Tödliche Medizin und Organisierte Kriminalität - Die Machenschaften der Pharmaindustrie

Tödliche Medizin und Organisierte Kriminalität - Die Machenschaften der Pharmaindustrie (Foto: © riva Verlag)
Peter C. Gøtzsche gilt als Experte wenn es um die kriminellen Machenschaften der Pharmaindustrie geht. In seinem Buch „Tödliche Medizin und Organisierte Kriminalität - Die Machenschaften der Pharmaindustrie“ verarbeitet der Mediziner seine Erfahrungen mit einer Branche, die für ihre Gier nach Profit den Tod zahlreicher Menschen in Kauf nimmt.

Gøtzsche prangert die Zustände rund um die Pharmaindustrie und die Gesundheitspolitik weltweit an. „Wir haben keine ungefährlichen Medikamente“, behauptet der fachkundige Autor auf Seite 171. Und fügt hinzu, dass den Arzneien produzierenden Unternehmen schon seit Langem kein Meilenstein mehr gelungen sei, der wirklich Leben rette. Pharmaunternehmen verstoßen regelmäßig gegen fundamentale Grundsätze der EU, nehmen ohne Gewissen in Kauf, dass ihre teils nutzlosen Medikamente Leichenberge produzieren. Hauptsache, die Kasse klingelt. Und wie die Kasse klingelt! Pharmaunternehmen nutzen die Lücken des Patentrechts zur Profitmaximierung schamlos aus. Offenbar gebietet ihr niemand Einhalt, denn: „Die Pharmaindustrie kontrolliert sich mehr oder weniger selbst.“ (S. 171).

Behörden verhätscheln die Pharmaindustrie
Behörden gehen zu lasch mit der Pharmaindustrie um; werden teils auch von ihr bezahlt. Die Arbeit von FDA-Wissenschaftlern, die über die Zulassung von Arzneimitteln in den USA entscheiden, wird systematisch erschwert. Anstatt Anerkennung zu erfahren, wenn sie von der Markteinführung eines schädlichen Medikaments warnen, werden sie denunziert, gerügt und überwacht. Ihre Ergebnisse werden ignoriert, während der immer gravierendere Zeitdruck solide Arzneimittelprüfungen praktisch unmöglich macht. Gøtzsche lässt hierzu auch einen Insider zu Wort kommen. Zwischenfazit: In der Entscheider-Ebene der FDA und anderer Arzneimittelüberwachungsbehörden riecht es arg nach Korruption.

Anstatt auf Vorbeugung basiert die Arzneimittelzulassung auf dem Prinzip der Liberalität. Medikamente werden nur dann nicht zugelassen, wenn man mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen muss, dass sie massive Schäden anrichten. Sie müssen nicht mal einen positiven Effekt auf den Heilprozess haben. Einmal zugelassen, muss praktisch der Himmel einstürzen, damit ein Medikament wieder vom Markt genommen wird. Selbst Medikamente, die nachweislich töten, werden teils nicht gemeldet bzw. aus dem Verkehr gezogen. Stattdessen werden Beipackzettel aktualisiert, wodurch sich die Behörde aus der Verantwortung stiehlt. Beipackzettel-Änderungen der FDA gehen gemäß Gøtzsche allerdings zugunsten der Pharmaindustrie und zulasten des Patienten. Die Opfer können sich bei Schäden, die ein zugelassenes Medikament verursacht, durch Klage-Ausschluss-Bestimmungen offenbar nicht einmal gegen den Hersteller wehren.

Steuerzahler und Patienten bezahlen Lügen mit Geld und dem Tod
Die Pharmaindustrie hat nicht nur die Behörden im Griff, die eigentlich ein wachsames Auge auf ihre Machenschaften haben sollten. Sie spannt auch Ärzte vor ihren Leichenkarren, die sich als „Berater“ dumm und dämlich verdienen. Als Meinungsmacher werben sie auf Kongressen, die als Fortbildungsmaßnahmen deklariert werden, für bestimmte Medikamente und halten Lobeshymnen, ähm Vorträge. Hinterfragen Sie gründlich, warum Ihr Arzt Sie auf ein neues Medikament ein- oder umstellen möchte. Ärzte werden häufig schlecht von der Pharmaindustrie beraten oder gut bezahlt. „Die Folge [der Kollaboration von Pharmavertretern und Ärzten] sind höhere Arzneimittelkosten, weniger Rezepte für Generika und eine unvernünftige Verschreibungspraxis“ (S. 155).

Hüten Sie sich unbedingt davor, zum Versuchskaninchen zu werden. Klinische Studien, in denen neue Medikamente von Pharmaunternehmen oder deren Partnern getestet werden, sind meistens manipuliert. Selbst wenn die Tests von Wissenschaftlern an Universitäten durchgeführt werden, kommt das Geld für die Studie meist vom Pharmaunternehmen – das nach aktueller Rechtslage damit den alleinigen Anspruch auf die Daten hat und somit kontrolliert, welche Informationen ans Licht kommen.

Eine wahrheitsgemäße Einwilligungserklärung für Pharmastudien
Wie Einwilligungserklärung für Patienten, die an Studien der Pharmaindustrie teilnehmen, wahrheitsgemäß aussehen sollten, beschreibt Gøtzsche auf Seite 112: „Ich bin damit einverstanden, an dieser Studie teilzunehmen, die zwar keinen wissenschaftlichen Wert hat, aber der Firma helfen wird, ihr Medikament zu vertreiben. Mir ist klar, dass die Firma Ergebnisse, die ihr nicht gefallen, möglicherweise manipuliert und verzerrt, bis sie ihr genehm sind, und dass die Ergebnisse, falls dies nicht gelingt, möglicherweise unveröffentlicht bleiben und für niemanden außerhalb der Firma zugänglich sein werden. Sollte es zu viele schwere Nebenwirkungen geben, bin ich damit einverstanden, dass die Firma diese nicht veröffentlicht oder einfach als etwas anderes darstellt, damit bei Patienten keine Bedenken aufkommen und der Umsatz der Firma mit dem Medikament nicht sinkt.“

Die Abgründe im Hinblick auf wissenschaftliche Pharmastudien sind tief. Angesehene Mediziner setzen ihren Namen unter eine Studie, zu der sie kaum etwas beigetragen haben. Verfasst oder zumindest redigiert werden die Beiträge gemäß Gøtzsches Insiderwissen nämlich von der Marketingabteilung der Pharmaunternehmen. Dann werden sie in medizinischen Fachzeitschriften gedruckt. Diese Blätter sind es in der Regel nicht wert, dass ihretwegen ein Baum sterben muss. Sogar ehemalige Herausgeber renommierter medizinischer Fachpublikationen geben dies zu. Da sie durch Werbeaufträge und Sonderdrucke praktisch komplett von der Pharmaindustrie finanziert werden, stehen sie zudem in einem krassen Interessenkonflikt.

Goetzsche nennt unübersichtlich viele Beispiele für wissenschaftliches Fehlverhalten. Die Begründung, Medikamente seien aufgrund hoher Entwicklungskosten so teuer, sind laut Goetzsche gelogen. Der Steuerzahler kommt für das extravagante und manipulative Marketing der Pharmaindustrie auf, ebenso für die Kostenerstattung der teuren Medikamente, die von der Sozialversicherung alimentiert werden.

Ein Buch, das wütend macht!
Der Leser wird erbost und frustriert sein, je mehr Seiten von „Tödliche Medizin und Organisierte Kriminalität“ er gelesen hat. Und er wird erkennen, dass der Titel nicht übertrieben ist. Auch Autor Goetzsche ist ganz sicher frustriert und fassungslos über die unethischen Zustände im Gesundheitswesen. Man merkt ihm das im Buch an. Er mischt - teils sogar im Satz - wissenschaftliche Belege mit flapsigen Kommentaren und Verbalattacken gegen die Pharmaindustrie. Ein Hang zur Polemik bleibt an mancher Stelle zwar nicht aus, soll aber keineswegs die schonungslose Wahrheit beeinträchtigen.

Lesen Sie dieses Buch nur hochkonzentriert. Der Inhalt ist teils schwer verständlich und wirkt trotzt (oder gerade wegen) vieler Querverweise etwas unstrukturiert. Auf erschütternde Weise lesenswert ist er aber. Schon während der Lektüre möchte man Bosse, Forscher, Berater, Marketing-Mitarbeiter, Vertriebler und Anwälte von Pharmaunternehmen einsperren oder ihnen so lange den Müll verabreichen, den sie produzieren, bis sie sich damit selbst genug geschadet haben. Medikamente zählen schließlich zu den häufigsten Todesursachen. Die passenden, mahnenden Schlussworte findet Goetzsche auf Seite 330: „Wir dürfen nicht vergessen, dass sich hinter diesen Zahlen echte Tragödien und echte Menschen verbergen, die für die schamlosen Lügen, Betrügereien und Verbrechen der Pharmaunternehmen mit ihrem Leben bezahlen.“

Titel: Tödliche Medizin und Organisierte Kriminalität - Die Machenschaften der Pharmaindustrie
Autor: Peter C. Gøtzsche
Infos zum Buch: riva Verlag, 512 Seiten, 2. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86883-438-3
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