Anzeige

Wildes Laub

    Haben Sie schon mal beobachtet, wie wirr und wild das Laub im Herbst durch die Luft fliegt. Das ist mir früher nie aufgefallen, aber jetzt schärft sich mein Blick für alles, was hier im Tierheim passiert - sogar das wilde Laub fällt mir auf. Ich hätte es nie erwartet, dass sich mein Blick so schärfen könnte - meine Nase ist ja schon richtig gut, aber dass es auch so viel zu sehen gibt. Das Tagebuch zu führen ist für mich eine echte Chance. Nicht nur, weil ich natürlich auch von dem Zauber, der Magie des Tagebuchs gehört habe, nein vor allem auch, weil ich viel über mich lernen werde. Bisher hat mein Leben daraus bestanden, dass ich für mich selbst entscheiden konnte, was ich will, wo ich hingehen will und was ich so alles anstelle. Doch, Sie erinnern sich richtig, ich habe bei Menschen gelebt. Aber irgendwie haben wir in all den Jahren nicht zueinander gefunden - ich nicht zu meinen Menschen und sie nicht zu mir. Am Ende des Tages wussten meine Menschen einfach nicht mehr, wie sie mir erklären sollten, was ich in ihren Augen tun sollte. Das nennt man wohl eindeutige Kommunikationsprobleme. 
Sie haben sich bemüht. Ich war viel in der Hundeschule, ich kann viele tolle Begriffe mit der richtigen Handlung verknüpfen, aber dennoch haben wir nie die Herzen des anderen erobert. Ich habe mir darüber noch nie in meinem bisherigen Leben Gedanken gemacht. Ich bin ein Hund, dachte ich mir immer, das ist einfach so.
Doch jetzt habe ich Menschen kennen gelernt, die mich richtig mögen. Die darf ich küssen und die schmusen mit mir. Die bemühen sich beim Spaziergang um mich, dass ich nicht immer nur nach spannenden Abenteuern suche, sondern mir zeigen, dass ein Spaziergang alleine mit dem Menschen schon spannend sein kann. Ich werde abgerubbelt wenn durch und durch nass bin und darf mich an die Menschen anlehnen. Ich darf, wenn ich bellend aus meinem Innenbereich raus renne, weil irgendwas passiert sein könnte, trotzdem wieder kommen und der Mensch sitzt da dann immer noch und kuschelt wieder mit mir. Es ist mir sogar schon passiert, dass ich vergessen habe, dass ich mal schnell noch draußen was schauen wollte, weil es so nett mit dem Menschen bei mir war. 
Ich weiß nicht, ob das wirklich etwas mit dem Tagebuch zu tun hat oder nur damit, dass ich hier - ausgerechnet  in einem Tierheim und nicht zu Hause - Menschen getroffen habe, die mich sofort voll und ganz ins Herz geschlossen haben. Einfach so! Ich musste mich nicht einmal anstrengen, ich habe ja auch gar nicht darüber nachgedacht, dass das gehen könnte...einfach so. Manche schöne Dinge passieren unerwartet aus dem Nichts heraus. 

Da wären wir auch beim nächsten Thema: unerwartete wundervolle Auszüge.

Sie wissen ja, dass wir im Hundehaus im Moment mehr Rüden als Hündinnen sind und die liebe Sarah hat versucht, die weibliche Note aufrecht zu halten. Nun, was soll ich sagen...jetzt sind wir ganz ohne Weiblichkeit im Hundehaus!
Ja, unsere Sarah ist ausgezogen. Das kam wirklich vollkommen unerwartet und ich freue mich sehr für sie. Ich weiß, dass sie jetzt eine Familie gefunden hat, die ihr ein ganz tolles Hundeleben bieten wird. Viel Spaß Kleine!

Und auch im Katzenhaus gab es einen Auszug, der mich ziemlich aus dem Konzept gebracht hat. Mulan, Sie wissen schon, die tolle Katze, die ich überzeugen wollte mir beim Tagebuch zu helfen, ja Mulan ist ausgezogen! Ich konnte es gar nicht fassen, als sie in ihrem Tragekorb an mir vorbei ist....
Nicht so schlimm dachte ich bei mir, dann fragen wir halt Jacky, der kann auch gut über das Katzenhaus berichten. Ha! Dann zieht Jacky auch mal einfach so aus!
Damit bin ich bei meinen Kontakten im Katzenhaus im Moment erst einmal am Anfang. Aber ich denke, ich werde sehr schnell Kontakt zu Creamy aufnehmen und ihn bitten, eine guten Blick ins Katzenhaus zu werfen, damit wir Sie hier auch auf den neuesten Stand bringen.
Aber nicht nur Mulan und Jacky sind ausgezogen.
Nein auch Soheila, Maja, Bailey und Hera haben tolle neue Familien für sich gefunden.
Einen besonderen Auszug habe ich mir jetzt noch für das Ende aufgehoben. 
Ich bin gefragt worden, was wir denn mit wilden Katzen wie Jaqueline, die wirklich keine Menschen direkt um sich haben wollen, machen. Nun, wir suchen gute Familien für sie, die sich um diese Katzen oder Kater kümmern, ihnen aber den Freiraum lassen, den diese Tiere sich wünschen. So einen tollen Platz haben wir für unsere Jaqueline gefunden. Unsere Menschen sind sehr froh, denn alle wissen, dass es ihr gut geht, dass sich jemand kümmert, aber dennoch muss sie sich nicht krampfhaft ändern, sondern darf genau so bleiben, wie sie ist. 
Das zeichnet unsere Menschen aus - das habe ich jetzt gelernt. Wir werden nicht verbogen bis wir für irgendeinen Menschen passend sind. Nein, es kommt irgendwann der richtige Mensch nur für uns! Solange dürfen wir hier bleiben, werden nicht weniger geliebt und umsorgt als die Neuzugänge. Müssen uns keine Sorgen machen, dass wir abgeschoben werden oder in den letzten Zwinger geschoben werden.
Nein, unsere Menschen bemühen sich immer um uns. Ich bin jetzt seit Januar 2017 hier und hatte noch nie Menschen, die öfter zu mir gekommen sind. Ich hatte noch nie Menschen, die immer wieder mit mir Gassi gelaufen sind oder mit mir im Auslauf waren, um mich besser kennen zu lernen. Ja, ich weiß, dass das kein gutes Zeichen ist! Ich bin kein dummer Hund. Aber dennoch fühle ich mich geliebt und beachtet. Gut, ich hätte auch gerne andere Menschen als unsere Menschen, die sich um mich bemühen. Ja, auch ich wäre gerne der alleinige vierbeinige Held einer Familie und ja, ich würde auch gerne noch vor Weihnachten über meinen Auszug schreiben dürfen und Weihnachten endlich einmal im Kreise meiner Familie verbringen dürfen. Aber alles hätte auch deutlich schlimmer als jetzt kommen können. 
Deswegen will ich nicht jammern, ich will nicht zweifeln und nicht verzagen, ich will hoffen und mich des Lebens freuen. Ich will mit unseren Menschen kuscheln und mich freuen, wenn sie Zeit für mich haben.
Und eines Tages wird dann dieser Mensch hier auf dem Hof stehen, der genau nur wegen mir Pino gekommen ist und nur mit mir Pino wieder gehen will. 
Und ich weiß, dass Keks, Fynn und Charlie ebenso auf diesen einen Tag und diesen besonderen Menschen hoffen und warten und wenn Sie meinen, dass Warten entmutigend sein kann, dann irren Sie. 
Wir 4 haben viel hinter uns und wir 4 haben kein Problem damit, ein wenig länger darauf zu warten, dass wir aufwachen und unsere Menschen uns anschauen und mit einem lachenden und einem weinenden Auge erklären, dass wir sie verlassen werden. 

So und damit wünsche ich Ihnen allen eine schöne Woche und vergessen Sie uns nicht.
Ihr
Pino

http://www.tierheim-hoechstaedt.de
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
1
8
Diesen Mitgliedern gefällt das:
1 Kommentar
64.290
Ingeborg Behne aus Barsinghausen | 14.11.2017 | 11:51  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.