Horror- und Gruselkurzgeschichten
Seelenfrost Nr.6 - Strasse zur Hölle
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Teaser:
„Wer den Nebel sucht, findet die Verdammnis.“
Im Jahr 1634, während die Flammen des Dreißigjährigen Krieges das Heilige Römische Reich verzehren, sucht der melancholische Gelehrte Johann Albrecht von Rabenfels Zuflucht in der Einsamkeit des abgelegenen Bergdorfs Grimmsfurt. Doch die Stille des Schwarzmoor-Waldes trügt. Johann wird von den Visionen seiner verstorbenen Frau Magdalena geplagt, die ihn aus dem dichten Nebel heraus zu rufen scheint.
Lesezeit zirka 29 Minuten
Seelenfrost Nr.6 - Straße zur Hölle
Vorgeschichte
Die Verdammnis
Es gibt eine Art von Traurigkeit, die sich nicht mit Tränen abwaschen lässt; eine Schwere der Seele, die gleich dem Blei in den Adern eines Sterbenden liegt und den Geist in jene abgründigen Tiefen zieht, von denen kein Sterblicher unbeschadet zurückkehrt. Mein Name ist Johann Albrecht von Rabenfels, und ich bin ein Mann, der die Einsamkeit nicht nur sucht, sondern sie wie ein Leichentuch um sich geschlungen hat.
Nürnberg, die Stadt meiner Ahnen, mit ihrem geschäftigen Treiben und dem hohlen Lachen ihrer Bürger, war mir zum Kerker geworden. Überall sah ich sie – Magdalena. In den Schatten der Torbögen, im Widerschein des Regens auf dem Kopfsteinpflaster, im fahlen Licht der Kerzen, die ich nachts in meinem Studierzimmer abbrannte, bis nur noch flackernde Dochte und verbrannter Stolz übrig blieben. Sie war tot. Ein Unfall, hieß es. Ein Sturz in eine Schlucht, ein Verschwinden im Nebel des Altmühltals. Doch in meinen Träumen – jenen fiebrigen, qualvollen Visionen, die mich heimsuchten, sobald ich die Lider schloss – war ihr Ende weit schrecklicher. Sie rief mich nicht aus dem Grab, sondern von einer Straße herab. Einer Straße, die schwarz wie das Gefieder eines Raben unter einem mondlosen Himmel glänzte und die nirgendwohin zu führen schien, außer in die Unendlichkeit des Wahnsinns.
So geschah es, dass ich im Spätherbst des Jahres 1634, als der Dreißigjährige Krieg das Land wie eine offene Wunde bluten ließ, meine Koffer packte und mich nach Norden wandte. Ich suchte nicht den Frieden, ich suchte die Quelle meiner Qual. Die Spuren führten mich nach Grimmsfurt, einem Flecken Erde, den Gott längst vergessen zu haben schien.
Grimmsfurt liegt am Rande des Schwarzmoor-Waldes, einem Ort, an dem die Bäume wie verdrehte Gliedmaßen Ertrinkender aus dem Boden ragen und der Nebel beständig wie ein Leichentuch über dem Moos hängt. Als meine Kutsche die letzten Meilen zurücklegte, schien das Licht der Welt zu erbleichen. Das Dorf selbst bestand aus geduckten Fachwerkhäusern, deren Dächer unter der Last der Jahrhunderte und des unaufhörlichen Regens einzubrechen drohten. Die Fenster wirkten wie blinde Augen, die mich voller Misstrauen anstarrten.
In der Dorfschänke, einem Ort, der mehr nach moderndem Holz und altem Schweiß als nach Gastlichkeit roch, begegnete mir das Schweigen. Wann immer ich den Namen Magdalenas aussprach oder nach jener Straße fragte, die in meinen Träumen erschien, wandten sich die Männer ab. Die Krüge knallten auf die Tische, und das Feuer im Kamin schien vor Kälte zu zittern.
„Ihr sucht Dinge, Herr von Rabenfels, die besser im Dunkeln bleiben“, krächzte eine Stimme hinter mir. Es war Greta Holm, die Kräuterfrau des Dorfes. Ihre Haut war wie gegerbtes Leder, und ihre Augen besaßen die Schärfe eines Falken. „Hier in Grimmsfurt wissen wir, dass der Nebel nicht nur Wasser und Luft ist. Er ist der Atem von etwas, das Hunger hat. Wer den Nebel sucht, findet die Hölle.“
Ich lachte, doch es war ein trockenes, freudloses Geräusch. „Ich habe die Hölle bereits in meinem Herzen, Frau Holm. Schlimmer kann der Wald kaum sein.“
Sie schüttelte den Kopf und strich mit einem knochigen Finger über den Tisch. „Es gibt eine Straße. Die Via Infernalis. Sie existiert nicht für jene, die leben wollen. Aber sie wartet auf jene, die bereits verloren sind.“
In derselben Nacht suchte ich Ulrich Brandt auf, den Schmied. Er war ein Mann von hünener Gestalt, doch seine Schultern waren gebeugt, als trüge er die Last der gesamten Welt. Seine Hände zitterten, wenn er nicht gerade den Hammer schwang. Er sprach kaum, doch als ich ihm ein Goldstück bot und von meiner verstorbenen Frau erzählte, sah ich ein Aufblitzen von mitleidiger Erkenntnis in seinen Augen. Er führte mich in den hinteren Teil seiner Werkstatt und kramte aus einer mit Eisen beschlagenen Truhe ein Pergament hervor. Es war eine Karte, alt und an den Rändern verbrannt, als hätte sie die Flammen des Fegefeuers selbst geküsst.
„Dort“, flüsterte er und deutete auf eine Linie, die sich jenseits der bekannten Pfade in das Schwarzmoor wandt. „Mein Vater sah sie. Meine Brüder gingen darauf. Ich bin der Einzige, der umkehrte. Doch mein Verstand blieb dort zurück, im Schatten der Steine.“
Die Karte zeigte einen Weg, der als Via Infernalis bezeichnet wurde. Ein Weg, der laut den lateinischen Randnotizen nur dann erschien, wenn die Grenze zwischen den Welten dünn wurde – in jenen Stunden, in denen der Nebel die Sicht auf die Realität raubte.
Getrieben von einer unheiligen Neugier und der brennenden Sehnsucht nach einem Abschied, der mir verwehrt geblieben war, suchte ich das Kloster Schwarzmoor auf. Es war eine Ruine, ein Skelett aus Stein, das einsam auf einem Hügel über dem Wald thronte. Dort, in der modrigen Bibliothek, zwischen den zerfressenen Buchrücken und dem Gestank von Verfall, fand ich die Schriften der alten Mönche. Sie schrieben von einem Pakt, von einer Straße, die als Sühne oder als Strafe fungierte. „Viam non invenies, nisi mors te vocaverit“ – Du wirst den Weg nicht finden, es sei denn, der Tod ruft dich.
In diesen Nächten im Kloster wurden meine Träume lauter. Es war kein Rufen mehr; es war ein Schreien. Magdalenas Stimme mischte sich mit dem Heulen des Windes, der durch die zerbrochenen Maßwerkfenster strich. Sie flehte mich an. Sie wies mir den Weg.
In der dritten Nacht nach meiner Ankunft geschah es. Ein Nebel, so dicht und weiß wie flüssiges Pergament, schlich aus dem Moor hervor und verschlang das Dorf, das Kloster und die Sterne. Die Stille war so absolut, dass ich das Schlagen meines eigenen, schuldgepflegten Herzens hören konnte. Thump-thump. Thump-thump. Wie der Hammer von Ulrich Brandt.
Ich stand am Fenster meines Zimmers im Kloster, als ich es hörte. Ein leises Schluchzen. Ein Rascheln von Seide.
„Johann...“
Es war ihre Stimme. Sie kam nicht aus meinem Kopf. Sie kam von draußen. Dort, wo der Wald beginnen sollte, sah ich plötzlich ein Licht – nein, keinen Schein, sondern eine Veränderung in der Schwärze. Eine geometrische Präzision im Chaos des Nebels. Eine Kante. Ein Weg.
Ich griff nach meinem Mantel und meiner Laterne, doch das Öl war längst verbraucht. Es spielte keine Rolle. Ich brauchte kein Licht, um in den Abgrund zu blicken, der mich schon so lange ansah. Ich trat hinaus in die Kälte. Der Boden unter meinen Stiefeln fühlte sich nicht mehr wie Erde und Laub an. Er war hart. Glatt. Kalt wie das Herz eines Totengräbers.
Der Nebel teilte sich vor mir wie ein Vorhang in einem makabren Theaterstück. Und da lag sie. Die Via Infernalis. Eine Straße aus tiefschwarzem, glänzendem Stein, die sich in die unendliche Finsternis des Schwarzmoors bohrte.
„Ich komme, Magdalena“, flüsterte ich, und mein Atem bildete kleine, tanzende Gespenster in der Luft.
Ich tat den ersten Schritt auf die schwarze Oberfläche, und in diesem Moment wusste ich, dass es kein Zurück mehr geben würde. Die Welt hinter mir verblasste, das Dorf Grimmsfurt wurde zu einer verwaschenen Erinnerung, und vor mir dehnte sich die Straße aus – ein Pfad aus Schatten, erbaut auf den Sünden derer, die ihn vor mir beschritten hatten.
Hauptgeschichte
Kapitel 1 – Der Nebel ruft
Es war kein gewöhnlicher Nebel, der mich an jenem Abend empfing. Er besaß eine Substanz, die fast stofflich wirkte, als bestünde er aus den zerriebenen Träumen derer, die vor mir in diesem Wald verloren gegangen waren. Er legte sich auf meine Haut wie ein feuchtes Laken, kalt und unerbittlich. Doch während die Welt um mich herum in einem milchigen Weiß versank, blieb die Straße unter meinen Füßen von einer erschreckenden Deutlichkeit.
Die Via Infernalis glänzte. Sie bestand aus einem Material, das weder Stein noch Metall zu sein schien; es erinnerte mich an Obsidian, doch war es von einer Glätte, die an gefrorenes Blut gemahnte. Kein Staub bedeckte sie, kein Blatt des Schwarzmoors wagte es, auf ihrer Oberfläche zu verweilen. Sie schnitt durch das Unterholz wie die Klinge eines Chirurgen durch fauliges Fleisch.
„Johann... hilf mir...“
Magdalenas Stimme war nun so nah, dass ich meinte, ihren kühlen Atem an meinem Ohr zu spüren. Ich beschleunigte meine Schritte. Meine Stiefel verursachten auf dem schwarzen Grund kein Geräusch; es war, als würde die Straße jeden Schall verschlingen, noch bevor er entstehen konnte. Diese unnatürliche Stille wurde nur vom Pochen meines Blutes in den Schläfen unterbrochen – ein Rhythmus, der immer schneller wurde, je tiefer ich in das Herz des Nebels vordrang.
Plötzlich blieb ich stehen. Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Einige Schritt vor mir, mitten auf der schwarzen Pracht der Straße, stand eine Gestalt. Sie war groß, gehüllt in einen weiten, staubgrauen Reisemantel, der trotz der Windstille in unruhigen Falten um ihre Beine schlug. Ein breitkrempiger Hut beschattete das Gesicht, sodass nur eine Dunkelheit unter der Krempe verblieb, die schwärzer war als die Nacht selbst. Der „Wanderer“.
Ich wollte sprechen, wollte fragen, ob er meine Magdalena gesehen habe, doch meine Kehle war wie zugeschnürt. Der Fremde rührte sich nicht. Er atmete nicht. Er war eine Statue aus Einsamkeit. Dann, mit einer langsamen, fast mechanischen Bewegung, hob er eine Hand. Sie war bleich, langfingrig und von einer ungesunden Transparenz. In ihr hielt er etwas fest, das im fahlen Nebellicht matt schimmerte.
Ohne ein Wort zu verlieren, trat er auf mich zu. Die Distanz zwischen uns schien sich nicht zu verringern, indem er schritt, sondern indem die Welt um uns herum schrumpfte. Er stand vor mir, und ein Geruch schlug mir entgegen – nicht nach Verwesung, sondern nach Ozon und uraltem, vergessenem Staub. Er reichte mir den Gegenstand.
Es war ein Schlüssel. Er war groß, aus rostigem Eisen geschmiedet, und sein Bart war in einer Weise gezackt, die mich an schreiende Gesichter erinnerte. Als meine Finger das kalte Metall berührten, durchfuhr mich ein Schauer, der nichts mit der herbstlichen Kälte zu tun hatte. Es war ein elektrischer Schlag der Erkenntnis: Dieser Schlüssel passte in kein irdisches Schloss.
„Nimm ihn, Gelehrter“, flüsterte keine Stimme, sondern ein Gedanke direkt in meinem Geist. „Das Ende ist erst der Anfang.“
Der Wanderer trat zurück und verschmolder augenblicklich mit dem Grau des Nebels. Ich stand allein da, den Schlüssel fest umklammert, während das Metall in meiner Handfläche zu brennen begann.
„Halt ein! Bei der Jungfrau und allen Heiligen, Johann von Rabenfels, macht keinen Schritt weiter!“
Ein Schatten riss mich aus meiner Starre. Aus dem Dickicht zur Linken stolperte eine Gestalt auf die Straße. Es war Bruder Severin, der Mönch aus dem Kloster. Seine Kutte war zerrissen, sein Gesicht von Zweigen zerkratzt, und in seinen Augen loderte ein Wahnsinn, den ich nur zu gut kannte – der Wahnsinn des Fanatikers.
„Diese Straße ist kein Weg für die Lebenden!“, schrie er, und seine Stimme klang in der unnatürlichen Stille wie das Brechen von trockenem Glas. „Sie ist ein Schlund! Ein Tor, das seit den Tagen der großen Pest verschlossen war! Seht Ihr denn nicht, was Ihr tut? Ihr öffnet die Poren der Erde für das Gift der Verdammnis!“
„Sie ruft mich, Severin“, entgegnete ich heiser. „Magdalena ist dort. Ich habe sie gehört.“
Severin packte mich am Arm. Sein Griff war eisern. „Was Ihr hört, ist nicht Eure Frau. Es ist das Echo Eurer eigenen Schuld, das die Straße nutzt, um Euch zu ködern. Die Via Infernalis gibt nichts zurück. Sie nimmt nur. Werft den Schlüssel weg! Jetzt!“
Doch in diesem Moment änderte sich der Nebel. Er begann zu wirbeln, Formen anzunehmen. Ich sah Magdalena. Sie stand nur wenige Ellen hinter Severin. Sie trug das weiße Kleid, in dem man sie bestattet hatte, doch es war nun von schwarzem Schlamm durchtränkt. Ihre Augen waren zwei hohle Abgründe voller Sehnsucht.
„Johann“, hauchte sie. „Er will uns trennen. Er versteht unsere Liebe nicht. Komm zu mir. Der Schlüssel... er ist der Weg.“
Die Stimmen vervielfältigten sich. Es war nicht mehr nur Magdalena. Ich hörte das Flüstern von Tausenden. Namenlose Seelen, die in den Ritzen der schwarzen Steine zu stecken schienen, bettelten um Erlösung oder um Gesellschaft. Der Lärm in meinem Kopf wurde unerträglich. Ein Chor der Verdammten, der meinen Namen in einer Kakophonie aus Schmerz und Verlangen sang.
Severin schrie Gebete in die Finsternis, seine Lippen bebten, während er ein hölzernes Kruzifix in die Höhe reckte. Doch das Kreuz schien in diesem Umfeld zu verblassen, seine Kraft schwand gegen die schiere Realität des schwarzen Steins.
In einem Anfall von Panik und Trotz stieß ich den Mönch von mir weg. Ich schob den schweren, rostigen Schlüssel tief in meine Manteltasche. In dem Moment, als das Metall den Stoff berührte und keinen Kontakt mehr zu meiner Haut hatte, geschah etwas Entsetzliches.
Die Straße erbebte. Mit einem Geräusch, das wie das Zersplittern eines gigantischen Spiegels klang, verschwand die Via Infernalis unter meinen Füßen. Der schwarze Obsidian löste sich in Nichts auf.
Ich stürzte. Nicht tief, nur auf den feuchten, weichen Waldboden des Schwarzmoors. Der Nebel war noch da, doch er war nun wieder bloßer Dunst. Die Stille war zurückgekehrt – die normale, drückende Stille des Waldes. Magdalena war weg. Der Wanderer war weg. Nur Bruder Severin lag keuchend im Farn, das Kruzifix fest an die Brust gepresst.
Ich griff in meine Tasche. Er war noch da. Der Schlüssel. Kalt, schwer und real.
„Ihr habt es getan“, flüsterte Severin und starrte mich aus hohlen Augen an. „Ihr habt das Zeichen angenommen. Jetzt gehört Ihr ihr. Die Straße wird wiederkehren, Johann. Und das nächste Mal wird sie Euch nicht nur rufen. Sie wird Euch fordern.“
Ich antwortete nicht. Ich starrte in die Dunkelheit, dorthin, wo eben noch die glänzende Schwärze gelegen hatte, und spürte zum ersten Mal nicht Trauer, sondern eine grauenhafte, unheilige Erwartung.
Kapitel 2 – Die Offenbarung der Via Infernalis
Die Tage nach jener unseligen Begegnung im Wald verstrichen in einem Zustand bleierner Agonie. Die Zeit in Grimmsfurt schien sich zu dehnen, als wäre das Dorf selbst in einem bernsteinfarbenen Gefängnis aus Verfall und Wahnsinn gefangen. Der Schlüssel in meiner Tasche war ein ständiger Mahner; er fühlte sich an wie ein Stück Eis, das niemals schmolz, und sein Gewicht schien mit jeder Stunde zuzunehmen, bis ich mich beim Gehen leicht zur Seite neigte, als trüge ich eine unsichtbare Kette.
Ich kehrte in das Kloster Schwarzmoor zurück, getrieben von einem manischen Hunger nach Wissen. Bruder Severin mied mich nun; wann immer sich unsere Wege in den zugigen Gängen kreuzten, schlug er das Kreuz und eilte mit gesenktem Haupt an mir vorbei. Sein Murmeln – ein steter Strom aus lateinischen Exorzismen – verfolgte mich wie das Summen einer lästigen Fliege.
In der Krypta des Klosters, unter Schichten von Staub und dem Geruch von Moder, stieß ich auf die Chroniken von Anno Domini 1348, dem Jahr des Schwarzen Todes. Die Seiten waren aus Pergament, das so brüchig war, dass es bei jeder Berührung zu zerfallen drohte, wie die Haut eines Mumifizierten. Dort, in der zittrigen Handschrift eines sterbenden Abtes, fand ich die Wahrheit.
Grimmsfurt war einst ein blühender Handelsposten gewesen, bis die Pest die Täler heimsuchte. In ihrer Verzweiflung, als die Gebete zu Gott ungehört im Leichengestank verhallten, hatten die Dorfältesten und ein abtrünniger Mönch einen anderen Pfad gesucht. Sie riefen eine Macht an, die älter war als die Kirche, eine Macht, die im Schoß der Erde und in den Falten des Raumes zwischen den Welten hauste. Sie baten um einen Weg, auf dem der Tod das Dorf verlassen könne.
Und die Via Infernalis wurde ihnen gewährt.
Doch der Pakt war tückisch. Die Straße nahm die Pest fort, ja – doch sie verlangte nach Nahrung. Sie wurde zu einer Arterie des Jenseits, die sich periodisch öffnete, um jene Seelen zu ernten, die von Gram, Schuld oder Wahnsinn gezeichnet waren. Magdalena, meine süße, verlorene Magdalena... war sie ein Opfer dieses uralten Hungers geworden?
Ich suchte Greta Holm in ihrer rauchgeschwängerten Hütte am Dorfrand auf. Sie rührte in einem Kessel, dessen Inhalt nach bitteren Wurzeln und altem Eisen roch.
„Sie haben es gelesen, nicht wahr, Gelehrter?“, sagte sie, ohne aufzublicken. „Die Toten von Grimmsfurt ruhen nicht. Sie warten nur auf den nächsten Nebel.“
„Was ist mit Ulrichs Familie?“, fragte ich, die Stimme heiser vom Staub der Bibliothek.
Greta hielt inne. „Ulrich war ein Knabe, als die Straße vor dreißig Jahren das letzte Mal erschien. Er sah, wie sein Vater und seine Brüder darauf schritten, angelockt von Lichtern, die wie tanzende Irrlichter über dem schwarzen Stein schwebten. Ulrich kehrte um, weil seine Mutter ihn festhielt – doch sie wurde mitgerissen. Er blieb allein zurück, mit einem Verstand, der wie ein zerbrochener Spiegel ist.“
Plötzlich erbebte die Hütte. Es war kein Zittern der Erde, sondern ein Vibrieren der Luft, als würde eine riesige Saite tief unter uns gezupft. Draußen vor der Tür begann das Vieh zu brüllen – ein panisches, kehliges Geräusch, das abrupt in ein gurgelndes Schweigen überging.
Ich trat vor die Tür. Die Sonne, die eben noch fahl durch die Wolken gedrungen war, war verschwunden. Ein unnatürlicher, opaleszierender Nebel quoll nicht aus dem Wald, sondern schien direkt aus den Ritzen zwischen den Pflastersteinen des Dorfplatzes zu sickern.
„Es geschieht wieder“, flüsterte Ulrich Brandt, der aus seiner Schmiede getreten war. Sein Gesicht war aschfahl, seine Augen weit aufgerissen. „Sie kommt ins Dorf. Gott stehe uns bei, sie kommt zu uns!“
Und da, mitten auf dem Platz von Grimmsfurt, geschah das Unmögliche. Die vertrauten Steine, die Schmutzränder und das Unkraut zwischen den Fugen lösten sich auf. An ihrer Stelle manifestierte sich die glänzende Schwärze. Die Via Infernalis schnitt sich ihren Weg direkt durch das Herz des Dorfes.
Die Häuser um uns herum begannen sich zu verzerren. Die Balken krümmten sich wie leidende Gliedmaßen, und der Putz bröckelte ab, um darunter Mauern zu offenbaren, die wie aus versteinerten Knochen erbaut schienen. Das Lachen von Kindern, das Weinen von Witwen – alle Geräusche der Vergangenheit mischten sich in einem anschwellenden Flüstern, das aus der Straße selbst zu kommen schien.
Am Ende der Straße, dort, wo sie im dichten Nebel hinter dem Dorfbrunnen verschwand, sah ich sie.
Magdalena.
Sie stand da, vollkommen klar und deutlich, fernab jeder Halluzination. Sie streckte die Arme nach mir aus. „Johann! Die Zeit der Trennung ist vorbei! Siehst du nicht? Hier gibt es keinen Tod, nur das ewige Wandern!“
Ich begann zu laufen. Ich ignorierte Ulrichs Schreie, ich ignorierte Gretas Warnungen. Jeder Schritt auf dem schwarzen Obsidian fühlte sich an wie eine Heimkehr. Doch während ich lief, veränderte sich die Wahrnehmung. Die Häuser von Grimmsfurt wurden zu grotesken Fratzen. Die Schatten der Bewohner, die nun ebenfalls aus ihren Türen traten, wirkten wie längliche, gesichtslose Schemen, die blind auf die Straße stolperten.
Ich erkannte: Die Straße führte nicht durch die Welt. Sie ersetzte sie.
„Magdalena!“, rief ich, doch als ich sie fast erreicht hatte, verzog sich ihr Gesicht. Für einen winzigen, schrecklichen Moment sah ich nicht meine Frau, sondern etwas Hohles, etwas Kaltes, das nur ihre Form wie eine Maske trug. Ihr Lächeln war zu breit, ihre Zähne zu spitz.
Ich blieb stehen, keuchend, das Herz ein rasender Vogel in meinem Brustkorb. Ich sah an mir herab. Meine Hände wurden blass, fast durchsichtig. Der Schlüssel in meiner Tasche begann zu glühen – nicht mit Hitze, sondern mit einer kalten, bläulichen Luminiszenz, die durch den Stoff meines Mantels drang.
„Dies ist nicht das Jenseits“, flüsterte ich zu mir selbst, während um mich herum das Dorf in einem Strudel aus Schatten und moderndem Holz versank. „Dies ist das Verderben. Mein eigenes Verderben.“
Die Straße unter mir schien zu pulsieren, wie eine riesige, schwarze Zunge, die mich langsam, aber stetig in den Schlund der Unendlichkeit schob.
Kapitel 3 – Der Pakt der Schatten
Die Welt, wie ich sie kannte, war nun gänzlich erloschen. Grimmsfurt war kein Dorf mehr, sondern eine baufällige Kulisse aus Alpträumen, die im Sog der Via Infernalis langsam in sich zusammenbrach. Ich stand auf der schwarzen Fläche, gefangen zwischen der Erscheinung Magdalenas und der gähnenden Leere hinter mir.
„Du zögerst, Johann“, erklang eine Stimme, die wie das Reiben von Grabplatten klang.
Ich wirbelte herum. Dort, nur wenige Schritte entfernt, stand erneut der Wanderer. Doch nun war er nicht mehr allein. Hinter ihm schälten sich Gestalten aus dem Nebel – Wesen, deren Gliedmaßen zu lang und deren Gesichter nur glatte Flächen aus bleichem Fleisch waren. Die Schatten der Straße.
„Wer bist du?“, schrie ich gegen das anschwellende Heulen des Windes an.
Der Wanderer hob den Kopf, und unter der Krempe seines Hutes sah ich für einen Moment kein Gesicht, sondern ein Universum aus sterbenden Sternen. „Ich bin der Sammler der Versprechen. Ich bin der Hüter des Weges, den ihr Menschen in eurer Gier nach Leben und eurer Angst vor dem Verlust selbst gepflastert habt. Jede Meile dieser Straße ist mit einer Lüge bezahlt, Johann Albrecht. Und deine Lüge war die größte von allen.“
„Ich habe nicht gelogen! Ich liebte sie!“, protestierte ich, während meine Knie zitterten.
„Du liebtest dein Bild von ihr“, entgegnete das Wesen. „Du hast sie so sehr an dich geklammert, dass du ihren Tod nicht akzeptieren konntest. Dein Schmerz war der Ruf, der die Via Infernalis erneut in diese Welt riss. Du hast den Pakt erneuert, ohne es zu wissen.“
Plötzlich spürte ich einen harten Stoß. Bruder Severin war herangestürmt, seine Augen weit aufgerissen, der Schaum stand ihm vor dem Mund. Er hielt einen Dolch aus geschwärztem Silber in der Hand.
„Es muss enden!“, schrie er, doch er sah mich nicht an, sondern den Wanderer. „Ein Opfer! Ein Gelehrter für ein Dorf! Wenn sein Blut den Stein benetzt, wird die Straße satt sein für ein weiteres Jahrhundert!“
Er stürzte sich auf mich, den Wahnsinn des Fanatikers in jeder Faser seines Leibes. Ich war zu schwach, zu erschöpft, um mich zu wehren. Doch bevor die Klinge meine Brust durchbohren konnte, trat eine massive Gestalt zwischen uns.
Ulrich Brandt, der Schmied, fing den Stoß ab. Das Silber drang tief in seine Schulter, doch er gab keinen Laut von sich. Mit der Kraft der Verzweiflung packte er den Mönch und schleuderte ihn von der Straße.
„Lauf, Johann!“, brüllte Ulrich. Sein Gesicht war verzerrt vor Schmerz, doch in seinen Augen lag eine Klarheit, die ich nie zuvor bei ihm gesehen hatte. „Ich habe zu lange gewartet! Ich hätte damals mit meiner Mutter gehen sollen... aber heute rettest du dich!“
In diesem Moment begannen die Schattenwesen sich zu rühren. Sie flossen wie Tinte über den schwarzen Stein und stürzten sich auf Ulrich. Er wurde unter einer Flut aus Schwärze begraben, und sein letzter Schrei wurde vom gierigen Schlund der Straße verschlungen. Auch Greta Holm erschien im Nebel, sie warf Bündel aus brennenden Kräutern gegen die Schatten, ein letzter, vergeblicher Versuch, das Unvermeidliche aufzuhalten, bevor auch sie in der Dunkelheit verschwand.
Ich stand am Abgrund meines Verstandes. Magdalena – oder das, was ihre Form trug – trat auf mich zu. Sie war nun direkt vor mir. Ihre Haut war kalt wie Marmor, und ihr Atem roch nach Erde.
„Komm mit mir, Johann“, flüsterte sie. „Gib mir den Schlüssel. Öffne das Tor ganz. Wir werden ewig zusammen sein, in der Stille, wo kein Schmerz uns erreicht.“
Ich griff nach dem Schlüssel in meiner Tasche. Er brannte nun so heftig, dass ich meinte, meine Haut würde verkohlen. In diesem Moment der höchsten Not, als ich in die hohlen Augen der Frau blickte, die ich einst geliebt hatte, erkannte ich die Wahrheit: Die Magdalena, die mich hierher gerufen hatte, war nicht meine Frau. Sie war ein Köder. Meine echte Magdalena war fort, an einem Ort, den diese Straße niemals erreichen konnte.
„Du bist nicht sie“, sagte ich mit einer Festigkeit, die ich selbst nicht für möglich gehalten hatte.
Die Gestalt vor mir verzerrte sich. Das schöne Gesicht verrutschte, ein tiefes, grollendes Lachen drang aus einer Kehle, die nicht menschlich war.
„Dann stirb allein, Gelehrter!“, kreischte das Wesen.
Ich wusste, was ich zu tun hatte. Der Schlüssel war nicht dazu da, Magdalena zu finden. Er war die letzte Verbindung zum Diesseits, der Anker, der die Straße in unserer Welt hielt. Wenn ich ihn benutzte, um die Straße zu zerstören, würde ich selbst mit ihr untergehen – denn ich war nun Teil ihres Gefüges.
Ich rammte den rostigen Schlüssel nicht in ein Schloss, sondern direkt in den schwarzen Boden unter meinen Füßen.
Ein gleißendes, weißes Licht, heller als tausend Sonnen, brach aus der Via Infernalis hervor. Die Schwärze des Obsidians begann zu rissig zu werden. Ein Schrei, so gewaltig, dass er die Fundamente der Welt zu erschüttern schien, riss an meinen Sinnen. Die Schattenwesen lösten sich auf, der Wanderer verblasste zu Asche, und die Illusion von Magdalena zersprang wie Glas.
Die Straße unter mir brach auseinander. Ich fühlte, wie ich fiel – nicht in die Hölle, sondern in ein tiefes, barmherziges Nichts. Alles versank im Nebel.
Epilog – Die letzte Spur
Es ist nun fast ein halbes Jahrhundert vergangen, seit die Glocken des Heiligen Römischen Reiches das Ende jenes grausamen Krieges einläuteten, der so viel Fleisch und Geist verzehrt hat. Doch es gibt Wunden in der Erde, die nicht einmal die Zeit zu schließen vermag.
Mein Name ist irrelevant; ich bin lediglich ein Wanderer, ein Chronist im Dienste der kaiserlichen Archive, entsandt, um die entvölkerten Landstriche des Schwarzmoor-Waldes zu kartografieren. Die Legenden über Grimmsfurt hatten mich schon lange verfolgt – Geschichten über ein Dorf, das in einer einzigen Nacht vom Nebel verschluckt wurde, als hätte der Erdboden selbst seinen Rachen aufgesperrt.
Als ich die Ruinen erreichte, fand ich nichts als Verfall. Von den Häusern standen nur noch verkohlte Skelette aus Fachwerk, die wie die Rippenbögen verendeter Riesen in den grauen Himmel ragten. Die Schmiede war ein Haufen aus Rost und Asche, und der Dorfbrunnen war mit schwarzem, stehendem Wasser gefüllt, in dem sich kein Stern spiegelte.
Einzig das Kloster Schwarzmoor trotzte dem Untergang. Seine Mauern waren dick, sein Gestein von einem unnatürlichen Moos bewachsen, das im Dämmerlicht bläulich schimmerte. In den zerfallenen Gängen der Abtei, zwischen Skeletten, die noch immer ihre Rosenkränze umklammerten, fand ich, wonach ich nicht gesucht hatte.
In einer verborgenen Nische der Bibliothek, geschützt vor dem Regen durch ein eingestürztes Gewölbe, lag ein ledergebundenes Buch. Das Leder war rissig, die Seiten vom Schimmel zerfressen, doch die Tinte war an vielen Stellen noch lesbar. Es war das Tagebuch eines gewissen Johann Albrecht von Rabenfels.
Ich verbrachte die Nacht beim Schein einer einzigen Laterne und las die Berichte über die Via Infernalis. Je weiter ich las, desto mehr begann meine Hand zu zittern. Rabenfels beschrieb Dinge, die kein menschliches Auge sehen sollte – eine Straße aus schwarzem Glas, einen Wanderer ohne Gesicht und eine Frau, die aus dem Jenseits rief. Die letzten Einträge waren kaum mehr als hastig hingekritzelte Chiffren, gezeichnet von einer Hand, die den Verstand längst verloren hatte.
Der letzte Satz des Tagebuchs war mit einer fast unnatürlichen Kraft in das Pergament gepresst worden: „Der Schlüssel ist im Stein, die Schwärze bricht, doch wer einmal auf der Via Infernalis schritt, dessen Schatten wird niemals mehr die Sonne finden.“
Danach endeten die Aufzeichnungen abrupt. Es gab keinen Bericht über seine Flucht, keinen Hinweis auf sein Überleben. Nur ein einsamer Blutfleck auf der letzten, leeren Seite zeugte von einem Ende, das keine Erlösung kannte.
Ich schloss das Buch und blickte auf. Draußen vor den Klostermauern hatte sich der Abend herabgesenkt. Ein Nebel, so dicht und unnatürlich weiß, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, kroch aus dem Wald hervor. Er bewegte sich mit einer seltsamen Absichtlichkeit, umfloss die Ruinen und schien die Geräusche der Natur – das Rascheln der Blätter, den Schrei einer Eule – vollständig zu ersticken.
Ich wollte aufstehen, wollte fliehen, doch meine Beine fühlten sich schwer wie Blei an.
Plötzlich hörte ich es.
Ein Geräusch, das in dieser Einöde unmöglich war. Ein rhythmisches Klacken, wie von Stiefeln auf hartem, glattem Stein. Es war kein Gehen auf Waldboden oder Trümmern. Es war das Geräusch von Schritten auf Obsidian.
Ich starrte in den Nebel hinaus. Dort, wo eben noch die Ruinen des Dorfplatzes lagen, schien sich das Licht zu verzerren. Eine schwarze Linie manifestierte sich im Grau, ein Pfad, der so dunkel war, dass er das Licht meiner Laterne förmlich einzusaugen schien.
War es eine Täuschung? Ein Echo des Wahnsinns, den ich gerade gelesen hatte?
Ich spürte eine plötzliche, eisige Kälte in meinem Nacken. Ein Hauch von Ozon und uraltem Staub erfüllte die Luft. Hinter mir, tief in den Schatten der Klosterbibliothek, erklang ein leises Seufzen – und dann das metallische Geräusch eines rostigen Schlüssels, der in ein Schloss gleitet, das es gar nicht geben dürfte.
ENDE
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