Was du schon immer übers Strullern wissen wolltest

Harn aber herzlich (Foto: © Piper Verlag)
Mit der Neuerscheinung „Harn aber herzlich“ möchte der Piper Verlag auf den „Darm mit Charme“-Zug aufspringen und „Alles über ein dringendes Bedürfnis“ - so der Untertitel – präsentieren. Tim Boltz und Jule Gölsdorf haben Wissenswertes rund ums Pinkeln und das gar nicht so stille Örtchen zusammengetragen.

Kann Pisse ein Buch füllendes Thema sein? Was der Darm schafft, sollte auch dem kleinen Geschäft gelingen. Die „Harn aber herzlich“-Autoren Tim Boltz und Jule Gölsdorf widmen sich jedoch nicht nur dem Urin, sondern behandeln auch geschäftsunabhängige Toiletten-Themen wie beheizte Dixie-Klos. Apropos „Geschäft machen“: Wer sich schon immer mal gefragt hat, woher solche Ausdrücke oder Redewendungen wie „jemandem ans Bein pinkeln“ kommen, erhält eine Antwort.

Potenzielle Mörder erfahren, dass sie zerstückelte Leichen relativ unbemerkt die Toilette hinunterspülen können – durch automatisierte Zerkleinerungsprozesse im Klärwerk eine saubere Sache. Auch für Junkies und Betrunkene haben die Autoren Tipps parat. Synthetischer Urin lässt Rauschmittelnutzer nämlich Drogen- und Alkoholtests bestehen. Weitere Erfindungen rund um das flüssige Gelb dienen weniger den Sündern, sondern vielmehr einer besseren Welt, sei es zur Gewinnung von Phosphordünger oder zur Stromerzeugung.

Pullern in der Kunst – sowohl Rembrandt als auch Picasso haben sich mit Pisse auseinandergesetzt – findet ebenso seinen Platz im Buch wie Zusammenhänge zwischen Sex und Urin. Sei es in Form des Fetischs, sich anpinkeln zu lassen oder wenn es um die Squirting-Substanz bei der weiblichen Ejakulation geht. Tim Boltz und Jule Gölsdorf haben im Rahmen ihrer Recherchen sogar den ein oder anderen Selbstversuch unternommen. Während sie beispielsweise Gefäße für Unterwegs-Pinklerinnen ausprobiert und sich einer Ayurveda-Kur unterzogen hat, besuchte er eine Pinkelparty und verbrachte einen Tag in Windeln.

Rezension: Leider schafft es „Harn aber herzlich“ nicht, den Charme des Vorbilds zu versprühen. Füllwörter alleine und überflüssige Adjektive (z.B. „fetziges Fußballspiel“, S. 28) reichen dafür nämlich nicht. An einer Stelle geht der Charme-Zwang sogar nach hinten los, wenn es heißt „Besonders oft werden schwangere Frauen von einer Blasenentzündung heimgesucht – und das kann gefährlich werden, weil sie sich manchmal zu einer Nierenbeckenentzündung ausweitet, die wiederum eine Fehlgeburt auslösen kann. Doof.“ Aber das ist letztlich Geschmackssache.

Der zweite Kritikpunkt ist die Papierverschwendung, denn die 320 Seiten liefern längst nicht so viele Informationen rund um das kleine Geschäft, wie man bei dem Umfang des Taschenbuchs vermuten darf. Unterteilt ist das Werk nämlich in 45 Kapitel, davon drei Folgen „Places to pee before you die“ und sieben Mal „Nutzloses Wissen“. Das Layout führt dazu, das vor allem kurze Kapitel mit nur einer Seite Inhalt tatsächlich drei weitere Seiten verschwenden. Denn die Kapitelüberschrift bekommt stets eine eigene, rechte Seite eingeräumt. Die Rückseite bleibt frei. Dann kommt der Text und wenn dieser mal nur eine Seite füllt, bleibt die Rückseite unbedruckt, da neue Kapitel ja grundsätzlich auf der rechten Seite beginnen.

Ganz schlau wird der Leser nicht, wenn es um die Farbe seines Urins geht. Wie gelb muss Pipi sein und was bedeutet farbloser Urin für unsere Gesundheit? Dieses Thema wird prompt im Einstiegskapitel behandelt, hinterlässt aber bisweilen mehr Fragen als Antworten. Sieht der potenzielle Leser von diesen Kritikpunkten ab, bekommt er eine bisweilen unterhaltsame Urin-Lektüre mit etwas Wissensanreicherung sowie ein paar Optimierungsvorschlägen zur eigenen Blasenentleerung.

Titel: Harn aber herzlich
Autoren: Tim Boltz und Jule Gölsdorf
Verlag: Piper
Infos: 320 Seiten, kartoniert, 2. Auflage November 2015
ISBN: 978-3-492-30759-8

Zur Rezension von „Darm mit Charme“.
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