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Langenhagen, Gastwirtschaft Waldersee

  Erinnerungen, Gaststätte Waldersee Langenhagen


Das Knappwurstbrot


Es war ein warmer lauer Sommertag mit strahlend blauen Himmel, 1961 gegen 16:00Uhr. Ein Sommertag, mitten in der Woche, wie aus dem Bilderbuch. Wir waren sechs Kinder, ein Mädchen und fünf Jungens. Vier Geschwister verbrachten diesem Tag am Badesee mit verschiedenen Schulfreunden.Mein kleiner Bruder und ich, vom Vater immer die „Pöckse“ genannt, durften noch nicht allein zum Baden gehen.

Muttern, immer mit den ganzen Nachwuchs vollauf beschäftigt, wollte ab und an auch mal ein klein wenig raus in die Natur.
Also machte sie uns reisefertig und wir warteten auf meinem Vater, der Feierabend haben musste und nun dringendst erwartet wurde.

Dann bog das kleine Töfftöff knatternd auch schon in unsere Straße ein, am Steuer mein Vater.
In der ganzen Straße gab es nur zwei Autos damals, eins gehörte einem Mann, der sich mit Transporten verselbstständigte, heute nennt man das Spedition, und unser Auto.
Es war ein Lloyd Alexander in dunkelblau, er sah so ähnlich aus wie ein Trabi. Der Kleine hat immer nach Benzin und Öl gestunken,... und seinen Terrain hat er auch mit deutlichen Spuren markiert.

Von der Spontanidee meiner Mutter, (damals hatten wir noch kein Telefon zum vorwarnen), war mein Vater nun gar nicht begeistert. Mutters hochgezogene Augenbrauen überzeugten meinen Vater in Millisekunden den Tag wohl besser draußen vor den Toren Hannovers in einem Landgasthaus, das wir des öfteren besucht hatten, zu verbringen.

Somit fuhren wir gen Norden durch Hainholz,Vahrenwald, dann hinter der Autobahnbrücke Berliner Platz, über die „Panzerplatten“ Richtung Twenge. Damals gab es dort noch nicht den Tunnel. Der Weg zum Flughafen führte über Betonplatten dorthin und die Fugen in den Platten machten sich durch monotone tock, tock Geräusche im Alexander bemerkbar.

In Twenge an gekommen, dort gab es ein altes, weiß gestrichenes Fachwerkhaus mit roten Dachziegeln, mit Kaffeegarten und einen kleinen Spielplatz gleich nach der Kurve. Der Kaffeegarten war mit einer Buchsbaumhecke umgeben, ca.1m hoch, und im Innern wurden die Tische auch wiederum durch kleine Hecken getrennt, somit saß jeder für sich und man konnte dennoch die Ausschau unter bunten Sonnenschirmen genießen. Eine kleine Stahlschaukel, so ein Dingens mit Stahlträgern in die Erde gerammt und ein Stahlrohr als Schaukel, an den Enden Holzsitze, verbrauchte unsere Freizeit. Diese „Kinderschaukeln“ verließ man nie ohne irgendwelche Beulen oder Schrammen. Die Eltern tranken "Erwachsenen Getränke" und wir bekamen diese kleinen „Tönnchen“Gläser 0,1L mit Canada Dry.
Das war eine durchsichtige Zitronenbrause mit viel Zucker und Kohlensäure aus 0,33l schlanken Fläschchen. Das alte Bauerngasthaus, ein kleines, geducktes, in die Landschaft passendes Fachwerk-Häuschen, gibt es nicht mehr.
Es stand am Twenger Weg 2, in Twenge, soweit meine kindliche Erinnerung mich nicht irrlicht.

Die Rückfahrt von Twenge führte durch Langenhagen, ich hatte im Auto schon mehrfach vermeldet daß ich Hunger hatte, das spielen in Twenge auf der Schaukel hat mich von der längst statt zu findenden Energiezufuhr abgelenkt. Nun auf der Rückfahrt quengelte ich um so doller. Auch der Einwand meines Vaters, „wir sind doch gleich zu Hause“, beruhigte mein Kurzzeitgedächnis nicht.
Mutter sorgte dafür daß wir Mitten in Langenhagen eine Gaststätte an steuerten, was meinem Vater die Zornesröte ins Gesicht trieb. War er doch um seinen ruhigen Feierabend schon durch Twenge gebracht worden, so konnte er nun immer noch nicht die Beine hochlegen.

Wir hielten bei der Gaststätte Waldersee direkt vor der Tür.

Links vom Eingang zur Gaststätte lehnte eine Holzbank an der Wand, dazu ein Holztisch und zwei farbliche Klappstühle,auf staubigen Untergrund, darauf platzierten wir uns.

Der Gastwirt kam, braune Lederschürze,Bauernbauch, rundliches, freundliches Gesicht,Halbglatze, so um die fünfzig bis sechzig Jahre alt, ein echter Gastwirt wie man Ihn sich vorstellt halt, und fragte nach unseren Wünschen.

Vater erklärte Ihm daß der „Pöcks“ eine Brotstulle mit Wurst bekam, und eben auch noch Getränke für Alle dazu.

Man merkte das die Zeit dort für Vater als für verschwendet galt, Mutter hingegen freute sich wiederum und genoss sichtlich die damalige „noch“ Dorfidylle vor der Gaststätte.
Der Gastwirt kam an den Tisch mit den Bestellten Getränken und…………, meinem ersten Landbrot mit…..,1cm dickem, fettigen Knappwurstaufstrich.
Ein Biss in das Brot, Gesicht verzogen „Bäh" gerufen, legte ich das Brot auf den Teller mit den Wort:“ i…..iiiih“, und schob ihn von mir weg.
Das war ja nun gar nicht nach meinem Geschmack, dann lieber bis nach zu Hause warten, und da gibt es dann Marmeladenbrot.
Nun passierte alles Gleichzeitig, Vater war kurz vor der Explosion, sagte :“Ich habs ja gleich gesagt“! Der Wirt mit rotem Kopf:“ ist was mit dem Brot“! Mutter:“Lass den Bengel in Ruhe, wenn er es doch nicht mag“!
Na ja, Vater bekam sein vorzeitiges Abendbrot in Form einer Knappwurststulle, ich war stolz, lebte doch mein Vater nun von meinem Essen, Mutter brachte wie üblich Ruhe in die Bande, und alsbald fuhren wir, mit schönen Erinnerungen, an die ich bis zum Heutigen Tag mit einem verschmitzten Lächeln denken muss, zurück zum trauten Heim.

Heute mache ich mir manchmal diese Stulle Brot mit geräucherter Knappwurst und Brot, von einem Bäcker, der ganz dicht in der Nähe von der Gaststätte, sein hervorragendes Backwerk herstellt, und verlass mich da ganz auf mein Geschmacksgedächtnis aus der Kindheit, mit einem Lächeln der Erinnerung auf den schmalen Lippen, an die Gaststätte Waldersee.

Verbunden mit der Hoffnung, den Bildern ein klein wenig Leben eingehaucht zu haben.
Uwe ;-)
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6 Kommentare
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U. R. aus Langenhagen | 14.06.2017 | 16:42  
8.924
R. S. aus Lehrte | 14.06.2017 | 20:47  
24.448
Katja Woidtke aus Langenhagen | 14.06.2017 | 21:20  
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U. R. aus Langenhagen | 14.06.2017 | 23:05  
21.867
Silke M. aus Burgwedel | 20.06.2017 | 00:28  
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U. R. aus Langenhagen | 20.06.2017 | 22:23  
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