Homo- und Transsexualität im Wandel der Zeiten
Gedanken zum Christopher-Street-Day in Herzberg am Harz

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Homo- und Transsexualität im Wandel der Zeiten

Ein kleiner Rückblick auf einen Teil meines Lebens

Heute las ich in der Zeitung, dass am Wochenende in Herzberg am Harz ein Cristopher-Street-Day stattgefunden hatte. Dieser Bericht ließ mich nachdenklich werden und ich erinnerte mich an meine erste Begegnung mit Homo- und Transsexuellen.
1981 war ich aus dem beschaulichen Harz in eine norddeutsche Küstenstadt umgezogen, um einen Posten als stellvertretender Chef in einer großen Praxis anzutreten. Schon damals suchten uns viele Frauen auf, die am dortigen Stadttheater als Schauspielerinnen oder Tänzerinnen arbeiteten. Da sich einige hin und wieder liebevolle Blicke zuwarfen oder sich z. B. über den Arm streichelten, fragte ich nach und erfuhr, dass viele dieser Frauen lesbisch waren und in Frauenbeziehungen lebten. Diese Art zu leben war mir völlig fremd und ich fragte nach. Die Lesben gaben mir Greenhorn gern Auskunft.
Viele hatten aufgrund ihrer Lebensweise ihre Freundes- oder Familienkreise verloren, manche sogar ihren Arbeitsplatz. Aufgrund der Erzählungen wurde mir schnell klar, dass diese Frauen keinen psychischen Schaden haben konnten, sondern einfach so veranlagt waren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand aus Geltungssucht solche Unannehmlichkeiten auf sich nimmt.
Da ich stets ein offenes Ohr hatte, sammelten sich bei mir viele Lesben. Obwohl ich nicht wirklich helfen konnte, erzählten mir viele ihre teilweise traurige Lebensgeschichte.
Eines Abends verließ ich nach Feierabend die Praxis und schlenderte durch die Stadt meiner Wohnung entgegen. Plötzlich rannte eine junge Frau an mir vorbei. Sie wurde von drei jungen Männern verfolgt, die ihr lachend nachliefen. Da ich einen Spaß vermutete, kümmerte ich mich nicht weiter darum. Dann hatten die jungen Männer die Frau eingeholt. Anstatt sich mit ihr zu unterhalten, schubsten sie sie auf die Straße. Ich rannte sofort los, um ihr zu helfen. Allerdings brach ich meinen Lauf ab, als sich ein Polizist näherte und die drei ansprach. Die drei redeten mit ihm und er beugte sich nach unten. Dann sagte er laut: „Tretet nochmal zu!“ und ging davon. Jetzt war ich heran und die Jungen flüchteten. Ich wollte ihr aufhelfen, aber sie lehnte ab. Jetzt erst erkannte ich, dass ich eine Transsexuelle vor mir hatte. Sie humpelte davon. In dem Augenblick wurde mir klar, dass ich auch diesen Menschen helfen würde.
Als sich das herumsprach – die Lesben kannten etliche TS –, hatte ich einige Patienten dazugewonnen. Ich musste mir teilweise grausame Geschichten anhören. Väter verprügelten ihre TS-Töchter oder schnitten ihnen die Haare ab. Manche wurden aus der Familie ausgestoßen und/oder verloren ihren Arbeitsplatz. Mehrere waren dermaßen verzweifelt, dass sie vom Dach eines Hochhauses sprangen oder sich vor einen Zug warfen.
Meinem Chef passte der große Ansturm irgendwann nicht mehr und als ich mich weigerte, meine Hilfe für die Betroffenen einzustellen, kündigte er mir fristlos.
Um nie wieder abhängig zu sein, machte ich mich im Norden selbstständig. Ab jetzt konnte ich Lesben und TS unterstützen, ohne mich ständig rechtfertigen zu müssen.
Um mein schmerztherapeutisches Wissen zu erweitern, flog ich nach Indien. Dort studierte ich das Ayur Veda, lernte nicht nur Land und Leute kennen, sondern automatisch auch Transsexuelle. Während diese Menschen in Deutschland verfolgt und ausgelacht wurden, behandelte man sie dort wie Heilige. Sie hielten Kindstaufen ab oder zelebrierten Hochzeiten.
Nachdem ich mich auch in China fortgebildet hatte, reiste ich nach Thailand, um die Thai-Medizin dranzuhängen. Dort staunte ich nicht schlecht darüber, wie mit TS umgegangen wurde. Sie wurden nicht nur sehr gut behandelt, sondern nahmen auch hin und wieder Sonderstellungen ein. Ich kann mich noch erinnern, dass die Fluggesellschaft Thai-Air TS, die dort Ladyboys genannt wurden, suchte, um sie als Stewardessen einzusetzen. Auf meine Nachfrage hin teilte mir eine Mitarbeiterin mit, dass Ladyboys besonders weiblich, höflich und gutaussehend seien und deshalb bei den Passagieren besonders beliebt wären.
Obendrein lernte ich viel über die dortigen OP-Methoden. Während sich die TS in Indien vollkommen kastrieren ließen – dabei werden Penis und Hoden entfernt –, wurde in Thailand die kleine Lösung bevorzugt, um das sexuelle Empfinden nicht zu zerstören. Hierbei werden nur Hoden und Vorhaut entfernt.
Mein Wissen stellte ich der Öffentlichkeit zur Verfügung. Zeitungsartikel und TV-Auftritte folgten. Immer mehr Betroffene meldeten sich bei mir und ich unterstützte, so gut es ging. Das hatte zur Folge, dass ich viel Gegenwind auslöste. Kirchenvertreter und Ewiggestrige gingen teils massiv gegen mich vor. Manchen Wunsch nach Hilfe mussten wir sogar durchklagen oder vor Ethikkommissionen aussagen. Selbst als von kirchlicher Seite Verleumdungskampagnen in Zeitschriften und TV lanciert wurden, ließ ich mich nicht unterkriegen.
Als die ersten – natürlich – anonymen Morddrohungen bei mir eintrudelten, riet mir ein Polizist, mir Pseudonyme zuzulegen, um mich und meine Familie vor diesen Irren zu schützen.
Ich schrieb mehrere Bücher, von denen einige zu Bestsellern wurden. Ich war ein viel gelesener Autor, ohne dass ich selbst bekannt wurde. Es ging mir stets um die Sache und nicht um meine Show.
Das TS-Buch „Der Traum von Freiheit“ oder das daraus entstandene Buch „Endlich Frau!“ avancierten zu Bibeln der TS-Szene und waren an jedem Stand auf verschiedenen CSDs zu finden.
Das führte dazu, dass ich ständig um Rat gefragt wurde. Ein Auftritt löste den nächsten ab. Obwohl ich am Ball blieb, wurden meine Auftritte in der Öffentlichkeit seltener. Die Verleumdungskampagnen sorgten mehr und mehr für meine Diskriminierung und irgendwann traute sich niemand mehr, mich einzuladen, um nicht selbst ins Visier zu geraten.
Obwohl ich sehr dazu beigetragen habe, dass Homo- und Transsexuelle heute offen leben können, bin ich kaum noch in der Szene bekannt. Die Verleumder haben ihr Ziel erreicht.
Tja, das alles ist lange her und ich freue mich immer wieder darüber, wie offen heute Menschen mit ihrer angeborenen Neigung umgehen können. Und ich freue mich darüber, dass ich ein gutes Stück dazu beigetragen habe.

Hans Georg van Herste

www.van-herste.de

Bürgerreporter:in:

Elisabeth Keller aus Gnarrenburg

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