MontagsMontagen
Abenteuer mit Philo und Sophie 4. Teil

Sophie

Eines Nachts, als es zu regnen begann, suchte Philo Schutz in einer verfallenen Scheune. Als er sich darin umsah, entdeckte er ganz oben an einem Dachbalken einen Schatten, den er sich nicht erklären konnte. Also machte er sich an den Aufstieg: geräuschlos, mit angehaltenem Atem, schlich er sich an das Schattengebilde heran, das wie ein Sack vom Balken herabhing. Es war aber, wie er erschreckend erkannte, ein Riesenvampir, weit größer als ein Uhu. Philo hatte einen so großen Vampir noch niemals gesehen, und als er ihn erreichte, betatschte er ihn vorsichtig mit einer Pfote. Als unerwartete Antwort erhielt er von dem Untier einen so starken Flügelschlag, dass er den Halt verlor und vom Dachbalken hinab auf den Boden der Scheune stürzte. Da hier Ziegelsteine ausgelegt waren, war die Landung recht unsanft und schmerzhaft. Benommen sah Philo noch, wie der Riesenvampir lautlos, mit gewaltig schlagenden Flügeln, durchs Scheunentor in die Nacht hinausflog.

Philo verspürte starke Schmerzen im Brustkorb beim Atmen, an aufstehen und laufen war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Zum ersten Mal kamen meinem Kater Zweifel, ob er sein Heim jemals erreichen würde. Er kroch unter Schmerzen in einen Strohhaufen, und mühsam atmend wartete er darauf, dass die Schmerzen nachließen. Aber die Schmerzen ließen nicht nach, auch am Tage nicht, und auch in der nächsten Nacht lag er noch regungslos im Strohhaufen.

Philo erwachte durch das Geräusch von Schritten, die sich ihm ohrenscheinlich näherten. Das Licht einer Lampe zuckte durch die Finsternis, und Philo, mit angehaltenem Atem, erkannte schemenhaft einen Mann, der gebückt mit langsamen Schritten durch die Scheune ging, unter dem Arm ein rohrartiges Gerät, das er zum gegenüberliegenden Scheunentor schleppte. Er öffnete das Tor und stellte das Instrument, ausziehbare Beine benutzend, direkt im Ausgang auf.

Das Instrument war aber ein Fernrohr, und der Mann war Algol Sternengucker. Philo erkannte zu seiner Verblüffung, dass der Mann durch das verkehrte Ende des Fernrohrs den Himmel beobachtete. Sternenkundig, wie er war, weckte dies seine Neugier, und alle Schmerzen und alle Vorsicht vergessend und sich seiner Menschensprachkenntnisse erinnernd, sagte er in die Finsternis hinein: "Kann ich dir helfen, Sternengucker? Meine Augen sind besser als deine, denn ich bin Philo, berühmtester Katzenastronom des Abendlandes."
"Ach du bist es, Philo", sagte der Sternengucker, als habe er ihn erwartet und nahm nicht einmal das Auge vom Fernrohr.
"Warum", fragte Philo, jetzt mutiger, "benutzt du dein Fernrohr, das bestimmt eine enorme Vergrößerung hat, als Verkleinerungsglas?"
"Weil ich so mehr erkennen kann", entgegnete Algol, "weil es darauf ankommt, das Ganze zu sehen und nicht die Einzelheiten. Und weil ich erkannt habe, dass man dasselbe sieht, wenn man das Größte immer mehr verkleinert oder das Kleinste immer weiter vergrößert."
"Das verstehe ich nicht", warf Philo ein.
"Es ist so", erklärte der alte Mann geduldig, "wenn du die Sterne und die Planeten und die Monde immer weiter verkleinerst, siehst du Atome und Atomteilchen, und wenn du Atome und Atomteilchen immer mehr vergrößerst, siehst du Sterne und Planeten und Monde. Es gibt also nicht nur unendlich viele Welten nebeneinander im Raum, sondern auch unendlich viele Welten ineinander im Raum – wie Puppen in der Puppe. Und wenn wir hier auf der Erde herumlaufen, laufen wir zur gleichen Zeit unendlich verkleinert, aber auch unendlich vervielfacht auf Atomen und Atomteilchen umher. Ich frage mich, ob jede Welt dann ihre eigene Zeit und ihre eigene Wahrheit hat." Und nach einer langen Pause: "Weißt du, Philo, ich muss dir gestehen, dass ich kaum noch etwas erkenne, wenn ich durch das Fernrohr sehe, denn ich bin fast blind, aber ich schaue trotzdem weiter durch das alberne Rohr, denn ich glaube, dass die Blinden nicht weniger sehen als die Sehenden und dass man vielleicht dann erst alles sieht, wenn man nichts mehr sieht."
"Und das soll die Wahrheit sein?", maulte Philo ziemlich empört.
"Ach ja, die Wahrheit", besann sich Algol, "ich habe auch erkannt, dass wir umso weniger verstehen, je mehr wir wissen. Als ich jung war, glaubte ich, dass man nur lang genug forschen müsse, um alles verstehen zu können und dass es nur darauf ankäme, alle Theorien und Formeln immer weiter zu vereinfachen, weil die Wahrheit immer das Einfachste und Banalste sein müsste. Es ist aber genau umgekehrt: Nur das Sinnloseste macht Sinn, nur das Unbegreiflichste nähert sich der Wahrheit."

Bürgerreporter:in:

Dietmar Weiss aus Laatzen

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