Hughes. Ich bin noch ein paar Tage in der Gegend. Wir sehen uns sicher noch.“
Er ging, ließ sie allein zurück in der Halle, die plötzlich nicht mehr wie ein heiliger Raum, sondern wie eine trügerische Fassade wirkte. Sie starrte auf die Stelle, an der sie gearbeitet hatte, auf die sorgsam konsolidierten Risse, die gereinigten Farben. Fühlte sie sich wie eine Närrin. Sie hatte geglaubt, sie rette eine Seele. In Wirklichkeit polierte sie nur das Tafelsilber für einen späteren Verkauf.
Die folgenden Stunden waren eine Qual. Sie versuchte zu arbeiten, aber ihre Hände zitterten. Jedes Geräusch ließ sie zusammenzucken – Calums Rückkehr. Was sollte sie sagen? Was sollte sie tun?
Als er schließlich gegen Abend nach Hause kam, war Flora bereits zurück und hatte in der Küge das Abendessen vorbereitet. Der Duft von Braten erfüllte das Haus, aber Elara konnte nichts essen. Sie saß am Tisch, spielte mit ihrem Essen und spürte Calums besorgte Blicke.
„Robbie MacKinnon war hier“, sagte sie schließlich, ihre Stimme klang hölzern.
Calums Messer und Gabel verharrten über seinem Teller. „Ah. Ja, er sagte, er würde vorbeischauen. Hat er Sie gefunden?“
„Ja. Er schien sehr… interessiert an der Wertsteigerung des Hauses.“
Eine Wolke zog über Calums Gesicht. „Hat er das gesagt?“
„Er meinte, es mache das Haus viel verkäuflicher.“ Sie konnte den Vorwurf in ihrer Stimme nicht verbergen.
Flora, die die Spannung sofort erfasste, legte ihr Besteck hin. „Robbie MacKinnon? Dieser widerliche Haifisch? Calum, was hat der hier verloren?“
„Er ist geschäftlich in der Gegend“, sagte Calum abwehrend. „Er ist ein alter Freund.“
„Freund!“, schnaubte Flora. „Der Mann ist ein Aasgeier. Er hat nach Vaters Tod versucht, dir das Anwesen für einen Apfel und ein Ei abzukaufen, und jetzt, wo du es wieder herrichtest, kreist er wieder!“
„Flora, das ist nicht fair. Robbie hat mir geholfen, einige Anlagen zu tätigen, nachdem ich die Marine verlassen habe.“
„Ja, und ich wette, er hat dabei eine schöne Provision eingestrichen.“ Flora warf Elara einen bedeutungsvollen Blick zu. „Glaub kein Wort von dem, was er sagt, Elara. Er spinnt immer irgendwelche Pläne.“
Calum schob seinen Teller weg. „Es ist mein Haus, Flora. Und meine Finanzen. Robbie mag aggressive Methoden haben, aber er ist clever. Und er hat recht, das Haus ist eine Belastung.“ Sein Blick traf Elara. „Das heißt nicht, dass ich es verkaufen will.“
„Aber du hast darüber nachgedacht“, sagte Elara leise. Es war keine Frage.
Er zögerte, und dieses Zögern war die schlimmste Antwort. „Ich habe alle Möglichkeiten in Betracht gezogen. Vor langer Zeit. Als ich zurückkam und alles… aussah wie es aussah.“ Er sah ihre verletzte Miene. „Elara, das war, bevor…“
„Bevor ich kam?“, vollendete sie. „Bevor ich anfing, den Wert zu steigern?“
„So sieh das nicht. Bitte.“
„Wie soll ich es denn sehen, Calum?“ Sie stand auf, ihre Stimme bebte jetzt. „Ich habe dir meine Geschichte erzählt. Über Marcus, der mich benutzt und dann weggeworfen hat. Und jetzt sitze ich hier und arbeite mich ab, weil ich dachte, es ginge um etwas Echtes. Um Bewahrung. Um… um dich. Und dabei bereitest du vielleicht nur alles für einen lukrativen Verkauf vor, sobald meine Arbeit getan ist?“
„Das ist nicht wahr!“ Er stand ebenfalls auf, sein Gesicht war bleich vor Zorn und Bestürzung. „Du verdrehst meine Worte. Robbie spricht Dinge aus, die nicht meine sind.“
„Aber sie sind in deinem Kopf gewesen! Du hast es zugegeben!“
„Weil ich ein praktisch veranlagter Mann bin! Ich muss an die Zukunft denken! Das heißt nicht, dass ich nicht gleichzeitig an die Vergangenheit denke, an die Pflicht, an…“ Er brach ab, ballte die Fäuste. „An das, was wir hier aufbauen.“
Das Wort „wir“ hätte sie vor Stunden noch beglückt. Jetzt klang es hohl.
Flora schaltete sich ein, ihre Stimme war scharf wie ein Messer. „Calum Stewart, du bist der dümmste, starrsinnigste Mann in ganz Schottland. Kannst du nicht sehen, was hier vor deiner Nase passiert? Robbie MacKinnon hat genau das getan, was er wollte: Misstrauen gesät. Weil er weiß, dass du mit Elara hier etwas hast, das echtes ist, das ihn und seine schäbigen Geldgeschäft stören könnte. Er will, dass du das Haus verkaufst und mit dem Kapital in seine nächste windige Investition einsteigst. Und du stehst da und lässt es zu, dass er das zerstört, was wirklich zählt!“
Die Worte hallten in der Küche wider. Calum starrte seine Schwester an, dann Elara. In seinen Augen kämpften Zorn, Scham und Einsicht.
„Ich habe mit Robbie nicht über Verkauf gesprochen. Nicht seit… Monaten nicht.“ Seine Stimme war rau. „Aber ich habe es nicht klar genug dementiert, als er heute hier war. Das war ein Fehler. Mein Fehler.“
Elara wollte ihm glauben. Sie wollte es so sehr. Aber der Schatten, den MacKinnon geworfen hatte, war lang und kalt. Sie fühlte sich wieder wie die naive Elara, die Marcus vertraut hatte. Sie konnte es nicht noch einmal durchstehen.
„Ich muss… ich brauche Luft“, stammelte sie und flüchtete aus der Küche, die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen, ihr Herz hämmerte wild.
Unten hörte sie gedämpfte, erregte Stimmen – Calum und Flora, die stritten. Dann Stille. Dann schwere Schritte auf der Treppe. Ein Klopfen an ihrer Tür.
„Elara. Bitte.“
Sie öffnete nicht. „Ich möchte allein sein, Calum.“
Eine lange Pause. „Ich werde Robbie morgen treffen. Und ich werde ihm klar machen, dass Kilcrennan nicht zum Verkauf steht. Nicht jetzt. Nicht jemals.“
Sie antwortete nicht. Sie hörte, wie er seufzte und dann die Treppe wieder hinabging.
Die Nacht war die längste seit ihrer Ankunft. Das Mitternachtslicht, das sie so geliebt hatte, schien ihr jetzt wie ein grausamer Scherz, der den Schmerz nur verlängerte. Sie dachte an all die kleinen Gesten, die Blicke, das Gefühl seiner Hand in ihrer. War alles nur ein schöner Traum gewesen, der in der harten Realität von Geschäften und alten Kameraden zerbrach?
Sie wusste, dass Flora recht hatte. MacKinnon war ein Störenfried. Aber er hatte eine Wahrheit aufgedeckt, die Calum vor ihr verborgen hatte: seine finanziellen Nöte, seine pragmatischen Überlegungen. Sie hatte ihn als den Hüter von Kilcrennan idealisiert, als den einsamen, pflichtbewussten Herrn. Aber er war auch ein Mann mit Schwächen, mit einer Vergangenheit, die ihn zu Kompromissen zwang.
Die Frage war: Konnte sie einen Mann lieben, der nicht der makellose Held ihrer Fantasie war, sondern ein realer, fehlerhafter Mensch, der zwischen Pflicht und Pragmatismus hin- und hergerissen war? Konnte sie ihm vertrauen, nachdem die erste Verunsicherung gekommen war?
Und die noch größere Frage: Was, wenn sein Pragmatismus am Ende doch siegen würde? Was, wenn die Liebe zu einem Ort und zu einer Frau nicht ausreichte, um einen Mann wie ihn zu binden, der schon einmal alles verloren hatte?
Als die ersten Vögel zu singen begannen, wusste Elara zwei Dinge. Sie liebte ihn. Und sie hatte Angst. Beides war wahr, und beides schien unvereinbar.
Der Schatten aus der Vergangenheit war nicht nur Robbie MacKinnon. Es war Calums eigene, unverarbeitete Geschichte, seine Schuld, seine Isolation. Und jetzt war er auch ein Teil von Elaras Gegenwart geworden. Sie konnte ihn nicht einfach wegschieben. Sie musste ihn ansehen. Und entscheiden, ob das Licht von Kilcrennan stark genug war, um jeden Schatten zu vertreiben.
Kapitel 8: Das Fest von Kilcrennan
Die Tage nach MacKinnons Besuch waren von einer gespannten, kühlen Höflichkeit geprägt, die für Elara schmerzhafter war als ein offener Streit. Calum war abwesend, verschlossen in sich selbst. Er hatte Robbie getroffen, wie er es angekündigt hatte, und ihr beim Frühstück nur knapp mitgeteilt: „Es ist geklärt. Kilcrennan wird nicht verkauft.“ Mehr sagte er nicht. Die Endgültigkeit der Aussage hätte beruhigend sein sollen, aber die Art, wie er sie traf – mit abgewandtem Blick, als handele es sich um eine lästige Formalität – ließ sie fühlen, dass eine größere Kluft zwischen ihnen aufgerissen worden war.
Flora tat ihr Bestes, um zu vermitteln, aber selbst ihre unverwüstliche Fröhlichkeit wirkte angestrengt. „Er ist ein Trottel, wenn er verletzt ist“, sagte sie zu Elara, als sie gemeinsam Gemüse für das Abendessen schnitten. „Er zieht sich in seine Burg zurück und zieht die Zugbrücke hoch. Gib ihm Zeit.“
Doch Zeit war etwas, das Elara sich selbst nicht mehr geben wollte. Die Sicherheit, die sie in Kilcrennan gefunden hatte, war zerbrochen. Jedes Klicken ihres Werkzeugs auf dem Putz erinnerte sie an MacKinnons Worte: „…den Wert des Hauses sicher um einiges nach oben.“ War ihre ganze Hingabe, ihre künstlerische Leidenschaft, nur ein Mittel zur Wertsteigerung gewesen? Die Frage fraß an ihr.
Sie arbeitete weiter, aber die Freude war dahin. Es war zur mechanischen Erfüllung einer Pflicht geworden. Die Decke, einst ein lebendiges Puzzle der Hoffnung, war wieder nur ein Objekt. Und Calum, der Mann, in dessen Augen sie das Versprechen einer neuen Zukunft gelesen hatte, war zu einem schemenhaften, distanzierten Gegenüber geworden.
Dann, am Vorabend des traditionellen Kilcrennan-Festes, eines kleinen, von der Familie initiierten Erntedankfests für die Dorfbewohner, das Calum in den vergangenen Jahren hatte ausfallen lassen, geschah etwas Unerwartetes.
Elara war spät in der Halle, versuchte, in der Arbeit Trost zu finden. Das Licht der langen Dämmerung warf lange, violette Schatten. Plötzlich stand Calum in der Tür. Er trug keine Arbeitskleidung, sondern ein sauberes Hemd, und in seinen Händen hielt er eine flache, in Packpapier eingeschlagene Kiste.
„Kann ich Sie einen Moment stören?“, fragte er formell.
Sie stieg von der Bühne. „Natürlich.“
Er trat ein, legte die Kiste auf den großen Tisch und begann, das Papier behutsam zu öffnen. „Ich war heute in Inverness. In einem Auktionshaus.“ Er zog einen alten, gerahmten Stich heraus und drehte ihn zu ihr um.
Es war eine detaillierte architektonische Zeichnung der Großen Halle von Kilcrennan, datiert auf 1795. In feinem Strich waren die Wände, der Kamin, die Galerie und – am deutlichsten – die gewölbte Decke zu sehen. Darunter, in einer Legende, standen die Namen der dargestellten Figuren: Die neun Musen, die vier Jahreszeiten, allegorische Darstellungen von Tugenden. Und in einer Ecke, in verschnörkelter Schrift: „Des. & Pict. A. M. L. Finlay, Schüler des Zucchi.“
„Alexander Finlay“, sagte Calum leise. „Unser Künstler. Ich habe nach ihm gesucht. Das hier war alles, was ich finden konnte.“
Elara nahm den Stich mit ehrfürchtigen Händen entgegen. Es war mehr als nur ein Dokument. Es war eine Rechtfertigung. Ein Beweis, dass der Mann, der diese Decke geschaffen hatte, einen Namen und eine Ausbildung besessen hatte. Dass er nicht irgendein anonymes Handwerker war. Es war die fehlende Verbindung zwischen dem anonymen „Schüler Zucchis“ und einem realen Künstler mit Stolz und Absicht.
„Calum… das ist wunderbar.“
„Es gehört hierher“, sagte er einfach. „In dieses Haus. Zu dieser Decke.“ Er machte eine Pause, rang sichtlich nach Worten. „Ich wollte es Ihnen zeigen. Weil Sie der einzige Mensch sind, der verstehen wird, was es bedeutet.“
In seinen Worten lag eine demütige Geste der Wiedergutmachung. Er hatte nicht mit Geld oder großen Gesten versucht, die Kluft zu überbrücken, sondern mit etwas, das nur für sie beide von Bedeutung war. Mit Respekt für ihre Arbeit, für ihre gemeinsame Mission.
„Es bedeutet alles“, flüsterte Elara, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Nicht nur wegen des Fundes, sondern wegen der Geste. Weil er sie verstanden hatte, selbst in seinem Schweigen.
Er sah ihre Tränen und sein Gesicht entspannte sich endlich, die strenge Maske fiel. „Elara, ich… was Robbie gesagt hat, die Art, wie ich reagiert habe… es war feige. Ich habe dich verletzt. Und das tut mir mehr leid, als ich in Worte fassen kann.“ Die Worte kamen jetzt, schwer und eindringlich. „Dieses Haus ist mir wichtig. Ja, es ist eine Last. Ja, ich habe über Verkauf nachgedacht, in dunklen Stunden, als ich allein war und keinen Ausweg sah. Aber das war, bevor du kamst. Du hast es mir nicht nur neu sehen gelehrt. Du hast mich neu sehen gelehrt. Du hast mir gezeigt, dass etwas, das verloren schien, wieder gefunden werden kann. Dass Wunden heilen können. Dass… dass ein Herz, das aufgehört hatte zu hoffen, wieder schlagen kann.“
Er trat einen Schritt näher. „Ich werde Kilcrennan nicht verkaufen. Das habe ich Robbie klar gesagt. Dies ist mein Zuhause. Und ich hoffe… ich bete darum… dass es eines Tages auch deines sein könnte.“
Die Welt hielt für einen Moment inne. Das violette Licht, der Staub in der Luft, der Schatten des namenslosen Künstlers an der Decke – alles schien auf diesen Punkt hinzulaufen.
„Ich habe Angst“, gestand Elara, die Tränen liefen jetzt frei über ihre Wangen. „Ich habe Angst, wieder vertrauen und dann verlassen zu werden.“
„Ich auch“, sagte er rau. „Aber die größere Angst ist, dich zu verlieren, ohne es versucht zu haben. Ich bin kein glatter Redner wie Marcus. Ich bin schwerfällig und mache Fehler. Aber mein Wort, einmal gegeben, bricht ich nicht. Mein Herz, einmal verschenkt, nehme ich nicht zurück. Das verspreche ich dir.“
Es war das einfachste, ehrlichste Liebesgeständnis, das sie je gehört hatte. Keine romantischen Schwüre, sondern ein Gelöbnis der Beständigkeit. Genau das, wonach ihre zutiefst verunsicherte Seele sich gesehnt hatte.
Sie ließ den Stich vorsichtig auf den Tisch gleiten und schloss die Distanz zwischen ihnen. Sie legte eine Hand an seine Wange, spürte die Anspannung in seinem Kiefer. „Ich glaube dir“, sagte sie. Und in diesem Moment tat sie es wirklich.
Er senkte den Kopf und küsste sie. Es war kein stürmischer, leidenschaftlicher Kuss, sondern ein zögernder, fragender, der sich dann vertiefte zu einer langsamen, feierlichen Versicherung. In seinem Kuss lag alles: die Entschuldigung, das Versprechen, die unausgesprochene Liebe, die den ganzen Sommer über zwischen ihnen gewachsen war. Als sie sich trennten, atmeten sie beide tief durch, die Stirn an Stirn gelehnt.
„Bleib“, flüsterte er. „Bleib über den Sommer hinaus.“
„Ich weiß nicht, ob ich kann…“
„Dann versprich mir, dass du es in Betracht ziehst. Das ist alles, worum ich bitte.“
Und sie nickte. „Das verspreche ich.“
Der folgende Tag – der Tag des Festes – war getaucht in ein neues, zartes Licht. Die Last war nicht verschwunden, aber sie wurde nun gemeinsam getragen. Calum war wieder präsent, seine Augen suchten die ihren, ein kleines, privates Lächeln spielte um seinen Mund, wenn ihre Blicke sich trafen.
Das Fest selbst war ein bescheidenes, herzliches Ereignis. Ein paar lange Tische waren im Garten aufgestellt, bedeckt mit einfachem Geschirr. Die Dorfbewohner kamen, brachten Gerichte mit, die Frauen der Dachdecker, der alte Pfarrer, die Besitzer des kleinen Dorfladens. Flora war in ihrem Element, organisierte, stellte vor, sorgte für Stimmung.
Und zum ersten Mal wurde Elara nicht als die „Expertin aus London“ oder die „Restauratorin“ vorgestellt, sondern einfach als „Elara“. Die Annahme war stillschweigend, aber deutlich: Sie gehörte dazu. Sie war ein Teil von Calums Leben, und damit ein Teil der Gemeinschaft.
Es gab Musik von einer einzelnen Geige und einem Akkordeon, es wurde getanzt auf dem Rasen, Kinder jagten zwischen den Tischen hindurch. Calum, normalerweise am Rande solcher Veranstaltungen, hielt sich in Elaras Nähe. Er brachte ihr Essen, stellte sie Leuten vor, die sie noch nicht kannte, und seine Hand fand immer wieder den Weg auf ihren Rücken oder berührte leicht ihren Arm – besitzergreifend, aber auch beschützend.
Der Höhepunkt des Nachmittags kam, als der alte Pfarrer, Mr. MacLeod, ein Glas erhob. „Ein Toast! Auf den Laird von Kilcrennan. Gut, dich wieder unter uns zu sehen, Calum mein Junge. Und auf das neue Leben, das du – und die talentierte junge Dame an deiner Seite – in dieses alte Haus bringst. Möge das Dach dicht bleiben und das Herz leicht!“
Ein allgemeines „Slàinte mhath!“ erschallte. Calum errötete leicht, nickte dankbar und sah dann Elara an. In seinem Blick lag ein ganzes Bekenntnis. Die Menge sah es, und ein zustimmendes, warmes Murmeln ging durch die Reihen. Flora strahlte.
Für einen kurzen, perfekten Moment fühlte sich alles richtig an. Die Sonne schien, das Lachen war echt, die Verbindung zu Calum war sichtbar und anerkannt. Elara ließ sich von der Freude tragen, von der einfachen, irdischen Magie des Zusammenseins. Sie tanzte mit Flora, ließ sich von einem der Dachdecker zu einem schottischen Walzer ziehen, und lachte, als Calum sich schließlich überwinden konnte und sie zu einer langsamen Melodie in die Arme nahm. Mit der Wange an seiner Schulter, den Geruch von frischer Luft und seinem vertrauten Duft in der Nase, glaubte sie, dass dies vielleicht ihr Schicksal sein könnte. Hier. Mit ihm.
Doch wie so oft in Kilcrennan folgte auf das Licht ein Schatten. Als die Gäste gegen Abend allmählich gingen und sie und Flora begannen, aufzuräumen, brachte Calum die Post, die nachmittags eingetroffen war. Unter den Briefen war ein dickes, offiziell aussehendes Kuvert aus London, adressiert an „Ms. Elara Hughes, c/o Kilcrennan House“.
Eine kalte Ahnung stieg in ihr auf. Sie öffnete es am Küchentisch, während Calum das Geschirr spülte. Es war ein Angebot. Ein großzügiges, verlockendes Angebot der Courtauld Gallery. Eine feste, gut bezahlte Stelle als leitende Restauratorin für ihre europäische Sammlung des 18. Jahrhunderts. Der Vertrag war auf zwei Jahre angelegt mit Option auf Verlängerung. Der Brief, von Anthony Greene persönlich, war voll des Lobes: „…Ihre Arbeit in Kilcrennan, von der ich durch den Anwalt Buchanan gehört habe, hat uns alle beeindruckt. Dies ist eine Position, die für Sie geschaffen wurde. Eine Rückkehr in die erste Liga, meine Liebe. Bitte erwägen Sie es sorgfältig.“
Die Welt außerhalb, die laute, fordernde, prestigeträchtige Welt, die sie verlassen hatte, streckte ihre Hand aus und bot ihr alles an, was sie einst für wichtig gehalten hatte: Anerkennung, Sicherheit, Karriere. Alles, was sie vor Marcus aufgegeben hatte. Alles, was sie zurückgewinnen wollte.
Sie faltete den Brief zusammen, ihre Hände zitterten leicht.
„Schlechte Nachrichten?“, fragte Calum, trocknete sich die Hände ab.
„Nein. Im Gegenteil. Es ist ein Jobangebot. Von der Courtauld Gallery in London.“
Sein Gesicht erstarrte. Das kleine, glückliche Lächeln, das den ganzen Tag dort gesessen hatte, verblasste. „Oh. Das ist… das ist großartig. Für dich.“
„Es ist eine große Chance“, sagte sie mechanisch.
„Ja.“ Er wandte sich ab und begann, eine bereits saubere Pfanne energisch zu trocknen. Die Stille zwischen ihnen war plötzlich dick und schwer.
Flora, die den Austausch bemerkt hatte, seufzte theatralisch. „Oh, zum Kuckuck. Die echte Welt klopft an die Tür. Und was für ein Timing.“
„Es ist nur ein Angebot“, sagte Elara, mehr zu sich selbst als zu ihnen. „Ich muss nicht annehmen.“
„Aber du musst es in Betracht ziehen“, sagte Calum, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme war flach. „Du hast es dir verdient.“
In diesem Moment verstand sie seinen Schmerz. Ihr Versprechen von gestern Abend – „Ich verspreche, es in Betracht zu ziehen“ – bezog sich auf das Bleiben in Kilcrennan. Doch jetzt gab es etwas Konkretes, Mächtiges zum Gehen. Und er, der Ehrenmann, würde sie nicht bitten, es abzulehnen. Er würde sich zurückziehen, um ihr die Entscheidung nicht zu erschweren. Genau wie er sich nach MacKinnons Besuch zurückgezogen hatte.
Die Freude des Festes, die Gewissheit des Abends zuvor, zerbröselte wie alter Putz. Sie stand an einem Scheideweg. Vor ihr lag der vertraute, glänzende Pfad zurück in ihre alte Welt, in ihre Unabhängigkeit, in eine Karriere, die sie definierte. Hinter ihr lag der unsichere, wunderschöne, zutiefst erfüllende Pfad in Calums Arme, in ein Leben in den abgelegenen Highlands, in die Pflege eines alten Hauses und einer noch zarten, neuen Liebe.
Sie sah seinen breiten, angespannten Rücken, wie er da stand und die bereits trockene Pfanne bearbeitete. Sie sah den Stich von Alexander Finlay, der jetzt auf dem Kaminsims im Wohnzimmer lehnte – das Symbol seiner Liebe und seines Verständnisses. Sie spürte noch den Druck seines Kusses auf ihren Lippen.
Das Fest von Kilcrennan war vorbei. Die Gäste waren gegangen. Und die schwerste Entscheidung ihres Lebens hatte gerade begonnen.
Kapitel 9: Die Entscheidung
Der Brief lag wie ein bleiernes Gewicht auf dem Schreibtisch in Elaras Zimmer. In den folgenden Tagen versuchte sie, ihn zu ignorieren, ihre Gedanken auf die Arbeit zu lenken, die nun in die finale Phase ging. Die Konsolidierung war abgeschlossen, die Fehlstellen im Putz gefüllt und grundiert. Jetzt begann die eigentliche Wiederbelebung: die Retusche. Mit hauchdünnen Lasuren, abgestimmt auf die originalen Pigmente, fügte sie Farbe in die verblassten und verlorenen Bereiche ein. Es war die intimste Phase der Arbeit, ein Dialog mit dem lang verstorbenen Alexander Finlay, bei dem sie seine Pinselführung studierte, seine Farbpalette nachahmte und versuchte, seinen künstlerischen Willen zu respektieren, ohne ihn zu kopieren.
Doch jede Bewegung des Pinsels war von der Entscheidung überschattet, die sie treffen musste. London lockte mit der klaren, lauten Stimme der Vernunft. Die Courtauld war ein Traumziel, die Anerkennung von Kollegen, die Sicherheit eines festen Einkommens und einer etablierten Karriere. Es war die Rückkehr zu der Frau, die sie gewesen war – oder zu der sie geworden wäre, wenn Marcus sie nicht verlassen hätte. Eine unabhängige, erfolgreiche Fachfrau in der pulsierenden Mitte der Kunstwelt.
Kilcrennan sprach mit einer leiseren, aber tieferen Stimme. Es war die Stimme des Herdes, die unter den Fußsohlen zu spüren war, das Flüstern des Windes in den Schornsteinen, das sanfte Klackern von Calums Stiefeln auf den Steinfliesen. Es war die Stimme der langsam wachsenden Dinge: der sich allmählich erfüllenden Decke, der zarten Bindung zu einem komplizierten Mann, der eigenen Heilung in der Stille. Es war die Verheißung eines Lebens, das nicht von Erfolg, sondern von Sinn erfüllt war. Von Liebe.
Calum erwähnte den Brief nicht wieder. Aber seine Zurückhaltung war anders als zuvor. Es war keine kalte Distanz, sondern eine respektvolle, schmerzlich gewährte Freiheit. Er machte ihr Platz. Er ging seinen Verpflichtungen nach, war da, wenn sie ihn brauchte, unterstützte sie in der Arbeit, aber er forderte nichts ein. In seinen grauen Augen lag eine stille, wartende Trauer, die ihr mehr zusetzte als jedes Drängen es gekonnt hätte.
Flora hingegen hatte keine Skrupel. „Also, haben Sie schon entschieden?“, fragte sie unverblümt, als sie eines Nachmittags gemeinsam Kräuter für Tee trockneten.
„Flora, das ist nicht fair“, sagte Elara schwach.
„Fair? Wer hat je gesagt, dass Liebe fair ist?“ Flora schüttelte ihre kupferroten Locken. „Sehen Sie ihn an, Elara. Er ist ein Fels. Aber auch ein Fels kann erodieren. Er hat Sie gefunden, nach Jahren im Dunkeln. Wenn Sie gehen…“ Sie brach ab, ihre sonst so lebhaften Augen ernst. „Er wird überleben. Er hat schon Schlimmeres überlebt. Aber er wird nicht wieder aufblühen. Nicht so.“
„Und ich?“, fragte Elara, die Stimme voller Verzweiflung. „Was ist mit meinem Leben? Meiner Karriere? Ich habe jahrelang dafür gearbeitet.“
„Haben Sie dafür gearbeitet? Oder haben Sie dafür gearbeitet, um etwas zu beweisen? Sich selbst? Marcus? Der Welt?“ Flora legte ihr die Hand auf den Arm. „Ich bin vor Jahren gegangen. Weil ich das Gefühl hatte, hier ersticken zu müssen. Ich brauchte Lärm, Menschen, Abwechslung. Und das war richtig für mich. Die Frage ist: Was brauchen Sie? Nicht die Elara, die verletzt wurde. Die echte Elara.“
Die echte Elara. Wer war das? Sie wusste es nicht mehr. In London war sie eine Rolle gewesen: die verlassene Verlobte, die ehrgeizige Restauratorin. Hier, in Kilcrennan, war sie einfach sie selbst. Die Frau, die stundenlang über einer winzigen Farbnuance brüten konnte. Die Frau, die Freude daran fand, ein einfaches Abendessen mit Calum zu teilen. Die Frau, die den Sonnenaufgang über dem See nicht mehr missen wollte.
Die Entscheidung zerrte an ihren Nerven. Sie schlief schlecht, aß wenig. Die Arbeit, einst ihr Heiligtum, bot keine Zuflucht mehr. Jeder Pinselstrich auf der Decke fühlte sich wie ein Abschied an oder wie ein Versprechen – sie wusste nicht welches.
Die Antwort kam an einem regnerischen Dienstagnachmittag, auf unerwartete Weise. Sie war allein in der Halle, arbeitete an dem Gesicht der Muse Erato. Die Reinigung hatte die zarten, träumerischen Züge der Figur vollständig freigelegt. Jetzt ging es darum, die schadhaften Stellen an ihrer Wange und ihrem Hals zu retuschieren. Elara hatte die Farben minutiös gemischt – das richtige Maß an Rosa, Ocker und Weiß, um sich nahtlos in die originalen, verblassten, aber intakten Partien einzufügen.
Sie trug die erste hauchdünne Lasur auf. Zu dunkel. Sie wischte sie vorsichtig ab, mischte neu, verdünnte mehr. Die zweite Lasur. Zu kühl, zu bläulich. Wieder ab. Frustration stieg in ihr auf. Sie, die Expertin, konnte die Harmonie nicht finden. Sie starrte auf das Gesicht, und plötzlich sah sie nicht mehr Erato, sondern sich selbst. Zerrissen zwischen zwei Welten. Unfähig, die richtige Farbe für ihr eigenes Leben zu finden.
Sie stieg von der Bühne, die Hände zitterten. Sie ging zum Fenster, presste die heiße Stirn gegen das kühle Glas. Der Regen malte langsame Rinnsale die Scheibe hinab. Draußen war alles in Grau und Grün getaucht, weich und verschwommen.
Da hörte sie ihn. Calum kam herein, blieb in der Mitte des Raumes stehen, die Hände in den Taschen vergraben. Er blickte nicht zu ihr, sondern nach oben, auf die fast vollendete Decke.
„Sie haben Großes geleistet“, sagte er ruhig. „Es ist… es ist wieder da. Das, woran meine Großmutter sich erinnerte.“
Sie drehte sich zu ihm um. „Ich kann die Retusche an Eratos Gesicht nicht hinbekommen. Nichts stimmt.“
Er kam zu ihr ans Fenster. „Vielleicht versuchen Sie zu sehr, sie perfekt zu machen. Vielleicht muss sie einfach nur sie selbst sein. Mit ihren Narben. Mit ihrer Geschichte.“
Seine Worte trafen sie mitten ins Herz. Sie sah ihn an, sah die Linien um seine Augen, die von Wetter und Kummer gezeichnet waren, aber auch von einer neuen, sanften Stärke. „Du redest nicht von der Decke“, flüsterte sie.
„Nein.“ Er holte tief Luft. „Ich kann dir London nicht bieten. Ich kann dir keine Galerieeröffnungen, keine U-Bahn, keine glamourösen Partys anbieten. Ich kann dir nur dies anbieten.“ Seine Hand deutete auf das Haus, das Land draußen. „Und mich. So wie ich bin. Mit all meinen Narben und meiner Geschichte. Mit meinem Schweigen und meiner Ungeschicklichkeit. Mit einer Liebe, die tief und beständig ist, aber vielleicht nicht sehr aufregend.“
Die Direktheit, die Demut seiner Worte, ließen ihr die Tränen in die Augen schießen. „Calum…“
„Hör mich bitte an“, unterbrach er sie sanft. „Ich habe mir das alles zurechtgelegt. Wenn du gehst, werde ich dir nicht böse sein. Ich werde dankbar sein für jeden Tag, den du hier warst. Du hast mir mein Haus zurückgegeben. Mehr als das. Du hast mir einen Teil meiner selbst zurückgegeben, von dem ich dachte, er sei für immer auf dem Meeresgrund geblieben. Das ist ein Geschenk, für das ich mich mein Leben lang bedanken werde.“
Eine Träne entglitt ihr und lief über ihre Wange. Er hob eine Hand, als wollte er sie abwischen, ließ sie dann aber sinken.
„Wenn du bleibst“, fuhr er fort, seine Stimme wurde noch leiser, eindringlicher, „dann verspreche ich dir, dass ich jeden Tag daran arbeiten werde, es wert zu sein. Ich werde deine Arbeit respektieren, deine Unabhängigkeit, deine Verbindung zur Welt da draußen. Du musst nicht nur die Herrin von Kilcrennan sein. Du kannst dein Studio hier haben, kannst Aufträge annehmen, nach London reisen, wann immer du willst. Dies kann dein Zuhause sein, dein Hafen, nicht dein Gefängnis.“
Es war das vollständigste Angebot, das er machen konnte. Nicht Besitzergreifung, sondern Partnerschaft. Nicht Einschränkung, sondern Fundament. Er bot ihr nicht die aufregende, unsichere Liebe eines Marcus, sondern die stille, unerschütterliche Liebe eines Mannes, der wusste, was Verlust bedeutete und der bereit war, sein ganzes Herz zu riskieren, um sie zu halten.
In diesem Moment, im trüben Licht des Regens, mit dem Duft von Holz, Farbe und feuchtem Stein um sich, fiel die Entscheidung. Sie fiel nicht mit einem Donnerschlag, sondern wie ein sanfter, endgültiger Regentropfen, der den durstigen Boden erreicht.
Die echte Elara war nicht die perfekt retuschierte Version ihrer selbst. Sie war die Frau mit den Narben und der Geschichte. Die Frau, deren größte Freude darin bestand, verborgene Schönheit zu enthüllen. Die Frau, die in der Stille, nicht im Lärm, zu sich selbst fand. Die Frau, die diesen stillen, beständigen Mann liebte, der ihr mehr gab, als er jemals in Worte fassen konnte: einen Anker, ein Zuhause, eine zweite Chance.
Sie trat auf ihn zu, nahm sein wettergegerbtes Gesicht zwischen ihre noch farbbefleckten Hände. „Ich habe mich entschieden.“
Seine Augen suchten die ihren, voller Angst und Hoffnung.
„Ich rufe Anthony Greene morgen an. Und ich lehne das Angebot ab.“
Ein Zittern lief durch seinen ganzen Körper. „Elara… du musst sicher sein. Ganz sicher.“
„Ich bin sicher. Die echte Arbeit ist hier. Die echte Liebe ist hier.“ Sie lächelte durch die Tränen. „Ich möchte die Herbstfigur fertigstellen. Und dann die Winterfigur. Und dann den Frühling und den Sommer. Ich möchte erleben, wie das Licht von Kilcrennan jeden Morgen durch diese Fenster fällt. Ich möchte mit dir beim Feuer sitzen und über Alexander Finlay spekulieren. Ich möchte… ich möchte hier bleiben.“
Ein tiefer, erlöster Seufzer entrang sich seiner Brust. Er zog sie an sich, sein Gesicht in ihrem Haar vergraben. Sie spürte, wie er bebte, und hielt ihn fest, so fest sie konnte. Es war nicht der Kuss von gestern, sondern etwas Elementareres: das Zusammenfügen zweier einsamer Hälften zu einem ganzen, unvollkommenen, aber starken Ganzen.
Später, als der Regen nachließ und ein blasses Abendlicht den Raum füllte, stieg Elara wieder auf die Bühne. Sie nahm ihren Pinsel, mischte die Farbe neu – nicht mit der angespannten Suche nach Perfektion, sondern mit einem ruhigen, gewissen Gefühl für das Wesentliche. Sie trug die Lasur auf, und diesmal verschmolz sie perfekt mit dem Original. Die Narbe war noch sichtbar, für das geübte Auge, aber sie störte die Harmonie des Gesamteindrucks nicht mehr. Sie erzählte eine Geschichte von Verlust und Wiederherstellung. Eine Geschichte von Heilung.
Als sie hinabstieg, stand Calum noch da. Er reichte ihr die Zeichnung von Alexander Finlay. „Er gehört jetzt auch zu dir“, sagte er.
Sie nahm das Blatt, und dann seine Hand. „Komm“, sagte sie. „Lass uns Flora sagen, dass sie ihre Schwiegertochter-Pläne weiterschmieden kann.“
Ein echtes, breites Lächeln erhellte sein Gesicht, ein Anblick, der ihr Herz höherschlagen ließ. „Sie wird unausstehlich werden.“
„Ich weiß. Und ich freue mich darauf.“
Sie verließen die Große Halle gemeinsam, ließen das unvollendete Werk zurück, das nun nicht mehr ihr Abschiedsgeschenk, sondern das erste Kapitel ihres gemeinsamen Lebens war. Die Entscheidung war getroffen. Nicht aus Angst vor der Zukunft, sondern aus Liebe zur Gegenwart. Nicht als Flucht, sondern als Ankunft.
Und in ihrem Herzen wusste Elara, dass sie die richtige Farbe gefunden hatte. Nicht auf ihrer Palette. Sondern hier, in dem grauen Stein, dem grünen Land und den treuen, grauen Augen des Mannes, den sie liebte.
Kapitel 10: Das wahre Bild
Der September kam mit einem Hauch von Feuer in die Heide und einer neuen, goldenen Tiefe in das Licht. Die langen, hellen Nächte waren vorbei, ersetzt durch knackig klare Tage und kühle, sternenübersäte Abende, die nach Holzrauch dufteten. In Kilcrennan herrschte eine geschäftige, zielstrebige Ruhe. Die Restaurierung der Decke näherte sich ihrem Ende.
Elara verbrachte ihre letzten Arbeitstage mit den Feinarbeiten, den finalen Retuschen und der abschließenden Oberflächenbehandlung, die den neuen und alten Farben einen einheitlichen, matten Schimmer verlieh. Es war keine Wiederherstellung einer fiktiven, makellosen Ursprünglichkeit, sondern die behutsame Konservierung des Vorhandenen und die diskrete Ergänzung des Verlorenen, sodass das Auge des Betrachters über die Wunden der Zeit hinweg- und in die Intention des Künstlers hineingeführt wurde. Die Decke erzählte nun ihre ganze Geschichte: von ihrer prächtigen Geburt, ihrem langen, vernachlässigten Dornröschenschlaf und ihrer behutsamen Erweckung.
Calum war ständig in ihrer Nähe, aber auf eine neue, ruhige Weise. Die Unsicherheit war gewichen. Er half, wo er konnte, holte Materialien, aber er verbrachte auch viel Zeit einfach nur damit, sie zu beobachten, als wolle er jeden Moment ihres Wirkens in diesem, ihrem gemeinsamen Raum in sich aufnehmen. Flora war nach Kanada zurückgekehrt, aber nicht ohne ein triumphierendes Funkeln in den Augen und das Versprechen, zu Weihnachten wiederzukommen – „um die Familie zu vergrößern zu feiern“, wie sie vielsagend gesagt hatte.
Die Beziehung zwischen Elara und Calum hatte sich in den Wochen nach ihrer Entscheidung vertieft und gefestigt. Es war keine stürmische Romanze, sondern etwas, das sie beide als weitaus kostbarer empfanden: ein stilles, tiefes Zusammenwachsen. Sie teilten die stillen Morgenstunden beim Frühstück, die abendlichen Gespräche vorm Feuer, die praktischen Sorgen um das Haus und das Land. Sie lernte, die Schafe zu zählen und die Launen des Highland-Wetters zu deuten. Er lernte, über Pigmente und Kunstgeschichte zu sprechen, ohne sich ungebildet zu fühlen. Sie fanden eine gemeinsame Sprache, die aus Schweigen, kleinen Gesten und gelegentlichen, tiefen Gesprächen bestand.
Der letzte Tag der Arbeit war ein Mittwoch. Elara stand vor der vollendeten Decke. Die Große Halle war sauber gefegt, die Arbeitsbühne abgebaut, die Tische weggeräumt. Nur der große Eichentisch und ein paar Stühle standen noch da. Das Licht des späten Nachmittags, jetzt in einem tiefen, honigfarbenen Ton, strömte durch die Westfenster und tauchte den Raum in eine fast überirdische Pracht.
Calum trat leise neben sie. Sie nahmen die vollendete Arbeit in sich auf. Der Himmel war kein mattes Graublau mehr, sondern eine zarte, in die Tiefe gestaffelte Sphäre aus Azur und Cölinblau, durchzogen von flockigen, rosagetönten Wolken. Die Figuren waren lebendig geworden: Erato, die Muse, blickte mit sanften, inspirierten Augen herab, ihr Gewand in warmem Ocker und Zinnober schimmernd. Die Putten tummelten sich voller unbeschwerter Freude, die allegorischen Figuren der Jahreszeiten strahlten in ihrer jeweiligen Pracht – der Herbst mit ihrem melancholischen Lächeln und dem übervollen Füllhorn, der Winter als weiser, alter Mann, der Frühling als blumenbekränztes Mädchen und der Sommer als kräftiger Jüngling mit Ährenbündel. Die goldenen Sterne, die sie entdeckt hatten, funkelten diskret in der Höhe.
Es war nicht perfekt. An manchen Stellen war die Textur des Putzes anders, an anderen waren die Übergänge zwischen alt und neu für das geübte Auge sichtbar. Doch genau das machte es authentisch. Es war kein Neuanstrich, sondern ein geheiltes, lebendiges Kunstwerk, das die Würde seines Alters und die Gnade seiner Rettung trug.
„Es ist das wahre Bild“, sagte Calum nach einer langen Stille, seine Stimme war voller Ehrfurcht. „Nicht so, wie es war. Sondern so, wie es sein sollte. Mit seiner Geschichte intakt.“
Elara nickte, überwältigt von einer Mischung aus grenzenloser Erfüllung und einem Anflug von Wehmut. Diese intensive, monatelange Beziehung zu diesem Werk war zu Ende. „Alexander Finlay wäre zufrieden, denke ich“, flüsterte sie.
„Ich bin es“, sagte Calum und nahm ihre Hand. „Mehr als das.“
Sie standen noch eine Weile so, Hand in Hand, bis das Licht begann, sich in ein tiefes Lavendel zu verwandeln. Dann sagte Calum: „Ich habe etwas für dich. Draußen.“
Neugierig folgte sie ihm aus der Halle, durch den Flur und zur Vordertür hinaus. Auf dem Kiesplatz, im Abendlicht, stand nicht der Land Rover, sondern ein kleiner, hellblauer Lieferwagen. Auf der Seite stand in sauberer, weißer Schrift: „E. Hughes – Restaurierung & Konservierung“. Darunter eine Telefonnummer und „Kilcrennan, Ross-shire“.
Elara blieb wie angewurzelt stehen. Sie starrte auf den Wagen, dann auf Calum. „Was…?“
„Es ist dein Studio“, sagte er einfach. „Mobil. Du kannst damit zu Aufträgen fahren, Materialien transportieren. Oder es hier aufstellen, als deinen eigenen Arbeitsraum, abseits vom Haupthaus. Es ist deins. Unabhängig.“ Er trat näher. „Du hast gesagt, du bleibst. Aber ich will nicht, dass du dich jemals gefangen fühlst. Oder dass du denkst, du müsstest deine Kunst für mich oder dieses Haus aufgeben. Das hier…“ er deutete auf den Wagen, „…sagt, dass du beides haben kannst. Kilcrennan. Und dich selbst.“
Die Tränen, die sie den ganzen Tag zurückgehalten hatte, brachen nun hervor. Es war die großzügigste, verständnisvollste Geste, die ihr je jemand gemacht hatte. Er gab ihr nicht nur ein Zuhause; er gab ihr die Freiheit, darin sie selbst zu sein. Er verstand ihre Ängste, ihre Vergangenheit, und er baute eine Brücke zwischen ihrem alten und ihrem neuen Leben.
„Calum… ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Sag gar nichts.“ Er zog sie in seine Arme, und sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter, während die letzten Sonnenstrahlen den kleinen blauen Wagen in Gold tauchten.
Später, nach einem einfachen Abendessen, das sie in der Küche eingenommen hatten, schlugen sie vor dem Feuer im Wohnzimmer die Beine hoch. Die Zeichnung von Alexander Finlay hing jetzt an einem Ehrenplatz über dem Kaminsims.
„Mr. Buchanan hat eine kleine Enthüllungsfeier für nächste Woche vorgeschlagen“, sagte Calum, während er einen Holzscheit nachlegte. „Ein paar Leute aus dem Dorf, den Denkmalschutz. Um die Arbeit zu würdigen.“
Elara schüttelte den Kopf. „Nein. Das gehört nicht mir. Es gehört dem Haus. Und uns.“ Sie sah ihn an. „Ich möchte etwas anderes. Nur wir zwei. Morgen Abend. In der Halle. Bei Kerzenlicht.“
Er verstand sofort. Ein langsames Lächeln erhellte sein Gesicht. „Das klingt perfekt.“
Am nächsten Abend, als die Dämmerung hereinbrach, betrat Elara die Große Halle. Calum hatte ihre Bitte befolgt. Dutzende von Kerzen in alten, eisernen Haltern standen auf dem Boden, auf dem Kaminsims, auf dem langen Tisch. Sie warfen einen warmen, flackernden Schein, der die gewölbte Decke in sanfte, tanzende Schatten hüllte und die goldenen Sterne zum Funkeln brachte. Es war, als wäre der gemalte Himmel herabgesunken und umarmte den Raum.
Sie trug ein einfaches, weinrotes Wollkleid, das sie in Inverness gekauft hatte. Calum stand in der Mitte des Raumes, in einem dunklen Jackett über seinem saubersten Hemd. Er sah aus wie der Laird, den er war, aber in seinen Augen lag nur die Zärtlichkeit für sie.
Sie gingen aufeinander zu, trafen sich in der Mitte des Raumes, direkt unter der Muse Erato. Keine Worte waren nötig. Sie tanzten. Keine lebhafte ceilidh-Melodie, sondern die stille Musik ihrer Atemzüge, des Knisterns der Kerzen, des leisen Singen des alten Hauses um sie herum. Seine Arme hielten sie fest, ihr Kopf ruhte an seiner Schulter. Sie bewegten sich langsam im Kreis, blickten ab und zu nach oben, wo ihre gemeinsame Geschichte in Farben und Formen für die Ewigkeit festgehalten worden war.
„Ich habe nie gedacht, dass ich so etwas finden würde“, sagte er leise, sein Mund an ihrem Haar. „Nicht nach dem, was passiert ist. Nicht hier, in der Stille.“
„Ich auch nicht“, flüsterte sie zurück. „Ich dachte, mein Herz sei zu beschädigt. Dass nur noch die Arbeit bliebe.“
„Und nun?“
Sie zog sich ein wenig zurück, um in sein Gesicht zu sehen. Im Kerzenlicht sah er jünger aus, die Last der Jahre schien von ihm abgefallen. „Und nun ist die Arbeit ein Teil von etwas Größerem geworden. Ein Fundament. Für uns.“
Er niekte, seine Augen glänzten. „Möchtest du es offiziell machen? Dieses Fundament? Ich habe keinen Ring. Noch nicht. Aber ich habe eine Frage.“
Ihr Herz schlug so laut, dass sie dachte, er müsse es hören. Sie niekte, unfähig zu sprechen.
„Elara Hughes“, begann er, seine Stimme fest und klar in der stillen Halle. „Willst du mich heiraten? Willst du die Herrin von Kilcrennan sein, nicht als Pflicht, sondern als Liebe? Willst du mit mir dieses Haus, dieses Land und alles, was noch kommen mag, teilen?“
Die Worte waren einfach, schmucklos, genau wie er. Und genau wie seine Liebe, waren sie solide, echt und für die Ewigkeit gemacht.
„Ja“, sagte sie, und das eine Wort enthielt alles: ihr ganzes Ja zu ihm, zu diesem Ort, zu ihrer gemeinsamen Zukunft. „Ja, Calum. Ich will.“
Er zog sie wieder an sich, und sein Kuss war ein Siegel auf ihrem Gelübde. In diesem Moment, unter dem wiederhergestellten Himmel, den sie gemeinsam gerettet hatten, war die Heilung vollkommen. Nicht nur die der Decke. Ihre eigene. Seine. Die des Hauses.
Später saßen sie auf den Stufen vor dem großen Kamin, eine Decke über den Schultern, und betrachteten ihr Werk. Die Kerzen brannten nieder.
„Es ist seltsam“, sagte Elara, den Kopf an seine Schulter gelehnt. „Ich kam hierher, um etwas zu reparieren. Und am Ende hat es mich repariert.“
„Es hat uns beide repariert“, korrigierte er sanft. „Und es hat uns zueinander geführt. Vielleicht war das der wahre Plan von Alexander Finlay. Nicht nur einen Himmel zu malen. Sondern einen Himmel zu schaffen, unter dem eines Tages zwei verlorene Seelen zueinander finden würden.“
Es war ein schöner Gedanke. Elara mochte glauben, dass es so war. Dass die vergessene Schönheit über all den Jahren darauf gewartet hatte, enthüllt zu werden, um ihr eigenes wahres Bild zu offenbaren: das einer Liebe, die aus Verlust und Hoffnung, aus Geduld und handwerklichem Geschick, aus der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart gewoben war.
Das Licht von Kilcrennan, das besondere, klare Licht der Highlands, das sie geliebt hatte, war nun in ihr eigenes Leben getreten. Es hatte die Schatten ihrer Ängste vertrieben, die verblassten Farben ihrer Freude wieder zum Leuchten gebracht und ihr gezeigt, dass selbst das tiefste Leck gestopft, der schlimmste Riss gekittet werden konnte.
Sie wusste, dass das Leben hier nicht immer einfach sein würde. Es würde kalte Winter, undichte Dächer und die Einsamkeit der langen Nächte geben. Aber es würde auch dieses Licht geben. Und Calums Hand in ihrer. Und die stumme, beständige Präsenz des Hauses, das nun auch ihr Zuhause war.
Als sie schließlich die Kerzen löschten und die Halle in Dunkelheit hüllten, schien der gemalte Himmel über ihnen im Mondlicht, das durch die hohen Fenster fiel, noch immer sanft zu leuchten. Ein ewiger, tröstlicher Himmel. Ihr Himmel.
Hand in Hand gingen sie hinaus, ließen die Große Halle hinter sich – nicht als fertiges Museumstück, sondern als lebendigen Zeugen eines Anfangs. Ihres Anfangs.
Das wahre Bild war vollendet. Und ihre Geschichte hatte gerade erst begonnen.
Epilog:
Ein Jahr später – Das Licht im Fenster
Der September in den Highlands entfaltete eine Schönheit, die Elara als die stillste und erwachsenste des Jahres lieben gelernt hatte. Die Heidemoore explodierten in einem spektakulären Purpur, ein letztes, feuriges Fest, bevor der Winter Ruhe gebot. Die Luft war klar und kühl, angereichert mit dem würzigen Duft von reifendem Farn und feuchtem Erde.
Kilcrennan House, unter der nachsichtigen Spätsommersonne, sah nicht mehr kämpferisch oder verlassen aus. Es wirkte… zufrieden. Die Reparaturen am Dach waren längst abgeschlossen, das Gerüst verschwunden. Frische, dunkelgrüne Farbe zierte Fensterläden und Türen, und der Kies auf der Zufahrt war neu und eben. Es war kein Palast geworden, aber ein gepflegtes, geliebtes Zuhause, das seine Würde zurückerlangt hatte.
Elara stand im ummauerten Garten an der Südseite des Hauses, den sie in den letzten Monaten aus dem Dornröschenschlaf befreit hatte. In ihren Händen hielt sie einen Brief von Flora, dessen lebhafte Schrift über das Papier zu tanzen schien. „…und natürlich komme ich zu Weihnachten! Ich bestehe darauf. Jemand muss schließlich die Tradition des viel zu großen Truthahns und des noch größeren Feuers aufrechterhalten, während Ihr zwei nur in die Decke starren wollt…“ Elara lächelte. Floras Besuch versprach Lärm, Lachen und eine willkommene Unordnung.
Sie blickte auf. Vor der alten Scheune parkte ihr blauer Lieferwagen, die Aufschrift „E. Hughes – Restaurierung & Konservierung“ war nun vertraut und lieb. Am nächsten Tag würde sie zu einem neuen Auftrag aufbrechen, die Restaurierung eines barocken Holzaltars in einer abgelegenen Kapelle am Loch Maree. Es war eine reizvolle Herausforderung, und die Tatsache, dass sie ihr Geschäft von Kilcrennan aus erfolgreich führen konnte, erfüllte sie mit einem tiefen, stillen Stolz. Sie war keine Gefangene dieses Ortes. Sie war seine Hüterin geworden, und es war der Hafen, von dem aus sie ihre eigenen Fahrten unternahm.
Aus der offenen Küchentür wehte ein vertrauter, herzhafter Duft – Calums legendärer Lamm- und Gemüseeintopf, der den ganzen Nachmittag auf dem Aga geschmort hatte. Es war der Duft von Geborgenheit, von Wochentagen, die etwas Besonderes waren, einfach weil man sie teilte.
Sie hörte seine Schritte auf dem Kies, fest und sicher. Er kam zu ihr, legte ohne ein Wort einen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Sein Wollpullover roch nach Holzrauch und der klaren Luft. Ein Jahr des Friedens, der gemeinsamen Arbeit und des geteilten Lebens hatte die letzten scharfen Kanten der Anspannung in seinem Gesicht geglättet. Die Linien um seine Augen waren noch da, aber sie sprachen nun mehr von Lachen und dem Blinzeln in die Sonne als von innerem Kampf.
„Alles in Ordnung mit Flora?“, fragte er, sein Kinn auf ihrem Haar.
„Sie kommt zu Weihnachten und kündigt bereits an, die Herrschaft über die Küche zu übernehmen.“
Ein leises, rumpelndes Lachen erschütterte seine Brust. „Dann sollten wir uns darauf einstellen.“ Er schwieg einen Moment, sein Blick wanderte über das Haus. „Sieh nur.“
Er deutete mit dem Kinn zum Ostflügel, zu einem der hohen Fenster im ersten Stock. Die tiefstehende Nachmittagssonne traf die Scheibe in einem speziellen Winkel und füllte sie nicht mit goldener Reflexion, sondern mit einem warmen, zarten, rosa Schimmer. Es war kein Trick des Lichts. Es war die Farbe, die von innen an die Scheibe trat. Die Farbe, mit sie gemeinsam vor zwei Wochen den kleinen Raum darin gestrichen hatten – ein Raum, der lange als Rumpelkammer gedient hatte und nun, frisch geweißt, mit einem einfachen, hellen Holzbettchen und einem Regal voller alter, liebevoll reparierter Spielzeuge aus Calums Kindheit wartete. Es war ein Raum der stillen, vorsichtigen Hoffnung. Ihre gemeinsame, noch unausgesprochene Hoffnung für die Zukunft.
Elara lehnte sich fester an ihn. Kein Wort wurde gewechselt. Es bedurfte keiner. Das Haus, das sie gerettet hatten, sprach für sie. Der gerettete Himmel in der Halle, der gepflegte Garten, der Duft des Herdes, das mobile Studio ihrer Freiheit und dieses eine, rosa erleuchtete Fenster – all das war ihre gemeinsame Sprache. Eine Sprache der Heilung, der Geduld und einer Liebe, die nicht forderte, sondern nährte.
In der Ferne blökte eine Schafherde. Ein Habicht zog kreisend seine Bahn über dem See, der jetzt tiefblau und still dalag. Der lange, heilende Sommer ihres ersten Jahres war vorbei. Vor ihnen lagen die klaren, scharfen Winter, die zarten, hoffnungsvollen Frühlinge, die üppigen, lichtdurchfluteten Sommer von Kilcrennan.
„Komm“, sagte Calum schließlich, seine Stimme war sanft. „Das Feuer in der Halle ist angezündet. Und der Eintopf ist fertig.“
Sie gingen langsam zum Haus zurück, Hand in Hand. Bevor sie die Küchentür durchschritten, warf Elara einen letzten Blick zurück auf das rosafarbene Fenster. Es leuchtete wie ein sanftes Versprechen im steinernen Gesicht des Hauses. Nicht als Garantie, sondern als Möglichkeit. Als Zeichen des Lebens, das weiter wuchs, sich veränderte und Wurzeln schlug in diesem alten, beständigen Boden.
Das Licht von Kilcrennan war nicht mehr nur ein Phänomen des Himmels. Es war in den Stein getreten, in die Farben der Decke, in ihre Herzen. Und es würde, so wusste sie mit einer Gewissheit, die tiefer ging als jeder Zweifel, jeden kommenden Tag erhellen.
Ende
Diese Geschichte ist das Ergebnis meiner eigenen kreativen Schöpfung. Die inhaltliche Idee, Handlung und Ausgestaltung stammen vollständig aus meiner persönlichen Vorstellungskraft. Für die sprachliche Formulierung habe ich unterstützende Technologien künstlicher Intelligenz eingesetzt.
© Michael (Gecko) Mahler – Alle Rechte vorbehalten.
Hinweis: Die Bilder wurde mit einer KI (Google Gimini) erstellt und sind nicht aus einem urheberrechtlich geschützten Werk abgeleitet. Es sind frei nutzbare Bilder passend zu meiner Geschichte.
Bürgerreporter:in:Michael (Gecko) Mahler aus Velbert |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.