Das Herz im Wald - Heilung für die Seele

Schwarzwald: Maigewächse
 
Schwarzwald: Moos im Licht
Günzburg: Donauwald | Der Wald, das Wesen

Den Wald entdeckte ich erst in den Jahren meines Lebens, in denen es mir nicht so gut ging. Unfähig zu „sinnvollen“ Tätigkeiten irrte ich ziellos über die Feldwege und suchte die Einsamkeit. Dabei führte mich die Unruhe, ganz nebenbei, in den Wald, immer weiter und tiefer. Der Effekt dieser Wanderungen übte eine solch lindernde Wirkung auf meine gestresste Verfassung aus, dass ich anfing, mich nach dem tiefen Grün zu sehnen.
Ich kann mich des Eindrucks nicht verwehren, dass „Er“ mich mit leiser Stimme zu sich gerufen hatte. Wollte Er meine Bekanntschaft machen, suchte Er die Nähe des Menschen oder bot Er mir seine Heilkraft an- ich weiß es nicht.
Während den ersten Erkundungstouren in seiner schattigen Dichte erkannte ich aufgrund abgestumpfter Wahrnehmung nichts, absolut nichts. Ich spürte nur und was ich spürte, fühlte sich gut an. Alle meine Sinne beruhigten sich, frische Luft ersetzte schalen Dampf und Sein grünes Kleid glättete über das Tor meiner Augen die inneren Wogen, die tosend gegen den felsigen Rand meines Lebens brandeten.
Deswegen kam ich zurück, immer wieder. Erfrischt und ausgeglichen entließ Er mich und ich konnte nicht beschreiben, woran es lag. „Meine Neutralisierungszone“, nannte ich Ihn. Wir lernten uns kennen und schätzen. Zusammen mit meinem kleinen Hund, der mich auf allen Streifzügen begleitete, entdeckten wir seine Pflanzen, Gewässer und Wesen. Er schätzte meine Dankbarkeit und Besuche. Vielleicht tat es Ihm gut, daß ich hin und wieder den liegengebliebenen Müll mit nach Hause nahm. Heute sind wir Freunde für s Leben geworden.
Frühmorgens, wenn ich in seine Nähe komme, strecken sich unsichtbare Arme nach mir aus und führen mich kichernd ins grüne Dunkel. Spinnweben streichen über mein Gesicht, Tautropfen spritzen bei jedem Schritt. Tiefer führen sie mich, immer tiefer, in eine Welt, in der andere Gesetze gelten. Immer lauter wird es, der Lärm um mich herum, ein ohrenbetäubendes Plätschern von Stimmen und dem Lied des Windes in den Bäumen. Der Wald verschlingt mich, nimmt mir meine Gedanken und dringt mit seiner Friedfertigkeit durch die äußere Hülle, erforscht mein Inneres. Tiefe Atemzüge begleiten meine Schritte und endlich öffnen sich meine Augen und erkennen seine Schätze, die Stille flüstert Geheimnisse in meine Ohren und die Nase schnüffelt bei jedem Schritt am Reichtum des Walds.
Der Hund springt voller Wonne ins kühle Wasser und dreht, nach Luftblasen schnappend, seine Runde, ich blicke in die Baumwipfel, die sich in den wolkenzerfetzten Morgenhimmel strecken und möchte mit ihnen im Wind flattern. Baumeister Biber war im Winter fleißig gewesen und hatte das nahe Ufer buchstäblich auf den Kopf gestellt. Gespenstisch ruhig liegen die mächtigen Kronen der Buchen und Birken kreuz und quer im nassen Grab, ihre spitzen Stümpfe ragen kahl über meinen Pfad. Ein heftiger Windstoß fährt mit Stakkato durch die Pappel, sie zittert und schüttelt ihre harten Blättern, neugierig betrachte ich ihren Tanz. Die Hündin gallopiert mit tapsigen Pfoten auf dem nackten Waldpfad im Zickzack vor mir Immer wieder bleibt sie stehen und schnüffelt unsichtbaren Spuren hinterher.
Schattengräser bieten Rast für Flugkäfer und Gerüst den Spinnen, die mit ihren Netzen die Tautropfen einfangen. Im Dickicht summt und brummt es, bunte Schmetterlinge flattern über meinen Weg, dicke Hummeln saugen an schweren, süßen Holunderblüten, deren Duft mich betört und entzückt. Braune Falter huschen über den Waldboden, Eintagsfliegen schweben sinnlos durch die klare Luft. Ein lautes Brummen bremst meine Schritte, neugierig halte ich Ausschau und entdecke eine fette Fleischfliege, die im Unterbusch torkelt.
Ein naher Schreihals brüllt tönernes „Kuckuck“ durch den Wald, übertönt fast das Gurren einer einzelnen Taube, das durch die Bäume tröpfelt. Schimmernde, türkis blaue Libellen tanzen mit der Luft. Weiden tropfen aus uns, wir laufen schneller. Wieder schnüffelt der Hund im dichten Gras am Wegrand und schnaubt dabei aufgeregt. Hinterher muß sie so laut und kräftig niesen, dass es das Tier dabei fast von den Beinen hebt. Schnecken kreuzen meinen Weg, zögernd steige ich über sie hinweg. Ein neuer Windstoß fährt launisch in die Bäume und zersaust raschelnd den Blätterschopf.
Wir erreichen die trockene Brenne, die brütende Sonne küsst uns heiß. Würzig duftender Thymian duckt sich am Wegrand, Grillen zirpen im braunen Gras ihr hohes Lied. Das unablässige Zwitschern der gefiederten Freunde begleitet uns. Harzige Kiefern thronen über Eschen und Eichen, die Wiese leuchtet voller Blumen, die mich auf die Knie zwingen, um ihre einzigartige Schönheit genau zu betrachten. Ich staune und lasse mich weiter führen. Mein Freund, der Wald, winkt uns wieder in die grüne Tiefe, verschluckt uns, wir verschwinden im tiefen Dickicht und lassen uns nicht mehr finden. Nur er weiß wo wir sind und behütet uns mit seinen großen grünen Armen.
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4 Kommentare
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Werner Szramka aus Lehrte | 28.05.2015 | 10:37  
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Karola Wood aus Günzburg | 28.05.2015 | 16:22  
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Ursula/Uschi Schweiss aus Frankfurt am Main | 28.05.2015 | 18:50  
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Ursula Hess aus Günzburg | 02.06.2015 | 13:26  
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