Mülheim: 200 Jahre Geschichte eines Kulturortes
Die Villa Artis in Mülheim: Von einem Kontorhaus um 1800 über den Tengelmann Stammsitz bis zur heutigen Galerie an der Ruhr. 200 Jahre Geschichte im Überblick.

Kulturort im Herzen von Mülheim an der Ruhr

EINGANG:  "Ruhrstraße 3 / Ecke Delle"
ÖPNV:        "Stadtmitte-Mülheim"
NAVI:          "Delle 54"
PARKEN:    "Delle" oder "CASINO" | Foto: Kunstverein KKRR
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  • Kulturort im Herzen von Mülheim an der Ruhr

    EINGANG: "Ruhrstraße 3 / Ecke Delle"
    ÖPNV: "Stadtmitte-Mülheim"
    NAVI: "Delle 54"
    PARKEN: "Delle" oder "CASINO"
  • Foto: Kunstverein KKRR
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🏛️ Villa Artis / Galerie an der Ruhr – 200 Jahre Geschichte eines außergewöhnlichen Kulturortes in Mülheim an der Ruhr

Die Villa Artis in Mülheim: Von einem Kontorhaus um 1800 über den Tengelmann Stammsitz bis zur heutigen Galerie an der Ruhr. 200 Jahre Geschichte im Überblick.
- Fokus auf Inhalt statt Reichweite
- keine „Eventisierung“ von Kunst
- weniger Abhängigkeit von Aufmerksamkeitssystemen

🟦 Einleitung: Ein Haus, das Mülheimer Geschichte atmet
Die Villa Artis, heute Heimat der schönen Künste, gehört zu den geschichtsträchtigsten Gebäuden der Stadt. Kaum ein anderer Ort vereint so viele Schichten der Mülheimer Wirtschafts , Hafen und Kulturgeschichte: vom Kontorhaus um 1810 über die Tengelmann Gründerfamilie bis zum modernen freien Kunstzentrum.
Dieser Artikel von Andreas Ingramm zeichnet die Geschichte des Hauses chronologisch, präzise und SEO optimiert nach.

🟦 1. Um 1810: Erstes Gebäude im Kataster – ein Kontorhaus entsteht
Historische Katasterpläne aus der napoleonischen bzw. frühpreußischen Zeit zeigen, dass an der Ruhrstraße 3 bereits um 1810 ein Gebäude stand. Es handelt sich um eines der ältesten dokumentierten Kontorhäuser im Bereich der heutigen Altstadt.
Das Haus lag strategisch perfekt:
• direkt an der damaligen Hauptverkehrsachse
• wenige Schritte vom Ruhrhafen
• mitten im entstehenden Gewerbequartier
Damit war der Standort von Beginn an wirtschaftlich geprägt.

🟦 2. Ruhrstraße 1: Die Seilerei – Herzstück der Hafenlogistik
Unmittelbar neben der Villa Artis zeigt der Katasterplan eine Seilerei (Ruhrstraße 1). Seilereien waren im frühen 19. Jahrhundert unverzichtbar:
• für Schiffe
• für Pferdegeschirre
• für Transportwagen
• für Reparaturen der Hafeninfrastruktur
Die Nähe zur Ruhr war kein Zufall: Seile wurden vor Ort benötigt, um die Lastkähne der Ruhrschifffahrt zu bewegen.

🟦 3. Der Ruhrhafen: Pferde, Treidelpfade und Ruhraaken
Der nahegelegene Ruhrhafen und der sog. Fabrikkanal waren ein bedeutender Umschlagplatz für:
• Holz
• Kohle
• Getreide
• Eisenwaren
• Kolonialwaren
Die typischen Ruhraaken – flache Lastkähne – wurden von Pferden stromaufwärts gezogen. Die Seilerei lieferte das notwendige Tauwerk, während das Kontorhaus an der Ruhrstraße 3 die kaufmännische Abwicklung und Lagerung von Gütern übernahm.
Damit bildeten Seilerei – Hafen – Kontorhaus ein funktionierendes Wirtschaftsökosystem.

🟦 4. Johann Meininghaus: Früher Nutzer des Kontorhauses
Nach lokalen Archivquellen und Angaben aus der RUHR GALLERY Historie nutzte der Kaufmann Johann Meininghaus das Gebäude als Kontorhaus. Er betrieb hier einen Handelssitz, der eng mit dem Hafen verbunden war.
Das erklärt die frühe wirtschaftliche Bedeutung des Hauses.

🟦 5. 1840–1850: Der junge Wilhelm Schmitz beginnt seine Lehre
Ein besonders spannender Aspekt:
Der spätere Tengelmann Mitgründer Wilhelm Schmitz arbeitete hier bereits als 15 jähriger Lehrling – im Kontorhaus an der Ruhrstraße 3.
Damit beginnt die Geschichte des späteren Weltkonzerns nicht erst 1867, sondern genau hier, Jahrzehnte früher.

🟦 6. 1867: Gründung des Tengelmann Stammsitzes
Die Familie Schmitz Scholl gründet an diesem Standort den späteren Handelskonzern Tengelmann.
Besonders bemerkenswert:
• Luise Schmitz Scholl wird eine der ersten Frauen mit Prokura in Deutschland.
• Das Gebäude dient als Wohnhaus, Kolonialwarenlager und Verwaltungssitz.
Damit wird die Villa Artis zu einem Schlüsselort deutscher Handelsgeschichte.

🟦 7. Spätes 19. Jahrhundert: Unternehmerfamilien prägen das Haus
Das Gebäude wird von mehreren bedeutenden Mülheimer Persönlichkeiten genutzt:
• Johann Meininghaus (u.a. Familie Trost)
• Ludwig Lindgens (Mühlenbesitzer, später durch Heirat in die Familie Rühl Lederfabrikant )
• Luise und Wilhelm Schmitz-Scholl (WiSSol, Tengelmann)
• Carl Nedelmann (Glasfabrikant, Förderer, Ratsmitglied)
• Oskar Natorp (Eisenwarenhandel)
• Jakob Haferkamp (Reeder)
Nedelmann betreibt hier zeitweise ein Zentrum für Glaskunst – ein früher Vorläufer der heutigen kulturellen Nutzung.

🟦 8. 1900 –1952: Jugendstil Umbau belegt u.a. durch Pfeifer & Großmann
Das Gebäude erhält seine heutige Gestalt durch die Architekten Arthur Pfeifer & Hans Großmann.
Typisch für den Umbau:
• Jugendstil Elemente
• Historistische Fassaden
• die berühmten Basilisken als Schutzsymbole
• ein repräsentatives Portal, das Roland Günter mit der Whitechapel Art Gallery vergleicht
Die Villa Artis wird zu einem architektonischen Kleinod im Ruhrgebiet.

🟦 9. 20. Jahrhundert: Wandelnde Nutzung, aber kontinuierliche Bedeutung
Über Jahrzehnte hinweg bleibt das Haus:
• Wohnort
• Handelsstandort
• Verwaltungsgebäude
Die Lage an der Ruhrstraße macht es zu einem dauerhaften Bestandteil des städtischen Wirtschaftsraums.

🟦 10. Ab 2012: Wiedergeburt als Kunst und Kulturzentrum
Die Mülheimer Gesellschaft für Stromwirtschaft GfSt ermöglicht die Umnutzung als Kulturstandort. Heute beherbergt der Gebäudekomplex:
• Galerie an der Ruhr / RUHR GALLERY MÜLHEIM
• MMKM – Museum Moderne Kunst Mülheim
• Kunsthaus Mülheim Ruhrstr. 3
• Amt für weiterbildende Fantasie
• Geschäftsstelle des KKRR – Kunstverein und Kunstförderverein Rhein Ruhr
• TECHNIKUM MÜLHEIM (seit 2025) - AIRL-Lab
Die Villa Artis ist heute ein offenes, unabhängiges Kunstzentrum mit internationaler Ausstrahlung mit privatem Museum MMKM Museum Moderne Kunst Mülheim, nichtkommerzielle Galerie Ruhr Gallery und Ateliertrakt als Künstler*innenresidenz.

⭐ Das steht fest: 200 Jahre Geschichte – vom Kontorhaus zum Kulturhaus
Die Villa Artis ist ein einzigartiges Beispiel für die kontinuierliche Transformation eines historischen Gebäudes:
• 1800: Stallungen für Pferde am Leinpfad
• 1810: Kontorhaus am Hafen
• 1840er: Lehrstelle des späteren Tengelmann Gründers
• 1867: Gründung Stammsitz eines Weltkonzerns
• 1880: Unterschiedliche Nutzungen u.a. Seifensiederei
• 1900: Jugendstil Umbau – Stuckfassade, Schmucktürme an der Ruhrseite
• 2012–heute: Offenes Kunst und Kulturzentrum (selbstverwaltet)

Kaum ein anderes Gebäude in Mülheim verbindet Hafenwirtschaft, Handelsgeschichte und moderne Kunst so eindrucksvoll.

Kulturentwicklung der Stadt Mülheim (Historischer Exkurs)

Kultur in Mülheim an der Ruhr in der Nachkriegszeit
Die Geschichte der Mülheimer Kultur nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine Geschichte des Wiederaufbaus, der Selbstbehauptung und der erstaunlichen Kreativität. Sie beginnt im Jahr 1945, mit dem Einzug amerikanischer Soldaten in das stark zerstörte Stadtgebiet. Für Mülheim markierte dies zweifellos einen tiefen Einschnitt – aber auch den Ausgangspunkt für eine kulturelle Erneuerung, die weit über den bloßen Wiederaufbau hinausging.

Die unmittelbare Nachkriegszeit: Not, Hunger und erste Schritte
Die ersten Jahre nach Kriegsende waren geprägt von Armut, Wohnungsnot, Hunger und politischer Unsicherheit. Dennoch entstanden gerade in dieser Zeit die ersten Keime eines neuen kulturellen Lebens.
Mit der Währungsreform 1948 und dem beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung gewann die Stadt wieder Handlungsfähigkeit. Der Wiederaufbau der öffentlichen Gebäude, Schulen und kulturellen Einrichtungen wurde zum sichtbaren Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins.

Aufbruch: Die fünfziger Jahre und der „Junge Kreis 1952“
Zu den wichtigsten kulturellen Impulsen der frühen Nachkriegszeit gehörte die Gründung des Jungen Kreises 1952.
In den Räumen des Handelshofes und im Foyer des Zimmertheaters fanden junge Mülheimer Künstler – Maler, Graphiker, Bildhauer, Musiker und Autoren – erstmals wieder eine Plattform.

Die WAZ schrieb damals treffend, der Kreis diene

„der Pflege des Werdenden“
und wolle Brücke zur Öffentlichkeit sein.

Zu den prägenden Mitgliedern gehörten u.a.:

Ilse Otten (Bildhauerin)

Willi Hable (später Meisterschüler der Düsseldorfer Akademie)

Gustav K. Ommer (auch Verfasser von Kunstbüchern)

Erika Heidemann

Ruth Brandes

Werner Spribille

Hannelore Dietrich, Else Sassmann, Ilse Lennartz

die Pianisten Ferdinand Bruckmann und Erich Schmahl

Ihre Arbeiten waren noch frei von festen Stilen – Ausdruck einer Generation, die sich neu orientierte und künstlerisch suchte.

Etablierte Künstler und neue Orte
Nicht nur der „Junge Kreis“ fand im Zimmertheater Raum. Auch etablierte Mülheimer Künstler wie

Carl Altena,

Gustav Dahler,

Helmut Lankhorst,

Heinrich Siepmann,

Daniel Traub

stellten hier aus.
Ab 1954 wurde der Pavillon des Café Ringel an der Kaiserstraße zu einem wichtigen Treffpunkt. Cafébesitzer Artur Ringel, selbst literarisch ambitioniert, förderte die junge Szene und veröffentlichte regelmäßig Feuilletons in den Mülheimer Zeitungen.

Künstlerische Netzwerke: Der „Marabu“
Eine besondere Rolle spielte der Künstlerstammtisch Marabu im Theaterkeller Passmann an der Viktoriastraße.
Hier trafen sich Künstler, Architekten, Journalisten, Rechtsanwälte und Mäzene – ein lebendiges Netzwerk, das Ideen austauschte, Projekte anstieß und das kulturelle Klima der Stadt prägte.
Zur Karnevalszeit wurde der Marabu zu einem Zentrum ausgelassener Kreativität, und selbst Filmschauspieler, die im Hauskino Premieren begleiteten, mischten sich unter die Gäste.

Institutionelle Kulturarbeit: Museen, Vereine, Ankäufe
Ein weiterer Meilenstein war die Gründung der Mülheimer Künstlergemeinschaft um 1950, initiiert u.a. von

Dr. Rudolf Strenge,

Karl-Werner,

Heinrich Weber,

Heinz Kirch,

Ernst Zucca,

Hans Fischer,

Friedrich C. Bloch,

Willi Deus.

Sie setzte sich für bessere Arbeitsbedingungen, Ausstellungsräume und eine aktive Ankaufspolitik der Stadt ein. Bereits 1953 lag der städtische Ankaufsetat bei rund 10.000 DM – ein deutliches Signal für die Bedeutung, die man der Kunst beimaß.

Die sechziger Jahre: Wachstum, Modernisierung, neue Infrastruktur
Die sogenannten „stürmischen sechziger Jahre“ brachten Mülheim eine Phase intensiver Bautätigkeit und Modernisierung.
Brücken, Straßen, neue Verkehrswege, S‑ und U‑Bahn‑Planungen sowie zahlreiche öffentliche Gebäude entstanden.
Auch die kulturelle Infrastruktur profitierte: Museen, Theater und Ausstellungsräume wurden erweitert oder neu geschaffen.

Kultur als Motor der Stadtentwicklung 
Zwischen 1945 und den frühen achtziger Jahren entwickelte sich Mülheim von einer zerstörten Industriestadt zu einer selbstbewussten Kulturstadt, deren Künstlerinnen und Künstler weit über die Region hinaus wirkten.
Der abschließende „Bericht über die Lage der Stadt“ von 1982/83 markiert das Ende eines Abschnitts – einer Epoche, in der Kultur nicht nur Ausdruck des Wiederaufbaus war, sondern Motor einer neuen urbanen Identität.

Aktuelles Künstler*innenbild 

Künstlerinnen und Künstler am Rand der Stadt – und am Rand der Aufmerksamkeit
Ein Beitrag über Sichtbarkeit, Wertschätzung und die Realität kreativer Arbeit

In vielen Städten Europas prägen Künstlerinnen und Künstler das kulturelle Klima – und doch leben sie oft in prekären Verhältnissen. Was früher über sogenannte „Randgruppen“ gesagt wurde, trifft heute in überraschender Schärfe auf die Kunstszene zu: Menschen, die das Stadtbild bereichern, werden gleichzeitig übersehen, verdrängt oder nur dann wahrgenommen, wenn sie als Kulisse dienen.

Zwischen Atelier und Existenzdruck
Während Kulturinstitutionen gerne mit großen Namen glänzen, arbeiten die meisten Kunstschaffenden im Verborgenen. Ihre Ateliers liegen in Hinterhöfen, ehemaligen Werkstätten oder leerstehenden Ladenlokalen. Viele kämpfen mit steigenden Mieten, fehlender sozialer Absicherung und einer Verwaltung, die kreative Arbeit zwar lobt, aber selten strukturell unterstützt.

Die Realität:

Unregelmäßige Einnahmen, oft unter Mindestlohnniveau

Hohe Materialkosten, die kaum refinanziert werden

Unsichere Arbeitsräume, die jederzeit wegfallen können

Fehlende Anerkennung, solange kein Marktwert entsteht

Kunst als Dienstleistung – aber ohne Tarif
Künstlerinnen und Künstler werden häufig eingeladen, Stadtfeste zu „bereichern“, Fassaden zu „beleben“ oder Kulturprogramme „attraktiver“ zu machen. Doch die Honorare bleiben gering oder entfallen ganz. Viele berichten, dass sie zwar gebraucht werden, aber nicht bezahlt.

Die paradoxe Situation:Kunst wird als gesellschaftlich wertvoll beschrieben – aber die Menschen, die sie schaffen, werden wie austauschbare Ressourcen behandelt.

Die Stadt profitiert – die Kunstschaffenden zahlen den Preis

Städte schmücken sich mit Kreativquartieren, Off-Spaces und kulturellen Leuchttürmen. Doch hinter den Kulissen tragen die Kunstschaffenden das Risiko. Sie investieren Zeit, Geld und Energie, ohne dass sich die Rahmenbedingungen verbessern.

Dabei ist ihr Beitrag messbar:

Sie beleben Stadtteile, die sonst veröden würden

Sie ziehen Publikum an, das lokale Wirtschaft stärkt

Sie schaffen Identität, die keine Marketingagentur ersetzen kann

Sie fördern Bildung, indem sie neue Perspektiven eröffnen

Was sich ändern müsste

Wenn eine Stadt ihre Künstlerinnen und Künstler ernst nimmt, braucht es mehr als warme Worte. Es braucht:

Faire Honorare für Ausstellungen, Workshops und öffentliche Aufträge

Sichere Arbeitsräume mit langfristigen Mietverträgen

Transparente Förderstrukturen statt intransparenter Einzelentscheidungen

Anerkennung kreativer Arbeit als Beruf – nicht als Hobby

Ein neuer Blick auf die Kulturarbeit

Der Perspektivwechsel – weg von Klischees, hin zu realen Arbeitsbedingungen – zeigt:
Künstlerinnen und Künstler sind keine Randfiguren. Sie sind zentrale Akteure einer lebendigen Stadtgesellschaft. Doch solange ihre Arbeit romantisiert, aber nicht honoriert wird, bleibt Kultur ein schönes Aushängeschild mit brüchigem Fundament.

Fortsetzung folgt!

Bürgerreporter:in:

Villa Artis

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