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Europa auf dem Prüfstand

(v.l., stehend) Initiator Gottfried Morath, Afghane Rohullah Shafi, Jüdin Hannah Volkmann, Mousa Osman aus dem Sudan, die Französin Solène Bregeon und Panther-Manager Duanne Moeser freuen sich mit (vordere Reihe) dem jüdischen Studenten Alex David, der Rechtsreferendarin Sarah Wagner und Moderatorin Parboni Rahman über eine respektvolle und sehr gelungene Diskussion.
 
Thema Europa: Jugendliche unterschiedlicher Herkunft tauschen sich aus.
 
Das Feedback zum Gespräch war außerordentlich positiv.
Augsburg: Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Hochzoll | Jugendliche unterschiedlicher Herkunft und mit verschiedenen Kulturen und Religionen diskutieren respektvoll miteinander

Europa ist in der Krise. Themen wie der Euro, Brexit und Rechtsruck sind an der Tagesordnung. Doch wie sieht die Jugend ihre Zukunft in Europa? Darüber diskutierten sieben Jugendliche zwischen 17 und 27 Jahren mit Bezug zu Europa, Asien und Afrika beim zweiten Jugendgespräch in den Räumen des katholischen Kinderheims in Hochzoll.

Vorbildlich moderiert wurde die Gesprächsrunde von der 26-jährigen muslimischen Lehrerin Parboni Rahman, die hier geboren ist und deren Eltern aus Bangladesh kommen. Am Gespräch nahmen teil:
- Sarah Wagner, eine Rechtsreferendarin, die die Jusos mit ihrem Spezialthema Europa vertritt,
- Rohullah Shafi, ein beruflich erfolgreicher Flüchtling aus Afghanistan, der nach der Flucht in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe wohnte,
- Mousa Osman, ein mutiger junger Flüchtling aus dem Sudan,
- die Französin Solène Bregeon, die ihren Master-Abschluss in Augsburg gemacht hat und jetzt als Angestellte arbeitet,
- Hannah Volkmann, eine mutige junge Jüdin mit Abitur aus München,
- Alex David aus Augsburg, jüdischer Student mit serbischer Herkunft.

Die Themen zu Europa waren sehr bunt: von der eigenen Identität, über die Solidarität der Länder in Europa bis zur Flüchtlings- und Entwicklungspolitik und dem Antisemitismus reichte die Bandbreite. Auf die Frage „Was versteht ihr unter Europa?“ sagt die Solène, sie sei europäische Französin. Sie lebe hier ohne Aufenthaltserlaubnis und habe hier ihren Master gemacht. Rohulla ist aus Afghanistan geflüchtet und hat inzwischen eine leitende Position in einem Möbelhaus erlangt. Er fühle sich als schwarzer Europäer, zu 60 Prozent als Deutscher und zu 40 Prozent als Afghane. Alex musste als Kind aus Serbien flüchten, er lebt heute sehr gern in Augsburg. Es finde es positiv, dass innerhalb der EU alles offen ist.

Ein heiß diskutiertes Thema war die Solidarität in Verbindung mit der Flüchtlingspolitik. „In Frankreich ist die Integration gescheitert und die Integrationspolitik ist auch in Deutschland schwierig“, sagt Solène. Auch in den restlichen Ländern in Europa werde dieses Thema unterschiedlich behandelt.

Mousa Osman ist aus dem Sudan geflüchtet. Er sagt: „Wir haben keine Freiheit in Europa!“ Diskutiert wurde das Thema des Zurückschickens von Flüchtlingen in die Heimat. Denn wenn jemand kommt, will er hier leben. Sarah Wagner, Vertreterin der Jusos, fühlt sich zunächst als Deutsche, dann als Europäerin, sie bemängelt die zu geringe Solidarität. Der Brexit sei ein heilsamer Schock für die Europäer, führe zu mehr Zusammenhalt. Sie hält einen Schüleraustausch für sehr wichtig, damit Freundschaften entstehen können. Der Krieg in der Ukraine habe sie sehr geschockt und geängstigt. „Die Deutschen sind da etwas scheinheilig“, sagt sie. Inwiefern hat die EU dann noch eine Berechtigung? Hat das Wertesystem überhaupt noch Bestand? Die liberale Jüdin Hannah Volkmann weiß, dass das Werte sind, die jeder EU-Bürger verinnerlicht hat. Eine passende Antwort gäbe es darauf nicht. Minderheiten sollten generell geschützt werden. Bei jüdischen Gottesdiensten würden die Synagogen von der Polizei überwacht. Das sei Normalzustand. Das bedauere sie. Antisemitismus gebe es in ganz Europa, sie habe selbst keine Vorurteile erlebt, die Vorstellung von einem Krieg sei ihr ganz fremd.

„Wir müssen zusammenhalten“

Sarah meinte, dass seit dem Brexit die EU wieder auf einem besseren Weg sei. Letztendlich waren sich alle einig: Wir müssen zusammenhalten, egal ob Moslem, Christ oder Jude. Es zahle sich letztendlich aus.

Das Interesse war groß. Rund 30 interessierte Jugendliche und Erwachsene kamen in die Räume der Karwendelstraße 7 und diskutierten fleißig mit. Auch danach gab es nur positive Rückmeldungen von den Teilnehmern an der Diskussionsrunde, aber auch von den Zuhörern.

„Die Grundlage für die Lösung von Problemen ist ein respektvolles Gespräch mit gutem Willen, sei es beim G-20-Gipfel, in der Stadt oder in der Familie. Für Jugendliche gibt es bisher nur wenige Gespräche dieser Art, schon gar nicht in dieser bunten Zusammensetzung. Jeder soll erkennen, dass ein respektvolles und friedliches Gespräch möglich ist. Und das ist den Jugendlichen heute Abend hervorragend gelungen“, sagt Gottfried Morath, der den Abend in den Räumen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Hochzoll initiiert hat. Damit würde ein wichtiges öffentliches positives Zeichen gesetzt. Dieses Jugendgespräch passe damit sehr gut zum Zweck des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der überparteilich und bundesweit ist. Denn Zweck des Vereins ist es, mit verschiedenen Veranstaltungen an die schrecklichen Auswirkungen von Diktaturen zu erinnern und damit die demokratisch gesinnten Kräfte zu stärken. Er verwies dazu auf die Internetseite der Regionalarbeitsgemeinschaft Augsburg/Schwaben des Vereins. Über dieses Jugendgespräch werde in der Vereinszeitschrift bundesweit berichtet.

Morath ist auch Vorstand des Vereins „7 x 7 – gemeinsam stark für Kinder e.V.“ Schon seit langem bestehe die Patenschaft mit dem Kinderheim in Hochzoll. Deshalb freue er sich ganz besonders, dass sein Freund und Gründer des Vereins Duanne Moeser als Gast dieses Abends über seine Integration in Augsburg und über seine Sicht als gebürtiger Kanadier auf Europa spreche. Zu seinen erfolgreichen Zeiten als Eishockeyprofi habe er den gemeinnützigen Verein „7 x 7 gemeinsam stark für Kinder“ gegründet und in den letzten 13 Jahren mehr als 210.000 Euro an Spenden gesammelt, hauptsächlich für die Kinder und Jugendlichen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Hochzoll. Als Moeser im Alter von 24 Jahren nach Sonthofen ins Allgäu kam, wurde er ins kalte Wasser geschmissen und musste sich dort ohne Familie und Freunde integrieren. 1989 kam er dann nach Augsburg und lernte bald seine Frau kennen. Das wichtigste für ihn war die deutsche Sprache, um kommunizieren zu können. Er sei stolz auf seine Herkunft, aber das „ist für mich nur ein Titel“.

Das nächste Gespräch: am 23. Oktober 2017

Der nächste Termin steht bereits fest: Am 23. Oktober um 19.30 Uhr wird in den Räumen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe zum Thema „Deutschland aus der Sicht der Jugend“ diskutiert werden.
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